John Grisham : Die Wächter

Die Wächter
The Guardians Doubleday, New York 2019 Die Wächter Übersetzung: Bea Reiter, Imke Walsh-Araya, Kristiana Dorn-Ruhl Wilhelm Heyne Verlag, München 2020 ISBN 978-3-453-27221-7, 447 Seiten ISBN 978-3-641-24396-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Rechtsanwalt Cullen Post arbeitet für die auf Spenden angewiesene Organisation Centurion und kämpft wie David gegen Goliath, um unschuldig Verurteilte aus dem Gefängnis zu holen. Sein neuer Mandant sitzt seit 22 Jahren als angeblicher Mörder ein. Post versucht nachzuweisen, dass das Urteil auf Falschaussagen und manipuliertem Beweismaterial basiert ...
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Kritik

Eindrucksvoll veranschaulicht John Grisham in dem erschütternden Justizthriller "Die Wächter" nicht nur erschreckende Schwachstellen des Systems, sondern auch Manipulations­möglich­keiten der Polizei und Staats­anwalt­schaft. Viel zu häufig beeinflussen Zufälle ein Gerichts­urteil. Das ist spannende Unterhaltung mit einem ernsthaften Anliegen.
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Cullen Post und Guardian Ministries

Cullen Post ließ sich im Alter von 35 zum episkopalen Priester weihen, kehrte dann aber parallel zur Tätigkeit des Geistlichen zu seinem ursprünglichen Beruf zurück: Er arbeitet als Rechtsanwalt für Guardian Ministries in Savannah/Georgia, eine vor zwölf Jahren von Vicki Gourley gegründete, auf Spenden angewiesene Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, unschuldig Verurteilte aus dem Gefängnis zu befreien.

Auch François („Frankie“) Tatum, der erste Häftling, dem Cullen Post zur Rehabilitierung verholfen hat, arbeitet jetzt für Guardian Ministries.

Quincy Miller und der Mordfall Keith Russo

Guardian Ministries übernimmt soeben einen neuen Fall.

Vor 22 Jahren, am 16. Februar 1988, wurde der 37-jährige Rechtsanwalt Keith Russo in Seabrook/Florida mit zwei Schüssen aus einer Schrotflinte ermordet. Seine Ehefrau Diana fand die Leiche.

Von 1984 bis 1990 war Bruno McKnatt Polizeichef von Seabrook, aber nicht er, sondern Bradley Pfitzner, der Sheriff des Counties Ruiz, leitete die Ermittlungen in dem Mordfall – und brachte rasch den afroamerikanischen LKW-Fahrer Quincy Miller vor Gericht.

Der hatte sich vier Jahre zuvor von Keith Russo bei der Scheidung vertreten lassen. Weil der Anwalt eigentlich größere Ambitionen verfolgt hatte, war das Ergebnis in dem widerwillig übernommenen Scheidungsverfahren für seinen Mandaten katastrophal ausgegangen. Die Anklage machte daraus ein Mordmotiv. Die damals 19-jährige Drogenabhängige Carrie Holland sagte aus, sie habe einen Schwarzen mit Quincy Millers Statur vom Tatort weglaufen gesehen. Ein 18 Jahre alter inhaftierter Junkie namens Zeke Huffey behauptete vor Gericht, Quincy Miller habe sich im Gefängnis mit dem Mord gebrüstet. Die Tatwaffe wurde nicht gefunden, aber June Rhoad gab zu Protokoll, dass ihr Ex-Mann Quincy Miller eine Schrotflinte besessen habe. Und der als Sachverständiger vom Gericht gehörte Paul Norwood erklärte, auf der von Sheriff Pfitzner im Kofferraum des Angeklagten sichergestellten Taschenlampe seien Blutspritzer von Keith Russo gewesen. Norwood, der lediglich Wochenkurse über einige forensische Gebiete absolviert hatte, urteilte aufgrund von Fotos der Taschenlampe, denn das Beweisstück selbst war einige Monate vor dem Prozess bei einem Brand in einem als Asservatenkammer benutzten Schuppen abhanden gekommen.

Der unerfahrene Pflichtverteidiger Tyler Townsend tat alles, um die Unschuld seines Mandanten zu beweisen, aber sein Eifer bewirkte bei den Geschworenen das Gegenteil des Erhofften: Sie sprachen Quincy Miller schuldig, und nur weil sich der einzige Afroamerikaner in der Jury von den zehn Weißen nicht umstimmen ließ, entging der Verurteilte der Todesstrafe.

Inzwischen sitzt der 51-jährige Quincy Miller seit 22 Jahren unschuldig im Gefängnis.

Cullen Post besucht ihn in der Garvin Correctional Institution bei Peckham/Florida.

Tyler Townsend

Der Anwalt trifft sich konspirativ mit Tyler Townsend in Nassau auf den Bahamas. Der frühere Anwalt wechselte nach seiner gescheiterten Verteidigung Quincy Millers den Beruf und hat inzwischen ein Vermögen mit Immobilien gemacht.

Als er damals eine Revision für seinen Mandanten angestrebt habe, sei er beim Bonefishing in Belize entführt worden, sagt Tyler Townsend. Man habe ihn gezwungen, dabei zuzusehen, wie zwei Jungen von Krokodilen gefressen wurden. Nach 40 Stunden kam er unerwartet frei – und gab es auf, für Quincy Millers Rehabilitierung zu kämpfen.

Mordversuch

Im Gefängnis findet ein Mordanschlag gegen Quincy Miller statt. Nur weil die Angreifer ihn für tot halten, kann er lebend ins Krankenhaus gebracht werden, wo die Ärzte zunächst nicht glauben, dass sie ihn retten können. Wie durch ein Wunder übersteht er die erforderlichen Operationen und erholt er sich im Lauf vieler Wochen von den schweren Verletzungen.

Offenbar hoffte jemand, eine Wiederaufnahme des Verfahrens durch Quincy Millers Ermordung verhindern zu können, denn es ist bekannt, dass Guardian Ministries keine posthumen Rehabilitationen betreibt und stattdessen die geringen Ressourcen darauf konzentriert, unschuldig Verurteilte aus der Haft zu befreien.

Um herauszufinden, wer den Mordversuch in Auftrag gab, arbeitet Cullen Post mit der hochrangigen FBI-Agentin Agnes Nolton zusammen. Die Ermittler finden heraus, dass es sich bei den Angreifern um die Häftlinge Robert Earl Lane und Jon Drummik handelt, die beide zur Untergrundorganisation Aryan Deavons gehören.

Das FBI nimmt den Aufseher Adam Stone vorübergehend fest, der den Mordanschlag ermöglichte. Man setzt ihn unter Druck, bis er kooperiert und sich verkabelt mit seinem Kontaktmann trifft, einem 51-jährigen Weißen namens Skip DiLuca aus Delray Beach.

Skip DiLuca erhält nach der Verhaftung das Angebot, im Fall einer Zusammenarbeit mit dem FBI in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden. Schließlich sagt er gegen seinen Auftraggeber Mickey Mercado aus.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Mickey Mercado und seine Hintermänner

Das FBI observiert Mickey Mercado und stellt fest, dass er im Oriole Bay Resort in Fort-de-France auf der Karibikinsel Martinique Ramón Vásquez besucht, einen der Köpfe des in Florida aktiven Saltillo-Drogenkartells. Bei seiner Lebensgefährtin handelt es sich um Diana Sánchez, die Witwe des 1988 ermordeten Rechtsanwalts Keith Russo.

Drei Tage später trifft sich Mickey Mercado mit dem pensionierten Sheriff Bradley Pfitzner.

Bevor Skip DiLuca eine andere Identität erhält, muss er noch einen letzten Job für das FBI erledigen: Er bietet Mickey Mercado zum Schein an, Quincy Miller trotz der Bewachung im Krankenhaus zu ermorden und erklärt ihm einen entsprechenden Plan, für den er eine Reihe von Helfern benötigt. Das Vorhaben koste 100.000 Dollar, erklärt Skip DiLuca seinem Gesprächspartner.

Als Mickey Mercado sich, wie erwartet, konspirativ mit Bradley Pfitzner trifft, um den Geldbetrag in bar entgegen zu nehmen, verhaftet das FBI die beiden.

Kenny Taft

Bald nach Keith Russos Ermordung in Seabrook gerieten die Deputies Kenny Taft und Brace Gilmer bei einem von Sheriff Bradley Pfitzner befohlenen Einsatz in einen Hinterhalt. Kenny Taft starb bei der Schießerei; Brace Gilmer kam mit einem Streifschuss davon.

Cullen Post ist überzeugt, dass Kenny Taft ein Opfer des korrupten Sheriffs wurde. Gerüchten zufolge soll der Deputy von dem geplanten Brandanschlag auf den Schuppen mit Asservaten erfahren und rechtzeitig einige Kartons weggebracht haben. Im Dachboden des leer stehenden Hauses seiner inzwischen ebenfalls gestorbenen Mutter finden Cullen Post und Frankie Tatum drei Kartons mit dem Aufdruck „Sheriff Department Ruiz County“.

Unter Zeugen und vor laufender Videokamera packen sie aus einer der Kisten die vermeintlich bei dem Feuer zerstörte Taschenlampe aus, das entscheidende Beweisstück beim Prozess gegen Quincy Miller.

Wiederaufnahmeverfahren

Das Wiederaufnahmeverfahren in Orlando wird von Richter Ansh Kumar geleitet, dem 38-jährigen Sohn indischer Immigranten. Die Staatsanwältin Carmen Hidalgo vertritt die Anklage, während sich Susan Ashley Gross, die Leiterin des Central Florida Innocence Projects, und der Rechtsanwalt Bill Cannon aus Fort Lauderdale für Quincy Miller einsetzen.

Cullen Post und Frankie Tatum ist es gelungen, Belastungszeugen von 1988 zu überreden, nun zuzugeben, dass sie damals von Sheriff Bradley Pfitzner und Staatsanwalt Forrest Burkhead zu Falschaussagen angestiftet wurden. Eine Anklage wegen Meineids brauchen sie nach der langen Zeit nicht mehr zu befürchten.

Carrie Holland, die jetzt Pruitt heißt, sagt aus, sie habe niemanden vom Tatort wegrennen sehen. Zeke Huffey bekennt sich zu seinen Lügen ebenso wie Quincy Millers frühere Ehefrau June, die in dritter Ehe seit 17 Jahren mit dem Elektriker Otis Walker verheiratet ist.

Die anerkannten Sachverständigen Dr. Kyle Benderschmidt aus Richmond und Tobias Black aus San Francisco geben zu Protokoll, dass die winzigen Flecken auf der von ihnen untersuchten Taschenlampe kein menschliches Blut seien. Wahrscheinlich wurde die Taschenlampe mit dem Blut eines Kleinnagers präpariert und dann vom Sheriff im Kofferraum des Beschuldigten „entdeckt“.

Am Ende hebt Richter Ansh Kumar das inzwischen 23 Jahre alte Fehlurteil gegen Quincy Miller auf und entschuldigt sich bei ihm für die Folgen. Quincy Miller verlässt den Gerichtssaal als freier Mann.

Rechtsanwalt Bill Cannon rechnet damit, als Schadensersatz für Quincy Miller einen zweistelligen Millionenbetrag erstreiten zu können. Davon beansprucht er 40 Prozent. Cullen Post und Susan Ashley Gross hoffen, wenigstens kleine Stücke von dem Kuchen für Guardian Ministries in Savannah und das Central Florida Innocence Project abzubekommen.

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Wie auch in seinen anderen Romanen nimmt John Grisham in „Die Wächter“ mit Betroffenheit und großer Sachkenntnis Schwachstellen des US-amerikanischen Justizwesens aufs Korn. Eindrucksvoll veranschaulicht er nicht nur erschreckende Unzulänglichkeiten des Systems, sondern auch Manipulationsmöglichkeiten der Polizei und Staatsanwaltschaft. Viel zu häufig beeinflussen Zufälle ein Gerichtsurteil.

Cullen Post, einer der Protagonisten in dem Justizthriller „Die Wächter“, kämpft wie David gegen Goliath, um unschuldig Verurteilte aus dem Gefängnis zu holen. Staatsanwälte sträuben sich gegen die Aufdeckung von Fehlurteilen, aber auch Richter, die voreingenommen sind oder innerlich gekündigt haben, erschweren Cullen Posts Vorhaben.

Die Hilfsorganisation Centurion gibt es tatsächlich, wenn auch nicht in Savannah/Georgia, sondern in Princeton/New Jersey. James McCloskey gründete Centurion 1980 während seines Theologiestudiums, und bis zum Erscheinen von John Grishams Justizthriller „Die Wächter“ bekam Centurion 63 Häftlinge frei.

Im Nachwort weist John Grisham darauf hin, dass ihn ein wahrer Fall inspiriert habe: Joe Bryan wurde beschuldigt, seine Ehefrau ermordet zu haben und verbüßt seit 30 Jahren eine Haftstrafe in Texas. Ein entscheidendes Beweismittel war – wie im Roman – eine in seinem Kofferraum sichergestellte, ihm möglicherweise untergeschobene Taschenlampe. John Grisham hält ihn für unschuldig, aber am 4. April 2019 wurde der siebte Antrag auf Freilassung abgelehnt.

Jeder unschuldig verurteilte Hälftling inspiriere ihn zu einem Roman, erklärt John Grisham, aber er könne nicht so viele Bücher schreiben, wie er Fälle kenne. Das hat ihn dazu verleitet, einige weitere Justizirrtümer in „Die Wächter“ aufzunehmen.

Am ausführlichsten geht er auf Duke Russell ein. Dessen Hinrichtung in der William C. Holman Correctional Facility in Alabama steht gleich zu Beginn des Romans in knapp zwei Stunden bevor. Der 38-jährige Weiße soll vor elf Jahren das Mädchen Emily Broone vergewaltigt und ermordet haben. Der Gouverneur lehnt eine Begnadigung ab, und der Staatsanwalt Chad Falwright genießt seinen Triumph. Während Duke Russel bereits seine Henkersmahlzeit im Todestrakt begonnen hat, erreicht Rechtsanwalt Cullen Post einen Aufschub der Hinrichtung. Und der ermöglicht es ihm, mit einer DNA-Analyse nachzuweisen, dass alle sieben am Tatort sichergestellten Schamhaare von einem Mann namens Mark Carter stammen.

Es wäre wohl besser gewesen, wenn sich John Grisham in „Die Wächter“ auf einen Fall konzentriert hätte. Ungeachtet dessen handelt es sich um einen ebenso spannenden wie erschütternden Justizthriller, um beste und zugleich aufschlussreiche Unterhaltung mit einem ernsthaften Anliegen.

Den Roman „Die Wächter“ von John Grisham gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Charles Brauer (ungekürzt: ISBN 978-3-8371-4613-4; gekürzt: ISBN 978-3-8371-4611-0).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020

John Grisham (kurze Biografie / Bibliografie)

John Grisham: Der Klient (Verfilmung)
John Grisham: Die Kammer
John Grisham: Der Verrat
John Grisham: Das Urteil (Verfilmung)
John Grisham: Das Fest
John Grisham: Der Anwalt
John Grisham: Das Geständnis
John Grisham: Das Komplott
John Grisham: Die Erbin
John Grisham: Der Gerechte
John Grisham: Bestechung
John Grisham: Das Original
John Grisham: Das Bekenntnis

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