Joyce Carol Oates : Geheimnisse

Geheimnisse

Joyce Carol Oates

Geheimnisse

Originalausgabe: The Gravedigger's Daughter Ecco / HarperCollins, New York 2007 Geheimnisse Übersetzung: Silvia Morawetz S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2010 ISBN: 978-3-10-054008-9, 671 Seiten, 24.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Rebecca wird 1936 als Tochter einer aus Deutschland geflohenen Familie auf einem Schiff im Hafen von New York geboren. Ihr Vater, ein Mathematiklehrer, verdingt sich als Totengräber in einer Kleinstadt. Das Kind ist 13 Jahre alt, als er seine Frau und sich selbst erschießt. Vier Jahre später fällt Rebecca auf einen Mann herein, der sich als kriminell und gewalttätig erweist. Aber erst nach sechs leidvollen Jahren flieht sie mit ihrem dreijährigen Sohn vor ihm. Unter einem neuen Namen gelingt ihr die Selbstbefreiung ...
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Kritik

"Geheimnisse" ist ein breit angelegter Bildungsroman über die Emanzipation einer Frau. Für die mehr als sechs Jahrzehnte dauernde Handlung hat sich Joyce Carol Oates eine Unmenge Einzelheiten einfallen lassen.

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Im Sommer 1936 trifft eine jüdische Familie aus Deutschland, die sich jetzt Schwart nennt, in New York ein. Jacob Schwart hatte als Mathematiklehrer an einem Gymnasium in München gearbeitet, bis er seinen Beruf aufgrund der nationalsozialistischen Gesetze nicht mehr ausüben durfte und notgedrungen als Korrekturleser zu einer auf wissenschaftliche Texte spezialisierten Druckerei wechselte. Um das Geld für die Emigration aufbringen zu können, verkaufte der 40-Jährige sein Haus.

Er war ein gebrochener Mann, ein Feigling. Er war entmannt worden. Die Ratten hatten auch sein Gewissen gefressen. Er hatte kämpfen müssen, um sich selbst und seine junge Familie zu retten, er hatte einige seiner Verwandten verraten, die ihm vertraut hatten, und einige von Annas Verwandten genauso; er hätte noch Schlimmeres tun können, hätte er Gelegenheit dazu gehabt.

Während die Flüchtlinge noch im Hafen von New York auf die Einreiseerlaubnis warten, bringt Anna Schwart eine Tochter zur Welt, die den Namen Rebecca Esther erhält. Zwei Söhne hat das Ehepaar bereits: Herschel und August („Gus“).

Im November zieht die fünfköpfige Familie nach Milburn/New York. Die Gemeinde stellt den ehemaligen Lehrer als Totengräber auf dem Städtischen Friedhof an. Die Bezahlung ist gering, aber die Schwarts dürfen mietfrei in einem heruntergekommenen Häuschen neben dem Friedhofseingang wohnen. Weil der Friedhof an einem Hang liegt, befürchtet Anna, das Brunnenwasser sei verunreinigt. Die zuständigen Herren versichern jedoch, man habe alles untersucht und es sei alles in Ordnung. Der Totengräber wird verachtet, und seine Söhne müssen damit leben, dass man sie in der Schule hänselt. Aber Jacob hofft, in einem Jahr genügend Geld für den Beginn eines besseren Lebens gespart zu haben und seine Söhne auf höhere Schulen schicken zu können.

Der Traum erfüllt sich allerdings nicht. Jacob wird immer unzufriedener und aggressiver. Er beginnt zu trinken und über das von seiner Frau gekochte Essen zu schimpfen:

„Tja! Da meint wohl jemand, diese Familie sind Schweine, dass er uns so einen Fraß vorsetzt.“

Auch Annas Aussehen ist ihm inzwischen zuwider.

[…] er war schockiert von ihrem Anblick: entsetzt und aufgelöst, in dem unförmigen Hauskleid, sogar die Strümpfe hinuntergerollt bis zu den Knöcheln, ihre Beine waren grellweiß und mit hellbraunen Härchen bedeckt, dickliche Beine, und ihr Gesicht jetzt aufgedunsen und verquollen, wo sie doch früher eine schlanke hübsche junge Frau gewesen war, die schüchtern gelächelt hatte vor Bewunderung für ihren Mann, den Lehrer, die Chopin gespielt hatte, Beethoven und Mendelssohn, Gott, er hatte sie so geliebt! – und jetzt diese plumpe Frau, die in bruchstückhaftem Englisch stammelte […]

Im Sommer 1941 kündigt Jacob den Kindern an, dass sie in Kürze ihre Betten mit einem Cousin und zwei Cousinen teilen müssten. Ihre Tante Dora Morgenstern, Annas jüngere Schwester, habe Kaufbeuren mit ihrem Mann Leon und den zwischen 13 und sechs Jahre alten Kindern Elzbieta, Joel und Freyda verlassen. Die Morgensterns seien unterwegs von Lissabon nach New York. Die Schwarts räumen einen Schuppen aus, um Platz zu schaffen. Die 900 Flüchtlinge auf der „Marea“ werden jedoch von der Einwanderungsbehörde in New York zurückgewiesen.

Rebecca gewinnt im April 1946 einen Rechtschreibwettbewerb in der Schule und erhält dafür ein Wörterbuch mit Widmung. Weder ihre Mutter noch ihr Vater besuchen die Feier, und als Jacob aus der Zeitung vom Erfolg seiner Tochter erfährt, befürchtet Rebecca, er werde das Buch ins Feuer werfen. Er belässt es dann allerdings bei einer Schimpftirade.

Herschel, der die Schule mit 16 abgebrochen hat, wird mehrmals wegen Prügeleien vorübergehend festgenommen. Als drei Männer 1948 an Halloween den Friedhof verwüsten und Hakenkreuze an Wände schmieren, schlägt der 21-Jährige sie nacheinander krankenhausreif und schneidet einem von ihnen ein Hakenkreuz in die Stirn. Weil er daraufhin mit einem Haftbefehl gesucht wird, setzt er sich nach Kanada ab.

Gus beendet den Schulbesuch ebenfalls vorzeitig. Er hilft seinem Vater auf dem Friedhof. Dabei geraten die beiden im März 1949 in Streit, und Jacob schlägt Gus mit einer Schaufel auf den Rücken. Der ergreift einen Rechen, wagt es aber dann doch nicht, damit auf seinen Vater loszugehen. Stattdessen packt er seine Sachen und geht fort.

Im April 1949 beschwert Jacob sich bei einem Rechtsanwalt darüber, dass ihm die Gemeinde zwölf Jahre lang zu wenig bezahlt habe. Dann kauft er sich eine doppelläufige Schrotflinte.

Als Rebecca am 11. Mai 1949 wieder einmal die Schule schwänzt, hört sie Schüsse. Schlimmes befürchtend, läuft sie nach Hause. Im Schlafzimmer liegt ihre Mutter mit zerschossenem Gesicht. Der Vater steht blutverschmiert neben der Toten. „Du – du bist hier geboren“, sagt er zu Rebecca. „Dir werden sie nichts tun.“ Dann erschießt er sich vor den Augen der 13-Jährigen.

Dieses Gesicht, das wie eine gekochte, geplatzte Tomate war. Sie hatte gesehen, wie dieses Gesicht zu Blut, Knorpel, Hirnmasse auseinanderflog. Hatte sich dieses Gesicht von den bloßen Oberarmen gewischt. Hatte es sich aus ihrem eigenen verfluchten Gesicht gewischt! Es sich aus ihrem Haar geklaubt.

Unmittelbar bevor Jacob seine Frau und sich tötete, hatte er auf dem Friedhof Willis Simcoe erschossen, der mit seinem Bruder Elroy und seiner Tante gekommen war, um das Grab seiner Eltern zu besuchen und sich über die verwahrloste Anlage beschwert hatte.

Rebecca wird von ihrer früheren, inzwischen vorzeitig pensionierten Lehrerin Rose Lutter aufgenommen. Die Waise ist jetzt ein Mündel des Chautauqua County.

Wegen einer Prügelei werden Rebecca und andere Schülerinnen im November 1951 von der Highschool relegiert. Rose Lutter will mit dem Rektor reden, aber Rebecca erklärt ihr, sie werde so oder so nicht mehr zum Unterricht gehen.

Sie zieht zu ihrer Freundin Katy Greb und deren Cousine LaVerne. Katys Mutter Leora Greb, die als Zimmermädchen im General Washington Hotel beschäftigt ist, vermittelt Rebecca eine Stelle als Kollegin.

Im August 1953 wird Rebecca von einem Gast namens Baumgarten in dessen Zimmer gelockt und gepackt. Bevor er ihr etwas antun kann, kommt ein anderer Hotelgast herein, befreit die 17-Jährige und schlägt Baumgarten zusammen. Gegenüber der Polizei behauptet Baumgarten schließlich, er sei von zwei Unbekannten überfallen und ausgeraubt worden. Rebecca erwähnt er nicht.

Deren Retter heißt Niles Tignor. Er stammt aus Port Oriskany/New York und ist eines von mehreren unehelichen Kindern Esdras Tignors, eines 1927 erschossenen Whiskey-Schmugglers. Niles geht mehrmals mit Rebecca aus. Zwischendurch ist er immer wieder tage- und wochenlang fort. Er bereise im Auftrag einer Brauerei in Port Oriskany den ganzen Staat New York, erklärt er seiner neuen Freundin, lehnt es jedoch ab, mehr darüber zu erzählen.

Im Februar 1954 nimmt er Rebecca mit nach Beardstown. Dort hat er ein Hotelzimmer gemietet. Bevor er sie defloriert, schenkt er ihr einen Ring.

Rebecca lässt sich zwar von Niles herumkommandieren und nimmt es hin, dass er sie schlägt, weigert sich jedoch, noch einmal ein Hotelbett mit ihm zu teilen. Sie sei keine Hure, erklärt sie.

Am 19. März 1954 fahren sie zusammen nach Niagara Falls, lassen sich von einem Friedensrichter trauen und verbringen anschließend drei Tage in einem Hotel an den Wasserfällen. Rebecca kehrt nicht mehr ins General Washington Hotel zurück. Sie begleitet nun ihren Mann auf seinen Reisen. Sie wohnen in Hotels und möblierten Zimmern.

In seinem Koffer entdeckt sie eines Tages einen Revolver. Das beunruhigt sie.

Drei Wochen vor ihrem 18. Geburtstag bestätigt ein Arzt in Port Oriskany, dass sie schwanger ist.

Als Niles im Mai 1955 unerwartet ins Hotelzimmer zurückkommt, hilft Rebecca gerade dem Zimmermädchen beim Bettenbeziehen und plaudert über ihre Ehe. Da schickt Niles die Hotelangestellte hinaus und schlägt Rebecca, bis sie eine Fehlgeburt erleidet.

Weil Rebecca im Sommer 1956 erneut schwanger ist, mieten sie ein kleines, heruntergekommenes Bauernhaus in Chautauqua Falls, den Wertenbacher Hof in der Poor Farm Road.

Am 29. November 1956 setzen die Wehen ein. Niles ist seit Tagen unterwegs. In ihrer Verzweiflung lässt Rebecca sich von der Auskunft die Telefonnummer der Brauerei in Port Oriskany geben und ruft in der Firma an. Einen Niles Tignor kennt man dort nicht. Edna und Howie Meltzer, die eine Tankstelle in der Nähe betreiben, fahren sie ins Krankenhaus.

Niles taucht erst zwölf Tage nach der Geburt seines gleichnamigen Sohnes („Niley“) wieder auf.

Er ist erneut fort, als jemand ein Zeitungsblatt in den Briefkasten wirft. Es enthält einen Bericht über eine Schießerei in Port Oriskany mit zwei Toten. In diesem Zusammenhang hielt die Polizei Niles vorübergehend fest. Sein Alter wird mit 42 angegeben. Rebecca hielt ihn für jünger. Noch mehr verwundert es sie, dass der Reporter nicht Chautauqua Falls, sondern Buffalo als Wohnort nennt.

Als Niles zurückkommt, verdächtigt er Rebecca grundlos, ihn mit einem anderen Mann betrogen zu haben und verprügelt sie. Inzwischen ahnt sie, dass sie gar nicht verheiratet sind und die Eheschließung von Niles und einem Bekannten, der sich als Friedensrichter ausgab, vorgetäuscht wurde. Sie nimmt sich vor, Niles zu verlassen, bringt es jedoch nicht fertig.

Im März 1959 fängt sie am Fließband der Reifenfabrik Niagara Tubing in Chautauqua Falls zu arbeiten an. Edna Meltzer passt tagsüber auf Niley auf.

Auf dem Heimweg entlang des Erie Barge Canal folgt ihr Mitte Oktober 1959 ein gut gekleideter Unbekannter, der einen Panamahut trägt. Rebecca hat zwar einen 15 Zentimeter langen Eisensplitter in der Tasche, um sich verteidigen zu können, gerät aber nach einer Weile in Panik, läuft los und knickt um. Der Fremde beteuert, er wolle ihr nichts tun. Er scheint sie mit einer anderen jungen Frau namens Hazel Jones zu verwechseln. Sie müsse ihn doch erkennen, meint er und sagt, er sei Byron Hendricks, Arzt aus Port Oriskany wie sein im November 1958 im Alter von 84 Jahren verstorbener Vater.

Überzeugt davon, dass Rebecca eine Affäre mit einem Kollegen in der Fabrik habe, beschimpft Niles sie am 26. Oktober:

„Muss ein paar verdammt gute Gründe dafür geben, dass die Deutschen euch loswerden wollten. Die Deutschen sind ein kluges Volk.“

Er steigert sich so in Wut, dass er Rebecca eine Stunde lang schlägt, und als der dreijährige Sohn seiner Mutter zu Hilfe kommt, schleudert er ihn gegen die Zimmerwand. Danach legt er sich aufs Bett und schläft ein. Rebecca packt ein paar Sachen zusammen, legt das Kind in Niles‘ Auto, und bevor sie das Haus für immer verlässt, platziert sie den scharfkantigen Eisensplitter neben ihm: Nach dem Aufwachen soll er begreifen, dass sie ihn hätte töten können.

Das Auto wird drei Tage später am Busbahnhof in Rome/New York gefunden. Von Rebecca und Niley fehlt von da an jede Spur.

Rebecca nennt sich jetzt Hazel Jones und ihren Sohn Zacharias („Zack“). Sie lässt sich das Haar kurz schneiden und schlägt sich in verschiedenen Städten mit Aushilfstätigkeiten durch.

Während sie im Winter 1961/62 als Kellnerin in Horseheads/New York arbeitet, freundet sich der vor der Pensionierung stehende Notar Willie James Judd mit ihr an. Sie erzählt ihm, ihr Vater sei bei einem Feuer ums Leben gekommen und ihre Mutter früh an Brustkrebs gestorben. Sie habe dann bei Verwandten in Port Oriskany gelebt, mit 16 die Schule verlassen und sei zwei Jahre später mit einem doppelt so alten Mann durchgebrannt. Der habe ihr nicht nur verschwiegen, dass er Familienvater war, sondern sich außerdem als gewalttätig und alkoholkrank erwiesen. Rebecca alias Hazel erklärt Willie Judd, sie wolle sich dauerhaft in Horseheads niederlassen und ihren Sohn hier einschulen, aber ihre Papiere seien verbrannt. Der Notar, der das Archiv am Amtsgericht des Chemung County leitet, stellt ihr Ersatzgeburtsurkunden aus, eine für Hazel Esther Judd (!), geboren am 11. Mai 1936 im Hafen von New York, die andere für ihren Sohn Zacharias August Jones, geboren am 29. November 1956 in Port Oriskany.

Kurz darauf verlässt Hazel Horseheads mit ihrem Sohn.

In Malin Head Bay am nördlichen Rand des Staates New York fällt sie Chester („Chet“) Gallagher als Platzanweiserin im Kino auf. Sie gefällt ihm, aber er hält sich mit 41 Jahren zu alt für sie und wagt es nicht, sie anzusprechen. Erst als sie im Winter 1962/63 mehrmals in den Malin Head Inn kommt, wo er zwei-, dreimal pro Woche in der Piano Bar Jazz spielt, setzt er sich zu ihr an den Tisch.

Mit seinem schwerreichen Vater Thaddeus Gallagher in Albany hat Chet kaum Kontakt. Nach seiner Scheidung im Jahr 1959 kaufte er sich ein Haus in Malin Head Bay. Hier verbringt er nun einen Großteil des Jahres.

Nachdem er sich von Zacks Talent überzeugt hat, bietet er Hazel an, ihr Sohn könne auf seinem Flügel üben. Im Frühjahr 1963 zieht er mit Hazel und Zack nach Watertown/New York, wo er seiner neuen Bekannten eine Stelle als Verkäuferin in dem Klavier- und Musikaliengeschäft der Gebrüder Edgar und Hans Zimmerman vermittelt.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Zack kann schließlich mit einem Stipendium an der Portman-Musikakademie Klavier studieren. Und im Mai 1967 nimmt er als Jüngster am Wettbewerb für Nachwuchspianisten in Rochester teil.

Als Chet, Hazel und Zack im September 1968 ein Wochenende als Gäste des Musikkonservatoriums von Delaware in Buffalo verbringen, begegnet ihnen zufällig Gus Schwart. Offenbar ist er als Monteur mit einem Lieferwagen unterwegs. Er geht auf seine Schwester zu, aber sie verleugnet sich und tut so, als handele es sich um eine Verwechslung.

Einige Zeit später ruft sie Edna Meltzer an. Es ist die erste Kontaktaufnahme seit ihrer Flucht. Rebecca alias Hazel erfährt, dass Niles Tignor vor zwei oder drei Jahren in Attica ermordet wurde.

Im August 1970 besucht Chet erstmals seit vielen Jahren seinen Vater in Albany. Hazel begleitet ihn. Thaddeus Gallagher ist von der Lebensgefährtin seines Sohnes begeistert. Heimlich schickt er ihr von da an Briefe und Geschenke, obwohl sie nicht darauf reagiert. Im März 1971 erhält sie ein dickes Kuvert mit Fotokopien von Zeitungsartikeln von Thaddeus Gallagher. Daraus geht hervor, dass Hazel Jones ermordet wurde. Die 18-Jährige, deren Namen Rebecca annahm, ohne etwas über sie zu wissen, war eines der Opfer eines Serienmörders namens Dr. Byron Hendricks, der sich im September 1964 mit einer Überdosis Morphium das Leben nahm.

Nachdem sich Hazel jahrelang gegen eine Eheschließung sträubte, heiratet sie Chet im November 1972, und er kann endlich ihren Sohn adoptieren. Sie wohnen in Buffalo.

Zack beteiligt sich 1974 erfolgreich an einem Klavierwettbewerb in San Francisco.

Am 14. September 1998 schreibt Rebecca unter ihrem richtigen Namen einen Brief an die Anthropologie-Professorin Freyda Morgenstern, die jüngere der beiden Cousinen aus Kaufbeuren, die 1941 von der amerikanischen Einwanderungsbehörde zurückgewiesen worden waren. Aus dem autobiografischen Bestseller „Auferstanden von den Toten. Eine Kindheit“ hat Rebecca erfahren, dass Freyda seit 1956 in den USA lebt. Die in Palo Alto wohnende und in Chicago lehrende Professorin antwortet schroff und abweisend. Dennoch tauschen die beiden Frauen mehrere Briefe aus. Rebecca teilt ihrer Cousine am 29. September 1999 mit, dass sie kürzlich zur Verleihung eines Preises an die Wissenschaftlerin nach Washington, D. C., flog, im Publikum saß und sich anschließend ein Buch von ihr signieren ließ. Aber sie schreckte wegen ihrer durch eine Chemotherapie verursachten Kahlköpfigkeit davor zurück, ihren Namen zu sagen. Rebecca unterrichtet ihre Cousine in diesem Brief auch darüber, dass ihr Vater Freydas Tante Anna ermordete und sich dann selbst erschoss. Der Briefwechsel endet mit einem Schreiben Freydas vom 12. Oktober 1999: Sie würde die krebskranke Cousine nun gern besuchen, aber sie kennt weder deren Telefonnummer noch den Namen, den diese inzwischen benutzt oder die Adresse in Lake Worth/Florida.

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In ihrem Roman „Geheimnisse“ erzählt Joyce Carol Oates vom Leben einer Frau, die als Tochter einer 1936 aus Deutschland geflohenen jüdischen Familie in einer Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste aufwächst: Rebecca Schwart. Ihr Vater, ein ehemaliger Mathematiklehrer, hat sich dort als Totengräber verdingt. Rebecca ist 13 Jahre alt, als er einen Friedhofsbesucher, dann seine Frau und am Ende sich selbst erschießt. Vier Jahre später fällt sie auf einen Mann herein, der sich als kriminell und gewalttätig erweist. Aber erst nach sechs leidvollen Jahren flieht Rebecca mit ihrem dreijährigen Sohn vor ihm. Unter einem neuen Namen gelingt ihr die Selbstbefreiung: Aus der Tochter eines Totengräbers wird eine verheiratete, gut gekleidete Dame und Mutter eines erfolgreichen Pianisten. „Geheimnisse“ ist ein Bildungsroman über die Emanzipation einer Frau.

Joyce Carol Oates beginnt mit Ereignissen im Jahr 1959. Dann geht sie um 23 Jahre zurück und erzählt von da an weitgehend chronologisch bis 1974. Mit dem Epilog, der aus einem Briefwechsel besteht, springt sie in die Jahre 1998/99.

Die Autorin lässt keinen Zweifel daran, dass sie auf starke Frauen setzt. An einer Stelle heißt es über die Protagonistin:

[…] verachtete sie die Schwäche der Frauen aus tiefster Seele.

Gleich an fünf Stellen zitiert Joyce Carol Oates einen Satz, den Jacob Schwart seiner Tochter Rebecca einschärft:

Im Tierreich werden die Schwachen schnell ausgesondert.

Gewidmet hat Joyce Carol Oates den Roman „Geheimnisse“ ihrer Großmutter Blanche Morgenstern, der „Tochter des Totengräbers“.

Ein opulenter Roman ist „Geheimnisse“ schon allein durch die Tatsache, dass Joyce Carol Oates auf 671 Seiten eine über mehr als sechs Jahrzehnte fortschreitende Handlung entfaltet. Sie hat sich eine Unmenge Einzelheiten einfallen lassen, die sie eingehend darstellt. Auch wenn die emanzipatorische Entwicklung der Tochter des Totengräbers nicht in jeder Phase überzeugend ist, handelt es sich bei „Geheimnisse“ um eine fesselnde Lektüre. Joyce Carol Oates schreibt zwar sachlich, aber im Leid der Protagonistin klingt das Genre rührseliger Schicksalsromane an.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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