Stefanie Zweig : Das Haus in der Rothschildallee

Das Haus in der Rothschildallee

Stefanie Zweig

Das Haus in der Rothschildallee

Das Haus in der Rothschildallee Originalausgabe: LangenMüller in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2007 ISBN: 978-3-7844-3103-1, 276 Seiten, 19.90 € (D) Heyne Taschenbuch, München 2008 ISBN: 978-3-453-40617-9, 276 Seiten, 8.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Frankfurter Tuchhändler Johann Isidor Sternberg begrüßt es, dass sich sein älterer Sohn beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs freiwillig meldet. Im Oktober 1914 fällt Otto. Nicht einmal dieser Verlust bringt Johann Sternberg davon ab, sich als deutscher Patriot zu fühlen. Er ist überzeugt, dass er und die meisten anderen Juden in die deutsche Gesellschaft integriert sind. Ende 1917 muss Sternberg jedoch einsehen, dass er sich getäuscht hat: Der Antisemitismus ist im Deutschen Reich nach wie vor weit verbreitet.
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Kritik

Stefanie Zweig lässt sich viel Zeit, die unspektakuläre Familiengeschich-te mit feinem Humor in einer ebenso eleganten wie unaufdringlichen Sprache zu erzählen. Der Roman "Das Haus in der Rothschildallee" beginnt am 27. Januar 1900, aber der Hauptteil spielt 1914 bis 1917.
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Am 27. Januar 1900 feiert Kaiser Wilhelm II. seinen einundvierzigsten Geburtstag. Der eineinhalb Jahre jüngere Frankfurter Tuchhändler Johann Isidor Sternberg beflaggt deshalb seine Fenster in der Rothschildallee. Der am 12. Juli 1895 geborene Sohn des Patrioten trägt zu Ehren Bismarcks den Rufnamen Otto.

In vielerlei Beziehung war er seiner Zeit voraus. Er war tolerant, wissbegierig, gerecht im Urteil, überlegt in der Tat und allzeit gemessen im Ton – selbst, wenn er mit Untergebenen und Kindern sprach. Sogar in Gegenwart von Gästen genierte er sich nicht zu zeigen, dass ihm Frau und Sohn mehr bedeuteten als Ruhm und Ehre. (Seite 11)

Vor vier Wochen zog Johann Sternberg mit dem inzwischen vier Jahre alten Kind und seiner erneut schwangeren Ehefrau Betsy vom Sandweg in die Rothschildallee. Dort hatte sich der erfolgreiche Geschäftsmann ein vierstöckiges Mietshaus bauen lassen. Die Familie richtete sich in der Beletage ein. Statt einer Zinkwanne im Schlafzimmer gibt es in der neuen Wohnung der Sternbergs ein Bad.

Die Trennung von Badezimmer und Toilette war selbst im Westend nicht allgemeiner Brauch. (Seite 19)

Betsy heißt eigentlich Bertha Luise. Bei der Achtundzwanzigjährigen handelt es sich um die älteste Tochter des früh verwitweten Preziosenhändlers und Juweliers Siegfried Strauß aus Pforzheim. Nach der Höheren Töchterschule hatte Betsy ein Jahr lang ein Internat in Montreux besucht. Aus der Wohnung am Sandweg nahm sie die Magd Maria mit in die Rothschildallee, und die Waschfrau kommt weiterhin an jedem vierten Montag. Neu ist die aus einem Dorf in der Wetterau stammende Köchin Josepha Krause.

Im April 1900 wird Betsy von den Zwillingen Clara und Erwin entbunden.

Acht Jahre später, im Juni 1908, bekommt sie ihr viertes Kind, eine Tochter, die nach der 1901 verstorbenen englischen Königin Victoria benannt wird. Betsy ahnt nicht, dass ihr Mann drei Wochen vorher auch noch Vater des außerehelichen Kindes Anna Haferkorn wurde. Friederike („Fritzi“) Emilie Haferkorn war Verkäuferin in seiner Posamenterie gewesen, als er sie kennengelernt hatte. Nach der Geburt des Kindes überredete er sie, seinen Namen nicht preiszugeben und versprach im Gegenzug, für Fritzi und Anna finanziell zu sorgen. Die sechsundzwanzigjährige Mutter zieht in einen Stadtteil, in dem man sie nicht kennt und lässt die Nachbarn glauben, der Vater ihrer kleinen Tochter sei bei der Marine gewesen und bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen.

Otto Wilhelm Samuel Sternberg feiert 1909 seine Bar-Mizwa. Befreundet ist er mit Theodorich („Theo“) Rudolf Berghammer, dem ein Jahr älteren Sohn eines Gymnasiallehrers, der im Juni 1906 mit seiner Frau und seinen drei Kindern im 3. Stock des Mietshauses von Johann Isidor Sternberg in der Rothschildallee eingezogen war. Frau Berghammer kam im Alter von zweiunddreißig Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Witwer stellte ein Dienstmädchen ein – Minchen Bockmann –, und nach Ablauf des Trauerjahres heiratete er es. Als Theo Berghammer die Schule vor der mittleren Reife abbricht und bei einem Frankfurter Porträtfotografen ein Volontariat beginnt, fordert Sternberg seinen ältesten Sohn auf, den Kontakt mit dem im selben Haus wohnenden Freund auf ein Minimum zu reduzieren.

„Ein Junge aus gutem Haus hat das Abitur zu machen, zu studieren und zu promovieren. Selbst wenn sein Herr Vater sein Dienstmädchen geheiratet hat und wahrscheinlich die Sozis wählt“, pflegte Johann Isidor auf Ottos unziemlichen Einwand zu reagieren, der Kaiser hätte auch nicht promoviert. (Seite 61)

Im Frühsommer 1914 reist die Familie Sternberg zur Kur nach Baden-Baden. Auch Johanns verwitwete Großtante Jettchen Bär, die seit dem Tod ihrer Schwester Luise Dreifuß im März die Doyenne der Familie ist, kommt mit. Zu ihren beiden Töchtern, die sich vor der Eheschließung katholisch taufen ließen, hat sie keinen Kontakt mehr. Deshalb ist der Erbanspruch der Töchter auf den Pflichtteil begrenzt. Den größten Teil ihres beträchtlichen Vermögens hat Jettchen ihrer Großnichte Victoria Sternberg zugedacht.

Am 28. Juni 1914 tritt der Hotelier in Baden-Baden plötzlich vor seine Gäste und teilt ihnen mit, dass Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie Gräfin Chotek, Herzogin von Hohenberg, vor zwei Tagen in Sarajewo erschossen wurden [Attentat in Sarajewo].

„Warum ist das denn alles so wichtig?“, wunderte sich Betsy, „ich hab überhaupt noch nie von diesem Franz Ferdinand gehört?“
„Doch“, wusste Jettchen, „das hast du bestimmt. Der ist mit irgendeiner Schlampe eine Mesalliance eingegangen. Genau wie der Sohn von Kaiser Franz Joseph, der sich umgebracht hat. Diese Österreicher haben ja kein Gefühl für Stil, wenn du mich fragst.“
„Aber ich versteh die ganze Aufregung nicht. Was geht uns das denn alles an?“ (Seite 95)

Johann Isidor Sternberg beschließt, am nächsten Morgen abzureisen.

„Es muss nicht, aber es kann Krieg geben, und ein Kriegsausbruch ist nicht die passende Gelegenheit für einen Mann, der sich um sein Vaterland sorgt, um in Baden-Baden in einer Badewanne zu liegen.“ (Seite 95)

Am 1. August, als der Erste Weltkrieg beginnt, ruft Kaiser Wilhelm II. vom Balkon des Berliner Stadtschlosses: „Ich kenne keine Parteien mehr, kenne nur noch Deutsche!“

Als des Kaisers Balkonrede in Frankfurt publik wurde, hatte Johann Isidor Sternberg Tränen in den Augen. „Das ist der Tag“, sagte er, „auf den wir immer gewartet haben. Endlich ruft das Vaterland seine jüdischen Söhne. Nur noch Deutsche, hat er gesagt. Deutsche Brüder.“ (Seite 125)

Otto wird von der Unter- in die Oberprima versetzt und macht das Notabitur. Um seiner Mutter den Kummer zu ersparen, verschweigt er ihr, dass er sich als Kriegsfreiwilliger meldete und seinen Gestellungsbefehl bekam. Heimlich verlässt er am 19. August das Haus in der Rothschildallee. Sein in das Geheimnis eingeweihter Vater verabschiedet sich am Bahnhof von ihm.

Betsys Dienstmädchen Hanna erhält einen Brief von ihren Eltern aus dem Odenwald, die ihrer Tochter mitteilen, der Sohn des Müllers Merkental habe um ihre Hand angehalten und wolle sie heiraten, bevor er in den Krieg muss. Hanna fährt nach Hause und kündigt von dort nach der Hochzeit ihre Stelle in Frankfurt. Ihr Mann sei bereits an der Front, schreibt sie.

Johann Isidor Sternberg ist mit seinen vierundfünfzig Jahren zu alt, um zum Kriegsdienst einberufen zu werden. Vergeblich bemüht sich der jüdische Tuchhändler darum, dem Vaterland zu dienen und zum Beispiel gebrauchte Textilien für Kriegszwecke zu beschaffen. Weder bei der Militärdienststelle in Bad Homburg noch in anderen Behörden hat man Verwendung für ihn.

Ohnehin sind sich alle einig, dass der Krieg spätestens bis Weihnachten gewonnen sein wird [Reaktionen auf den Kriegsbeginn].

Als Betsy ihrem Mann mitteilt, dass sie erneut schwanger ist, redet er sie versehentlich als „Fritzi“ an. Da ahnt sie, dass er eine Geliebte hat.

Im alles entscheidenden Augenblick kam Betsy jedoch die trotzige Klugheit zu Hilfe, die es seit Anbeginn der Menschheit den Frauen möglich macht, mit dem Wissen zu leben, dass Männer fehlbar sind und ihre Fleischeslust größer ist als ihr moralisches Empfinden. (Seite 157)

Am 9. November trifft die Nachricht ein, dass der Kanonier Otto Sternberg am 11. Oktober bei Ypern gefallen sei. Johann Isidor, der den Tod seines Sohnes als göttliche Strafe für seinen Ehebruch empfindet, besinnt sich auf die jüdische Religion und lässt deshalb in diesem Jahr keinen Weihnachtsbaum aufstellen.

Die Posaunenengel vom Weihnachtsbaum wurden verschämt auf den Speicher gebracht, die Kinder nicht mehr zum Singen von Weihnachtsliedern ermutigt. Aus der Verbannung erlöst wurde der achtarmige Silberleuchter, den Johann Isidor zu seiner Bar-Mizwa bekommen hatte. Fortan wurde der Leuchter wieder zu Chanukka mit Kerzen bestückt. (Seite 197)

Zur Feier des Neujahrstages 1915 bereitet Johanna einen falschen Leberkäse zu.

Der nahm sich, obgleich mit einem Sträußchen Petersilie und einem kleinen Schornsteinfeger aus Pappe garniert, auf der Fleischplatte des Rosenthalservices wie eine Stallmagd in Seidenschuhen aus. Der Frankfurter „General-Anzeiger“, der sich in satter Zeit nur im Ausnahmefall mit Küchenthemen abgab, hatte in seiner Ausgabe zum zweiten Advent das Rezept für den Leberkäse-Ersatz veröffentlicht. Benötigt wurden hundert Gramm Leberwurst, zwei Bündel durch den Fleischwolf gedrehtes Wurzelwerk, eine Tasse gut gequollener Grieß, zwei Esslöffel Margarine, Pfefferersatz und „Zwiebel, Majoran und Bohnenkraut entsprechend den Vorräten“. Dazu gab es Sauerkraut und Klöße aus schwarzem Brot. (Seite 210)

Während Betsy mit Hilfe der Hebamme Grete Neger ihr fünftes Kind bekommt, ist ihr Mann nicht zu Hause, sondern bei Fritzi Haferkorn, um die Überschreibung eines Grundstücks an sie zu regeln.

Ohne etwas von Johanns unehelicher Tochter zu wissen, schlägt Betsy vor, das Neugeborene Anna zu nennen. Als ihr Mann daraufhin erbleicht, ahnt sie den Grund und meint boshaft, „Fritzi“ sei ein guter Name.

„Nennen wir sie doch einfach Fritzi“, sagt sie, „ist so schön kurz und praktisch, der Name, er klingt irgendwie lustig.“ (Seite 224)

Am Ende bekommt das Kind den Namen Alice, wird jedoch „Lilli“ gerufen.

Der gutmütige Malermeister Anton Wallerstadt macht Fritzi Haferkorn wiederholt Heiratsanträge, ohne nach Annas Vater zu fragen, aber seine Geliebte hält ihn hin, weil sie befürchtet, dass Sternberg seine großzügigen Unterhaltszahlungen im Fall ihrer Eheschließung einstellen würde. Als er ihr jedoch von sich aus vorschlägt, mit einer Abfindung einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen, erklärt sie sich damit einverstanden und nimmt drei Stunden später Wallerstadts Antrag an.

Während Betsy ihre Tochter Clara im Näh- und Strickkurs vermutet, trifft diese sich mit Theo Berghammer. Der Fotograf war zu Beginn des Krieges Bildberichterstatter gewesen und an der Westfront schwer verwundet worden. Sein rechter Arm ist gelähmt, und der linke Fuß musste amputiert werden.

Betsy weiß auch nicht, dass Clara zweimal pro Woche heimlich im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt als Hilfspflegerin tätig ist. Zufällig wird sie dort von ihrem Vater ertappt, der das Hospital in seiner Funktion als führendes Mitglied im Komitee zur Unterstützung jüdischer Kriegswitwen und Waisen besichtigt. Clara darf weitermachen, solange ihre schulischen Leistungen nicht darunter leiden. Doch als sie den Wunsch äußert, nach dem Abitur Medizin zu studieren, droht Johann Sternberg, sie von der Schule zu nehmen.

„Einen Blaustrumpf, der noch dazu nach Karbol riecht und jeden Mann in die Flucht schlägt, wird es in dieser Familie nicht geben. Im Übrigen wird es dein Bruder sein, der seinen Doktor macht.“ (Seite 236)

Am 11. Oktober 1916 ordnet der preußische Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn an, statistische Daten über den Anteil der Juden an den deutschen Streitkräften zu erheben. Johann Isidor Sternberg weiß, dass der Minister damit auf die Vorwürfe reagiert, Juden seien Drückeberger. Das Ergebnis der „Judenzählung“ wird geheimgehalten. Sowohl den Erlass als auch die Geheimhaltung fasst der jüdische Tuchhändler als Diskriminierung der jüdischen Minderheit auf, und er begreift, dass seine Vorstellung, die Juden seien in die deutsche Gesellschaft integriert, eine Illusion war.

Johann Isidor hatte besessen den uralten Traum der Juden in Deutschland geträumt, sie würden eines Tages von ihren nichtjüdischen Mitbürgern als Gleiche unter Gleichen akzeptiert werden. Des Kaisers Wort zu Kriegsbeginn „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ hatte diesen Besessenen in einen Rausch versetzt. Nach einem solchen Satz, wie ihn Kaiser Wilhel II. vom Balkon seines Berliner Stadtschlosses gerufen hatte, hatte das Herz der deutschen Juden seit den Anfängen der Aufklärung gehungert.
Ab August 1914 hing die Balkonrede, vom Sekretär in der Sternberg’schen Posamenterie in Blockbuchstaben auf cremefarbenes Büttenpapier abgeschrieben, in einem silbernen Rahmen an der Wand des Herrenzimmers. Der Patriot Sternberg, der am Sedanstag und zu Kaisers Geburtstag sein Haus mit der deutschen Nationalfahne beflaggte und der in der Synagoge für das Wohl und das Kriegsglück seines Landesvaters betete, hatte bis zu dem Tag, da ihm das Gegenteil bewiesen wurde, keine Stunde gezweifelt, dass die Deutschen ihn ebenso liebten wie er sie.
[…] Obwohl er sich zunächst gewehrt hatte, die aktuellen Beweise der judenfeindlichen Stimmung zur Kenntnis zu nehmen, hatte er nach und nach doch feststellen müssen, dass der Antisemitismus in Deutschland im gleichen Maße wuchs wie die allgemeine Not. Von Tag zu Tag wurde deutlicher, dass sich die hungernden Menschen nach altem Brauch einen Sündenbock für ihre Misere suchten und dass sie sich auf die Juden geeinigt hatten. (Seite 256f)

Sternberg beteiligt sich an der Protestversammlung der Frankfurter Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegen die Judenstatistik. Dabei trifft er überraschend seinen Sohn Erwin und erfährt, dass dieser seit zwei Jahren Mitglied in der Jugendgruppe der jüdischen Gemeinde in Frankfurt ist.

Obwohl die Familie Sternberg wohlhabend ist und keine Not leidet, kommt es im Kohlrübenwinter 1916/17 auch in der Rothschildallee zu Versorgungsschwierigkeiten.

Die polnischen Wanderarbeiter standen nicht mehr zur Verfügung, junge Mädchen und schwangere Frauen verrichteten Männerarbeit. Die Versorgung mit Milch, Butter und Eiern brach zusammen. Fleisch verschwand direkt auf dem Schwarzmarkt und mit der Wurst die Moral; obgleich das Verfüttern von Zuckerrüben an das Vieh verboten wurde, klappte auch die Versorgung mit Zucker nicht mehr. „Ersatz“ wurde das meistgebrauchte Wort in deutschen Küchen. Es gab Honigersatz, Ersatzkaffee, Butterersatz, Kakao-, Käse- und Fischersatz. (Seite 250)

Um Lebensmittel für die Küche der der Sternbergs einzutauschen, besucht Josepha Krause ihre Verwandten auf dem Land.

Josepha war es nach den üblichen diffizilen Verhandlungen mit ihrer sauertöpfischen und allerorten als neidisch verrufenen Schwägerin Paula gelungen, einen Satz Bowlengläser gegen einen Sack Kartoffeln und eine Herrenjacke aus echtem schottischen Tweed gegen Mehl, Zucker und drei Dosen selbst eingemachter Leberwurst einzutauschen […]
Eine väterliche Cousine hatte zu Claras dreizehntem Geburtstag die Bowlengläser mit der Bemerkung „Für deine Aussteuer, mein Kind“ angeschleppt. Sämtliche Sternbergs hatten sich Mühe geben müssen, die Contenance zu wahren […] Die Gläser – aus hässlichem dicken grünen Glas und mit gedrechselten Henkeln, an die man nur schwer mit dem Küchenhandtuch herankam – würden nie benutzt werden […]
Während Josepha nun in Bad Nauheim Kaffee trank, dem ihrer Meinung nach zu viel Zichorie zugesetzt war […], wies die Schwägerin ausdauernd auf die herrschende Kartoffelfäule hin. Ein paarmal betonte sie, sie könnte es um der Familie willen gar nicht verantworten, sich überhaupt noch von den Kartoffeln zu trennen […]
„Wenn ich bei dir keine Kartoffeln kriegen kann, muss ich es halt bei den Rindermanns versuchen“, pokerte die schlaue Josepha. „Dann“, machte sie klar, wobei sie energisch mit ihrer Rechten auf das linke Bein schlug, „muss ich allerdings auch die schönen Gläser und die gute Jacke wieder mitnehmen. Was soll ich denn sonst machen?“ Die schlaue Füchsin verschwieg selbstverständlich, dass Herr Sternberg, der ja wusste, was sich gehörte, die Jacke nicht mehr trug, weil sich eben kein guter Deutscher im dritten Kriegsjahr noch in der Wolle von feindlichen schottischen Schafen zeigen mochte. (Seite 242ff)

Am 1. April 1917 erhält Johann Sternberg im Büro einen Brief, in dem ihm der Malermeister Anton Wallerstadt berichtet, dass seine Ehefrau Fritzi verstarb. Wallerstadt rechnet mit seiner baldigen Einberufung zum Kriegsdienst und beabsichtigt deshalb, seine achtjährige Stieftochter Anna in ein Waisenhaus zu bringen. Das lässt Sternberg nicht zu. Da es in der Rothschildallee noch kein Telefon gibt, kann er seine Frau nicht vorwarnen, bevor er das Mädchen holt und mit nach Hause nimmt.

Betsy stand im Hof, in ihrem Einkaufsnetz vier Briketts. Sie sah ihren Mann mit einem Koffer in der rechten Hand und einem kleinen Mädchen an der linken, und sie witterte in Sekundenschnelle die Wahrheit […] Als die kleine Anna einen Schritt tat, sah Betsy, dass sie unter ihrem Mantel das gleiche Kleid trug, das ihr Mann kurz vor Kriegsausbruch Victoria aus Paris mitgebracht hatte.
„Ach“, sagte Betsy. Sie sagte nur dieses eine Wort. Noch fehlten ihr die, die sie sagen wollte.
„Ich hab es heute erst erfahren“, erklärte Johann Isidor, „wir konnten uns nicht anmelden.“ Er ließ Annas Hand abrupt los. Das Kind stolperte, er musste es auffangen. „Das ist Anna.“
„Und ich wette“, sagte Betsy, „ich weiß, wie ihre Mutter heißt.“
„Hieß“, verbesserte Johann Isidor leise. (Seite 275)

Da nimmt Betsy das Mädchen an die Hand.

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Der Frankfurter Tuchhändler Johann Isidor Sternberg begrüßt es, dass sich sein nach Otto von Bismarck benannter Sohn beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Kriegsfreiwilliger meldet. Am 11. Oktober 1914 fällt Otto Wilhelm Samuel Sternberg. Nicht einmal dieser Verlust bringt Johann Sternberg davon ab, sich als deutscher Patriot zu fühlen. Er ist überzeugt, dass er und die meisten anderen Juden in die deutsche Gesellschaft integriert sind, zumal Kaiser Wilhelm II. bei Kriegsbeginn vom Balkon des Stadtschlosses rief: „Ich kenne keine Parteien mehr, kenne nur noch Deutsche!“ Ende 1917 muss Sternberg jedoch einsehen, dass er sich getäuscht hat: Der Antisemitismus ist im Deutschen Reich nach wie vor weit verbreitet.

Stefanie Zweig schildert das in ihrem Roman „Das Haus in der Rothschildallee“. Sie lässt sich viel Zeit, die unspektakuläre Familiengeschichte mit feinem Humor in einer ebenso eleganten wie unaufdringlichen Sprache zu erzählen. Das Buch beginnt am 27. Januar 1900, aber der Hauptteil spielt 1914 bis 1917.

Ärgerlich sind Flüchtigkeitsfehler. So gibt es in „Das Haus in der Rothschildallee“ unterschiedliche Angaben darüber, wie alt Theodorich („Theo“) Rudolf Berghammer beim Tod seiner Mutter war:

Ohne das Bewusstsein noch einmal zu erlangen, war die Zweiunddreißigjährige im Bürgerspital gestorben […] Theo […] war damals zwölf. (Seite 58)

Was konnte Theo von Müttern wissen? Sechs Jahre alt war er gewesen, als die seine starb. (Seite 146)

Den Roman „Das Haus in der Rothschildallee“ gibt es auch als ungekürzte Lesung, gesprochen von Marina Köhler (Regie: Volker Gerth, Katharina Schubert; Musik: Marina Köhler; München 2008, 8 CDs, ISBN: 978-3-86804-511-6).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © LangenMüller

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