Barton Fink

Barton Fink

Barton Fink

Barton Fink – Originaltitel: Barton Fink – Regie: Joel Coen, Ethan Coen – Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen – Kamera: Roger Deakins – Schnitt: Joel Coen und Ethan Coen alias Roderick Jaynes – Musik: Carter Burwell – Darsteller: John Turturro, John Goodman, Judy Davis, Michael Lerner, John Mahoney, Tony Shalhoub, Jon Polito, Steve Buscemi, Max Grodenchik, Barry Sonnenfeld u.a. – 1991; 115 Minuten

Inhaltsangabe

New York 1941. Nach einer vom Publikum und von den Kritikern bejubelten Broadway-Inszenierung seines Dramas über Fisch­händler lässt der Nachwuchsautor Barton Fink sich überreden, ein Angebot aus Hollywood anzunehmen. Eigentlich wollte er das Theater reformieren und der breiten Masse näherbringen, aber nun soll er das Drehbuch für ein B-Movie über einen Catcher schreiben. Barton Fink büßt durch den Vertrag seine Freiheit und Selbst­bestimmung ein, leidet an einer Schreib­hemmung – und verliert den Verstand ...
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Kritik

"Barton Fink" ist eine zynische Satire der Coen-Brüder auf Hollywood. Der vielschichtige Film kreist um die Dichotomien Kunst und Wirklichkeit, Realität und Illusion. Brillante Darsteller, ein ideenreiches Drehbuch und eine originelle Inszenierung sorgen für Unterhaltung auf hohem Niveau.
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Die Broadway-Inszenierung des sich um Fischhändler drehenden Dramas „Bare Ruined Choirs“ wird im Spätherbst 1941 vom Publikum bejubelt und von den Theaterkritikern gepriesen. Es handelt sich um den ersten Erfolg des Nachwuchsautors Barton Fink (John Turturro), der das Theater der breiten Masse näherbringen möchte, indem er einfache Menschen in den Mittelpunkt seiner Bühnenhandlungen stellt.

Aufgrund des Erfolgs wird Barton Fink von seinem Agenten Garland Stanford (David Warrilow) gedrängt, ein Angebot aus Hollywood anzunehmen. Das widerspricht zwar den Idealen des jungen Dramatikers, aber Garland malt ihm aus, dass er in Hollywood berühmt werden und dann um so wirkungsvoller seine Vorstellungen verwirklichen könne. Mehr noch denkt der Agent an das im Vergleich zu einem Dramatiker sehr viel höhere Einkommen eines Drehbuchautors und die davon abhängenden Provisionen.

In Los Angeles hat man für Barton Fink ein Zimmer im Hotel Earle reserviert. Beim Betreten der Hotelhalle sieht er keinen Menschen. Als er auf die Klingel an der Rezeption schlägt, dauert es eine Weile, dann öffnet sich eine Bodenklappe, und ein Hotelangestellter namens Chet (Steve Buscemi) steigt aus der Luke, um die Anmeldung entgegenzunehmen. Ein röchelnder Liftführer bringt den Neuankömmling in die sechste Etage. Weitere Hotelangestellte entdeckt Barton Fink ebenso wenig wie andere Gäste, obwohl vor jeder Türe Schuhe zum Putzen stehen.

Es ist schwülwarm, aber Barton Fink gelingt es nicht, das Fenster aufzuziehen. Durch die Hitze verflüssigt sich der Tapetenkleister, und einige der Papierbahnen beginnen sich mit schmatzenden Geräuschen von der Wand zu lösen. Über dem Schreibtisch hängt das Bild einer im weißen Bikini am Strand sitzenden und aufs Meer hinausblickenden Frau. Während Barton Fink es wie hypnotisiert anblickt, glaubt er die Wellen rauschen zu hören.

Barton Fink fährt zu Capitol Pictures und wird von Jack Lipnick (Michael Lerner) empfangen. Der selbstherrliche Studioboss lässt ihm von seinem katzbuckelnden Assistenten Lou Breeze (Jon Polito) etwas zu trinken bringen und vertraut ihm während Lous Abwesenheit an, dass er den Mann, der früher eine Aktienmehrheit des Unternehmens besessen habe, aus Mitleid beschäftige. Überschwänglich erklärt der Filmmogul dem angehenden Drehbuchautor aus New York, dass er Großes von ihm erwarte, vor allem einen Film mit dem „Barton-Fink-Feeling“, und zwar einen Catcher-Film, für den Wallace Beery als Hauptdarsteller vorgesehen sei. Während es Barton Fink die Sprache verschlagen hat, entwirft Jack Lipnick in groben Zügen den Plot eines solchen B-Movies.

Zurück in seinem tristen Hotelzimmer, setzt Barton Fink sich vor seine mitgebrachte Schreibmaschine. Im Nebenzimmer hört er klagende Laute einer Frau und das Lachen eines Mannes. Weil ihn das von seiner Arbeit ablenkt, greift er zum Telefonhörer und beschwert sich bei Chet darüber. Gleich darauf hört er nebenan das Telefon klingeln, dann Schritte auf dem Korridor, und schon pocht es gegen seine Tür. Als er öffnet, steht ein grobschlächtiger Mann vor ihm, der sich gutmütig entschuldigt, eine kleine Flasche Whisky schwenkt, unaufgefordert das Zimmer betritt und Barton Fink auffordert, sich ein Glas zu holen, damit er ihm einen Drink einschenken kann. Er heiße Charlie Meadows (John Goodman), sagt er, und sei Versicherungsvertreter. Offensichtlich ist er ebenso einsam wie Barton. Der glaubt, einen typischen Vertreter der einfachen Leute vor sich zu haben, über die er schreiben will. Begeistert erläutert er Charlie seine Vorstellungen von einem nicht länger elitären Theater. Davon ist er so angetan, dass er nicht wahrnimmt, wie Charlie mehrmals ansetzt, um von sich zu erzählen.

Der Produzent Ben Geisler (Tony Shalhoub) soll den von Jack Lipnick geplanten Catcher-Film produzieren. Der arrogante Filmemacher erklärt Barton Fink, er bräuchte dringender einen Indianer als Statisten als einen Drehbuchautor. Von einem Catcher-Film hält er ebenso wenig wie von Jack Lipnick. Der habe keine Ahnung vom Filmgeschäft, meint er. Immerhin rät er dem Neuling, sich von einem erfahrenen Drehbuchautor Anregungen zu holen.

Barton sucht dann noch eine Toilette der Filmgesellschaft auf und hört aus einer der Kabinen die Geräusche eines sich übergebenden Mannes. Als dieser in den Waschraum kommt, erkennt er in ihm den verehrten Roman- und Drehbuchautor W. P. („Bill“) Mayhew (John Mahoney). Höflich bittet er ihn um ein paar Tipps. Bill Mayhew, der vor allem durch einen Roman über Nebukadnezar berühmt wurde, behauptet, er habe jetzt keine Zeit für ihn, weil er trinken müsse, lädt ihn jedoch für den Nachmittag zu einem Besuch bei ihm in seinem Bungalow im Autoren-Gästehaus ein.

Zur vereinbarten Zeit klingelt Barton Fink dort. Eine Frau öffnet, die sich als Audrey Taylor (Judy Davis) vorstellt und erklärt, sie sei Bills Privatsekretärin. Einlassen kann sie den Besucher nicht, denn hinter ihr tobt der Alkoholiker.

Bei einem von Audrey an einem der nächsten Tage organisierten Picknick zu dritt wirft Barton Fink seinem älteren Kollegen vor, sein Talent zu verschwenden. Bill trinkt, weil er desillusioniert ist und sich einen Schutzwall zulegen will. Mit jedem Schluck füge er einen Stein hinzu, sagt er.

Beim zweiten Treffen wundert Ben Geisler sich über Barton Finks zerstochenes Gesicht, aber als der von Moskitos spricht, behauptet der Filmproduzent, in Hollywood gebe es überhaupt keine Stechmücken. Barton Fink ist in der ersten Woche noch nicht über drei Zeilen hinausgekommen.

Ein Mietshaus in Manhattan, Lower East Side. Früher Morgen. Man hört den Verkehr …
… den Verkehr und die Rufe der Fischverkäufer …
Früher Morgen. Wir hören kaum die Rufe der Fischverkäufer. Es ist noch zu früh, um den Verkehr zu hören …

Sein Geständnis, unter einer Schreibhemmung zu leiden, wird von Ben Geisler verärgert zur Kenntnis genommen, denn der Produzent steht beim Studioboss Jack Lipnick im Wort. Als dieser sich nämlich nach dem Catcher-Film erkundigte, log er und sagte, sie kämen damit gut voran. Um Barton Fink unter Druck zu setzen, beauftragt er ihn, am nächsten Morgen bei Jack Lipnick ein Treatment abzuliefern.

Weil Barton nichts einfällt, ruft er spätabends verzweifelt bei Bill Mayhew an. Audrey Taylor hebt ab. Im Hintergrund ist das Gebrüll des Alkoholikers zu hören. Audrey verspricht, ins Hotel zu kommen, sobald Bill eingeschlafen ist. Bald darauf klopft sie an die Tür. Im Gespräch stellt sich heraus, dass sie auch Bills Ideenlieferantin ist.

Aber statt zu arbeiten, schlafen Barton und Audrey miteinander.

Am nächsten Morgen erwacht Barton schweißgebadet und zerschlägt einen Moskito auf Audreys nackter Schulter. Dabei bildet sich ein großer Blutfleck, aber noch verblüffender ist es, dass Audrey nicht aufwacht, sondern regungslos liegen bleibt. Als Barton die Decke zurückschlägt, sieht er, dass die nackte Frau in Blut schwimmt. Sie wurde ermordet. Entsetzt beginnt Barton Fink zu brüllen.

Daraufhin kommt Charlie Meadows besorgt an die Tür. Zunächst schickt Barton Fink ihn mit der Bemerkung, es sei alles in Ordnung, wieder weg, aber dann bittet er ihn doch um Hilfe. Nachdem Charlie sich beim Anblick der Toten übergeben hat, hält er seinen neuen Freund davon ab, die Polizei zu rufen, schickt ihn ins Bad, wickelt die Tote ins Laken und trägt sie hinaus.

Während Charlie sich um die Beseitigung der Leiche kümmert, sucht Barton den Studioboss auf. Jack Lipnick empfängt ihn gut gelaunt am Pool seiner Privatvilla und lässt ihm von Lou einen Whisky servieren. Ben Geisler habe ihm schon von den guten Fortschritten berichtet, sagt er, und nun sei er neugierig auf den Plot. Stammelnd sucht Barton Fink nach Ausflüchten. In seinem Kopf habe er eine klare Vorstellung, lügt er, aber er rede nicht gern darüber, weil dadurch leicht alles durcheinander geraten könne. Da beugt Lou Breeze sich zu ihm und erklärt ihm unmissverständlich, dass er zu reden habe, wenn Jack Lipnick das wünsche, denn die Ideen im Gehirn eines unter Vertrag stehenden Drehbuchautos gehörten dem Studioboss. Jack Lipnick weist daraufhin seinen Adlatus zurecht und fordert ihn auf, dem Autor die Füße zu küssen, um sich zu entschuldigen. Weil Lou Breeze sich weigert, feuert Lipnick ihn, kniet sich selbst vor den Autor und küsst ihm den rechten Schuh.

Charlie Meadows kündigt seinem Zimmernachbarn an, dass er für einige Tage in New York zu tun habe. Barton gibt ihm die Adresse seiner dort lebenden Eltern und eines Onkels als Anlaufstation. Bevor der Versicherungsvertreter das Hotel verlässt, übergibt er Barton Fink ein verschnürtes Paket und bittet ihn, es aufzuheben. Vielleicht inspiriere ihn der Karton beim Schreiben, meint er.

Nachdem Barton Fink in seinem Hotelzimmer eine Weile in der Bibel geblättert hat, fragt er den Liftführer beim Hinunterfahren, ob er die Heilige Schrift ebenfalls gelesen habe. Der Greis antwortet, er sei nicht sicher, aber jedenfalls habe er schon von dem Buch gehört.

In der Hotelhalle wird Barton Fink von zwei unhöflichen Detectives erwartet: Deutsch und Mastrionotti (Christopher Murney, Richard Portnow). Von ihnen erfährt er, dass es sich bei seinem Nachbarn nicht um einen Versicherungs­vertreter, sondern um den gesuchten Serienmörder Carl Mundt handelt, der seine weiblichen Opfer erschießt und enthauptet. Soeben wurde in Hollywood wieder eine Frauenleiche ohne Kopf gefunden.

Zurück in seinem Zimmer, stellt Barton Fink die Schachtel, in der sich Audreys Kopf befinden könnte, auf den Schreibtisch, setzt sich und tippt das komplette Drehbuch, ohne eine Pause einzulegen oder das klingelnde Telefon abzuheben. Nachdem er „The End“ unter den Text gesetzt hat, ruft er mitten in der Nacht seinen Agenten Garland Stanford an, um ihm aufgeregt mitzuteilen, dass er soeben sein bestes Werk verfasst habe. Dabei hat er gar nichts Neues geschaffen, sondern lediglich eine Drehbuchfassung seines Theaterstücks „Bare Ruined Choirs“.

Anschließend geht er aus und tanzt ausgelassen, bis ein Matrose (Johnny Judkins) versucht, ihn abzuklatschen. Barton Fink weigert sich, seine Tanzpartnerin freizugeben und ruft selbstbewusst: „Ich bin Autor. Ich bin kreativ!“ Der Konflikt löst eine wilde Schlägerei zwischen den anwesenden Matrosen und Armeesoldaten aus.

In seinem Hotelzimmer trifft Barton Fink auf Deutsch und Mastrionotti, die soeben sein Manuskript gelesen haben, auf die blutgetränkte Matratze deuten und ihn zynisch fragen, ob er Nasenbluten gehabt habe. Inzwischen wurde auch Bill Mayhew tot aufgefunden. Die Cops gehen davon aus, dass der berühmte Drehbuchautor und seine Lebensgefährtin Audrey Taylor von Carl Mundt ermordet wurden und Barton Fink ihm dabei half.

Es wird noch heißer als sonst. Nachdem einer der Polizisten Barton Fink mit Handschellen ans Bett gekettet hat, gehen beide hinaus. Am anderen Ende des langen Korridors züngeln Flammen aus dem Aufzug. Carl Mundt steigt aus der Kabine. Die Cops richten ihre Pistolen auf ihn und fordern ihn auf, die Hände zu heben. Langsam stellt der Serienmörder seinen Koffer auf den Boden, aber dann entnimmt er ihm plötzlich eine Schrotflinte und erschießt damit einen der Polizisten. Der andere flüchtet. Mundt rennt ihm nach, und mit ihm breiten sich die Flammenwände aus. Der Verbrecher schießt dem Polizisten ins Bein und tötet ihn anschließend mit einem aufgesetzten Kopfschuss zu den Worten „Heil Hitler!“.

Als ob nichts geschehen wäre, schaut er danach durch die offene Tür in Barton Finks Zimmer. Um den Drehbuchautor zu befreien, biegt das Bettgestell auf. Er sei nicht böse, beteuert er, sondern erlöse seine Opfer von ihren Leiden. Während Barton nur ein Tourist mit einer Schreibmaschine sei, müsse er hier leben. Verbittert beklagt er sich im Nachhinein über die Beschwerde des Zimmer­nachbarn wegen des bisschen Lärms, aber rasch gewinnt der Verbrecher seine Gutmütigkeit zurück. Er habe Bartons Angehörige in New York besucht, sagt er, das seien nette Leute. Und während er in den brennenden Korridor hinausgeht, behauptet er noch, das Paket gehöre gar nicht ihm. Während Carl Mundt sein Zimmer betritt, geht Barton Fink durch die Flammen zum Lift.

Besorgt ruft er bei seinen Verwandten in New York an, erreicht jedoch niemand.

Er sucht Jack Lipnick im Büro auf. Lou Breeze ist wieder da. Der Studioboss trägt eine Uniform, will in den Krieg gegen die „Japse“ und besteht darauf, als Colonel angesprochen zu werden. Die Uniform sei aus der Requisite, sagt er, denn er habe nicht auf eine von der Armee warten wollen. Übellaunig eröffnet Jack Lipnick dem Drehbuchautor, Lou habe das Drehbuch gelesen, es sei „kalter Kaffee“, und er werde es nicht realisieren. Statt Barton Fink zu entlassen, besteht er auf Vertragserfüllung und eröffnet ihm, dass alles von ihm Geschriebene der Filmgesellschaft gehöre und man nichts davon jemals verwenden werde.

Ziellos geht Barton Fink mit dem verschnürten Paket am Strand entlang. Eine junge Frau im weißen Bikini kommt auf ihn zu. Er setzt sich in den Sand. Was in der Schachtel sei, fragt sie. Er wisse es nicht, antwortet er. Ob der Karton denn nicht ihm gehöre? Das weiß er auch nicht. Lächelnd setzt sie sich ein paar Schritte vor ihm hin und blickt aufs Meer hinaus – wie die Frau auf dem Bild im Hotelzimmer.

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„Barton Fink“ ist eine zynische Satire der Brüder Joel und Ethan Coen auf die Kommerzialisierung des Kinos in Hollywood. Wenn sich Drehbuchautoren an diese Maschinerie verkaufen (oder von geldgierigen Agenten verkauft werden), bleibt ihnen keine Möglichkeit mehr, ihren Idealen zu folgen, sondern sie müssen triviale, publikumswirksame Stoffe liefern. W. P. Mayhew erträgt diese geistige Prostitution nur im Dauerrausch. Der jüdische Autor Barton Fink aus New York, der gerade seinen ersten Erfolg am Broadway feierte und das Theater reformieren wollte, ein zwischen Selbstmitleid und -überschätzung schwankender Egozentriker, verliert in Hollywood nicht nur seine Freiheit und Selbstbestimmung, sondern auch seine Inspiration – und den Verstand.

Neben den kafkaesken Protagonisten Barton Fink haben Ethan und Joel Coen faszinierende Nebenfiguren wie Jack Lipnick und Charlie Meadows gestellt. Der von Michael Lerner überzeugend gespielte Studioboss Jack Lipnick, der sich selbst egomanisch inszeniert, akzeptiert weder Grenzen noch Widerspruch und glaubt, über Angestellte wie über Sklaven verfügen zu können. Charlie Meadows dagegen – eine Glanzrolle John Goodmans – wirkt wie ein einfacher, gutmütiger Kumpeltyp aus dem Volk, entpuppt sich dann aber als tragikomischer Psychopath und luziferische Erscheinung.

Der ideenreiche Film „Barton Fink“ kreist um die Dichotomie Kunst und Wirklichkeit bzw. Wahrheit, um den Gegensatz zwischen Realität und Illusion bzw. Fiktion, Imagination.

Joel und Ethan Coen beeindrucken nicht nur mit einer fulminanten, vielschichtigen Geschichte, sondern auch mit einer einfallsreichen Inszenierung. Dabei heben sie immer wieder Einzelheiten hervor und laden sie mit Symbolik auf (schwitzende Tapeten) oder stellen sie in einen grotesken Zusammenhang. In der zweiten Hälfte wird „Barton Fink“ zunehmend surreal und rätselhaft. Zu den ungeklärt bleibenden Fragen gehört beispielsweise die nach dem Inhalt des Pakets, das Barton Fink am Ende noch immer ungeöffnet bei sich hat. Es funktioniert als McGuffin.

Gleich zu Beginn haben Ethan und Joel Coen eine groteske Szene eingebaut: Barton Fink schlägt auf die Klingel an der Hotelrezeption. Es dauert lang, bis Schritte zu hören sind. Barton Fink beugt sich über den Tresen und starrt auf eine Bodenklappe, durch die nun ein Hotelangestellter nach oben kommt und zunächst einmal die Klingel mit einem Finger berührt, weil der Klang noch immer leise nachhallt.

Ebenso umwerfend ist die Figur des Liftführers mit rasselndem Atem.

Zu den Höhepunkten gehören zwei aufeinander folgende Einstellungen: Barton Fink und Audrey Taylor gehen miteinander ins Bett. Die Kamera schwenkt von ihnen weg, fährt durchs Zimmer und durch die geöffnete Badezimmertür auf das Waschbecken zu, durchquert den Abfluss und gleitet durch einen Abwasserkanal. Als Nächstes sehen wir, wie Barton Fink am nächsten Morgen erwacht. Sein Blick folgt einem Moskito. Der setzt sich auf Audreys nackte Schulter, und eine Großaufnahme zeigt, wie sich der Rüssel der Stechmücke in die Haut bohrt. Barton zerschlägt sie. Wir blicken verblüfft auf den übergroßen Blutfleck und wundern uns mit Barton Fink darüber, dass Audrey nicht aufwacht, sondern regungslos liegenbleibt. Erst als er die Decke zurückschlägt, sehen wir, dass sie tot ist und in Blut schwimmt.

Last but not least muss der luziferische Auftritt John Goodmans im brennenden Hotelkorridor erwähnt werden. Der beginnt mit aus dem Lift züngelnden Flammen und endet mit einem Höllenfeuer.

Kritiker glauben Entsprechungen zwischen Filmfiguren und tatsächlich lebenden Personen entdeckt zu haben. Barton Fink weist Parallen zu dem amerikanischen Bühnen- und Drehbuchautor Clifford Odets (1906 – 1963) auf, der wegen seiner rebellischen Werke und kommunistischen Ansichten vor den McCarthy-Untersuchungsausschuss zitiert wurde. Der alkoholkranke Zyniker W. P. Mayhew könnte dem Nobelpreisträger William Faulkner (1897 – 1962) nachempfunden sein. Jack Lipnick wirkt wie ein Verschnitt der Filmproduzenten Louis B. Mayer (1884 – 1957), David O. Selznick (1902 – 1965) und Jack L. Warner (1892 – 1978). Letzter soll nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor die Uniform eines Colonels aus der Requisite getragen haben, um sich als Patriot zu inszenieren.

Der Kameramann und Filmregisseur Barry Sonnenfeld ist in einem Cameo-Auftritt zu sehen: als Page, der Barton Fink ausruft.

In den Kategorien Bester Nebendarsteller (Michael Lerner), Bestes Szenenbild, Bestes Kostümdesign wurde „Barton Fink“ für einen „Oscar“ nominiert. Und bei den Internationalen Filmfestspielen 1991 in Cannes gewann „Barton Fink“ alle drei Hauptpreise: die „Goldene Palme“, den Preis für die Regie (Joel Coen) und den Darstellerpreis (John Turturro).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

Ethan und Joel Coen (Kurzbiografie / Filmografie)

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