Ken Follett : Sturz der Titanen

Sturz der Titanen
Fall of Giants Macmillan, London / Dutton, New York 2010 Sturz der Titanen Übersetzung: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher Bastei Lübbe, Köln 2010 ISBN 978-3-7857-2406-4, 1022 Seiten ISBN 978-3-8387-0202-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die in Großbritannien, Frankreich, Russland, Deutschland und in den USA spielende Handlung beginnt im Juni 1911 und endet im Januar 1924. Ken Follett verknüpft politische Entwicklungen – deren Zentrum der Erste Weltkrieg bildet – und historische Persönlichkeiten nahtlos mit fiktiven Romanfiguren, die einerseits als Zeitzeugen fungieren und andererseits durch ihre konfliktreichen persönlichen Geschichten der Dramaturgie dienen.
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Kritik

Obwohl die Sprache anspruchslos ist und der fiktive Teil der komplexen Geschichte einer Seifenopfer ähnelt, handelt es sich bei dem Roman "Sturz der Titanen" – dem ersten Teil der Jahrhundert-Saga von Ken Follett – um ein Meisterwerk, denn der Autor veranschaulicht historische Ereignisse und Zusammenhänge aus dem Blickwinkel erdachter Zeitzeugen, die verschiedenen Nationen und Gesellschaftsschichten angehören.
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Earl Edward Fitzherbert (1914)

Januar 1914. Der 28-jährige Earl Edward Fitzherbert („Fitz“) lebt mit der aus Russland stammenden Fürstin Elizabeth („Bea“), die seit drei Jahren mit ihm verheiratet ist, in seinem riesigen Herrenhaus Ty Gwyn bei dem Dorf Aberowen in Wales. Weil sich das vom Bürgermeister Perceval Jones geführte Kohlebergwerk Celtic Minerals auf seinem Besitz befindet, erhält er einen Teil der Einnahmen. Um seine Kontakte pflegen zu können, wohnt Fitz zwischendurch in seinem Stadthaus in London.

Während Fitz konservativ und traditionsbewusst ist, engagiert sich seine fünf Jahre jüngere Schwester Lady Maud Elizabeth Fitzherbert sozial und leitet eine Armenklinik für alleinstehende Mütter in London. Seit die Eltern der Geschwister vor zehn Jahren kurz nacheinander starben, fungiert ihre verarmte und verwitwete Tante Lady Hermia („Herm“) Fitzgerald, als Anstandsdame für Maud.

Im Juli 1914 merkt Bea, dass sie schwanger ist und Fitz auf einen Erben hoffen kann. Als er deshalb die vor einem halben Jahr mit der Haushälterin Ethel Williams begonnene Affäre beendet, teilt diese ihm mit, dass sie ebenfalls ein Kind von ihm erwartet.

Ethel Williams (1914/15)

Die von dem Rechtsanwalt Albert Solman im Auftrag seines Mandanten Earl Edward Fitzherbert angebotene Abfindung weist Ethel entrüstet zurück. Stattdessen verlangt sie, dass ihr bisheriger Liebhaber ein Haus in London für sie und das Kind kauft.

Als sie sich von ihren Eltern Cara und David Williams in Aberowen verabschieden möchte, wirft der Vater sie hinaus, denn nach dem Verständnis des Bergarbeiters und Gewerkschaftsfunktionärs ist eine uneheliche Schwangerschaft eine Schande. Nur durch verschlüsselte Briefe, die sie mit ihrem jüngeren Bruder wechselt, bleibt Ethel noch in Kontakt mit ihrer Familie, als sie in einem von Albert Solman für sie erworbenen Haus im Londoner Stadtteil Aldgate wohnt. Als Mieterin nimmt sie die 21-jährige Näherin Mildred Perkins auf, eine gleichaltrige unverheiratete Mutter von zwei kleinen Töchtern: Enid und Lillian.

In der von Maud geleiteten Klinik bringt Ethel im Frühjahr 1915 den Sohn Lloyd zur Welt. Sie arbeitet wie Mildred als Näherin für Mannie Litov, der die britische Armee mit Uniformen beliefert. Ethel schließt sich der Unabhängigen Arbeiterpartei an und kämpft als Suffragette für ein Wahlrecht der Frauen.

Lady Maud Fitzherbert und Walter von Ulrich (1914)

Schließlich übernimmt Ethel die Geschäftsführung einer linksgerichteten Zeitung, deren Redaktion von Lady Maud Fitzherbert geleitet wird: „Soldier’s Wife“. Die beiden Frauen kennen sich seit Ethels Anstellung auf dem Landsitz Ty Gwyn, und obwohl sie verschiedenen Gesellschaftsklassen angehören, haben sie sich angefreundet.

Mauds große Liebe ist ein deutscher Diplomat: der 28-jährige Walter von Ulrich, der als Militärattaché der deutschen Botschaft in London amtiert und seit langem mit Fitz befreundet ist. Sein ebenfalls als Attaché in London tätiger Vater, Generalmajor Otto von Ulrich, warnt ihn vor einer Beziehung mit einer Engländerin, denn in dem zu erwartenden Krieg werden das Deutsche Reich und Großbritannien Feinde sein. Außerdem betrachtet er Maud als Rebellin. Er missbilligt es, dass sie alleinstehende Mütter unterstützt und dabei mit einem jüdischen Arzt zusammenarbeitet.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs (1914)

Am 26. Juni 1914 erschießt der serbische Gymnasiast Gavrilo Princip das österreichische Thronfolgerpaar –  Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie Gräfin Chotek, Herzogin von Hohenberg – in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo (Attentat von Sarajewo). Auf dem Balkan prallen österreichische und russische Interessen aufeinander: Während die Habsburger die Doppelmonarchie durch den südslawischen Nationalismus in Gefahr glauben, sehen die Russen eine Möglichkeit, ihren Einflussbereich auszuweiten. Wegen der Bündnissysteme könnte sich eine militärische Auseinandersetzung auf dem Balkan allerdings zu einem europäischen Krieg auszuweiten.

Während Walter alles versucht, um den Frieden zu bewahren, glaubt sein Vater, dass die Zeit gegen Deutschland arbeiten würde, weil Russland mit französischer Unterstützung sein Eisenbahnnetz ausbaut und sich immer besser auf einen Militäreinsatz vorbereitet.

Die Wiener Regierung, die mit deutscher Unterstützung rechnen kann, erklärt dem serbischen Königreich am 28. Juli 1914 den Krieg. Walter von Ulrich hofft noch immer, dass sich wenigstens Frankreich und Großbritannien aus dem Krieg heraushalten. Der deutsche Botschafter in Paris fordert die französische Regierung ultimativ zu einer Neutralitätserklärung auf, aber Frankreich kann das verbündete Russland nicht im Stich lassen.

Anfang August erklärt das Deutsche Reich sowohl Russland als auch Frankreich den Krieg.

Für einen Zweifrontenkrieg Deutschlands arbeitete Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen 1905 einen Operationsplan aus („Schlieffen-Plan“). Demzufolge sollte sich die Armee im Osten zunächst defensiv verhalten, im Westen dagegen überfallartig vordringen, und zwar in einem „Sichelschnitt“ durch die Beneluxländer und westlich an Paris vorbei. Dadurch, so glaubte Schlieffen, werde man die französische Armee vernichten und könne sich anschließend auf den Krieg gegen Russland konzentrieren.

Am Tag bevor Walter England wegen des Kriegs verlassen muss, heiraten er und Maud heimlich in der Chelsea Town Hall. Trauzeugen sind Ethel Williams und Walters homosexueller Cousin Graf Robert von Ulrich, der Militärattaché der österreichischen Botschaft in London.

Lew und Grigori Peschkow (1900 – 1914)

Als Grigori Sergejewitsch Peschkow elf Jahre alt sind, müssen er, sein fünf Jahre jüngerer Bruder Lew und die Mutter mit ansehen, wie der Vater auf Befehl des Fürsten Andrej gehenkt wird, weil er Vieh auf Land weiden ließ, das Andrejs Schwester Bea gehört. Die Witwe zieht daraufhin mit den beiden Söhnen nach Sankt Petersburg. Dort wird sie bei den Demonstrationen am Blutsonntag im Januar 1905 erschossen.

Grigori wird Dreher in den Putilow-Werken, der Keimzelle der Unruhen. Sobald er genügend Geld gespart hat, will er in die USA auswandern, sich bei dem russischen Emigranten Joseph Vyalov in Buffalo um einen Job bewerben und Lew dann nachkommen lassen. Weil dieser jedoch in der Nacht vor der Abreise seines Bruders im Juni 1914 einen Menschen ermordet hat und von der Polizei gesucht wird, gibt ihm Grigori im Hafen seinen Pass und seine Schiffskarte, damit er fliehen kann.

Lew, der in den Putilow-Werken als Stallbursche arbeitete, hat schon seit langer Zeit mit Gaunereien Geld erbeutet. Nun wird er selbst Opfer eines Betrugs: Die Familie Vyalov hat seinem Bruder nämlich statt einer Schiffskarte nach Übersee eine nach Cardiff verkauft.

Erst nachdem er als Streikbrecher im Bergwerk Celtic Minerals in Aberowen und wiederum durch Kleinkriminalität genügend Geld zusammengetragen hat, kann er die Reise fortsetzen.

In Buffalo fängt er als Pferdeknecht in einem Joseph Vyalov gehörenden Hotel zu arbeiten an. Der Unternehmer, dem auch zahlreiche Bars und Nachklubs gehören, macht den jungen Auswanderer schließlich zu seinem Chauffeur und Leibwächter.

Lew fragt weder nach seinem Bruder noch seiner in Russland zurückgelassenen Geliebten Katherina. Dass sie von ihm schwanger ist, weiß er nicht. Der ältere der beiden Brüder liebt sie, aber sie zog den jüngeren vor. Dennoch kümmert Grigori sich um sie. Bevor er in den Krieg muss, überredet ihn Katherina zu einer Trauung im Schnellverfahren, denn als Ehefrau eines Soldaten kann sie staatliche Unterstützung beantragen.

An der Front erfährt Grigori, dass Katherina einen Sohn geboren hat. Er heißt Wladimir.

Das erste Kriegshalbjahr (1914)

Walter von Ulrich gehört zum Stab des erfolgreichen Generals Erich Ludendorff, der am 22. August 1914 von der Westfront abgezogen und nach Ostpreußen abkommandiert wird. Rasch werden die nach Ostpreußen vorgedrungenen Truppen besiegt und zurückgeschlagen (Schlacht bei Tannenberg). Weil die Gräfinnen und Freifrauen in Berlin um ihre ostpreußischen Güter besorgt sind und über entsprechende Kontakte verfügen, verlegen die Deutschen unnötigerweise zwei Armeekorps von der West- an die Ostfront, und das, obwohl der Schlieffen-Plan deshalb nicht bis zum Ende durchgeführt werden kann: Statt um Paris herum werden die deutschen Truppen nur östlich an Paris vorbeigeführt.

Die französische Regierung setzt sich am 3. September nach Bordeaux ab.

Die deutschen Soldaten waren im Sommer 1914 begeistert ins Feld gezogen und hatten angenommen, sie würden den Krieg bis zum Jahresende gewinnen. Tatsächlich erstarren die Fronten im Winter 1914/15 in Grabenkämpfen. An einigen Abschnitten der Westfront stellen die Soldaten an Weihnachten 1914 spontan die Kämpfe ein (Weihnachtsfrieden), zuerst bei Ypern, wo Angehörige der British Expeditionary Force und des deutschen Heeres unbewaffnet aus ihren teilweise nur 50 bis 100 Meter voneinander entfernten Stellungen klettern und Geschenke austauschen, nachdem sie Gefallene geborgen haben.

Zufällig begegnen sich dabei auch Walter von Ulrich, der inzwischen an der Westfront kämpft, und Earl Edward Fitzherbert, der mit dem Britischen Expeditionskorps nach Frankreich gekommen ist und soeben erfahren hat, dass Bea von einem Sohn entbunden wurde: George William Peter Nicholas Fitzgerald, Viscount Aberowen.

Gus Dewar (1914 – 1916)

Nach dem Harvard-Abschluss in Völkerrecht wird Gus Dewar, der Sohn des US-Senators Cameron Dewar und dessen Ehefrau Ursula, von Präsident Woodrow Wilson als außenpolitischer Berater nach Washington gerufen.

Der aufstrebende Politiker verliebt sich in seiner Heimatstadt Buffalo in Olga Vyalov und hält bei ihrem Vater Joseph Vyalov um ihre Hand an. Der neureiche Emigrant hält den Senatorensohn mit seiner vielversprechenden Karriere für den idealen Schwiegersohn. Aber als er herausfindet, dass Olga von Lew Peschkow defloriert und geschwängert wurde, ist an eine solche Verbindung nicht mehr zu denken. Wutschnaubend zwingt der Unternehmer seinen Chauffeur, Olga zu heiraten.

Im März 1916 bringt Olga eine Tochter zur Welt: Darja („Daisy“).

Deren Vater leitet inzwischen einen der Nachtklubs seines Schwiegervaters in Buffalo.

Die USA und der Krieg in Europa (1915 – 1917)

Das Deutsche Reich erklärt die Gewässer rings um die britischen Inseln im Februar 1915 zur Kriegszone und kündigt Angriffe von U-Booten auf Handelsschiffe an, die von britischen Häfen auslaufen oder dorthin unterwegs sind (Seekrieg).

1198 Menschen sterben, als ein deutsches U-Boot am 7. Mai 1915 beim Kap Old Head of Kinsale an der irischen Südostküste den britischen Luxusdampfer „Lusitania“ versenkt. Die Deutschen berufen sich darauf, dass die „Lusitania“ 173 Tonnen Waffen und Munition transportiert habe. Obwohl der deutsche Botschafter in den USA auf die Gefahr hinwies, sind 128 Amerikaner unter den Toten.

Für den Fall, dass die USA in den Krieg eingreifen, strebt das Auswärtige Amt in Berlin ein Bündnis mit Mexiko an und sagt dem mittelamerikanischen Staat Unterstützung bei militärischen Auseinandersetzungen mit den USA zu. Mexiko soll ermutigt werden, einen Teil der 1848 an den nördlichen Nachbarn verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Der Staatssekretär Arthur Zimmermann schickt im Januar 1917 über die deutsche Botschaft in Washington ein verschlüsseltes Telegramm mit entsprechenden Vorschlägen an den deutschen Gesandten in Mexiko.

Der britische Geheimdienst – für den der in Frankreich schwer verwundete Earl Edward Fitzherbert inzwischen tätig ist – fängt sowohl das Telegramm aus Berlin als auch das aus Washington ab und dechiffriert den Text.

Gus Dewar spielt den Inhalt der Zimmermann-Depesche der Journalistin Rosa Hellman zu. Die Veröffentlichung am 1. März bringt das amerikanische Volk auf und ermöglicht Präsident Wilson eine 180-Grad-Wende: Während er zunächst versprach, die USA aus dem Krieg in Europa herauszuhalten, erklärte er am 6. April 1917 dem Deutschen Reich und dessen Verbündeten den Krieg.

Das Deutsche Reich muss dafür sorgen, dass an der Ostfront nicht mehr gekämpft wird, bevor die Amerikaner in Europa eintreffen.

Die Russische Revolution (1917/18)

Nachdem die zuversichtlich begonnene Brussilow-Offensive Ende 1916 zusammenbrach, hat sich unter den Soldaten eine defätistische Einstellung verbreitet. In Petrograd – so heißt Sankt Petersburg seit Kriegsbeginn – eskaliert eine Streikbewegung zur Rebellion. Als berittene Polizei die Demonstranten im Frühjahr 1917 beschießt, lässt Sergeant Grigori Peschkow seine militärische Einheit, die eigentlich den Aufstand niederringen soll, die Polizei angreifen (Februarrevolution).

Der Zar weigert sich, die Duma einzuberufen, aber ein Vollzugs-Komitee des Parlaments setzt eine provisorische Regierung unter dem liberalen Fürsten Gregori Jewgenjewitsch Lwow ein. Zur gleichen Zeit versammeln sich die Delegationen von inzwischen gewählten Arbeiter- und Soldatenräten – zu denen auch Grigori Peschkow gehört – und bilden ein revolutionäres Parlament.

Der Zar dankt zugunsten seines Bruders Michail Alexandrowitsch ab, aber der wird von den Revolutionären gezwungen, die Annahme der Krone zu verweigern.

In dieser Situation brennt der seit 1907 im Schweizer Exil lebende Bolschewist Wladimir Iljitsch Lenin darauf, nach Russland zurückzukehren. Walter von Ulrich setzt sich dafür ein, den Bolschewisten die Durchreise zu erlauben, weil er hofft, dass die Revolutionäre den Krieg an der Ostfront beenden. Im April 1917 begleitet er Lenin und dessen Gefolgsleute im Zug nach Sassnitz. Von dort setzen sie nach Südschweden über und fahren mit der Bahn weiter nach Stockholm.

Dort überrascht Maud ihren Ehemann im Hotel. Trotz der Gefahr eines U-Boot-Angriffs wagte sie die Schiffsreise nach Skandinavien, um Walter endlich einmal wiederzusehen.

Am 16. April 1917 steigt Lenin am Finnischen Bahnhof in Petrograd aus dem Zug. Empfangen wird er von Grigori Peschkow und anderen Mitgliedern des Petrograder Sowjets.

Im Sommer begleitet Earl Edward Fitzherbert seine Frau nach Moskau. Während sie bei Beas Bruder Andrej zu Besuch sind, stürmen Bauern das Gut und ermorden sowohl den Fürsten als auch dessen Frau. Bea und Fitz entkommen den Rebellen im letzten Augenblick.

Nach einem gescheiterten bolschewistischen Aufstand im Juli verschaffen sich die Revolutionäre Waffen aus Rüstungsbetrieben und stellen eine Rote Garde auf. Am 7. November 1917 (25. Oktober nach dem russischen Kalender) eröffnet der russische Panzerkreuzer Aurora mit einem symbolischen Schuss auf das Winterpalais in Petrograd die Oktoberrevolution. Ohne größeres Blutvergießen reißen die von Leo Dawidowitsch Trotzki geführten Rotgardisten die Herrschaft an sich.

Die Bolschewisten bilden den Rat der Volkskommissare als neues Regierungsorgan, wählen Lenin als Vorsitzenden und Trotzki als Kommissar für auswärtige Angelegenheiten.

Anstelle einer Nationalversammlung entscheidet ein (Dritter) Allrussischer Sowjetkongress im Januar 1918 über die zukünftige Staatsform, gründet die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik und beschließt den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft unter der Diktatur des Proletariats.

Als die Hauptstadt von Petrograd nach Moskau verlegt wird, zieht auch Trotzkis Berater Grigori Peschkow mit seiner Familie um, zu der nun außer Katherina und dem von Lew gezeugten Sohn Wladimir die Ende 1917 geborene Tochter Anna gehört.

Lew Peschkow (1917)

Joseph Vyalov erwischt seinen Schwiegersohn in flagranti mit der Nachtklubsängerin Marga. Zur Strafe muss Lew Peschkow die Leitung des Etablissements abgeben und die einer ebenfalls Joseph Vyalov gehörenden Gießerei in Buffalo übernehmen.

Als in dem Betrieb, der unter anderem Propeller für die US-Streitkräfte herstellt, gestreikt wird, schickt Präsident Wilson seinen aus Buffalo stammenden Berater Gus Dewar hin. Dem gelingt es, Lew Peschkow und den Gewerkschaftsboss Brian Hall an einen Tisch zu bringen und den Streik zu beenden.

Weil Lew Peschkow kurz darauf erneut mit Marga ertappt wird, zwingt ihn sein Schwiegervater dazu, sich zum Militär zu melden und macht kein Hehl daraus, dass er hofft, der untreue Ehemann seiner Tochter werde den Einsatz in Europa nicht überleben.

Ethel, Bernie, Maud, Bea (1918)

Ethel, die im Frühjahr 1917 Bernie Leckwith geheiratet hat, den Sekretär der Unabhängigen Arbeiterpartei im Londoner Stadtteil Aldgate, kämpft weiterhin an Mauds Seite für Forderungen der Suffragetten. Aber als 1918 Frauen im Alter von mindestens 30 Jahren ein Wahlrecht erhalten, weil sich die Konservativen davon einen Stimmenzuwachs erhoffen, zerstreiten sie sich über die Frage, ob sie sich mit dieser Einschränkung abfinden sollten oder nicht. Ethel Leckwith scheidet bei der Zeitung „Soldier’s Wife“ aus und fängt an, für die Nationale Gesellschaft der Kleidermacher Mitglieder zu werben.

Bea bringt im Sommer 1918 einen zweiten Sohn zur Welt: Andrew Alexander Murray Fitzherbert.

Weiße Armee (1918)

Im Dezember 1917 einigten sich deutsche, österreichische und russische Unterhändler in Brest-Litowsk am Bug auf einen Waffenstillstand. Aber die harten Bedingungen der Deutschen für einen Friedensvertrag werden von Trotzki zunächst zurückgewiesen. Erst nachdem die Mittelmächte im Frühjahr 1918 weiter nach Osten vorgestoßen sind, wird ein Friedensvertrag unterzeichnet.

Daraufhin unterstützen vor allem britische und amerikanische Militärs die von Admiral Alexandr Wassiljewitsch Koltschak geführte national-konservative Gegenregierung in der sibirischen Stadt Omsk.

Earl Edward Fitzherbert reist im Auftrag seiner Regierung nach Wladiwostok, und Sergeant William („Billy“) Williams – Ethels jüngerer Bruder, der bereits an seinem 13. Geburtstag im Kohlebergwerk von Aberowen zu arbeiten angefangen hatte und sich später zur Armee meldete – gehört zu der von Fitz geführten Einheit, den Aberowen Pals. In Sibirien treffen sie auf den englisch-russischen Dolmetscher Sergeant Lew Peschkow von der US-Army.

Nachdem Lew Peschkow gefangen genommen wurde, veranlasst Grigori Peschkow, der bei den Rotgardisten zum Militärkommissar aufgestiegen ist, die Freilassung seines Bruders, verweigert ihm jedoch jede weitere Hilfe.

Als sich die Weißen Garden dem Ural nähern, ermordeten die Bolschewisten im Juli 1918 die in Jekaterinburg gefangen gehaltene Zarenfamilie.

Der Einsatz der Alliierten in Russland wird der britischen Bevölkerung verheimlicht, aber Billy schickt seiner Schwester Ethel in London kurze Mitteilungen. Weil die Post zensiert wird, verschlüsselt er sie nach einem bereits in der Kindheit und Jugend benutzten einfachen System. Ethel, die inzwischen ein zweites Kind erwartet, engagiert sich öffentlich gegen die Hilfe britischer Militärs für die Weiße Armee. Als Fitz Zeitungsartikel mit Insider-Informationen liest, vermutet er einen Verräter in den eigenen Reihen und überführt nach kurzer Zeit Billy Williams. Als Vorsitzender in einem Feldgerichtsverfahren sorgt er dafür, dass Ethels Bruder zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt wird.

Das Ende des Ersten Weltkriegs (1918/19)

Erich Ludendorff gibt den Krieg verloren und tritt im Oktober 1918 als Erster Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung zurück.

Zur gleichen Zeit meutern die Matrosen zunächst in Wilhelmshaven, dann auch in anderen Häfen, gegen das von der Admiralität befohlene Auslaufen zu einer selbstmörderischen Seeschlacht.

Kaiser Wilhelm II. verliert sein Amt, und in der Novemberrevolution wird aus der Monarchie eine Republik.

Nicht Militärs, sondern Politiker unterzeichnen am 11. November Im Wald von Compiègne unweit von Paris ein Waffenstillstandsabkommen mit Frankreich.

Als erster US-Präsident überhaupt reist Woodrow Wilson während seiner Amtszeit ins Ausland. Gus Dewar begleitet ihn auf dem Schiff nach Brest und weiter im Zug nach Paris. Im Januar 1918 legte Wilson ein 14-Punkte-Programm zur Schaffung einer neuen Weltordnung vor. Um zu demonstrieren, wie wichtig ihm die Schaffung des Völkerbunds ist, nimmt er persönlich an der Friedenskonferenz in Frankreich teil.

Am 18. Januar 1919 – auf den Tag genau 38 Jahre nach der Ausrufung des Deutschen Reiches im Spiegelsaal des Versailler Schlosses – beginnen am selben Ort unter dem Vorsitz des französischen Ministerpräsidenten George Clemenceau die Verhandlungen. Russland bleibt ebenso wie das Deutsche Reich und dessen Verbündete davon ausgeschlossen. Erst als sich die Siegermächte auf einen vollständigen Vertragsentwurf geeinigt haben, wird die deutsche Delegation im Mai 1919 damit konfrontiert und ultimativ zur Annahme aufgefordert.

Das französische Heer sollte das Rheinland fünfzehn Jahre lang besetzen. Das Saarland sollte für die gleiche Zeit dem Völkerbund unterstellt werden; die Kohlebergwerke sollten dabei unter französische Kontrolle kommen. Elsass-Lothringen sollte ohne Volksabstimmung an Frankreich zurückgegeben werden; die französische Regierung befürchtete offenbar, die Bevölkerung könnte sich entschieden, deutsch zu bleiben. Der neue Staat Polen war so groß, dass er die Heimat von drei Millionen Deutschen und die schlesischen Kohlegebiete mit einschloss. Deutschland sollte alle Kolonien verlieren. Die Sieger teilten sie unter sich auf wie Räuber die Beute. Außerdem musste Deutschland sich verpflichten, Reparationen ungenannter Höhe zu zahlen – mit anderen Worten, einen Blankoscheck zu unterzeichnen. […]
Das Allerschlimmste aber war die Kriegsschuldklausel.

Maud und Walter geben ihre vor fünf Jahren erfolgte Eheschließung bekannt. Per Brief unterrichtet Maud auch Ihren Bruder in Russland. Die Feindseligkeit, die ihr daraufhin entgegenschlägt überrascht sie ebenso wie der Ruf in französischen und britischen Medien nach Rache an Deutschland. Angesichts des Hasses willigt Maud von Ulrich ein, mit ihrem Mann in Berlin zu leben.

Gus Dewar und die inzwischen mit ihm liierte Journalistin Rosa Hellman kehren mit Woodrow Wilson nach Washington zurück. Kurz darauf verloben sie sich im Beisein der Eltern Ursula und Camaron Dewar, Hilda und Norman Hellman.

Lew Peschkow (1920)

Nach der Rückkehr aus Russland wohnt Lew Peschkow mit seiner Familie wieder im Haus des Schwiegervaters. Aber die Beziehung mit Marga setzt er ebenfalls fort und mietet heimlich ein Apartment für sie.

Weil aufgrund der Anfang 1920 in den USA in Kraft tretenden Prohibition in Joseph Vyalov Bars und Hotels kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden darf, gehen die Geschäfte massiv zurück.

Als Olga herausfindet, dass Marga von Lew schwanger ist, kommt es zur Katastrophe: Joseph Vyalov prügelt sich mit seinem Schwiegersohn – und stirbt vor den Augen seiner Tochter durch einen Herzanfall.

Lew flieht über die Grenze nach Toronto. Dort kommt er auf die Idee, Alkohol in die USA zu schmuggeln. Er kehrt zu Olga zurück und erklärt ihr am Sarg ihres Vaters, dass das Firmenimperium der Familie ohne ihn vor dem Bankrott stünde. So bringt er sie dazu, mit ihm zur Polizei zu gehen und ihre Zeugenaussage zu widerrufen, er habe ihren Vater umgebracht. Es sei ein Unfall gewesen, gibt Olga nun zu Protokoll.

Ethel, Billy und Mildred (1920)

Nachdem sich Ethel Leckwith erfolgreich für die Freilassung ihres Bruders Billy eingesetzt hat, heiratet dieser ihre befreundete Mieterin Mildred Perkins, nach der sie ihre zweite Tochter benannt hat. In der Tatsache, dass die Arbeiterin fünf Jahre älter als Billy ist und zwei uneheliche Kinder mitbringt, sieht Billy keinen Hinderungsgrund.

Hitlerputsch (1923)

Am 9. November 1923 führen Hitler, Ludendorff und andere in München einen gegen die Reichsregierung gerichteten Demonstrationszug nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom an. Nachdem sie vom Bürgerbräu-Keller bis zur Residenz gekommen sind, fallen bei der Feldherrnhalle Schüsse, und die Polizei löst den Zug gewaltsam auf. Hitler flieht, wird jedoch zwei Tage später am Staffelsee verhaftet.

Walter von Ulrich ist froh über das Scheitern des Putsches. Er ahnt nicht, was aus Hitler wird.

Weil er mit einer Engländerin verheiratet ist, muss er sich mit sehr begrenzten Karriereaussichten im Auswärtigen Amt abfinden, aber er gehört wenigstens nicht zum Heer der Arbeitslosen. Maud, die inzwischen zwei Kinder geboren hat – Erich und Heike – bessert das Haushaltseinkommen auf, indem sie in einem Nachtlokal Klavier spielt. Das bescheidene Leben ohne Dienstboten behagt ihr zwar nicht, es ist aber der Preis für ihr Eheglück.

London (1923/24)

Aus der britischen Unterhauswahl im Dezember 1923 gehen die Konservativen zwar wieder als stärkste Fraktion hervor, aber sie verfügen nicht über die absolute Mehrheit, und im Januar 1924 scheitern sie an der Vertrauensfrage im Parlament. König George V. beauftragt deshalb Ramsay MacDonald, den Parteivorsitzenden der Labour Party, mit der Regierungsbildung, die dann auch in einer Koalition mit den Liberalen gelingt. Erstmals in der Geschichte wird eine britische Regierung von Labour geführt, von einem Mann aus der Arbeiterklasse ohne akademische Bildung.

Zu den Abgeordneten der Labour Party gehören auch die Geschwister Billy Williams und Ethel Leckwith.

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Die Handlung des 1022 Seiten dicken Wälzers „Sturz der Titanen“ von Ken Follett beginnt im Juni 1911 und endet im Januar 1924. Abgesehen von einigen wenigen Rückblenden entwickelt Ken Follett das Geschehen chronologisch. Geografisch wechselt er zwischen Großbritannien, Frankreich, Russland, Deutschland und in den USA.

Das Personenverzeichnis von „Sturz der Titanen“ ist sechs Seiten lang. Aber trotz der Fülle von Figuren und ihrer Verflechtung fällt es nicht schwer, bei der Lektüre den Überblick zu behalten. Ken Follett setzt dabei auf private Konflikte und gesellschaftliche Gegensätze. In den USA kontrastieren ein aus einem kriminellen russischen Clan stammender, zum reichen Unternehmer aufgestiegener Einwanderer und dessen Umfeld mit einer gediegenen Senatorenfamilie. Bei einem Teil der Briten handelt es sich um Aristokraten, andere gehören zu den vier Generationen einer walisischen Bergarbeiter-Familie.

Neben den fiktiven Romanfiguren treten auch zahlreiche historische Persönlichkeiten in „Sturz der Titanen“ auf. Ebenso vermischen sich die privaten Geschichten der Handelnden mit den historischen Ereignissen und Zusammenhängen, die Ken Follett lebendig darstellt, indem er seine Figuren zu Zeitzeugen macht und die entsprechenden Szenen aus ihren Blickwinkeln darstellt.

Ken Follett versucht nicht, seine Sympathie für Pazifisten, Linksliberalen und Suffragetten in „Sturz der Titanen“ zu verbergen. Auf der anderen Seite ist seine Abneigung gegen Traditionalisten, Fanatiker und Ideologen spürbar.

Die Sprache ist anspruchslos, in Dialogen nicht überzeugend und zumindest in der deutschen Übersetzung nicht frei von Fehlern. (Beispielsweise schreiben Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher statt dasselbe durchgehend das Gleiche.) Die Sexszenen kommen nicht über das Niveau des Trivialen hinaus, aber Ken Follett versteht es, Technik und Politik auf der Grundlage seines detaillierten Wissens ebenso realistisch wie anschaulich zu inszenieren. Das am Genre des realistischen Romans aus dem 19. Jahrhundert orientierte Buch von Ken Follett ist keine gehobene Literatur, zumal der fiktive Teil der Handlung einer Seifenoper bzw. Fernsehserie ähnelt, aber ein Meisterwerk haben wir mit „Sturz der Titanen“ auf jeden Fall vor uns.

Es ist erstaunlich, auf welche Handlungsfülle sich Ken Follett in „Sturz der Titanen“ eingelassen hat. Weil er die außergewöhnliche Komplexität souverän beherrscht, verliert auch der Leser nie die Orientierung.

Der Roman „Sturz der Titanen“ bietet farbigen, unterhaltsamen Geschichtsunterricht, zumal Ken Follett das politische Geschehen aus verschiedenen Perspektiven differenziert darstellt. Das gilt zum Beispiel für die Interessenlage der europäischen Regierungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs, die nach dem Attentat von Sarajewo eine katastrophale Eigendynamik entwickelt.

„Fall of Giants“ / „Sturz der Titanen“ erschien am 28. September 2010 gleichzeitig in einem Dutzend Sprachen. 2012 bzw. 2014 folgten „Winter of the World“ / „Winter der Welt“ und „Edge of Eternity“ / „Kinder der Freiheit“. Die drei Bände bilden „The Century Trilogy“ / „Die Jahrhundert-Saga“ von Ken Follett.

Den Roman „Sturz der Titanen“ von Ken Follett gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Philipp Schepmann (ISBN 978-3-8387-6655-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018

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