Michaela Kastel : So dunkel der Wald

So dunkel der Wald
So dunkel der Wald Originalausgabe Emons Verlag, Köln 2018 ISBN 978-3-7408-0293-6, 303 Seiten ISBN 978-3-96041-338-7 (eBook) Taschenbuch btb, München 2020 ISBN 978-3-442-71932-7
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die entführten Kinder und Jugendlichen, die der 57-Jährige auf einem abgelegenen Hof in seiner Gewalt hat, nennen ihn "Paps". Die drei Älteren reizen ihn längst nicht mehr, aber sie freizulassen, wäre zu riskant. Stattdessen zwingt er sie, sich nützlich zu machen und auf die Kinder aufzupassen.
mehr erfahren

Kritik

Wie verhalten sich entführte, terrorisierte und missbrauchte Kinder und Jugendliche, wenn der Verbrecher fort ist? Dieser Frage geht Michaela Kastel in ihrem außergewöhnlichen Kriminalroman "So dunkel der Wald" nach.
mehr erfahren

Das Sonnentor

Wir nennen es Sonnentor – das dunkle Loch mitten im Felsen, in das Paps uns wirft, wenn wir nicht artig waren.
Der Schacht führt etwa fünf Meter ins Innere des Berges hinab. Die Höhle, in die er mündet, ist eng, doch für ein zusammengekauertes Kind reicht der Platz allemal.

Jannik steigt mit Ronja zum Gipfel hinauf. Von ihm gesichert, seilt Ronja sich in der Höhle ab und schaut nach Lola. Aber die beiden können die Zwölfjährige nur noch tot bergen.

Noch vor zwei Wochen kannten wir sie nicht. Paps wird sich ein neues Mädchen holen.

Paps hatte Lola vor einer Woche aus Ybbs an der Donau mitgebracht. Vor drei Tagen versuchte sie wegzulaufen, aber der 57-jährige Jäger fing sie wieder ein und warf sie zur Strafe in das Loch.

Es war nicht geplant, dass sie so schnell stirbt.

Die beiden vergraben die Leiche des Kindes an der Höllenkanzel, wo auch alle anderen Toten sind. Dann kehren sie zu Paps und den anderen zurück.

Paps wohnt mit Jannik, Ronja, Nika und zwei Kindern weit oberhalb von Dimbach, einer Marktgemeinde eine Autostunde östlich von Linz. Auf dem nur über einen Forstweg erreichbaren Hof gibt es kein fließendes Wasser, nur einen Brunnen und ein Plumpsklo im Freien. Strom wird mit Generatoren erzeugt. Die 20-jährige Ronja hat die Hälfte ihres Lebens hier verbracht, der drei Jahre ältere Jannik ist noch länger da. Die beiden sind inzwischen für Paps zu alt, und die 18-jährige Nika ist außerdem lungenkrank geworden und müsste dringend in ein Krankenhaus. Aber das wäre zu riskant für Paps. Deshalb kann er auch weder Ronja noch Jannik laufen lassen. Stattdessen zwingt er sie, sich nützlich zu machen, Holz zu hacken und auf Theo und Henna aufzupassen, die zehn bzw. sieben Jahre alt sind.

Henna wurde vor einem halben Jahr verschleppt. Als sie fragt, wo Lola nun sei, antwortet Ronja, sie sei durchs Sonnentor gegangen.

Henna blinzelt und schürzt nachdenklich die Lippen. „So wie Mona und Lisa?“
„Genau. Wie Mona und Lisa.“ Und Laura. Und Annika. Gerlinde. Und wie sie alle hießen. Henna kann sich an diese Mädchen nicht erinnern. Sie ist erst zu kurz hier.

Abends hören Ronja und Jannik die bekannten Geräusche aus dem Zimmer der Kleinen und wissen, dass Paps das mit Theo und Henna treibt, was er früher mit ihnen machte.

Flucht

Am Tag nach Lolas Tod darf Ronja mit dem Lada fahren, um Vorräte für die nächsten sechs Wochen zu kaufen. Jannik räumt den über Nacht zugeschneiten Weg mit der Schneefräse.

Ronja hat beschlossen, die Gelegenheit zur Flucht zu nutzen. Sie weiß, dass Jannik nicht mitmachen würde, aber Henna und Theo nimmt sie mit.

Es war ein Fehler, die beiden mitzunehmen, ein riesengroßer Fehler. Denn während ich sonst einen Vorsprung von mindestens zwei Tagen hätte, wird Paps nun sofort begreifen, dass etwas nicht stimmt.

An einer Tankstelle werden Ronja und die Kinder von Paps und Jannik eingeholt, die ihnen mit dem Pick-up gefolgt sind.

Auf dem Weg zurück halten sie ein Stück weit unterhalb des Hofs. Paps fordert Theo und Henna auf, den Rest zu Fuß zu gehen. Mit Ronja und Jannik marschiert er zum „Sonnentor“. Vergeblich versucht Jannik, Paps auszureden, Ronja zur Strafe in die Höhle zu stoßen. In seiner Verzweiflung entreißt Jannik ihm das Jagdmesser, das er am Gürtel trägt und ersticht ihn.

Er hat Jannik beigebracht, wie man tötet.

Paps sei nun ebenfalls durchs Sonnentor gegangen, erklärt Ronja der kleinen Henna.

Freiheit

Ronja möchte fort, aber Jannik meint:

„Wir können nicht weg von hier. Wo sollen wir denn hin? Das hier ist unser Zuhause, und zum ersten Mal können wir tun und lassen, was wir wollen! Wir brauchen die Welt da draußen nicht.“

„Ronja. Die vielen verdammten Leichen unter der Erde. Wir haben beide mitgeholfen, wir haben dabei zugesehen, was er mit ihnen gemacht hat, und wir haben die Gräber geschaufelt. Weißt du, was da draußen mit Menschen wie uns passiert? Wofür die uns halten werden?“

„Wir sind alle drei volljährig. Vor dem Gesetz sind wir strafbar. Gut, Paps war derjenige, der die Kinder entführt hat, aber wir haben einfach dabei zugesehen. Schlimmer noch, wir haben sogar mitgeholfen! Begreifst du’s denn nicht? Die sperren uns ein! Ins Gefängnis oder in eine Irrenanstalt.“

Auf meinen vorsichtigen Vorschlag, das Haus nach dem Winter vielleicht doch zu verlassen und uns bei den Behörden zu melden, reagiert er gewohnt abwehrend.
„[…] Die würden uns nicht helfen, Ronja, die würden uns alles wegnehmen, und weißt du, warum? Weil wir laut deren System überhaupt nicht existieren. Wir haben noch nicht einmal Nachnamen, wie stellst du dir das vor?“

Da begreift Ronja:

Paps mag derjenige gewesen sein, der die beiden entführt hat, doch festgehalten werden sie nun von Jannik und mir, und auch wenn wir es nur zu ihrem Schutz tun, die Polizei würde das mit Sicherheit anders sehen.

Paps mögen wir beseitigt haben, doch die wahre Herausforderung kommt gerade erst auf uns zu. So grausam er sein konnte, so fürsorglich war er auch.

Wir sind Wilde ohne Verständnis für die Welt, die uns nun offensteht.

Sarah Wiesinger

Als in St. Nikola an der Donau eine rote Mütze gefunden wird, hofft Sarah Wiesinger vom Kriminaldezernat Linz, eine Serie von Vermissten-Fällen doch noch aufklären zu können. Es hatte vor mehr 30 Jahren mit der kleinen Fanni begonnen. Seit einer Woche gilt die Schülerin Lola als vermisst.

Da ist die kleine Henna, die vor sechs Monaten verschwunden ist. Dann kommt Lisa mit den vielen Sommersprossen. Ihre Entführung liegt ein gutes Jahr zurück. Acht Monate zuvor traf es Mona, einen süßen Blondschopf mit Locken und Zahnlücke. Die Zwillinge Laura und Annika. Gerlinde, die voller Stolz ihre Puppe in die Kamera hält. Dann ein Sprung von mehreren Jahren. Veronika in ihrem rosafarbenen Einhorn-Pulli. Und schließlich die zehnjährige Ronja. Sie sieht bereits auf dem Foto traurig aus. Als wäre es gemacht worden, nachdem sie verschwunden war. Es ist zehn Jahre her.

Als sich Sarah Wiesinger in einer Tankstelle nahe des Fundorts der roten Mütze etwas zu essen kauft, erzählt ihr der Inhaber von einer Beobachtung am Abend zuvor. Eine junge Frau war mit zwei Kindern da.

„Ein Mann kam herein, offenbar der Vater der jungen Frau. Er wirkte irgendwie aufgebracht. Er hat die Frau und die beiden Kinder mitgenommen.“

Sarah Wiesinger lässt sich den Vorfall auf den gespeicherten Aufnahmen der Überwachungskameras zeigen. Sie sieht, dass der ältere Mann in Begleitung eines jüngeren gekommen war. Die fünf Personen fuhren dann mit einem Pick-up und einem dunklen Lada weg, deren Kennzeichen allerdings nicht zu erkennen sind.

Weil die Kommissarin annimmt, dass es sich bei der jungen Frau um die seit zehn Jahren vermisste Ronja handeln könnte, sucht sie deren Eltern Marie und Thomas Wagner auf. Dann fährt sie zu der Schule, die Ronja damals besuchte und spricht mit der angehenden Lehrerin Viktoria Albrecht, die als Schülerin Ronjas beste Freundin war. Sarah Wiesinger zeigt ihr eine Kinderzeichnung, die ihr beim Besuch des Ehepaars Wagner auffiel und fragt sie nach dem darauf zu erkennenden Auto. Das habe manchmal im Schatten der Bäume vor dem Schultor gestanden, antwortet Viktoria Albrecht.

„Irgendwie hatte ich ja gewusst, dass mit diesem Mann im Auto etwas nicht stimmte. Aber ich hatte nie ein Wort gesagt. Nicht zu meinen Eltern, nicht zu Ronja, einfach zu niemandem! Und dann war sie verschwunden […]“

Die Polizei überprüft alle Halter von dunklen Ladas in der Gegend. Dabei kommt Sarah Wiesinger zur Adresse von Silas Thalhammer in Dimbach. Aber in dem verfallenen Haus wohnt schon lange keiner mehr, und ein Nachbar sagt ihr, dass Silas Thalhammer vor langer Zeit gestorben sei. Sein Sohn habe die Ruine geerbt.

„Tatsächlich? Wissen Sie, wo ich ihn finde?“
„Ach, da müssen Sie ein ganz schönes Stückchen fahren. Ist das Ihr Ford dort hinten?“ Sarah nickt. „Vergessen Sie’s. Mit dem Vehikel schaffen Sie das nie. Der junge Thalhammer wohnt ganz weit draußen im Wald. Ist Jäger, der Bursche.“
„Jäger, sagen Sie.“ Sarah dreht sich noch einmal nach der Baracke um. „Und dieses Haus, was ist damit?“
„Soweit ich weiß, benutzt er es nicht.“
„Wohnt er dort draußen allein?“
„Nein, nein“, winkt der Mann ab. „Er wohnt dort mit seinen Kindern.“
„Wie viele hat er denn?“
„Ich glaube, fünf. Zwei Jungen und drei Mädchen.“
[…]
„Der hat keine Adresse. Ab und zu kommt er vorbei, um seine Post zu holen, aber wo er genau wohnt, weiß ich nicht. Sein Haus liegt ganz tief im Wald. Ich glaube, das hat überhaupt keine Anschrift.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Verfolgung

Ronja und Jannik sind seit zehn Jahren wie Geschwister zusammen – und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, dass sie sich zueinander hingezogen fühlen, nach Liebe sehnen und sich auch sexuell begehren.

Ich sehe den Frust in seinem Gesicht, den gleichen Frust, der auch mich irgendwann zerfressen haben wird, wenn die Barrieren in unseren Köpfen nicht überwunden werden. Es sind die quälenden Gedanken, die uns trennen, das leise, aber immerwährende Gefühl des Ekels – Ekel vor Liebe, voreinander, vor der ganzen Welt. Mit jedem Tag in Paps‘ Gefangenschaft haben wir einen Teil unseres Selbst verloren und seine verdrehte Wirklichkeit angenommen. In dieser Wirklichkeit bedeuten Berührungen Schmutz und Schande, Zärtlichkeit schürt Angst, und Gefühle sind nur Märchen.

Theo befürchtet, dass Jannik wie Paps wird und dessen Rolle übernimmt:

„Er sagt uns ständig, was wir tun sollen. Und er lässt uns hier nicht weg. Wie Paps eben.“

Nika hat Fieber und hustet Blut. Ronja drängt immer stärker darauf, sie in ein Krankenhaus zu bringen, und nach langer Zeit gibt Jannik seinen Widerstand auf. Er trägt Nika zum Lada und fährt mit ihr und Ronja zur weit entfernten Landesklinik in Rohrbach. Dort behaupten sie, eine unbekannte Kranke am Straßenrand gefunden zu haben. Sie mussten damit rechnen, dass noch jemand ein paar Fragen stellen würde. Aber es ist eine Kommissarin aus Linz, die sie nach längerer Wartezeit befragt.

Sarah Wiesinger hat Ronja Wagner erkannt und folgt nun dem dunkelblauen Lada. Ein Anruf bei ihrem Kollegen bestätigt ihre Vermutung, dass das Fahrzeug, auf Silas Thalhammer zugelassen ist. Zugleich erfährt sie, dass es sich bei der Patientin im Krankenhaus um die seit acht Jahren vermisste Veronika Kessler handelt.

Jannik entgeht nicht, dass sie verfolgt werden. Unterhalb des Hofs hält er an, und bevor Ronja etwas unternehmen kann, geht er auf die Kommissarin zu, redet kurz mit ihr und schlägt sie plötzlich nieder.

In einem fensterlosen Raum ohne Licht kommt Sarah Wiesinger wieder zu sich. Jannik hat sie in die Räucherkammer gesperrt und ihr die Hände auf den Rücken gefesselt.

Ronja ist entsetzt: Nun haben sie auch noch eine Polizistin entführt!

Sarah Wiesinger nimmt an, dass der Mann, der sie niedergeschlagen, gefesselt und eingesperrt hat, der gesuchte Kinderschänder sei, der Ronja und die Kinder ebenfalls in seiner Gewalt hat. Allerdings ist er zu jung, um als Täter in den jahrzehntealten Entführungsfällen in Frage zu kommen.

Theo fragt:

„Was ist das für eine Frau da drin? […] Hat Jannik sie entführt? Ist er jetzt wie Paps?“

Während Ronja schläft, bringt Jannik die Kommissarin zum Gipfel hinauf und stößt sie in das Loch. Ihr Auto versenkt er in einem nahen See. Als Ronja herausfindet, was er getan hat, stellt sie ihn aufgebracht zur Rede und fragt ihn, ob er wie Paps werden wolle, aber er hält dagegen: „Ich will uns beschützen.“

In der Nacht macht Ronja sich heimlich auf den Weg zum Sonnentor. Theo hört sie, folgt ihr und holt sie ein.

„Du kannst sie unmöglich allein aus dem Loch holen! Du brauchst meine Hilfe.“

Nachdem Ronja sich mit Theos Hilfe abgeseilt hat, versucht sie, mit der halb toten Frau auf dem Rücken nach oben zu klettern. Plötzlich wird das Seil kraftvoll nach oben gezogen. Theo wäre dafür zu schwach. Ronja weiß, dass es nur einen gibt, der dazu fähig ist: Jannik!

Er will die Polizistin gleich wieder ins Loch werfen, aber Theo bringt ihn zu Fall. Die Männer kämpfen. Sarah Wiesinger bekommt einen Stoß und stürzt über den Anhang hinunter. Vorübergehend verliert sie das Bewusstsein. Aber dann steht sie mühsam auf und stapft los. In der Höhle hatte sie sich mit ihrem Tod abgefunden, aber nun ist ihr Lebenswille neu erwacht.

Jannik bringt Theo um. Nachdem er die Leiche vergraben hat, fordert er Ronja auf, ihm zu helfen, Benzin im Haus zu verschütten und Gasflaschen zu verteilen. Dann setzt er alles in Brand. Zuletzt wirft er Paps‘ Tagebuch ins Feuer.

Das Tagebuch

Vom 17. Geburtstag an führt er Tagebuch. Eine Woche später schreibt er, dass er sich vorgenommen habe, mit 18 fortzugehen.

Ich mache mir Sorgen um Mama. Sie wird es nicht leicht haben mit Paps allein und mit all den scharfen Stichwerkzeugen in der Scheune. Erst gestern haben die beiden sich wieder in die Haare gekriegt. Plötzlich kam Paps mit der Sense anmarschiert, und ich dachte schon, jetzt dreht er völlig durch. Erwischt hat es am Ende zwar nur die Vorhänge, doch wer weiß, wie weit er das nächste Mal gehen wird?

Der Vater ist oft nächtelang fort. Sein Sohn will herausfinden, was er treibt.

Ich bin mir mittlerweile sicher: Hinter Paps‘ nächtlichen Ausflügen steckt mehr als Schlaflosigkeit. Letzte Nacht konnte ich beobachten, wie er vor seinem Verschwinden in den Geräteschuppen schlich, um etwas zu holen. Ich erkannte nicht, was es war, doch als ich heute Morgen nachschauen ging, hingen das Kletterseil und die Karabiner an der falschen Stelle. Wozu braucht er dieses Zeug?
Mama weiß etwas. Ihr Desinteresse ist verdächtig. Ich sollte die Sache auf sich beruhen lassen, ehe ich mit meiner Neugier noch etwas Furchtbares heraufbeschwöre […]

Der Junge folgt dem Vater zum Gipfel einer Anhöhe hinauf. Dort beobachtet er, wie der Vater ein Seil in ein Felsenloch wirft, an dem dann ein wimmerndes Mädchen hochklettert, das nicht älter als elf oder zwölf Jahre ist.

Paps setzte sich mit ihr unter einen Baum, nahm sie auf den Schoß und redete leise mit ihr. Er gab ihr auch Wasser und Brot, das er im Rucksack dabei hatte. All die Zeit bewegte sie sich nicht, lag in seinen Armen wie eine Puppe. Obwohl mein Herz so laut klopfte, dass alles um mich verstummte, hörte ich ihn ihren Namen sagen – er nannte sie Fanni. Seine kleine Fanni.

Als der Vater merkt, dass sein Sohn ihm nachspioniert, sperrt er ihn in die Höhle, in der vorher Fanni war. In der folgenden Nacht holt er ihn heraus und fährt mit ihm zur nächsten Stadt, wo sie am frühen Morgen eintreffen und vor einer Schule im Auto sitzen bleiben. Der Vater steigt schließlich aus und spricht kurz mit einer Schülerin, die sie dann mitnehmen.

Ihr Name ist Eva. Sie ist zehn Jahre alt.
Eva lebt jetzt in der Höhle.
Mama darf es niemals erfahren.

Bald langweilt die Kleine den Vater, und er kündigt seinem Sohn an, dass er Eva in den nächsten Tagen die Kehle durchschneiden und sie dann neben Fanni verscharren werde. Der Junge, der sich vorwirft, nichts gegen die Entführung unternommen zu haben, tötet den Vater und befreit Eva aus dem Loch. Das Kind rennt weg.

Und Mama … Es tut mir so leid. Ob sie mir je verzeihen wird? Ich habe ihr alles erzählt – von Fanni und Eva und dass es vor ihnen womöglich noch viele andere gab. Sie saß lange da und starrte ins Nichts, und als sie mich schließlich ansah, dachte ich für einen Moment, sie hätte Mitleid mit mir.
„Du bist so ein dummer Junge“, sagte sie. „Glück zerstört man nicht, egal, wie falsch es sich anfühlt.“

Für längere Zeit verlässt der Junge seine Mutter. Dann kehrt er zurück. Sie ist inzwischen schwer krank.

Nach Evas Verschwinden dachte ich, allein zu sein würde mich umbringen, doch in Wahrheit war es genau das, was ich brauchte. Alleinsein – selbst das Wort beruhigt mich schon. Wie hätte ich wissen können, dass Mama an genau diesem Alleinsein zugrunde gehen würde? Anstatt ihre Freiheit zu genießen, ist sie in ihrem Käfig geblieben und hat begonnen, langsam an ihrem gebrochenen Herzen zu verenden.

Wenn Paps tatsächlich der Teufel war – wovon ich nicht ausgehe, aber rein hypothetisch –, so bin ich des Teufels Sohn, und einer solchen Blutlinie entkommt man nicht so leicht. Darüber habe ich schon mehrmals nachgedacht. Hier sind überall seine Spuren verteilt. Nur ein unüberlegter Schritt und ich begebe mich erneut auf den falschen Weg. Doch war es tatsächlich falsch, was ich getan habe? Ich vermisse ihn nicht. Das habe ich nie. Ich bereue nicht einmal, wie ich es getan habe. Er war ein brutaler Mann, der einen brutalen Sohn großgezogen hat, und so fand er eben ein brutales Ende. Das ist wohl Schicksal.

Ich habe mir überlegt, das Haus ein wenig umzurüsten, sobald Mama tot ist. Den Dachboden könnte ich entrümpeln und ein Zimmer daraus machen, das Bad braucht einen neuen Boiler, und das Elternschlafzimmer würde sich gut als Bastlerstube eignen. So viele Möglichkeiten stehen mir plötzlich offen. Als ich damals von hier fortging, fühlte ich mich wie an eine Wand gedrängt, erstickt von all der Stille und Mamas vorwurfsvollen Blicken. Sie war es, die mich schlussendlich vertrieben hat, weil sie nicht fähig war, mir zu verzeihen. Doch ich möchte ihr nicht länger vorhalten, dass sie es schlicht und einfach nicht besser wusste. Wir waren ja beide seine Opfer. Beim Gedanken, dass sie bald nicht mehr da sein wird, war mir zunächst mulmig zumute, doch mittlerweile sehe ich ihrem Tod positiv entgegen. Es wird meine Chance sein, das alles hier zu verändern, einen Neuanfang zu wagen, wenn man so will. Mit so viel Platz lässt sich eine Menge anfangen.

Der Mutter geht es immer schlechter, aber in ein Krankenhaus will sie nicht. Sie schläft fast nur noch, und wenn sie wach ist, redet sie wirr.

Dann griff sie nach meiner Hand.
„Wieso hast du die Kinder nicht mitgebracht?“, fragte sie schwach.
„Mama, das hatten wir doch neulich schon. Ich habe keine Kinder.“
„Das ist nicht gerecht … nicht gerecht. Du kannst mir doch nicht verbieten, sie ein letztes Mal zu sehen. Ich hab sie so lieb, so lieb …“
„Mama, hör mir zu. Du fantasierst …“
Sie schlief ein und ließ mich mit einem bizarren Gedanken zurück: Nach allem, was ich ihr genommen habe, bin ich es ihr da nicht schuldig, ihr am Ende etwas zurückzugeben, selbst wenn es eine Lüge ist?

Er entführt einen Jungen und bringt ihn dazu, sich neben die Sterbende zu legen. Dass Yannik weint, lässt sie vielleicht glauben, er sei wegen ihr traurig.

Ein gestohlenes Kind für ein falsches Happy End. Sie schlief mit einem Lächeln ein, und als ich sie heute Morgen fand, lag der Junge immer noch bei ihr und hielt sie fest. Er half mir auch, sie neben Paps auf dem Berg zu begraben.

Abschied

Nach der Zerstörung des Hofs übernachten Jannik, Ronja und Henna in einer alten Försterhütte. Am nächsten Morgen zieht Ronja das Kind warm an.

„Du willst gehen?“, fragt er, ganz atemlos. „Wohin denn?“
„Spielt keine Rolle. Weg von hier.“
„Aber du weißt doch gar nicht, was da draußen ist. Du wirst dich verirren ohne mich!“
Das habe ich bereits. In seiner Welt, die nicht meine ist, die niemals meine sein wird.
„Lass mich los, Jannik.“

Ronja geht mit Henna den ganzen Tag lang. Bei Sonnenuntergang erreichen sie die Asphaltstraße.

Sie finden uns am Morgen des dritten Tages, knapp vor dem Erfrieren. Männer und Frauen in Uniform. Henna reißt erstaunt die Augen auf, als der Helikopter neben uns landet.

nach oben

Entführte Kinder und Jugendliche, von denen einige seit Jahren gefangen gehalten, terrorisiert und missbraucht werden, befreien sich von dem inzwischen 57-jährigen Psychopathen. Das könnte das Happy End eines Romans sein. Der Kriminalroman „So dunkel der Wald“ von Michaela Kastel nimmt jedoch an dieser Stelle erst richtig Fahrt auf, denn die Autorin interessiert sich vor allem dafür, was jahrelang erlebte Gewalt mit Menschen macht. Es wäre zu erwarten, dass die Befreiten den Ort des Grauens sofort verlassen und so rasch wie möglich zu ihren Familien zurückkehren. Michaela Kastel zeigt ein anderes Bild, und das ist gut nachvollziehbar.

Darüber hinaus veranschaulicht sie in „So dunkel der Wald“, wie sich Grausamkeit von Generation zu Generation fortpflanzt und die Vergangenheit die Gegenwart prägt. Deutlich wird dies vor allem auch durch eingeschobene Tagebuch-Aufzeichnungen aus einer Zeit weit vor der eigentlichen Handlung.

Was in der Gegenwart geschieht, erleben wir aus der Perspektive eines Opfers: der vor zehn Jahren verschleppten und inzwischen 20 Jahre alten Ronja Wagner. Neben den im Präsens und in der Ich-Form erzählenden Figuren – Ronja und dem Tagebuch-Autor – gibt es noch eine weitere Instanz, die einen parallelen Handlungsstrang aus der Sicht der Kommissarin Sarah Wiesinger entwickelt.

Vielleicht hätte Michaela Kastel die Charaktere noch ein wenig tiefer ausleuchten können, aber auch so zeichnet sich „So dunkel der Wald“ vor allem dadurch aus, dass sich die Autorin abwechselnd in die Lage von Ronja Wagner, Sarah Wiesinger und Yanniks Entführer versetzt und ergründet, wie sie sich in den Ausnahmesituationen verhalten.

„So dunkel der Wald“ ist ein düsterer und spannender Kriminalroman mit einer dichten klaustrophobischen Atmosphäre. Wer ausreichend starke Nerven hat, wird die außergewöhnliche Lektüre schätzen.

Michaela Kastel wurde 2018 für „So dunkel der Wald“ mit dem von Sebastian Fitzek gestifteten „Viktor Crime Award“ ausgezeichnet.

Michaela Kastel wurde 1987 in Wien geboren, wuchs aber in Niederösterreich auf. Später kehrte sie an ihren Geburtsort zurück und arbeitete einige Zeit im Buchhandel, bevor sie sich als Schriftstellerin etablierte.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Emons Verlag

Michaela Kastel: Worüber wir schweigen
Michaela Kastel: Ich bin der Sturm

Franz Werfel - Der Abituriententag
Franz Werfel hat die eigentliche, in der Ich-Form erzählte Handlung geschickt in einen Rahmen eingefügt. Obwohl "Der Abituriententag" von der Rivalität unter Gymnasiasten handelt, wollte Franz Werfel keinen Schulroman schreiben, sondern ihm ging es um das Thema Schuld.
Der Abituriententag