Patrick Modiano : Ein so junger Hund

Ein so junger Hund

Patrick Modiano

Ein so junger Hund

Originalausgabe: Chien de printemps Éditions du Seuil, Paris 1993 Ein so junger Hund Übersetzung: Jörg Aufenanger Kowalke Verlag, Berlin 2000 ISBN: 3-932191-19-6, 114 Seiten, 36 DM (D) Aufbau-Verlag, Berlin 2014 ISBN: 978-3-351-03609-6, 112 Seiten, 14.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Ich-Erzähler blickt nach 28 Jahren auf seine Begegnung mit dem Fotografen Francis Jansen im Frühjahr 1964 in Paris zurück. Er war damals 19 Jahre alt und verstand noch nicht, was der 25 Jahre ältere Künstler gerade begriffen hatte: Die Flüch­tigkeit und Vergänglichkeit des Augenblicks lassen sich nicht überwinden, auch nicht durch Fotografien. Aus dieser Erkenntnis zog Jansen die Konsequenz und bereitete sich darauf vor, vergessen zu werden. Sein neuer Freund stemmte sich durch die Katalogisierung der Fotografien dagegen ...
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Kritik

Die unspektakuläre Geschichte dreht sich um die Flüchtigkeit des Augen­blicks, um Erinnern und Vergessen. Patrick Modiano lässt in "Ein so junger Hund" einen namenlosen Ich-Erzähler als Alter Ego auftreten und verbindet auch sonst reale und fiktive Personen.
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Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, dessen Namen wir nicht erfahren, erinnert sich im April 1992 an seine Begegnung mit dem Fotografen Francis Jansen im Frühjahr 1964 in Paris. Als er damals, als 19-Jähriger, mit seiner Freundin in einem Café saß, wurden sie von dem Künstler fotografiert, der ohne besonderen Eifer für eine amerikanische Illustrierte arbeitete, die eine Reportage über die Jugend von Paris plante. So lernten sich die beiden Männer kennen.

Francis Jansen wurde 1920 in Antwerpen geboren.

Seinen Vater hat er kaum gekannt. Seine Mutter und er besaßen die italienische Staatsbürgerschaft. Nach einigen Studienjahren in Brüssel verließ er 1938 Belgien und ging nach Paris. Dort arbeitete er als Assistent einiger Fotografen, und er machte die Bekanntschaft von Robert Capa. Der nahm ihn im Januar 1939 mit nach Barcelona und Figueras, von wo aus sie den Exodus der Spanienflüchtlinge zur französischen Grenze mitmachten. Im Juli des gleichen Jahres folgte er mit Capa der Tour de France. Als der Krieg erklärt wurde, schlug Capa ihm vor, in die USA zu gehen, und besorgte zwei Visa.

Trotz seiner jüdischen Herkunft entschloss Jansen sich 1939, in Frankreich zu bleiben, statt mit Robert Capa nach Amerika zu emigrieren. Er wurde im Durchgangslager Drancy interniert, bis es dem italienischen Konsulat gelang, ihn freizubekommen. Daraufhin lebte Jansen einige Jahre in den Savoyer Alpen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Paris zurück, traf sich erneut mit Robert Capa und fotografierte im August 1945 mit ihm in Berlin.

Im Frühjahr 1964 beabsichtigte Francis Jansen, Frankreich zu verlassen. Seine Bilder hatte er ungeordnet in drei Koffer gestopft, die in seinem Atelier herumstanden. Von dem neuen Bekannten sagte er häufig, er sei „ein so junger Hund“. Dieser hatte sein Studium abgebrochen und durch den Verkauf von Möbeln, Bildern, Teppichen und Büchern aus einer verlassenen Wohnung so viel Geld verdient, dass er davon ein Jahr lang leben konnte. Weil er verhindern wollte, dass die auf den Fotografien festgehaltenen Augenblicke und Personen verschwanden, fing er an, sie zu katalogisieren, und Jansen ließ ihn gewähren.

Erst 28 Jahre später, im Nachhinein, begreift er, was dem älteren Fotografen bereits damals klar geworden war: Die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des Augenblicks lassen sich nicht überwinden, auch nicht durch Fotografien. Aus dieser Erkenntnis zog Jansen die Konsequenz und bereitete sich darauf vor, vergessen zu werden. Das fing damit an, dass er seine Tätigkeit als Fotograf beendete und sich von seinen Freunden zurückzog.

Damals brachte der Erzähler dieses Verhalten in Zusammenhang mit dem Verlust von zwei wichtigen Menschen in Francis Jansens Leben: Robert Capa und Colette Laurent. Der Kriegsreporter war am 25. Mai 1954 in Indochina auf eine Mine getreten, und Jansens Freundin war ebenfalls gestorben.

Zufällig hatte der Erzähler Colette ebenfalls kennengelernt. Allerdings war er damals noch ein zehnjähriger Junge gewesen.

Während er im Frühjahr 1964 in Jansens Atelier an der Katalogisierung der Fotografien arbeitete und der Künstler nicht da war, klingelte dessen Freundin Nicole. Der Erzähler ließ sie eintreten, obwohl er den Bewohner auch ihr gegenüber am Telefon verleugnen musste. Jansen war eigens in ein Hotel gezogen, um ihr und allen anderen Freunden aus dem Weg zu gehen.

„Die Kleine ist ja sehr nett“, sagte er zu mir, „aber ich könnte ihr Vater sein …“

Colette war Mitte 20. Sie kannte Francis Jansen seit einem halben Jahr. Als der Erzähler Licht machen wollte, hielt sie ihn davon ab:

„Ich lebe mit einem Mann zusammen, der sehr eifersüchtig ist, und es besteht die Gefahr, dass er hier klingelt, wenn er Licht sieht …“

Nicole war mit einem zehn Jahre älteren, gewalttätigen Pantomimen verheiratet.

Eines Abends lud Francis Jansen seine Freunde zu einem Abschiedsdrink ein: die Meyendorffs, ein Ehepaar um die 50, dazu Jacques Besse, Eugène Deckers und den Erzähler. Kurz darauf, im Juni 1964, verschwand er ohne weitere Ankündigung.

Wie immer habe ich die Tür mit meinem Schlüssel geöffnet. Die drei Koffer waren ebenso verschwunden wie das Foto von Colette Laurent und das von Jansen und Robert Capa, die an der Wand gehangen hatten.

Der Erzähler vermutet, dass Jansen nach Mexiko auswanderte, aber er hat nie wieder etwas von ihm gehört. Vor etwa 15 Jahren stieß er durch Zufall auf eine alte Visitenkarte von Henri de Meyendorff. In der Hoffnung, doch noch etwas über den Verbleib Francis Jansens zu erfahren, ging er zu der angegebenen Adresse in Paris, aber den Namen Meyendorff kannte dort niemand mehr. Und das Landhaus „Le Moulin“ in Fossombrone, das der Erzähler dann aufsuchte, war seit Jahren unbewohnt. Eine Nachbarin vermutete, dass die Besitzer in den USA lebten.

Genau hier hatte Jansen das Foto von Colette Laurent und den Meyendorffs gemacht. Ich hatte die Platanen wiedererkannt und rechter Hand den steinernen, efeubekränzten Brunnen. In das rote Heft hatte ich notiert: „Foto mit den Meyendorffs und Colette Laurent in Fossombrone.“

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Ein namensloser Ich-Erzähler blickt in dem melancholischen, elegant geschriebenen Roman „Ein so junger Hund“ nach 28 Jahren auf seine Begegnung mit dem Fotografen Francis Jansen im Frühjahr 1964 in Paris zurück. Er ist genauso alt wie Patrick Modiano, und wir erfahren, dass er drei Jahre später einen Verlag für sein erstes Buch fand. (Patrick Modianos Debütroman „Place de l’Étoile“ erschien 1968.) Es ist also nicht abwegig, den Erzähler in „Ein so junger Hund“ für ein Alter Ego des Nobelpreisträgers zu halten.

Wie fast immer bei Patrick Modiano, dreht sich die unspektakuläre Geschichte um die Flüchtigkeit des Augenblicks, um Erinnern und Vergessen. Zeitlich bewegt sich „Ein so junger Hund“ auf mehreren Ebenen. Die minimalistische Handlung spielt vor allem im Frühjahr 1964 und im Frühjahr 1992, aber auch Mitte der Fünfzigerjahre und um 1977 herum. Patrick Modiano verknüpft reale Personen, Orte und Ereignisse mit erdachten Figuren und Begebenheiten. Den Fotografen Robert Capa (1913 – 1954) gab es tatsächlich, ebenso wie die Rue Froideveaux am Südwestrand des Cimetière Montparnasse, wo der fiktive Fotograf Francis Jansen sein Atelier hatte.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: ©

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