Alex Capus : Susanna

Susanna
Susanna Originalausgabe Carl Hanser Verlag, München 2022 ISBN 978-3-446-27396-2, 286 Seiten ISBN 978-3-446-27556-0 (eBook) Taschenbuch dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2024 ISBN 978-3-423-14891-7
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Susanna, die Hauptfigur des Romans, wird in der Schweiz geboren, wächst jedoch in New York auf, denn die Mutter trennte sich vom Vater, ließ die drei Söhne in Basel zurück und wanderte Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Tochter in die USA aus. Dort betätigt sich Susanna als Porträtmalerin und engagiert sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung.
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Kritik

Vor dem Hintergrund technischer Neuerungen und gesellschaftlicher Umwälzungen erzählt Alex Capus in seinem Roman "Susanna" lebendig und leicht lesbar von einer historischen Persönlichkeit im 19. Jahrhundert: Susanna Caroline Faesch bzw. Caroline Weldon.
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Der Wilde Mann

Sechs Jahre nach seiner Eheschließung mit Maria Marti in Basel meldet sich Lukas Faesch für fünf Jahre zur Fremdenlegion. Neun Monate nach seiner Rückkehr wird die Tochter Susanna geboren.

Susanna hat drei ältere Brüder. Am 13. Januar 1849 besucht die Familie ein Volksfest. Susanna, die inzwischen fünf Jahre alt ist, fällt am Rheinufer hin, und als sie die Augen aufschlägt, beugt sich der als „Wilder Mann“ verkleidete Pferdeknecht Anton Morgenthaler über sie. Er will dem Kind helfen, aber Susanna erschrickt, fühlt sich bedroht und sticht ihm mit dem Zeigefinger durch einen Schlitz in der Maske das linke Auge aus.

Karl Valentiny

Bei der Fremdenlegion freundete sich der Offizier Lukas Faesch mit Karl Valentiny an, einem Arzt aus Dortmund. Als dieser 1844 gleichzeitig mit Lukas Faesch aus dem algerisch-marokkanischen Grenzgebiet nach Deutschland zurückkehrte, drängte ihn sein Vater, für einen befreundeten Hausarzt in Dortmund einzuspringen, der seinen Beruf wegen eines Schlaganfalls nicht mehr ausüben konnte. Nach vier Jahren starb der alte Hausarzt.

Karl Valentiny hört von Straßenkämpfen in Paris, der in Baden ausgerufenen Republik und Barrikadenkämpfen in Berlin. Patienten, die wissen, dass er bei der Fremdenlegion war, lassen sich von ihm die Waffen putzen. Deshalb wird er schließlich von der Polizei als vermeintlicher Revolutionär gesucht.

Rechtzeitig gewarnt, setzt Karl Valentiny sich nach Basel ab und sucht Zuflucht bei seinem Freund Lukas Faesch. Als sein Bleiberecht als Flüchtling nach vier Monaten abläuft, wandert er in die USA aus.

Ende 1849 erhält die Familie Faesch einen Brief von ihm, der ein halbes Jahr unterwegs war. Seine Adresse ist in Brooklyn.

Maria trennt sich Anfang 1850 von ihrem Mann und reist mit der Tochter nach Amerika. Die Söhne bleiben beim Vater. Ein halbes Jahr später schickt Lukas Faesch die Scheidungspapiere. Bald darauf heiraten Maria und Karl Valentiny. Maria arbeitet als Sprechstundenhilfe in der Arztpraxis ihres Mannes.

Porträtmalerin

Als Geschenk zum 14. Geburtstag erhält Susanna von ihrem Stiefvater einen Kasten mit Gouache-Farben und fünf Pinsel. Inzwischen gibt es überall Fotostudios, aber viele Kunden sind mit den kleinen Schwarz-Weiß-Bildern nicht zufrieden und lassen anhand der Fotografien farbige Porträts malen – auch von Susanna Faesch, die auf diese Weise schon als Jugendliche Geld verdient.

Nach der Highschool besucht sie Kurse an der Kunstakademie, strebt jedoch keinen formalen Abschluss an.

Susanna wird Mutter

Sie ist 21, als der vier Jahre ältere Arzt Bernhard Claudius Schlatter aus Schaffhausen von seinem Kollegen Karl Valentiny in Brooklyn aufgenommen wird. Der Mann gefällt Susanna, und sie schleicht nachts zu ihm ins Bett. Das entgeht ihrem Stiefvater nicht, und er schlägt eine Eheschließung vor, die es Claude – so nennt Schlatter sich inzwischen – leichter machen würde, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten und sich als Arzt niederzulassen. Am 30. Mai 1866 findet die Hochzeit statt.

Nach zehn Jahren hat das Ehepaar immer noch kein Kind. Susanna ergreift die Initiative und bringt den aus Schottland stammenden Grundschullehrer Christopher Joseph Stevenson dazu, mit ihr zu schlafen, obwohl er verheiratet und Vater von zwei Kindern ist. Als Susanna dann ihren Ehemann fragt, ob er sich vorstellen könne, das von einem anderen Mann gezeugte Kind aufzuziehen, trennt er sich von der Schwangeren (und heiratet später die Witwe eines anderen Arztes).

Technische Neuerungen

Ihren Sohn nennt Susanna Christopher und ruft ihn Christie. Sie selbst verwendet nun den Künstlernamen Caroline Weldon.

Ihr Stiefvater Karl Valentiny stirbt am 29. Mai 1882 im Alter von 67 Jahren.

Am 24. Mai 1883 wird die Brooklyn-Bridge nach 13 Jahren Bauzeit eröffnet. 1879 stellte Thomas Alva Edison in Menlo Park bei New York die erste Kohlefaden-Lampe her. Diese Erfindung ermöglicht es nun, nicht nur die neue Brücke elektrisch zu beleuchten, sondern auch die Straßen. Sogar bei Maria, Susanna und Christie in der Wohnung werden nun abends elektrische Leuchten eingeschaltet.

Buffalo Bill

1886 möchte Christie unbedingt zur Buffalo Bill’s Wild West Show im Madison Square Garden. Susanna erlaubt es ihm zunächst nicht, denn sie findet es abstoßend, dass Indigene wie Tiere begafft werden. Aber Maria unterstützt ihren Enkel, und im November 1886 sitzen sie alle drei im Publikum.

Am 8. April 1887 stirbt Maria. Die Erbschaft befreit Susanna von allen finanziellen Sorgen.

Im Frühsommer 1890 beschließt sie, mit Christie zusammen dessen Idol Buffalo Bill in der Standing Rock Indianer Reservation zu besuchen.

Mit dem Nachtexpress fahren die beiden nach Bismarck/Missouri. Als sie dort auf einen Raddampfer warten, das sie zum Fort Yates bringen soll, lernen sie Captain Sully kennen, der mit seinen Männern dasselbe Reiseziel hat.

Sitting Bull lebt 40 Meilen südlich des Forts am Ufer des Grand River. Vom Indianeragenten James McLaughlin haben Susanna und Christie keine Hilfe zu erwarten, aber Captain Sully leiht ihnen einen Planwagen und zwei Zugpferde der Armee.

Tagelang kampieren Susanna und Christie vor der Behausung des Häuptlings, bis dieser sich endlich sehen lässt.

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Vor dem Hintergrund technischer Neuerungen und gesellschaftlicher Umwälzungen erzählt Alex Capus in seinem Roman „Susanna“ von einer historischen Persönlichkeit: Susanna Caroline Faesch bzw. Caroline Weldon.

Susanna, die Hauptfigur des Romans, wird in der Schweiz geboren, wächst jedoch in New York auf, denn die Mutter trennte sich vom Vater, ließ die drei Söhne in Basel zurück und wanderte Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Tochter in die USA aus. Dort betätigt sich Susanna als Porträtmalerin und engagiert sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung.

Bemerkenswert ist, dass Alex Capus mit Susanna keine unterdrückte Frau vorstellt, die sich in der Männerwelt behaupten und emanzipieren müsste, sondern eine Person, die sich schon als Jugendliche unabhängig fühlt. Und das im 19. Jahrhundert.

Alex Capus erzählt die Geschichte leicht lesbar, lebendig, mit viel Zeitkolorit und gut nachvollziehbar, aber die Charaktere und ihre Motive hätte er noch differenzierter herausarbeiten können.

Und er beendet den Roman abrupt. Vielleicht, weil er an der verbreiteten Auffassung zweifelt, dass Susanna Faesch bzw. Caroline Weldon tatsächlich Sitting Bulls Sekretärin und Dolmetscherin in der Standing Rock Indianer Reservation wurde. (Alex Capus‘ Äußerungen in der Fernsehsendung „Druckfrisch“ am 31. Oktober 2022 lassen das vermuten.)

Den Roman „Susanna“ von Alex Capus gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor selbst.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024

Susanna Caroline Faesch bzw. Caroline Weldon (kurze Biografie)

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Wichtiger als die Charaktere in "Unsere Namen" sind Dinaw Mengestu die Beziehungen zwischen den Figuren. Er schreibt abwech­selnd aus der Sicht des entwurzelten Afrikaners und der Amerikanerin, alles ohne Effekthascherei, ruhig, sachlich und unprätenziös.
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