Joyce Carol Oates : Die Verfluchten

Die Verfluchten

Joyce Carol Oates

Die Verfluchten

Originalausgabe: The Accursed HarperCollins Publishers, New York 2013 Die Verfluchten Übersetzung: Silvia Morawetz S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2014 ISBN: 978-3-10-054021-8, 750 Seiten, 26.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1905/06 geschehen in Princeton schlimme Dinge, die an einen Fluch denken lassen. Beispielsweise brennt eine Braut vom Trau­altar weg mit einem Fremden durch. Kinder fallen vom Dach, versteinern oder drohen von ihren Eltern umgebracht zu werden. Nachdem der Princetoner Historiker M. W. van Dyck II alle verfügbaren Quellen ausge­wertet hat, legt er 1984 einen Bericht in Buchform vor. Er hält sich für besonders qualifiziert und äußert sich abfällig über seine Kollegen, aber es handelt sich um einen eingebildeten Schwätzer und eitlen Wichtigtuer ...
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Kritik

"Die Verfluchten" ist ein sozial­kritischer Schauerroman von Joyce Carol Oates, zugleich aber auch eine Gesellschaftssatire und eine Persi­flage auf einen Schauerroman. Die Einführung eines umständlichen Historikers als Autor ist originell, macht die Lektüre jedoch mühevoll.
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Die Historiker sind sich einig, dass 1905/06 ein Fluch auf Princeton/New Jersey lastete. Die meisten von ihnen halten den 4. Juni 1905 für den Beginn; nur M. W. van Dyck II ist überzeugt, dass auch Ereignisse in den Monaten davor nur durch den Fluch zu erklären seien.

Sein am 24. Juni 1984 in Eaglestone Manor in Princeton abgeschlossener Bericht beginnt damit, dass der Ku-Klux-Klan am 7. März 1905 in Camden/New Jersey einen 19-jährigen Schwarzen und dessen ein Jahr ältere Schwester lynchte. Am nächsten Tag sprach Yaeger Washington Ruggles seinen älteren Cousin Woodrow Wilson, den Präsidenten der Universität Princeton, auf den Lynchmord an. Aber der 50-Jährige interessierte sich dafür ebenso wenig wie der 73 Jahre alte Reverend Winslow („Tommy“) Elias Slade, der vor drei Jahrzehnten ebenfalls als Präsident der Universität amtiert hatte.

Winslow Slade war das Oberhaupt einer von dem Fluch besonders betroffenen Familie. Seine Frau Tabitha war einige Jahre zuvor gestorben. Augustus Slade, der ältere Sohn, und dessen Ehefrau Henrietta hatten zwei Kinder: den 1881 geborenen Josiah und die fünf Jahre jüngere Annabel Oriana. Die Familie lebte auf einem Anwesen mit dem Namen Crosswicks Manse. Copplestone Slade, der andere Sohn Winslow Slades, hatte Henriettas Schwester Lenora Biddle geheiratet. Das Ehepaar lebte mit den Kindern – dem elfjährigen Todd und der neunjährigen Oriana – auf Wheatsheaf, ebenfalls in Princeton.

Grover Cleveland, ein Mann Ende 60, 28 Jahre älter als seine Ehefrau Frances, wurde am 20. April von seinen Angehörigen im Craven Haus in Princeton nur mit Mühe daran gehindert, sich zu weit aus einem Dachfenster zu beugen. Er glaubte, seine kleine Tochter Ruth an der Dachkante zu sehen und wollte sie vor einem Sturz bewahren. Ruth war jedoch bereits im Jahr zuvor an Diphtherie gestorben. Grover Cleveland bildete sich ein, das kleine Mädchen habe Kalla-Blüten in der Hand gehabt.

Tatsächlich fand Josiah Slade kurz darauf weiße Blütenblätter vor dem Craven Haus. Die brachte er zu seinem früheren Philosophie-Professor Pearce van Dyck, und der wunderte sich über den abscheulichen Gestank.

Ende April verschwand ein 13-jähriges Mädchen aus dem Haus der Eltern am Princeton Pike, zwischen Princeton und Trenton. Die Leiche wurde später im Delaware-Raritan-Kanal gefunden.

Als Annabel Slade mit Wilhelmina („Willy“) Burr, ihrer besten, heimlich in Josiah verliebten Freundin, und ihrem Cousin Todd spazieren ging, lief der elfjährige Junge seinem Schäferhund in den Wald nach. Annabel und Wilhelmina folgten ihm und sahen ihn dann mit einem unbekannten Mädchen, das ein Seil um den Hals geschlungen hatte und von Flammen umzüngelt wurde. Es verschwand, als die beiden Freundinnen sich näherten, und Todd erwachte wie aus einer Trance.

Annabel Slade, die nach der Höheren Lehranstalt für Mädchen in ihrer Heimatstadt Princeton noch die Höhere Lehranstalt für Frauen in Kingston/New Jersey besucht hatte, war mit Leutnant Dabney Bayard verlobt. Die Hochzeit fand am 4. Juni 1905 in der Ersten Presbyterianischen Kirche in Princeton statt. Die Ja-Worte waren vor Reverend Nathaniel FitzRandolph noch kaum gesprochen, da ließ Annabel Bayard ihren Bräutigam vor dem Altar stehen und folgte einem Fremden, der sie von der Kirchentüre aus rief. Sie verschwand mit dem Mann, dem sie einige Zeit zuvor im Garten ihres Großvaters begegnet war und der sich ihr als Axson Mayte aus Charleston/South Carolina, ihrem Bruder hingegen als Rechtsanwalt aus Carnahan/Virginia vorgestellt hatte.

Anders als der Bräutigam, der aufgrund der Schmach sein Offizierspatent zurückgab, suchte Josiah Slade nach Annabel. Eine Spur führte in den Raven Rock Inn. Dort pochte er nachts gegen die Tür der Hochzeitssuite, aber darin übernachtete ein Paar, das sich als Mr und Mrs D’Apthorp eingetragen hatte: François und Camille D’Apthorp. Irritiert schlug Josiah Slade die Einladung auf ein Glas Champagner aus und verließ das Hotel.

Im Herbst tauchte Graf English von Gneist in Princeton auf. Es hieß, er sei ein angesehener Theologe aus Heidelberg, und er wurde häufig zu Abendgesellschaften eingeladen.

Erst später fand man heraus, dass Axson Mayte, François D’Apthorp und Graf English von Gneist ein und dieselbe Person waren – sofern man überhaupt von einer „Person“ sprechen kann. Camille war seine Schwester.

In der zweiten Dezember-Woche kehrte Annabel Bayard überraschend nach Crosswicks zurück. Sie war hochschwanger. Bevor sie zwei Wochen später niederkam, berichtete sie ihrem Bruder Josiah, was sie in der Zwischenzeit erlebt hatte. Sie war dem Bann Axton Maytes erlegen. Mit einer Kutsche hatte er sie in seinen Palast im Reich der Sümpfe entführt. Der tyrannische Schlossherr zwang Annabel zu unaussprechlichen sexuellen Handlungen, aber als sie schwanger wurde, erging es ihr nicht anders als etwa 20 früheren Bräuten, die als Gefangene im Palast lebten und grobe Arbeiten verrichten mussten. Annabel gelang es jedoch, aus dem Reich der Sümpfe zu fliehen.

Noch vor Weihnachten brachte Annabel etwas zur Welt, von dem bis heute nicht sicher ist, was es war. Die einen meinen, es habe sich um ein zweiköpfiges Monster gehandelt, das nur kurz lebte, die anderen hörten von einer schwarzen Schlange. Sicher ist, dass Annabel bei der Niederkunft oder kurz darauf im Kindbett starb.

Annabels Freundin Wilhelmina Burr begann im Frühjahr 1906 gegen den Willen ihrer Eltern Horace Hudiger und Adelaide McLean Burr halbtags als Lehrerin für Kunst, Rhetorik und Eurythmie am Rocky Hill Seminar für Mädchen außerhalb von Princeton zu arbeiten. Die Familie hielt die Berufstätigkeit einer Frau für déclassé und peinlich. Anfang April leitete Wilhelmina eine Chorprobe im Musiksaal, als Penelope van Osburg, eine der Sängerinnen, den Stuck anzustarren begann. Die Schülerin glaubte, sich windende Schlangen zu sehen und begann zu schreien. Mit ihrer Hysterie steckte sie die anderen Mädchen an, und es kam zu einer kollektiven Nervenkrise. Selbst Wilhelmina Burr fiel in Ohnmacht. Es dauerte eine Woche, bis sie sich halbwegs erholt hatte. Danach kündigte sie, weil sie den Wahnsinn nicht hatte verhindern können.

Am 13. April hielt Woodrow Wilson in Charleston/South-Carolina eine Rede. Das war für ihn nichts Besonderes; er hatte darin viel Übung, doch an diesem Tag verlor er den Faden, stammelte verwirrt ein paar Sätze und brach dann seinen Vortrag ab, ohne sich an das Gesagte erinnern zu können. Die Ärzte rieten ihm zu einem Erholungsaufenthalt in Bermuda. Dort hielt er sich vom 16. bis 27. April ohne seine Ehefrau Ellen und die Töchter auf.

Die neunjährige Oriana Slade wurde eines Morgens tot vor dem Elternhaus Wheatsheaf gefunden. Offenbar war das Kind nachts unbemerkt aufs Dach geklettert und in die Tiefe gestürzt. Den Tod der Tochter konnte Copplestone Stone seiner Frau nicht verzeihen. Nachdem er Lenora gezwungen hatte, das von ihm vorbereitete Geständnis einer Serie von Ehebrüchen zu unterschreiben, versuchte er, sie mit einem Kissen zu ersticken, aber bevor sie tot war, erlag er selbst einem Schlaganfall.

Adelaide Burr, die seit ihrer Hochzeitsreise im Herbst 1891 krank war, schrieb am 5. Mai 1906 nachts einen an Winslow Slade gerichteten Brief, der dann allerdings nicht mehr abgeschickt wurde. Sie berichtete darin von einem herbeigesehnten Mann, der sich ihrem Schlafzimmer im Obergeschoss von Maidstone House in Princeton näherte: Graf English von Gneist. Als am nächsten Morgen das Dienstmädchen Griselda den Raum betrat, lag Horace Burr auf seiner toten Frau, und alles war voller Blut. Er habe sie aus Barmherzigkeit getötet, erklärte er, bevor man ihn ins Otterholme-Hospital in Summit/New Jersey einwies. Besonders seltsam war die Mordwaffe: ein elektrisch betriebener Ventilator der Firma Dr. Schuyler Skaats Wheeler in Ampere/New Jersey.

Durch die Ereignisse aufgeschreckt, schickte Pearce van Dyck seine Frau Johanna mit dem Sohn, den die 41-Jährige im Februar 1906 geboren hatte, und einigen Hausangestellten nach Quatre Face, etwa 30 Kilometer von Princeton entfernt. Um ihnen folgen zu können, bat er dann Woodrow Wilson um eine vorübergehende Freistellung. Der 46-Jährige bedauerte, dass es in Princeton keinen genialen Detektiv wie Sherlock Holmes gab, der die gruseligen Vorgänge hätte aufklären können. Nachts erhielt er unerwartet Besuch von einem Mann, in dem er Sherlock Holmes zu erkennen glaubt, der ihn jedoch korrigierte:

„Entschuldigen Sie, Professor: Ich bin nicht ‚Holmes‘.“
„Sie sind es nicht?“
„Selbstverständlich nicht. ‚Sherlock Holmes‘ ist eine erfundene Gestalt, ein Pseudonym. Mein Name ist geheim und wird nicht verraten, Conan Doyle hat es mir zugesichert.“

Johanna schlief bei ihrem Säugling im Kinderzimmer. Gerade hatte sie geträumt, Adelaide Burr sitze bei ihr. Als sie gegen 3 Uhr durch Geräusche aufwachte und den Docht der Kerosinlampe hochdrehte, erblickte sie ihren Mann mit einem glühenden Schürhaken in der Hand. Augenscheinlich wollte er das Kind ermorden, von dem er vermutete, dass es nicht von ihm gezeugt worden war. Johanna stürzte sich auf ihn, um ihn davon abzuhalten. Der Lärm weckte Josiah Slade, der gerade in Quatre Face zu Besuch war. Er eilte herbei und kämpfte mit Pearce van Dyck, der dabei so unglücklich stürzte, dass er starb.

Im Arbeitszimmer des Toten entdeckte Josiah ein Lesezeichen aus den gepressten Blütenblättern, die er seinem früheren Professor gebracht hatte. Inzwischen wusste er, dass sie nicht von einer Kalla stammten, sondern von einer Engelstrompete. Pearce van Dyck hatte den giftigen Gestank stundenlang eingeatmet, bevor er beinahe zum Mörder geworden wäre.

Josiah Slade, der sich wegen Pearce van Dycks Tod schludig fühlte, zog nach New York und wurde Mitglied im Sozialistischen Studentenbund. Dann schloss er sich einer von Hauptmann Eric Campbell Oates geleiteten Expediton zum Südpol an. Nachdem die „Balmoral“ die Falkland-Inseln passiert hatte, konnten ihn Besatzungsmitglieder gerade noch davor zurückhalten, sich ins Wasser zu stürzen, wo er Seeschlangen gesehen hatte. Aber im McMurdo-Sund sprang Josiah Slade dann doch über Bord. Der Tote wurde aus dem Eis geborgen und in den Frachtraum gelegt.

Am 30. Mai erlitt Woodrow Wilson zum Schrecken seiner Frau Ellen und der Töchter Margaret, Jessie und Eleanor einen Schlaganfall. Einige Historiker nehmen an, dass Wilson sich über eine kurz zuvor bekannt gewordene testamentarische Verfügung aufgeregt habe. Isaac Wyman hatte der Universität nämlich 2,5 Millionen Dollar vermacht, allerdings unter dem Vorbehalt, dass nur Andrew West darüber verfügen dürfe. Bei dem Dekan handelte es sich um Wilsons Gegenspieler. M. W. van Dyck II glaubt, eine andere Ursache des Schlaganfalls entdeckt zu haben: eine Frau. Während seines Bermuda-Aufenthalts hatte Woodrow Wilson sie durch den Homme de lettres Samuel Clemens kennengelernt. Sie nannte sich Cybella Peck, hieß aber eigentlich Gräfin Cybella von Barhegen, denn sie war von ihrer Familie mit dem über 60 Jahre alten Witwer Graf Hugo von Barhegen verheiratet worden. M. W. van Dyck II hat herausgefunden, dass sich Woodrow Wilson und Cybella Peck am 29. Mai 1906 – also am Tag vor dem Schlaganfall – heimlich trafen. Die Begegnung endete allerdings damit, dass Cybella Peck ihren Verehrer einfach stehen ließ.

Adelaide Burrs junge Cousine Amanda („Mandy“) hatte im Alter von 21 Jahren den 34-jährigen Edgerstoune FitzRandolph geheiratet. Während sie im Frühjahr 1906 ihren Sohn Terence Wick im Haus Mora in Princeton stillte, glaubte sie im Spiegel einen Mann vorbeigehen zu sehen. Im nächsten Augenblick kam es ihr so vor, als sei das Kind an ihrer Brust nicht ihr eigenes, und sie griff nach einem Schürhaken. Sie hatte sich mit dem Grafen English von Gneist gepaart. Als er auf der Straße einen 14-jährigen Schwarzen angefallen hatte, war sie dabei gewesen und hatte ebenso wie er das Blut des Jungen gesaugt. Allerdings war sich Amanda später nicht mehr sicher, ob sie das alles wirklich erlebt oder nur geträumt habe.

Immerhin wurden zwei Studenten – Tempe Kaufman und Julian Heckewalder – tot aufgefunden. Beide Leichen waren blutleer.

Sicher ist auch, dass das 19-jährige irische Kindermädchen Brigit am 29. Mai 1906 Amanda FitzRandolph gerade noch daran hindern konnte, den Säugling Terence zu ertränken. Danach verschwand Amanda mit dem Grafen und wurde nie mehr gesehen.

Edgerstoune FitzRandolph wurde tot am Strand gefunden.

Am 4. Juni 1906 starb der 74-jährige Geistliche Winslow Elias Slade während einer Gastpredigt in der Ersten Presbyterianischen Kirche in Princeton.

Die Kirchengemeinde, die zuschauen musste, wie er sich wand, bevor er tot zusammenbrach, konnte nicht ahnen, was zur selben Zeit im Reich der Sümpfe geschah. Im Mai hatte sich der Friedhofswärter über die lebensecht wirkende Marmorskulptur eines Jungen neben dem Mausoleum der Familie Slade in Princeton gewundert, die am Vortag noch nicht dagewesen war. Tatsächlich handelte es sich um eine Versteinerung des zwölfjährigen Todd Slade, der sich im Palast im Reich der Sümpfe wiederfand. Camille, die unter Ennui litt, wollte das Kind in der Hoffnung auf etwas Unterhaltung für eine Weile am Leben lassen und machte es zu ihrem Pagen. Todd sprach kein Wort, nutzte aber jede Gelegenheit, sich umzuschauen. Er beobachtete auch die wilden Gelage des Grafen, bei denen stets einige der Teilnehmer ermordet wurden. Nachdem Todd durch aufmerksames Beobachten heimlich die Regeln und Strategien des Dame-Spiels gelernt hatte, forderte er den Grafen zu einer Partie heraus. Darüber lachten alle, denn der Graf war der unangefochten beste Dame-Spieler im Palast. Belustigt ging er auf die Herausforderung ein, nicht ohne den Jungen darauf hinzuweisen, dass der Sieger den Verlierer köpfen müsse. So seien nun einmal die unumstößlichen Regeln, meinte er amüsiert, da dürfe es keine Ausnahme geben. Als Todd die Partie wider Erwarten gewann, reichte Camille ihm die Axt, und der Graf wehrte sich nicht gegen seine Enthauptung. Damit endete die Herrschaft der Geschwister im Reich der Sümpfe.

Der Fluch war gebannt.

Annabel, Oriana und Todd Slade kamen auf dem Friedhof in Princeton ebenso wieder zu sich wie Josiah im Frachtraum der „Balmoral“. Im August 1906 kehrte Josiah wohlbehalten von der Südpol-Expedition nach Princeton zurück. Und zu Beginn des Winters wurde eine Doppelhochzeit gefeiert: Josiah Slade vermählte sich mit Wilhemina Burr, und seine Schwester Annabel heiratete Woodrow Wilsons jungen Cousin Yaeger Ruggles.

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„Die Verfluchten“ ist ein sozialkritischer Schauerroman von Joyce Carol Oates, zugleich aber auch eine Gesellschaftssatire und eine Persiflage auf einen Schauerroman.

In einer am 24. Juni 1984 in Eaglestone Manor in Princeton/New Jersey mit „M. W. van Dyck II“ unterzeichneten Vorbemerkung stellt sich der fiktive Autor der Chronik vor, ein Historiker, der behauptet, Zugang zu Dokumenten zu haben, die keinem seiner Kollegen zur Verfügung stehen. Er wurde 1906 in Princeton geboren und schloss dort auch 1927 sein Studium ab.

Ich hoffe, es klingt nicht überheblich, wenn ich behaupte, dass von allen heute Lebenden niemand mehr Informationen über den privaten wie den öffentlichen Aspekt des Fluchs besitzt als ich.

Leichtfertige Historiker vom Schlage eines Hollinger und eines Tite haben das 14 Monate währende Wüten des Fluchs von Crosswicks dann auch dreist als außergewöhnliches Phänomen einer Massenhysterie gedeutet, für die der „Schlangenwahn“ am Rocky Hill Seminar gewissermaßen den Startschuss gab.

M. W. van Dyck II hält sich für besonders qualifiziert, über die Ereignisse in den Jahren 1905/06 zu berichten und weist zwischendurch auch immer wieder auf die Unzulänglichkeiten seiner Kollegen hin.

Meine Historikerkollegen haben bei dieser Episode geschludert. Sie hatten keine Ahnung, was im Haus Craven in der Rosedale Road um die Mittagsstunde des 20. April 1905 vor sich ging; ihr kollektives Versagen muss dem Eifer zugeschrieben werden, mit dem Frances Cleveland die grellen Tatsachen unterdrückte […]

Neue Quellen, zu denen ich allein Zugang habe, legen nämlich nahe, dass es nicht ganz so simpel ist.

M. W. van Dyck II zitiert aus Briefen und Tagebüchern Betroffener, so zum Beispiel aus dem von Adelaide McLean Burr im April und Mai 1905 im Haus Maidsstone in Princeton geführten, in karmesinrotem Kalbsleder gebundenen Tagebuch. Wie der Historiker stolz erwähnt, ist er dazu als Einziger in der Lage, weil er Adelaide Burrs Geheimschrift entschlüsselt hat.

Zwei, dreimal rät der Autor weniger stark interessierten Lesern, ein Kapitel zu überspringen. Allerdings weist er darauf hin, dass zum vollen Verständnis seiner Chronik auch die Fußnoten zur Kenntnis genommen werden müssen.

Es dauert nicht lang, bis man als Leserin oder Leser durchschaut, dass es sich bei dem (fiktiven) Autor um einen eingebildeten Schwätzer und eitlen Wichtigtuer handelt.

Seine Darstellung ist altmodisch und pathetisch, umständlich und ausschweifend. Das ist originell und geistreich, erschwert jedoch die Lektüre des Romans „Die Verfluchten“ von Joyce Carol Oates ungemein. Mit 750 Seiten ist das Buch viel zu lang geraten, zumal es keinen Protagonisten gibt, dessen Erlebnisse die Leserinnen und Leser berühren könnte. „Die Verfluchten“ setzt sich aus einer Unzahl von Episoden zusammen, und es fällt nicht leicht, einigermaßen den Überblick über die zeitliche Abfolge der Ereignisse zu behalten.

Joyce Carol Oates porträtiert in „Die Verfluchten“ eine verdorbene Gesellschaft von Blendern und Heuchlern. Da paaren sich Rassismus und Frauenfeindlichkeit, Bigotterie und Gleichgültigkeit gegenüber Gewaltverbrechen. Annabel Slade ztiert beispielsweise in einem Gespräch mit ihrer Freundin Wilhelmina Burr ihren Vater:

„Vater hat gesagt, das Frauenstimmrecht sei ‚überflüssig‘, eine Frau stimmt sowieso wie ihr Mann, oder sie stimmt mutwillig genau das Gegenteil und macht damit sein Votum zunichte. In beiden Fällen ist die weibliche Wählerstimme vergeudet.“

Ein junger Dozent muss die Princeton University verlassen, weil er wegen seines Aussehens verdächtigt wird, homosexuell zu sein. Das Wort würde allerdings niemand in den Mund nehmen. Stattdessen ist die Rede von 13 Studenten, die wegen etwas „Unaussprechlichem“ relegiert wurden. Als jemand die Maßnahme kritisiert, weil die Betroffenen keine Chance hatten, sich zu den Vorwürfen zu äußern, meint Woodrow Wilson:

„Was unaussprechlich ist, kann auch nicht verteidigt werden. […] Wie sollen diese unaussprechlichen Individuen Ihrer Vorstellung nach – sprechen? Das ist in anständiger Gesellschaft und unter zivilisierten Menschen schlicht unmöglich.“

Woodrow Wilson (1856 – 1924), der von 1902 bis 1910 Präsident der Princeton University und von 1913 bis 1921 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika war, kommt in dem Roman „Die Verfluchten“ nicht gut weg. Joyce Carol Oates prangert beispielsweise seinen Abscheu vor der Suffragetten-Bewegung und vor allem der Forderung nach einem Frauenwahlrecht an.

Nicht sehr viel besser ergeht es den Schriftstellern Mark Twain (Samuel L. Clemens, 1835 – 1910), Jack London (1876 – 1916) und Upton Sinclair (1878 – 1968), die ebenfalls in dem Roman „Die Verfluchten“ von Joyce Carol Oates vorkommen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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