Monika Helfer : Vati

Vati
Vati Originalausgabe Carl Hanser Verlag, München 2021 ISBN 978-3-446-26917-0, 172 Seiten ISBN 978-3-446-26990-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Lazarett, wo ihm ein Unterschenkel amputiert wird, begegnet Josef Helfer der Krankenschwester Grete Moosbrugger, die ihm schließlich einen Heiratsantrag macht. 1947 bringt sie Monika zur Welt. Die Familie wohnt dann in einem Kriegsopfer-Erholungsheim, dessen Leitung der Vater übernommen hat. Als es zu einem Berggasthof umfunktioniert und die Bibliothek aufgelöst werden soll, versucht er, Bücher zu retten. Weil er jedoch befürchtet, als Dieb angezeigt zu werden, schluckt er Gift ...
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Kritik

Assoziativ zwischen verschiedenen Zeiten, Anekdoten und Reflexionen hin und her springend, entwickelt Monika Helfer in ihrem Roman "Vati" ein vielschichtiges Porträt ihres bibliophilen Vaters vor dem Hintergrund der Nachkriegsgesellschaft, in dem Skurrilität und Absurdität, Komödie und Tragödie dicht beieinander liegen. Behutsam und verständnisvoll tastet sie sich an ihr Thema heran.
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Erster Weltkrieg

Monika Helfers Großeltern mütterlicherseits, Maria und Josef Moosbrugger, leben 1914 mit ihren vier Kindern, zwei Kühen und einer Ziege auf einem Hof oberhalb eines Bergdorfs im Bregenzerwald. Im September 1914 wird Josef zum Kriegsdienst eingezogen. Als die Schwangerschaft seiner als Schönheit geltenden Frau einige Monate später nicht mehr zu übersehen ist, zerreißen sich die Dorfbewohner das Maul über die vermeintliche Ehebrecherin. Der Pfarrer kommt eigens mit einem Burschen herauf, um das Kreuz vom Haus abzuschlagen.

An Weihnachten 1918 kehrt Josef aus dem Krieg zurück, erkennt die Tochter Margarethe („Grete“) nicht an und redet zeitlebens kein Wort mit ihr. Nachdem Maria sieben Kinder geboren hat − Katharina („Kathe“), Grete, Irma, Heinrich, Lorenz, Walter und Josef („Sepp“) −, stirbt sie im Alter von 32 Jahren, und bald darauf folgt Josef ihr ins Grab.

Josef in Mariapfarr

Monika Helfers Großmutter väterlicherseits wird vermutlich von dem Bauern in Mariapfarr in der oberösterreichischen Region Lungau geschwängert, bei dem sie als Magd arbeitet. Der Bauer streitet seine Vaterschaft nicht ab, gibt sie aber auch nicht zu. Darüber redet er einfach nicht. Grete wohnt mit ihrem Sohn Josef in einem Schuppen (Schopf) mit einen Fußboden aus gestampftem Lehm, der bei anhaltend nassem Wetter von unten her aufweicht.

Ein Haus aus Stein besitzt in Mariapfarr nur der Baumeister Brugger. Sein Sohn geht mit Josef Helfer in die Schule, und weil Josef mit Abstand die besten Zeugnisse bekommt, lässt der Baumeister den Umgang seines Sohnes mit dem vaterlosen Kind einer Magd nicht nur zu, sondern lädt Josef ein, in seiner Privatbibliothek zu sitzen und Bücher zu lesen. Aber als er bemerkt, dass der seltsame Junge angefangen hat, einen ganzen Roman abzuschreiben, kommt ihm das unter dem Einfluss seiner Frau unheimlich vor, und er unterbindet den Umgang seines Sohnes mit ihm. (Brugger Junior ist später einer der Ersten, die sich zur Hitlerjugend melden, und als SS-Mitglied verbrennt er in Salzburg Bücher.)

Obwohl der Baumeister nichts mehr von Josef wissen will und sich auch nicht an seine Zusage hält, dessen Schulbildung mitzufinanzieren, erreicht der Dorfpfarrer, dass der kluge Schüler trotz seiner Herkunft ein Gymnasium besuchen und in einem Schülerheim in Salzburg wohnen kann. Dabei geht der Pfarrer davon aus, dass Josef ebenfalls Geistlicher wird.

Zweiter Weltkrieg

Aber es kommt anders: Ein halbes Jahr vor der Matura muss Josef Helfer in den Krieg. Und in Russland kommt der 24-Jährige mit Erfrierungen in ein Lazarett, wo ihm wegen Wundbrands ein Unterschenkel amputiert werden muss.

In diesem Lazarett ist Grete Moosbrugger als Krankenschwester tätig. So lernen sich Monika Helfers Eltern kennen, und es ist schließlich die Frau, die dem Mann einen Heiratsantrag macht.

Ohne sich abzumelden, machen die beiden sich aus dem Lazarett davon, nachdem Grete Krücken und einen Mantel für ihn gestohlen hat.

Am 18. Oktober 1947 bringt Grete Helfer in der zum Bezirk Bregenz im österreichischen Bundesland Vorarlberg gehörenden Gemeinde Au die Tochter Monika zur Welt. Deren Schwester Margarethe („Gretel“) ist zu diesem Zeitpunkt bereits eineinhalb Jahre alt.

Kriegsopfer-Erholungsheim

Der Vater erhält eine Anstellung als „Verwalter oder Leiter oder Hausmeister oder Hausherr — die einen sagten so, die anderen anders —“ des Kriegsopfer-Erholungsheims auf der Tschengla angeboten, einem Hochplateau in Vorarlberg.

[…] ich träume mich auf die Tschengla, 1220 Meter über dem Meer, zurück ins Jahr 1955, ich war acht […]

Wir hatten eine Köchin und ein Dienstmädchen. Und wenn ich weiter mich vornehm ausdrücken möchte, dann hatten wir obendrein ein Kindermädchen. Das Kindermädchen war unsere Tante Irma, die jüngere Schwester meiner Mutter, damals noch unverheiratet, aber heftig umworben von ihrem späteren Mann, einem blinden Koloss. Das Dienstmädchen hieß Lotte.

Zwei Drittel des Jahres wohnten nur wir hier, Vater, Mutter, Gretel, Richard und ich. Und die Köchin. Und Lotte, die Küchenhilfe. Und der Mann der Köchin [Herr Fritsch], der zog irgendwann ein, dann zog auch unsere Tante Irma ein, die jüngere Schwester unserer Mutter. Die hatte sonst nichts.

Tante Irma bewährt sich nicht nur als Stubenmädchen, sondern erledigt auch Sekretariatsarbeiten und beaufsichtigt das übrige Personal. Für den Verwalter und seine Familie stehen offiziell zwei Zimmer zur Verfügung, ein Schlafzimmer und eine Wohnküche, aber Josef Helfer requiriert zwei weitere Räume, und in den Monaten ohne Gäste können sich die Familienmitglieder frei im ganzen Haus bewegen. Für die Kinder ist das paradiesisch.

Im Juni, Juli und im August kam die Kundschaft. Und in der Karwoche und bis zum Weißen Sonntag. Das war eine schöne Abwechslung. Einbeinige, Einarmige, Hustende, Männer im Rollstuhl, Einäugige mit Seeräuberbinde, Blinde mit einem weißen Stock, Stumpfsinnige, Verlorene, Abgeschobene, Vergessene. Solche, die man nicht gerne sah. Weil sie an den Krieg erinnerten. Die im Weg standen. Bei uns hatten sie es lustig.

Die Bibliothek des Erholungsheims

Das Heim in Österreich gehört einem philanthropischen Verein in Stuttgart. Unter den Mitgliedern ist ein Professor in Tübingen, dessen Sohn seit dem Krieg „ein ganzer Arm fehlt[e] und ein halbes Bein und drei Viertel seines Verstandes“. Den lässt Josef Helfer gegen alle Regeln ein ganzes Jahr lang im Erholungsheim auf der Tschengla verbringen, und der dankbare Vater vermacht der Einrichtung dafür später einen Großteil seiner wertvollen Bibliothek.

Als man mit einer neuen Seilbahn zur Tschengla hinauffahren kann, plant der Verein, das Anwesen in Zukunft nicht nur drei oder vier Monate pro Jahr als Erholungsheim zu nutzen, sondern einen Berggasthof daraus zu machen. Und weil dabei aus der Bibliothek zwei kleine Gästezimmer gemacht werden sollen, beginnt Josef Helfer, Bücher zu retten.

Er besucht zu dieser Zeit − Ende der Fünfzigerjahre − jede Woche von Freitagabend bis Sonntagvormittag eine Einrichtung unten im Tal, um die Matura nachzuholen, denn er möchte Chemie studieren und mit seiner Familie in irgendeine Stadt ziehen. In das kleine Zimmer, das er sich in Bludenz gemietet hat, bringt er nun jede Woche einen Koffer voll Bücher und stapelt sie dort.

Viel zu früh kündigen sich ein Architekt und ein Rechnungsprüfer an, die Umbaupläne vorbereiten bzw. die Einrichtung inventarisieren wollen. Mit Hilfe seiner Tochter Monika schleppt Josef Helfer vier große, in Wachstischtücher verpackte Bücherpakete in den nahen Wald und vergräbt sie dort.

Aber dann sieht er, wie der Rechnungsprüfer eine von dem Tübinger Professor angefertigte Liste der dem Erholungsheim vererbten Bücher aus der Tasche zieht …

Das Dienstmädchen Lotte findet Josef. Er hat Gift geschluckt. Die Feuerwehr bringt ihn ins Spital hinunter, wo ihm ein Stück des Magens herausoperiert werden muss. Ein ganzes Jahr lang liegt er im Krankenhaus.

Übrigens interessiert sich weder der Rechnungsprüfer noch sonst jemand vom Verein für den Buchbestand.

Er hat das Gift umsonst geschluckt.

Verwaist

Grete Helfer ist erneut schwanger.

Ich dachte: Jetzt, wo der Richard noch nicht einmal ganz fertig ist.

Während der Vater weiter im Krankenhaus liegt, bringt die Mutter die Tochter Renate zur Welt. Und zur gleichen Zeit erfahren die Kinder, dass Grete an Krebs erkrankt ist.

Als die Mutter stirbt, ist Monika elf, Renate erst zwei Jahre alt.

Zu diesem Zeitpunkt wohnt schon niemand von der Familie Helfer mehr auf der Tschengla. Um Richard kümmert sich Tante Irma, die seit kurzem verheiratet ist. Onkel Pirmin ist blind und ein Koloss. Er arbeitet als Masseur und hat schon bald eine Geliebte. Gretel, Monika und Renate werden von Tante Kathe und Onkel Theo aufgenommen.

Wir kamen nach Bregenz. In die Südtirolersiedlung. In die Dreizimmerwohnung, wo bereits fünf Personen lebten. […] So viele Menschen! So wenig Platz! Tante Kathe hatte ja auch noch drei Kinder, zwei Buben und ein Mädchen in unserem Alter und ein bisschen älter.

Ihr Mann mischte sich nicht ein. Er saß in der Küche und trank Bier, rechts von ihm standen die vollen, links die leeren Flaschen, dazwischen der Aschenbecher, darüber hinweg sein Blick ins Weltall.

Ich vermisste unseren Vater, und Gretel vermisste ihn auch. Und Renate vergaß ihn. Nicht einmal zu Weihnachten besuchte er uns. Und auch nicht zu Silvester. Und Richard vergaßen wir auch fast. Wie kann man fast vergessen …

Neuanfang

Monika ist fast 14 Jahre alt, als Tante Kathe anordnet, dass die Mädchen den Vati erstmals besuchen dürfen. Er lebt in einer Klause, die ihm die Barmherzigen Schwestern in ihrem Kloster aus Mitleid zur Verfügung gestellt haben.

Onkel Sepp mag nicht länger zusehen, wie sein Schwager Josef zugrunde geht. Er überredet deshalb die in Genf lebende erfolgreiche Schneidermeisterin Ottilie, Josef Helfer zu heiraten und vermittelt ihm auch eine Stelle beim Finanzamt in Bregenz.

Wie es dieser hübsche Mann mit den bescheidenen Manieren und der vollendeten Garderobe fertiggebracht hatte, eine Frau mit einer Karriere in der nahen Zukunft zu überreden, auf diese Zukunft zu verzichten und einen Invaliden zu heiraten, der vier Kinder hatte — ich kann darüber grübeln, bis die Sonne unter- und wieder aufgeht, draufkommen tu ich nicht! Er selbst hatte so wenig Glück! Da hat ihm sein Bruder Walter, der Frauenflüsterer, die Prostituierte abgegeben, mit der er sich eine Weile herumgetrieben hat, nicht als ihr Zuhälter, sondern als ganz normaler Liebhaber, und mein Onkel Sepp, der Schüchterne, hat diese Frau geheiratet. Warum hat er das getan? Onkel Lorenz hat ihn angebrüllt, es war bei uns zu Hause, Onkel Walter hat ihn angebrüllt, Tante Kathe hat ihn angefleht — nichts. Die Frau hat ihn unglücklich gemacht. Sie ist weiter auf den Strich gegangen […]. Aber dann ließ er sich scheiden. Onkel Lorenz kam mit einer Fünfliterflasche Sekt, Onkel Walter mit einem Ferkel, unten am See haben wir gegrillt und Onkel Sepp hochleben lassen, aber nach einem Jahr hat er dieselbe Frau wieder geheiratet.

Monikas Vater lebt tatsächlich wieder auf, bringt es zum Leiter der Personalabteilung, holt seine vier Kinder zu sich und zeugt mit seiner zweiten Ehefrau noch einen Sohn und eine Tochter.

Schließlich übernimmt Josef Helfer die Leitung der öffentlichen Bücherei seines neuen Wohnorts.

Freudig nahm mein Vater sein Angebot an, um dann festzustellen, dass das Inventar eine einzige Enttäuschung war. Nicht ein Buch hätte er sich ausleihen wollen, nicht eines hätte er geschenkt haben wollen.

Als es Geld für Neuanschaffungen gibt und der Bürgermeister Josef Helfer die Entscheidung überlässt, welche Bücher gekauft werden sollen, trifft dieser eine sorgfältige Auswahl.

Unser Vater dachte lange Nächte nach. Seine Liste war umfangreich, und nicht ein einziges Werk war darunter, für das sich in der Gemeinde mehr als zwei Leser interessieren würden, wenn überhaupt einer.

Der Lieferwagen kommt an einem der Tage, an dem die Ausleihe geschlossen ist. Stundenlang sitzt Monika Helfers 67 Jahre alter Vater zwischen den Bücherstapeln und blättert  freudig in den neuen Büchern.

Er saß so lange, und draußen dunkelte es schon ein, da klingelte das Telefon. Er stützte sich auf, versuchte aufzustehen, was mit der Prothese nicht einfach war, und humpelte durch die Bücherberge. Er verfing sich an einem Stapel, der fiel um und riss ihn mit. Unser Vater stürzte zu Boden und war tot.

Erinnerung

Zehn Jahre nach seinem Tod besucht Monika Helfer ihre über 80 Jahre alte Stiefmutter, um von ihr mehr über „Vati“ zu erfahren.

„Ich möchte einen Roman über ihn schreiben.“

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In ihrem Roman „Bagage“ erzählt Monika Helfer aus ihrer Familiengeschichte und vor allem von ihrer Großmutter Maria Moosbrugger. Im Mittelpunkt ihres ebenfalls autobiografischen Romans „Vati“ steht dagegen der Vater Josef Helfer.

Die Autorin schildert, wie sie mit ihrer Stiefmutter über den Vater redet, um für das geplante Buch mehr über ihn herauszufinden. Sie rekonstruiert in „Vati“ die Lebensgeschichte des Mannes aus dem, was sie von anderen erfährt und aus eigenen Erinnerungen. Dabei springt sie assoziativ zwischen den Zeitebenen, anekdotischen Szenen und nachdenklichen Reflexionen hin und her. Die Darstellung bleibt bewusst fragmentarisch, und Monika Helfer versucht auch nicht krampfhaft, Leerstellen mit Fiktion oder Vermutungen zu füllen. Stattdessen tastet sie sich ebenso behutsam und verständnisvoll wie unsentimental an ihr Thema heran.

Auf diese Weise ist mit „Vati“ ein vielschichtiges Porträt vor dem Hintergrund der Nachkriegsgesellschaft entstanden, in dem Skurrilität und Absurdität, Komödie und Tragödie dicht beieinander liegen.

Den Roman „Vati“ von Monika Helfer gibt es auch als Hörbuch, gelesen von der Autorin (Regie: Michael Köhlmeier).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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Bis zum nächsten Buchtipp wird es etwas länger dauern, denn aus medizinischen Gründen darf ich vorübergehend nicht lesen.