Margriet de Moor : Schlaflose Nacht

Schlaflose Nacht

Margriet de Moor

Schlaflose Nacht

Originalausgabe: Op het eerste gezicht Amsterdam 1989 Auf den ersten Blick, Übersetzung: Rotraut Keller dtv, München 1994 Schlaflose Nacht, Neufassung und Neuübersetzung: Helga van Beuningen Carl Hanser Verlag, München 2016 ISBN: 978-3-446-25280-6, 128 Seiten, 16 € (D) ISBN: 978-3-446-25405-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während der Mann weiterschläft, der sich auf eine Kontaktanzeige gemeldet hatte und den die Protagonistin erst vor wenigen Stunden vom Bahnhof abholte, steht sie auf und fängt an, Kuchen zu backen. Dabei denkt sie über den Verlauf des Tages nach und erinnert sich vor allem an ihre kurze Ehe. 14 Monate nach der Hochzeit vor 15 Jahren erschoss sich ihr Mann. Der Selbstmord geschah damals unerwartet, und über den Grund grübelt die Witwe noch immer ...
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Kritik

Margriet de Moor entwickelt die Geschichte auf drei Zeitebenen im eleganten Wechsel. Vieles in "Schlaflose Nacht" bleibt rätselhaft. Zu der kunstvollen Erzählökonomie gehören eine mit Symbolik auf­ge­lade­ne Verdichtung und eine lakonische Sprache.
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Die Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, kann nicht schlafen. Sie steht auf und geht barfuß über die Treppe hinunter in die Küche, wo sie damit anfängt, Kuchen zu backen. Der Mann in ihrem Bett, den sie am Vormittag vom Zug aus Zwolle abholte, merkt nichts davon: Er schläft weiter. Nur ihr Schäfer­hund­mischling Anatole leistet ihr Gesellschaft. Während sie die Zutaten mischt, den Teig knetet und den Ofen heizt, hängt sie Erinnerungen nach.

Das Haus gehörte ihrem Ehemann Ton. Den hatte sie vor 15 Jahren in Leiden kennengelernt, kurz vor dem Abschluss ihres Lehramts­studiums. Er war der Bruder der mit ihr befreundeten Chemie-Studentin Lucia. Als die Bauerntochter elf und ihr Bruder knapp 13 Jahre alt waren, starb die Mutter im Alter von 38 Jahren. Der Vater litt unter dem Verlust, heiratete aber noch im selben Jahr eine Frau aus dem Dorf: Mieke Renes. Ton studierte Jura. Lucia teilte sich in Leiden eine Wohnung mit dem Pharmakologen Hugo Kakebeke und den Schwestern Milou und Dela Neefjes, die beide Mathematik studierten. Die Wohngemeinschaft nahm die Lehramts-Studentin mit zum Schlittschuhlaufen, und Ton stieß ebenfalls dazu. Er studierte im letzten Semester Jura. Bereits am ersten Abend ging die Erzählerin mit ihm ins Bett.

Bald darauf beendete sie ihr Studium. Eine Woche danach erlag der Vater von Ton und Lucia einem Herzanfall. Um den elterlichen Hof nicht verkommen zu lassen, brach Ton sein Studium ab und übernahm ihn. Seine Freundin, die frisch­gebackene Lehrerin, wurde im Juli 1970 seine Ehefrau und fing in der Dorfschule zu unterrichten an. Das war vor 15 Jahren.

Die Ehe dauerte 14 Monate. Im September 1971 erschoss sich Ton hinter dem großen Gewächshaus für experimentelle Treibhauskultur. Er wurde nur 25 Jahre alt. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht, und die Witwe kann sich noch immer nicht vorstellen, warum er sich das Leben nahm. Das Rätsel treibt sie um.

Ein ganz normaler Mann, der keine eineinhalb Jahre meines Lebens mit mir geteilt hat, hatte sich nach einem Schuss in einem Treibhaus in ein wahnsinnmachendes Geheimnis verwandelt.

Obwohl damals alle im Dorf erwarteten, dass sie nach dem Suizid ihres Mannes wegziehen werde, blieb sie und gab auch ihre Tätigkeit als Lehrerin an der Pater-Wijnterp-Schule nicht auf.

Im Frühjahr 1972 begann sie, Tons Kleidung zu durchwühlen. Sie fand einen Park­schein vom 2. März 1971, Kinokarten, Kassenzettel, einen Taschenkalender. Lucia hielt von dieser Spurensuche nichts, aber Mieke Renes erzählte der Witwe ihres Stiefsohnes vom früheren Leben der Familie. Auf einem vor der Universität Leiden aufgenommenen Gruppenfoto fiel ihr ein Mädchen auf, das ebenso ernst wie Ton aussah, während die anderen alle lachten und sich umarmten. War es seine Geliebte? Weil Hugo Kakebeke mit auf dem Foto war, machte die Witwe ihn ausfindig und fragte ihn. Die junge Frau hieß Linda Passchier. Hugo Kakebeke kannte sie kaum und war überzeugt, dass es Ton nicht anders gegangen war. Linda hatte ihr Studium nach dem zweiten Semester abgebrochen und war Fotografin geworden. Die Witwe suchte sie auf, und nach ein paar Stunden Gespräch trennten sie sich als Freundinnen.

Im August 1971 war die Lehrerin von der Untreue ihres Mannes überzeugt gewesen und hatte daraufhin ihrerseits mit anderen Männern geschlafen.

Nach einem Wochenende, an dem ich mich mit meiner Eifersucht, meiner bitteren Wut eingeschlossen hatte, weil es keinen Sinn mehr hatte, einen der zwei oder drei Freunde anzurufen, die geeignet gewesen wären, mir beim Betrügen meines Mannes zu helfen, wussten meine Kolleginnen am Montagmorgen nichts anderes zu sagen als: „Mädchen, zieh bei dem Wetter doch einen Regenmantel an!“ Und als ich nach einer Ohnmacht im Supermarkt wieder zu mir gekommen war – es ging nicht voran an der Kasse und ich hatte es eilig, eilig, darüber nachzudenken, wie ich den Mann, der mich verlassen hatte, noch bevor ich richtig seine Ehefrau war, ausschalten, umbringen könnte, drückte man mir am Ausgang ein lumpiges, pitschnasses schwarzes Ding in die Hand, das, wie sich hinterher herausstellte, nicht mal mir gehörte.
„Hallo! Bei dem Wetter sollten Sie Ihren Schirm aber besser mitnehmen.“

Nach Tons Tod drohte sie zu vereinsamen und zu verkümmern. Ihre Schwägerin Lucia meinte schließlich:

„Du verkriechst dich in einer Höhle und kommst nicht heraus. Nicht mal für kurze Zeit. Das ist eine Beleidigung für deine Sinnlichkeit! Für deine elementaren Bedürfnisse!“
[…] Melancholisch pflichtete ich ihr bei.
„Dieses Klosterdasein macht meinen Körper wütend.“

Seither gibt sie Kontaktanzeigen auf, sucht aber nur Männer für eine Nacht.

Der Mann, der in ihrem Bett liegt, ist in den Vierzigern und arbeitet in der Redaktion einer historischen Enzyklopädie. Vor drei Jahren verließ ihn seine Ehefrau Louise. Die Söhne sind 16 bzw. 18.

Sein Zug traf um 10.10 Uhr ein. Noch im Bahnhof tranken sie Kaffee. Dann gingen sie in den Zoo und später in den Wald.

Wer hätte gedacht, dass ich noch mal in Gesellschaft eines völlig Fremden fast wortlos durch einen tief überfrorenen Wald gehen würde? Die Vorstellung haben würde, dass wir beide die gleichen Dinge sehen?

Als es auf das Ende der Nacht zugeht, hört sie es immer wieder krachen. Sie weiß, es ist eine Esche hinter dem Treibhaus.

Die Bäume stehen genau im Ostwind. Die ganze Nacht über haben sie seinen feindseligen Atem, weit unter dem Gefrierpunkt, erduldet. Jetzt, da es auf den Morgen zugeht, wird es den Stämmen zu viel, und es kommt zu einem Knall.

Gegen sechs Uhr morgens kehrt sie ins Schlafzimmer zurück.

Diesmal schreckt er sofort hoch. Einen Augenblick lang sehe ich seine pure Verstörtheit. Dann erkennt er, wo er ist und auch, bei wem. Das Zimmer, das Bett, der braune Mantel, den ich von den Schultern zu Boden gleiten lasse. Er hält mir die Decke auf, ich schlüpfe in die glühende Wärme.

Kaum liegt sie im Bett, hört sie den Küchenwecker klingeln, der sie daran erinnert, dass sie den russischen Napfkuchen aus dem Backrohr nehmen muss.

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Johann Wolfgang von Goethe vertrat 1827 im Gespräch mit Johann Peter Eckermann die Meinung, dass zu einer Novelle eine „unerhörte Begebenheit“ gehöre. In der Novelle „Schlaflose Nacht“ von Margriet de Moor liegt dieser Wendepunkt in der Vergangenheit. Es ist der damals unerwartete und bis heute unerklärliche Suizid eines 25-Jährigen. Die Frage nach dem Warum treibt die Witwe auch nach mehr als 13 Jahren um.

Margriet de Moor entwickelt die Geschichte auf drei verschachtelten Zeitebenen im eleganten Wechsel. Eine einzige Nacht – eine schlaflose Nacht – bildet die Gegenwart und den Rahmen. Die Ich-Erzählerin backt Kuchen, denkt hin und wieder an die Erlebnisse des vergangenen Tages (zweite Zeitebene) und grübelt über die länger zurückliegende Vergangenheit nach.

Vieles bleibt rätselhaft. Margriet de Moor spart etliches aus und lässt auch das Ende offen: Mit dem Mann, den die Protagonistin erst seit ein paar Stunden kennt und der jetzt in ihrem Bett liegt, könnte es einen Neuanfang geben, aber sicher ist das nicht. Zu der kunstvollen Erzählökonomie gehört eine meisterhafte, mit Symbolik aufgeladene Verdichtung. Die Sprache ist dementsprechend lakonisch, leise und ruhig. Umso ergreifender ist der Inhalt.

Die Novelle erschien zunächst 1989 unter dem Titel „Op het eerste gezicht“ in „Dubbelportret. Drie novellen“ in Amsterdam („Auf den ersten Blick“, Übersetzung: Rotraut Keller, in: „Doppelporträt. Drei Novellen“, dtv, München 1994, ISBN 978-3-423-11922-1). Eine von Margriet de Moor überarbeitete Version wurde von Helga van Beuningen neu übersetzt: „Schlaflose Nacht“.

Die Novelle „Schlaflose Nacht“ von Margriet de Moor gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ulrike Tscharre (ISBN 978-3-8449-1475-7).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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Günter Wöhe

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