Wolf Haas : Müll

Müll
Müll Originalausgabe Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2022 ISBN 978-3-455-01430-3, 287 Seiten ISBN 978-3-455-01431-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach seinem Ausscheiden bei der Wiener Kriminalpolizei versuchte sich Simon Brenner als Privatdetektiv, aber inzwischen arbeitet er als Mistler (Müllwerker) auf einem Mistplatz (Recyclinghof) in Wien. Dort werden nach einem Knie weitere Leichenteile gefunden. Von der Tochter des Toten erfahren die Ermittler, dass ihr Vater seit Jahren eine Affäre hatte. Auch aufgrund der Statistik geht die Kriminalpolizei zunächst von einer Beziehungstat aus und fahndet nach der Witwe – vergeblich, sie ist verschwunden ...
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Kritik

Die humorvolle, auch makabere Groteske "Müll" von Wolf Haas dreht sich um Organtransplantation – und der Schauplatz Recyclinghof spiegelt das Thema. Das Besondere ist der Wiener Schmäh des namenlosen Ich-Erzählers. Er spricht die Leserinnen und Leser kumpelhaft an und schwadroniert mit Sätzen in eigenwilliger Grammatik über Wichtiges und Unwichtiges, statt stringent durch die Handlung zu führen. Das wirkt, als sei der Text nicht geschrieben, sondern beim Bier im Plauderton gesprochen.
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Knie in Wanne 4

Nach seinem Ausscheiden bei der Wiener Kriminalpolizei versuchte sich Simon Brennen als Privatdetektiv, aber inzwischen arbeitet er als Mistler (Müllwerker) auf einem Mistplatz (Recyclinghof) in Wien. Dort stößt einer seiner Kollegen auf ein menschliches Knie.

Wenn du schon am Anfang das Zeug in die falsche Wanne schmeißt, alles umsonst. Knie in Wanne 4, da kannst du von einem Kreislauf nur träumen. Menschliches Knie wäre natürlich, wenn schon, Biomüll. Wanne 19. Oder zur Not, zur äußersten Not von mir aus Kompost. Wanne 12. Also abgesehen davon, dass ein menschlicher Körperteil am Mistplatz sowieso nichts zu suchen hat, das muss ich hoffentlich nicht extra sagen. Menschliche Körperteile: Magistratsabteilung 43, Friedhöfe. Und nicht Magistratsabteilung 48, Abfallwirtschaft.

Bis die Polizei eintrifft, finden die Mistler weitere Körperteile. Am Ende fehlt nur das Herz.

Alexander Kopf, einer der beiden Kriminalkommissare, die in dem Fall ermitteln, kennt Brenner, denn der war einmal sein Ausbilder.

Eine Auswertung der Aufzeichnungen der Überwachungskameras ergibt, dass sich die Leichenteile in den Umzugskartons und Müllsäcken befanden, die mit einem Lieferwagen des Transportunternehmens TOBIAS auf den Mistplatz gebracht wurden. Der 37-jährige Fahrer Nguyen ist seit eineinhalb Jahren dort angestellt, liefert Pakete aus und arbeitet auch als Chauffeur des Firmeneigners, den alle Tobias nennen, der jedoch Otto Baier heißt. Der Firmenname steht für „Transporte Otto Baier Innsbruck Aschau Salzburg“. Die Zentrale befindet sich im Chiemgau.

Rasch stellt sich heraus, dass es sich bei dem Toten um Franz Schall handelt. Aufgrund der Statistik halten die Ermittler zunächst eine Beziehungstat für wahrscheinlich – und fahnden vergeblich nach der Witwe Magdalena Schall.

Von Iris Schall erfahren Brenner und die Kommissare, dass ihr Vater Franz seine Ehefrau seit Jahren mit ihrer besten Freundin Roswitha betrog, zuletzt zur Geliebten ziehen wollte und deshalb seine Sachen in Umzugskartons gepackt hatte.

Bettgeher

Brenners Freundin trennt sich von ihm.

[…] da fliegst du schnell einmal hinaus, wenn du die Socken an der falschen Stelle liegen lässt. Oder um die ganze Wahrheit zu sagen, eigentlich war es nicht die falsche Stelle, sondern die falschen Socken, sprich Socken von der Freundin der Freundin.

Weil er nicht länger bei seiner Freundin wohnen kann, wird der obdachlose Brenner zum Bettgeher. Das heißt, er bricht in Wohnungen bzw. Häuser ein, deren Bewohner vorübergehend nicht da sind, um ein Dach über dem Kopf zu haben.

Mitten in der Nacht wird der im fremden Bett schlafende Brenner mit einem Schminkkoffer bewusstlos geschlagen. Die Juristin Rossi zerstritt sich im Urlaub mit ihrem Mann, kehrte allein nach Wien zurück und fand einen Fremden im Bett ihres Mannes vor. Als Brenner zu sich kommt, ist er mit den Handschellen, ohne die Herr Rossi seine ehelichen Pflichten nicht mehr hätte erfüllen können, ans Bett gefesselt. Aber als der Ehemann klingelt, befreit seine Frau Brenner und lässt ihn durch die Terrassentür hinaus.

Herz

Roswitha, die Geliebte des Zerstückelten, findet dessen Herz in der Tiefkühltruhe, und zwar mit einer Notiz: „Da hast du es. Sein Herz gehört dir.“ Iris erkennt die Handschrift ihrer Mutter – nach der die Polizei noch immer vergeblich sucht. Weil es keine Einbruchsspuren gibt, hat Magdalena Schall wohl die Schlüssel ihres toten Mannes benutzt, um in die Wohnung ihrer Rivalin einzudringen.

Bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Leichenteile stellt sich heraus, dass Franz Schall an einem Herzinfarkt starb. Es gibt also gar keinen Mordfall. Die Witwe zerstückelte lediglich die Leiche und ließ sie verschwinden, nachdem sie das Herz für ihre Zwecke missbraucht hatte.

Brenner erfährt von Kopf nicht nur das, sondern auch, dass die Polizei Magdalena Schall gefunden hat. Die Krebskranke starb unter ihrem Mädchennamen Baier im Hospiz „Haus Ufer“ an ihrem Geburtsort am Chiemsee. Sie war die Schwester des Transportunternehmers Otto Baier, aber die beiden hatten seit vielen Jahren keinen Kontakt, und Iris hatte man als Kind gesagt, ihr Onkel Otto sei gestorben.

Der Praktikant

Als das Unternehmen TOBIAS das Computersystem kürzlich umstellte, beauftragte Otto Baier seinen Fahrer Nguyen, die alte Festplatte von der Firma Reisswolf schreddern zu lassen. Aber stattdessen brachte Nguyen sie zu Cornelius („Coco“) Pyrk, den er als Praktikant auf dem Mistplatz kennengelernt hatte und von dem er wusste, dass er sich mit IT auskannte. Der sollte die gelöschten Daten wiederherstellen.

Cornelius kommt nicht mehr auf den Mistplatz und ist verschwunden. Brenner entdeckt schließlich einen Partezettel (Todesanzeige), demzufolge der 23-Jährige in Chieming am Ostufer des Chiemsees tödlich mit dem Fahrrad verunglückte, also in der Nähe der TOBIAS-Firmenzentrale und des Hospizes, in dem Magdalena Schall starb. Wie hängt das alles zusammen?


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Lebensbeichte

Otto Baier lässt sich von Nguyen nach Aschau fahren. Unterwegs sagt er, ihm sei nicht entgangen, dass Nguyen an den Daten auf der Festplatte interessiert war. Anfangs habe er angenommen, Nguyen wolle die Kundenkartei haben, um sich selbstständig machen zu können, aber dann sei ihm klar geworden, dass es um die Organbuchhaltung ging.

Und Otto Baier berichtet weiter. Sein Vater hatte ihm und seiner Schwester die Erbkrankheit Aniridie weitergegeben. Er sieht deshalb schlecht, aber seine Schwester Magdalena litt nicht darunter. Bei den Kindern war es genau umgekehrt: seine Nichte Iris kam fast blind zur Welt, sein gleichaltriger Sohn Tobias sah dagegen einwandfrei. Vor 23 Jahren war Baier mit dem drei Jahre und fünf Monate alten Sohn auf einem Volksfest in einem Nachbarort seiner Heimatgemeinde Aschau. Dabei betrank er sich, und weil sie zu spät nach Hause fuhren und mit Ärger rechnen mussten, drückte er das Gaspedal zu weit durch – bis der Wagen von der Straße abkam und in einen Bach stürzte. Mit dem schwer verletzten Sohn in den Armen rannte er zu seiner in der Nähe wohnenden Schwester, die ihren kleinen Neffen sofort ins Krankenhaus brachte, während Baier sich wegen des Alkoholspiegels erst einmal versteckte.

Die Ärzte konnten Tobias nicht retten. Bei der Ankunft im Krankenhaus war er bereits hirntot. Weil sein Vater nicht da war, erklärte seine Tante ihr Einverständnis zur Organentnahme – und die fast blinde Iris erhielt die Regenbogenhaut ihres Cousins Tobias.

Otto Baier prozessierte jahrelang gegen seine Schwester, konnte aber nichts mehr ändern. Er habe das Leben seines Sohnes auf dem Gewissen, konstatiert Baier, aber seither 87 Menschen durch Organhandel gerettet.

Nguyen hört zu und tut so, als habe er noch nicht begriffen, dass „er selber das Frachtgut ist, das hier transportiert wird“. Er hofft noch immer, den verbrecherischen Chef von seinem Vorhaben abbringen zu können.

Wenn ich es vermassle, werde ich schon übermorgen auf ein paar kranke Menschen verteilt weiterleben, hat er sich gesagt.

Otto Baier entnimmt seiner Aktentasche eine Pistole. Damit habe er Cornelius niedergeschossen, erklärt er, als dieser aufgrund seiner Kenntnis der Organbuchhaltung zum Chiemsee geradelt sei. Die Ärzte in der Klinik am See, mit denen er seit langem zusammenarbeitet, ließen die Kugel verschwinden und entnahmen Organe.

Verfolgungsjagd und Showdown

Weder Baier noch Nguyen ahnen, dass sie verfolgt werden. Als Brenner erfuhr, dass der Chef des Transportunternehmens mit seinem Fahrer unterwegs nach Aschau ist, sprang er in den voll beladenen Altglaslaster auf dem Mistplatz und raste los. Vor ihm ist auch noch der Audi der Kriminalpolizei.

Kopf und sein Kollege Savic hätten den TOBIAS-Lieferwagen beinahe eingeholt, aber an der unsichtbaren Grenze zwischen Österreich und Deutschland bleiben sie abrupt stehen, wie ein Hund, der an der Grundstücksgrenze einen Stromstoß durchs Halsband bekommt. Weil sie inzwischen gehört haben, dass ein Altglaslaster in Wien gestohlen wurde, stellen sie das Polizeifahrzeug mit eingeschaltetem Blaulicht quer – und halten Brenner auf.

Der bestürmt Kopf, ihn durchzulassen, denn es sei „nur noch eine Frage von Stunden, bis die Organe vom Herrn Nguyen an ein paar Bedürftige auf der anderen Seite der Grenze verteilt werden“. Aber der Kommissar erwidert:

„Brenner, so viele Augen hab ich nicht, wie ich da zudrücken müsste.“ […]
Der Brenner und der Savic haben sich ängstlich in die Augen geschaut, sprich: Hoffentlich sagt der Kopf jetzt nicht das mit den Hühneraugen.
„Nicht einmal, wenn ich meine Hühneraugen mitzähle“, hat der Kopf gesagt.
„Und dass der Tobias-Fahrer da drüben ausgebeint und stückweise in ein paar deutsche Millionäre eingesetzt wird, ist euch egal, oder?“
„Wir haben schon Amtshilfe beantragt“, hat der Savic ihm erklärt.
„Amtshilfe? Wann habt ihr die deutschen Kollegen verständigt?“
„Du weißt genau, dass wir das nicht selber machen können. Wir haben in Wien angerufen.“

In diesem Augenblick taucht Frau Rossi mit ihrem Tesla auf. Brenner steigt zu ihr ins Auto, und sie fahren weiter nach Deutschland. Iris erklärt am Telefon, dass sie gerade im Hospiz „Haus Ufer“ sei, um die Urne ihrer Mutter zu übernehmen. Nachdem Frau Rossi und Brenner vergeblich bei der Klinik am See nach dem TOBIAS-Lieferwagen suchten, fahren sie zum „Haus Ufer“, und Iris steigt ein.

Margarete hinterließ auf ihrem Handy Nachrichten für ihre Tochter, die Iris gerade erst abhörte. Sie weiß nun, dass sie die Regenbogenhaut ihres Cousins Tobias transplantiert bekam und hat vom Unfall vor 23 Jahren beim Eis-Kiosk Johann Krieg („Eiskrieg“) erfahren. Sofort machen sie sich auf den Weg dorthin. Aber eineinhalb Kilometer vor dem „Eiskrieg“ ist der Akku des Tesla leer. Zu Fuß laufen Iris und Brenner weiter.

Sie stehen bereits vor dem „Eiskrieg“, als sie den sich nähernden TOBIAS-Transporter sehen. Hinter dem Lenkrad sitzt der Firmenchef statt seines Chauffeurs. Den hat er beim Halten an einem Stoppschild mit einer Injektion betäubt und auf den Beifahrersitz gezerrt.

Brenner stellt sich ihm in den Weg, deutlich sichtbar durch die orangefarbige Mistler-Kleidung. Baier bremst und bleibt mit dem Transporter an der Leitplanke hängen, die damals nach dem für seinen Sohn tödlichen Unfall angebracht wurde.

Iris schaut ihren Onkel mit den Augen seines Sohnes an.

Baier hält sich die Pistole an den Kopf. In diesem Augenblick kracht der Altglaslaster mit den beiden Kriminalkommissaren in den Lieferwagen. Kopf fordert Baier auf, die Waffe fallen zu lassen. Der nimmt daraufhin seine Nichte als Geisel und schießt den Kommissar nieder. Dann stößt er Iris weg, springt in den Altglaslaster, rast damit durch Hecken und andere Hindernisse hindurch zum See und stürzt über die Kaimauer ins Wasser.

Iris erbt das Transportunternehmen ihres toten Onkels und setzt Nguyen als Geschäftsführer ein.

Alexander Kopf wird in der Klinik am See operiert und erhält dort Ersatz für die durch den Schuss zerstörte Niere.

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1996 erschien Wolf Haas‘ erster Roman über den Antihelden Simon Brenner. „Müll“ ist der neunte Band dieser Buchreihe.

Man kann „Müll“ als unterhaltsamen Kriminalroman lesen, aber Wolf Haas verwendet genretypische Gestaltungselemente in der Buchreihe eigentlich nur, um gesellschaftskritische Themen aufzugreifen. In „Müll“ geht es um Organtransplantation bzw. Organhandel. Dass ein wesentlicher Teil der Handlung auf einem Recyclinghof spielt, ist eine gelungene Metapher.

Während einem Hirntoten nach österreichischem Recht Organe entnommen werden können, falls er nicht Widerspruch eingelegt hat, ist es in Deutschland nur erlaubt, wenn ein Organspendeausweis vorliegt oder ein Angehöriger ausdrücklich zustimmt.

Ich kann dir sagen, es ist eine umstrittene Materie. Wenn ein Österreicher in Deutschland stirbt. Oder auch umgekehrt. Ein Deutscher stirbt in Österreich. Gilt dann das österreichische Recht oder das deutsche für die Organe? Ich kann dir sagen, zwei Juristen, drei Meinungen.

Gilt jetzt das öffentliche Recht des jeweiligen Landes, oder gilt das Persönlichkeitsrecht des jeweiligen Hirntoten? Darf man in Österreich dem deutschen Schifahrer die Organe herausnehmen, obwohl er keine Zustimmung unterschrieben hat? Oder ist es umgekehrt? Zählt der Mensch mehr als das Land? Dann darf man in Deutschland dem Österreicher die Organe herausnehmen, obwohl man beim Deutschen nicht dürfte. Verstehst? Natürlich nur, wenn er hirntot ist.

Wolf Haas geht es allerdings nicht um eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema. Nein, „Müll“ ist eine humorvolle, auch makabere Groteske.

Das Besondere an allen Bänden der Buchreihe von Wolf Haas über Simon Brenner ist der Wiener Schmäh des namenlosen Ich-Erzählers, über dessen Person man nichts weiter erfährt. Er spricht die Leserinnen und Leser kumpelhaft an und schwadroniert mit Sätzen in eigenwilliger Grammatik über Wichtiges und Unwichtiges, statt stringent durch die Handlung zu führen. Das wirkt, als sei der Text nicht geschrieben, sondern beim Bier im Plauderton gesprochen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Hoffmann und Campe Verlag

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