Alex Capus : Das kleine Haus am Sonnenhang

Das kleine Haus am Sonnenhang
Das kleine Haus am Sonnenhang Originalausgabe Carl Hanser Verlag, München 2024 ISBN 978-3-446-27941-4, 159 Seiten ISBN 978-3-446-28046-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Alex Capus erinnert sich an die Zeit, die er in seinem kleinen Haus an einem Sonnenhang im Pietmont verbrachte. Das war in den 90er-Jahren. Im Sommer hatte er Besuch, aber in den übrigen Monaten blieb er allein und arbeitete an seinem ersten Roman. Wenn ihm danach war, trank er in der Bar Da Pierluigi ein paar Gläser Wein. – Vor diesem Hintergrund hängt der Schriftsteller seinen Gedanken über das Schreiben nach.
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Kritik

Handlungsgetrieben ist "Das kleine Haus am Sonnenhang" eher nicht. Im Zentrum stehen Gedanken des Autors über das Schreiben, und es ist erstaunlich, wie elegant Alex Capus die essayistischen Passagen mit Alltagsbeschreibungen und kleinen Geschichten verbindet. Es gibt keine großen Höhen und Tiefen, aber die Lektüre ist leicht und angenehm unterhaltsam.
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Das kleine Haus am Sonnenhang

In den Neunzigerjahren verbringt Alex Capus längere Zeit in einem kleinen Haus im Pietmont, das er für wenig Geld erworben hat. Von dem Ferienhaus am Sonnenhang, in dessen Keller eine Quelle sprudelt, blickt man hinüber zum Dorf auf der Schattenseite des Tals, das von einem Bach durchzogen wird.

Die letzte Kneipe im Dorf hatte vor vielen Jahren zugesperrt, die Bäckersfamilie war weggezogen und im Pfarrhaus wohnte niemand mehr; die Gemeindeverwaltung war nur am Freitagnachmittag besetzt.

Alex Capus ist ein Schweizer Journalist und hat sich vorgenommen, einen ersten Roman zu schreiben. Im Sommer ist nicht nur eine in Bern Rechtswissenschaften studierende italienische Freundin Nadja bei ihm, sondern es kommen auch viele Freunde zu Besuch. Während sie alle im September in die Schweiz zurückkehren, bleibt Alex Capus allein in dem kleinen Haus am Sonnenhang und arbeitet an seinem Roman. Weil es noch keine Laptops gibt, tippt er auf einer Schreibmaschine. Und um mit Nadja telefonieren zu können, muss er zur Post im Dorf.

Wenn ihm danach ist, geht oder radelt Alex Capus zur drei Kilometer entfernten Kleinstadt und trinkt in der Bar Da Pierluigi ein paar Gläser Wein. Er raucht wie alle anderen auch und hat sein Zigarettenpäckchen mit dem Feuerzeug obenauf vor sich liegen. Die Abende vergehen ereignislos, und die Gäste sind immer dieselben, alles Männer, nur selten einer mit einer Frau. Am Flipperkasten steht jeden Abend Mimmo, ein Mann, der kein Wort spricht und die anderen in der Bar nur mit einer Handbewegung grüßt.

Der Kriminalfall

Eines Abends kommt der Küster nach 22 Uhr aus der Michaelskirche gestürzt. Frauen eilen aus den Häusern und umringen ihn. Eine von ihnen ruft die Polizei, aber als die beiden aus dem Streifenwagen gestiegenen Carabinieri erfahren, um was es sich handelt, verständigen sie den Maresciallo, der gerade mit seiner Frau auf dem Sofa sitzt und „Derrick“ schaut. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als zur Piazza San Michele zu fahren und die Leitung der Ermittlungen zu übernehmen.

Jemand hat den Opferstock aufgebrochen.

Ein Mann will von seinem Fenster aus einen Verdächtigen gesehen haben.

Ein Albaner war’s gewesen. Jawohl, ein Albaner, de da so auffällig langsam aus der Kirche geschlichen und in die Seitengasse dort drüben verschwunden war. Nein, er kannte den Mann nicht und hatte ihn nie zuvor gesehen, aber es war gewiss ein Albaner gewesen, wenn er es doch sagte. Wodurch sich ein Albaner optisch nachts um zehn im Schneetreiben von einem Italiener unterscheide, sei schwer zu sagen, schon klar. Trotzdem sei er sicher, dass es ein Albaner war, er werde ja wohl noch einen Albaner erkennen, wenn er einen sehe.

Der Maresciallo hört und schaut sich kurz um. Er braucht nicht lange nachzudenken, um zu ahnen, wer das Kleingeld geraubt hat.

In der Bar Da Pierluigi fordert er Mimmo auf, ihm ins Freie zu folgen. Schließlich holt Mimmo zwei Handvoll Hundert-Lire-Münzen aus seinen Hosentaschen hervor und übergibt sie dem Maresciallo, dann auch noch ein paar zerknüllte Scheine. Der Schraubenzieher steckt in einer Außentasche seiner Jeansjacke.

Weil Mimmo nicht spricht, zeigt er dem Maresciallo drei Finger. Der versteht, zieht seine private Geldbörse und gibt Mimmo drei Hundert-Lire-Münzen, damit dieser noch bleiben und weiter am Flipperkasten spielen kann.

Die Kirchengemeinde kriegt ihr Geld zurück. Eine Strafanzeige erfolgt nicht; Mimmo wäre ohnehin nicht strafmündig.

Der Siebenschläfer

Im fünften Winter, den Alex Capus im kleinen Haus am Sonnenhang verbringt und an der 21. Version seines Romans schreibt, erhält er Gesellschaft in Form eines Siebenschläfers. Der trappelt nicht nur die ganze Nacht auf dem Dachboden herum, sondern nagt auch Kabel an und sorgt für Stromausfälle.

Aber nicht wegen des lästigen Tiers, sondern wegen Nadja verlässt Alex Capus das Ferienhaus noch vor dem Ende des Winters. Als er mit ihr im Frühjahr zurückkommt, sind sie ein „amtlich und kirchlich zertifiziertes Ehepaar“. Im Sommer sind dann auch wieder viele Freunde zu Besuch, und als Alex Capus ab September erneut allein bleibt, macht sich der Siebenschläfer wieder bemerkbar.

Während Alex Capus vorübergehend fort ist, raubt jemand seinen Kachelofen. Er kann sich denken, wer das war, unternimmt jedoch nichts, und in der Bar erwähnt der den Diebstahl ebenso wenig wie die anderen Anwesenden.

Der Siebenschläfer purzelt durch den Kamin und aus dem Loch für das jetzt fehlende Ofenrohr in die Küche. Alex Capus öffnet die Tür und sieht das Tier erstmals; es schleckt Reste des Sugos vom Spaghetti-Teller im Spülbecken. Der Siebenschläfer hält die Entfernung zum Menschen wohl für groß genug, denn in seinem Erfahrungsschatz gibt es keine Fernwaffen. Und so kann Alex Capus ruhig mit dem Gewehr anlegen, sorgfältig zielen und abdrücken.

Am nächsten Tag dreht er den Wasser-Haupthahn ab und legt den elektrischen Hauptschalter um, klappt die Fensterläden zu, verriegelt die Türen – und reist ab. Das fertiggestellte Romanmanuskript [von „Munzinger Pascha“] hat er bei sich.

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30 Jahre später erzählt der erfolgreiche Schriftsteller Alex Capus (*1961) von seinem jahrelangen Aufenthalt im kleinen Haus am Sonnenhang. Nadja Capus (*1971) ist inzwischen Ordinaria für Straf- und Strafprozessrecht an der Université de Neuchâtel.

In der Regel sollte man bei der Gleichsetzung von Autor und Ich-Erzähler vorsichtig sein, aber bei „Das kleine Haus am Sonnenhang“ sind beide wohl tatsächlich identisch, auch wenn der Roman autofiktional ist.

Handlungsgetrieben ist „Das kleine Haus am Sonnenhang“ eher nicht. Erst auf Seite 57 beginnt die kleine tragikomische Geschichte über einen aufgebrochenen Opferstock. Wichtiger sind die Gedanken des Autors über das Schreiben. Die drehen sich beispielsweise um das Verhältnis zwischen Tatsachen und Vorstellung, Fakten und Fiktion.

Arthur Evans (1851 – 1941) ließ Ruinen, die er dem minoischen Palast von Knossos zuordnete, nicht nur ausgraben, sondern nach seinen Vorstellungen zu Gebäuden „rekonstruieren“. Das Gegenteil erlebte Alex Capus in der Ausgrabungsstätte Kato Zakros, ebenfalls auf Kreta. Da zeigte ihm ein Archäologe zwei schätzungsweise 3000 Jahre alte Steinhaufen – und zuckte auf die Frage nach der Bedeutung mit den Schultern. Das wisse man nicht, erklärte er.

Ebenso langweilig wäre eine ausschließlich aus Fakten aufgebaute Biografie.

Im richtigen Leben wird ein Mensch geboren, dann bricht er sich im Kindergarten ein Bein und verliebt sich als Teenager in die Nachbarin, hat später eine Wurzelbehandlung und eine Scheidung und einen Motorradunfall. Er kauft einen Hund und einen Stabmixer und erbt ein Ferienhaus in Pontresina, dann hat er eine zweite Scheidung, einen Herzinfarkt und kein Ferienhaus mehr in Pontresina. […]
Das ist doch keine Geschichte, bitte sehr.
Das ergibt doch keinen Sinn.
Da hängt nichts mit nichts zusammen.
Alles reiner Zufall.
Einfach so passiert.
Nirgends Kausalität ersichtlich.
Aber so ist das Leben. Wir kommen zur Welt und dann geschehen ein paar Dinge, die nicht unbedingt miteinander in Zusammenhang stehen, und dann sind wir tot. Diese Vorstellung ertragen wir schlecht. Uns verlangt es nach Sinn, deshalb schmieden wir Kausalketten und erzählen einander Geschichten. […]
Sogar die wissenschaftliche Geschichtsschreibung an den Universitäten schmiedet metaphysische Kausalketten aus ihren so streng empirisch erhobenen Daten und Fakten, weil ihre Arbeit sonst leere Faktenhuberei bliebe und nicht zu vermitteln wäre.

Wenn einer eine Geschichte erzählt, ist Plausibilität das Wichtigste. In der Realität mögen die abstrusesten Dinge geschehen, in der Fiktion hat das Unglaubwürdige keinen Platz. Das Reich der Literatur zieht seine Grenzen viel enger als das richtige Leben.

Die Geschichte muss plausibel sein, damit man sie erzählen kann. Das ist viel wichtiger als ihr Realitätsgehalt.

Aber kommt es in Kunst und Literatur nicht ohnehin auf die Form an, statt auf den Inhalt?

Nun kann man einwenden, dass es nicht so sehr darauf ankomme, worüber jemand schreibt, weil Schönheit, Wahrheit und Tiefe nicht im Stoff, sondern in der Form und im Stil liegen.

In diesem Zusammenhang zitiert Alex Capus seinen ersten Verleger, Daniel Keel, der 1995 zu ihm sagte:

„Aber wissen Sie, es ist nicht von Bedeutung, was Sie schreiben. Wichtig ist nur, wie Sie schreiben.“

Bahnbrechende Erkenntnisse lassen sich aus diesen poetologischen Überlegungen nicht gewinnen, aber es ist erstaunlich, wie elegant Alex Capus die essayistischen Passagen mit Alltagsbeschreibungen und kleinen Geschichten verbindet. Da zeigt er denn auch, wie pointiert er sogar bei Kleinigkeiten beobachtet, beispielsweise wenn die Männer in der Kneipe vor der Erfindung des Handys ihr Zigarettenpäckchen vor sich auf den Tisch legen und das Feuerzeug darauf packen.

„Das kleine Haus am Sonnenhang“ weist keine großen Höhen und Tiefen auf, aber die Lektüre ist leicht und angenehm unterhaltsam.

„Das kleine Haus am Sonnenhang“ von Alex Capus gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor selbst.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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