Margriet de Moor : Der Maler und das Mädchen

Der Maler und das Mädchen

Margriet de Moor

Der Maler und das Mädchen

Originalausgabe: De schilder en het meisje De Bezige Bij, Amsterdam 2010 Der Maler und das Mädchen Übersetzung: Helga van Beunigen Carl Hanser Verlag, München 2011 ISBN: 978-3-446-23638-7, 303 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Maler (Rembrandt) hört in Amsterdam auf dem Weg zum Apotheker, bei dem er Farben kauft, von der bevorstehenden Hinrichtung der 18-jährigen Elsje Christiaens. Im Lauf des Tages erfährt der 57-Jährige mehr darüber, und am Nachmittag zeichnet er die Tote am Schandpfahl. Zwischendurch hängt er seinen Gedanken und Erinnerungen nach. Parallel dazu erzählt Margriet de Moor wie Elsje nach Amsterdam kam und warum sie zum Tod verurteilt wurde ...
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Kritik

Margriet de Moor achtet in der tragischen Geschichte, die sie in dem literarisch anspruchsvollen Künstlerroman "Der Maler und das Mädchen" erzählt, vor allem auf das Innenleben der Figuren.
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An dem Tag, an dem das Mädchen erdrosselt werden sollte, war der Maler schon morgens in die Stadt gegangen.

So beginnt Margriet de Moor ihren Roman „Der Maler und das Mädchen“. Der Maler, der am 3. Mai 1664 durch die Grachten von Amsterdam geht, um beim Apotheker Farben zu kaufen, wundert sich über die vielen Menschen, die zum Rathaus strömen und erkundigt sich deshalb bei einer Dienerin nach dem Anlass. Ob er denn nicht wisse, dass Gerichtstag sei und die Hinrichtung eines 18-jährigen Mädchens auf dem Dam bevorstehe, fragt sie zurück. Das interessiert den Maler nicht weiter. Er hat nicht vor, sich unter die Schaulustigen zu mischen. Im letzten Jahr erlag seine Lebensgefährtin Ricky im Alter von 36 Jahren der Pest, und er trauert noch um sie. Er hatte es nicht ertragen, sie leiden zu sehen und war zuletzt nicht an ihrem Sterbebett gewesen. Jetzt will er auch nicht dabei sein, wenn ein Mädchen öffentlich hingerichtet wird.

Der Maler hängt seinen Erinnerungen an Ricky nach. Als ihr Vater, ein Jäger auf Schloss Bredevoort, gestorben war, hatte sie noch ein Jahr lang bei einem Bauern ihres Heimatdorfes im Achterhoek gearbeitet und sich dann von ihrem Bruder überreden lassen, nach Amsterdam zu ziehen, wo der Maler sie als Dienstmädchen anstellte. Er betrachtete sie schon bald als seine Frau, heiratete sie jedoch nicht. Seine Ehefrau war schon lange tot, als er Ricky kennenlernte. Vor der Geburt ihres vierten Kindes hatte sie bereits Blut gehustet, und bald darauf war sie gestorben. Anders als ihre drei Töchter überlebte der zuletzt geborene Sohn die frühe Kindheit. Er war 16, als Ricky im Alter von 32 Jahren zu ihm und zu seinem verwitweten Vater ins Haus kam.

Auch an seinen Konkurs vor acht Jahren denkt der Maler. Und er sinnt über seine Arbeit nach, ein Gemälde, das zwei nicht mehr junge Liebende darstellen soll. Schließlich stellt er sich ein Gespräch mit seinem Vorbild Tizian vor.

Als die Turmuhr elfmal schlägt, sitzt der Maler beim Apotheker, der ihn auf ein Glas Met eingeladen hat. Zur gleichen Zeit wird die Delinquentin aufs Schafott geführt.

Es handelt sich um eine Dänin, die gerade 18 Jahre alt wurde und erst vor zwei Wochen nach Amsterdam kam. Eigentlich heißt sie Else Christians, aber hier nennt man sie Elsje Christiaens.

Sie stammt aus Aarhus. Ihren Vater hatte sie früh verloren, auch die Mutter starb drei Jahre nach ihrer zweiten Eheschließung. Elsjes ältere Stiefschwester Sarah-Dina wurde für sie zur Ersatzmutter. Weil der Stiefvater alt war und Sarah-Dinas Bruder zur See fuhr, mussten die beiden Mädchen hart arbeiten und beispielsweise auch Holz sägen und hacken. Sarah-Dina begleitete schließlich einen Bootsmann, den ihr Bruder ein paar Mal zum Mittagessen mitgebracht hatte, nach Amsterdam und blieb dort.

Am 5. März 1664 überredete Elsje den Schiffer Niels Eilschov, sie auf der „Dorothe“ mit nach Amsterdam zu nehmen. Dort wollte sie nach ihrer Stiefschwester suchen. Aber im Großen Belt geriet das Schiff durch Treibeis in Gefahr und musste den Hafen der Insel Sprov (heute: Sprogø) anlaufen. Statt mit Niels Eilschov auf das Zurückweichen des Treibeises zu warten, schloss Elsje sich der Isländerin Trein Jansdogter an, die mit ihrem Diener auf einem von sechs Pferden gezogenen Schlitten unterwegs war und auf Sprov Station machte. Trein Jansdogter kam aus Hollanderby auf der Insel Amak und wollte zu einer Nichte, die in Ribe mit dem Reeder Oluv Janszen verheiratet war und ihr erstes Kind erwartete. Oluv Janszen verhalf Elsje denn auch zu einer Schiffspassage von Ribe nach Amsterdam auf Jan de Veths Schmack (einmastiger Küstensegler).

Im Hafen von Amsterdam wurde Elsje von einer Holländerin angesprochen, die ihr einen Schlafplatz anbot und sie mitnahm.

Vergeblich suchte Elsje in Wirtshäusern und Kirchen nach Sarah-Dina. Obwohl sie Wasser aus öffentlichen Brunnen trank, was nicht ganz ungefährlich war, und sich sparsam ernährte, schwand ihr Geld dahin. Am Abend des siebten Tages mahnte die Schlaffrau die ausstehende Miete für die Kammer an. Als sie merkte, dass Elsje mittellos war, schlug sie ihr vor, wie die beiden anderen Mädchen auf dem Dachboden „in natura“ zu bezahlen.

Ein altes, hässliches und nicht einmal wirklich unsympathisches Weib, allenfalls ein bisschen unmoralisch in puncto Geldverdienen. Über sie gibt es nicht mehr zu sagen, als dass sie es irgendwann für eine ausgezeichnete Idee hielt, das Mädchen hier, vor ihrer Nase, mit einem blöden, schlaffen, alternden Junggesellen zu verkuppeln, nicht für immer, sondern lediglich für dann und wann. Ihr Beruf hat sie mitten ins Leben gestellt. Er hat ihr Auge dafür trainiert, in einem Mädchen, das die Miete nur schwer aufbringen kann, untrüglich, automatisch, eine Milchkuh zu erblicken, die durchaus dazu beitragen könnte, dass das Haus ein nettes Sümmchen zusätzlich abwirft.

Am 27. April versuchte ein Mann, Elsje im Treppenhaus zu küssen. Als sie ihn abwehrte, schrie die Schlaffrau sie wütend an und packte sie am Arm, aber Elsje riss sich los und flüchtete in ihre Kammer.

Am nächsten Morgen lauerte die Schlaffrau ihr auf. Sie war frustriert, weil ihr Mann sie gerade verlassen und angefangene Reparaturarbeiten nicht beendet hatte. Das Werkzeug lag noch herum. Und nun hatte sie auch noch Ärger mit einem Mädchen, das die Miete nicht bezahlen konnte.

Elsje und die Schlaffrau standen sich gegenüber, in dem Gang zum Keller, dessen Tür wegen der Reparaturarbeiten nicht verschlossen war. Als das Mädchen etwas erwidern wollte, wurde die Schlaffrau so böse, dass sie in ihrem eigenen Haus auf den Boden spuckte. Neben der Kellertür stand ein Besen, einsatzbereit. Elsje, die das begriff, wich zurück, doch viel Platz war da nicht. Eine Minute später sah es so aus, als würde es – was sehr gut möglich gewesen wäre – beim Folgenden bleiben: der Schlaffrau, die die Kontrolle verloren hatte, Elsje, die geschlagen worden war. Doch das Mädchen blickte von dem Baukram auf dem Boden in das Gesicht, dessen Haut um Nase und Augen dicke Falten schlug und das sie noch immer keuchend, rot vor Genugtuung anstarrte. Danach wandte sie den Blick erneut zu dem Handwerkszeug. Auf einem Stuhl mit geflochtenem Schilfsitz lag ein Beil.

Elsje ergriff das Beil und schlug zu. Sie traf die Schlaffrau zunächst seitlich am Kopf und mit dem dritten Schlag brach sie ihr den Schädel. Die wankende Frau schrie und stürzte über die Kellertreppe hinunter. Elsje ließ das Beil fallen, packte einen Hammer und stürmte nach oben ins Zimmer des Mannes, der versucht hatte, sie zu küssen. Aus seiner Reisekiste raubte sie einen prachtvollen Mantel. Als sie diesen auf dem Bett in ihrer Kammer ausbreitete, begannen die durch die Schreie der Schlaffrau alarmierten Nachbarn gegen die Haustüre zu pochen. Elsje blieb nichts anderes übrig, als die Tür zu öffnen. Dass ihre Jacke voller Blut war, versuchte sie mit Nasenbluten zu erklären. Aber die Bürger glaubten ihr nicht. Da rannte sie los. Einem Passanten, der sie festhalten wollte, schlug sie ins Gesicht. Elsje sprang in den Damrak, konnte jedoch nicht schwimmen und wäre ertrunken, wenn nicht der Binnenschiffer der „Anna Lien“ sie aus dem Wasser gezogen hätte. Kurz darauf wurde sie von Bütteln festgenommen.

Das aus dem Schultheiß und neun Schöffen zusammengesetzte Gericht vernahm Elsje mehrmals, zuletzt in der Folterkammer. Dann verkündete der Stadtsekretär das Urteil: Die Mörderin sollte auf dem Schafott an einen Pfahl gebunden und erdrosselt werden. Die Männer drängten Elsje, ihre Tat zu bereuen und holten eigens einen Dolmetscher, der ihr klarmachen sollte, dass man ihre Leiche sonst nicht bestatten könne, sondern an einen Schandpfahl hängen müsse. Trotzdem weigerte sich Elsje, zu ihrer Tat Stellung zu nehmen.

Weil Amsterdam keinen eigenen Scharfrichter hatte, kam Chris Jansz aus Haarlem, um Elsje hinzurichten. Als sie nach mehreren im Dunkeln verbrachten Tagen aus dem Rathaus trat, war sie zunächst geblendet, aber als sie dann begriff, was man mit ihr vorhatte, riss sie sich los und wehrte sich schreiend. Mit Gewalt drückten Knechte Elsje auf den dafür vorgesehenen Stuhl und fesselten sie mit dem Rücken zum Pfahl. Dann trat der Scharfrichter mit einem Strick in den Händen hinter sie.

Mina Cloeck, die Ehefrau eines der Schöffen, erzählt dem Maler die Vorgeschichte des Mädchens und von dem Verbrechen. Am Nachmittag berichtet der Sohn des Malers von der Hinrichtung, die er mit ansah.

Da packt der Maler einige Utensilien zusammen, geht los und lässt sich von einem Binnenschiffer nach Volewijck bringen. Dort befindet sich das Galgenrund. An einem der Schandpfähle hängt das tote Mädchen und neben ihr baumelt die Tatwaffe.

Bestürzt schaute der Maler eine Weile auf das festgebundene und -genagelte Kind und ließ währenddessen die Tasche von seiner Schulter in den Sand gleiten. […]
Schon kniete er neben der Tasche. Immer wieder zu seinem Modell aufblickend, wie er es auch in seinem Atelier getan hätte, wählte er den richtigen Zeichenstift, das Tuschefläschchen und das Büchlein mit dem abwaschbaren Pergament. […]
Er stellte alles genau nach der Wirklichkeit dar. Seine schweren Brauen waren zusammengezogen, Augen und Mund verrieten Anspannung. Doch ob es möglich ist, den Tod zu erforschen, darüber machte er sich keine Sekunde lang Gedanken. Sein Verständnis war in diesem Moment rein zeichentechnischer Natur. […]
Der Maler betrachtete die Zeichnung und stellte fest, daß sie schön geworden war, genau was er wollte, nur das.

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Margriet de Moor erwähnt den Namen des Malers nicht, aber es handelt sich unverkennbar um Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Zwei kleine Tuschezeichnungen von ihm, die sich heute im Metropolitan Museum in New York befinden, stellen eine am 3. Mai 1664 in Amsterdam öffentlich hingerichtete und dann am Schandpfahl zur Schau gestellte Mörderin dar: „Elsje Christiaens hanging on a Gibbet“. Rembrandt hat die Tote von vorn und von der Seite gezeichnet.

Eine wahre Begebenheit – die Hinrichtung der Elsje Christiaens – und Tatsachen aus der Biografie Rembrandts verwendet Margriet de Moor als Eckpfeiler der Geschichte, die sie in ihrem Künstlerroman „Der Maler und das Mädchen“ erzählt. Auch die Gemälde, die sie beschreibt, sind identifizierbar. Die Handlung kreist um zwei grundverschiedene Menschen, eine infantile 18-Jährige und einen 57 Jahre alten Maler, die beide unter dem Materialismus der Gesellschaft zu leiden haben. Das Mädchen hätte das Leben noch vor sich gehabt, der Maler hat seine Frau verloren und den Höhepunkt seiner Karriere bereits hinter sich. Es geht um Vergangenheit und Gegenwart, Licht und Schatten, Leben, Tod und Kunst.

Wir folgen dem Maler an diesem einen Tag, dem 3. Mai 1664, an dem Elsje Christiaens hingerichtet wird. Am Morgen geht der Maler los, um Farben zu kaufen, und am Nachmittag zeichnet er die Tote am Schandpfahl. Dazwischen hängt er seinen Gedanken und Erinnerungen nach. Im zweiten Handlungsstrang erzählt Margriet de Moor von dem Mädchen, von Elsjes Herkunft, ihrer Reise von Aarhus nach Amsterdam, dem Mord, ihrer Festnahme, den Vernehmungen, der Urteilsverkündung und wie der Scharfrichter sie auf dem Schafott erdrosselt. Die Darstellung des Geschehens am Hinrichtungstag, die man auch als Rahmenhandlung betrachten kann, erfolgt chronologisch, aber ansonsten springt Margriet de Moor vor und zurück und zwischen den beiden Figuren hin und her. Es gibt sogar Ausblicke in die Gegenwart (Wohnviertel in Volewijck; Attentat auf das Rembrandt-Gemälde „Danae“ am 15. Juni 1985 in der Eremitage) und den Hinweis auf eine 1643 in Amsterdam hingerichtete minderjährige Kindsmörderin.

Dass Elsje Christiaens die Schlaffrau im Affekt erschlägt, ist verständlich, aber warum sie die Tat nicht bereut, erfahren wir ebenso wenig wie den Grund, der den Maler dazu veranlasst, die Hingerichtete zu zeichnen. Vieles bleibt unausgesprochen. Margriet de Moor lässt sich Zeit, die tragische Geschichte zu entwickeln, und sie evoziert dabei auf eine leise, literarisch anspruchsvolle Weise eine schwermütige Atmosphäre.

Den Roman „Der Maler und das Mädchen“ von Margriet de Moor gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Ulrike Grote und Thomas Sarbacher (Lesefassung: Ulrike Sárkány, Regie: Anna Hartwich, München 2011, 4 CDs, ISBN 978-3-86717-708-5).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Rembrandt Harmenszoon van Rijn (Kurzbiografie)

Margriet de Moor (kurze Biografie / Bibliografie)
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Margriet de Moor: Bevorzugte Landschaft
Margriet de Moor: Erst grau dann weiß dann blau
Margriet de Moor: Der Virtuose
Margriet de Moor: Die Verabredung
Margriet de Moor: Kreutzersonate. Eine Liebesgeschichte
Margriet de Moor: Sturmflut
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