Joyce Carol Oates : Zombie

Zombie
Originalausgabe: Zombie Dutton, New York 1995 Übersetzung: Renate Orth-Guttmann Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / München 2000 ISBN 3-421-05178-X, 213 Seiten Taschenbuchausgabe: Goldmann Verlag, München 2002 ISBN: 3-442-72742-1, 213 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Quentin ist ein Serienmörder. Weder seine gutbürgerlichen Eltern noch seine Therapeuten ahnen etwas von seiner Obsession, sich einen Zombie schaffen zu wollen. Zwar gilt er als Versager und Außenseiter, aber niemand würde dem höflichen 31-Jährigen eine Gräueltat zutrauen, und dass er sich an einem Jungen verging, wird als einmalige Entgleisung abgetan ...
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Kritik

Joyce Carol Oates versucht in "Zombie" nicht, das Verhalten des perversen Protagonisten zu erklären, sondern ihr geht es darum, dessen Gedankenwelt nachzuvollziehen. Deshalb lässt sie ihn als Ich-Erzähler auftreten und reflektiert das auch in der Sprache.
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Quentin P. wurde am 11. Februar 1963 in Mt. Vernon, Michigan, geboren. Bald darauf zogen seine Eltern mit ihm und seiner fünf Jahre älteren Schwester Junie nach Dale Springs, wo er dann auch zur Schule ging und seinen High-School-Abschluss machte.

Jetzt ist Quentin P. einunddreißig Jahre alt. Wegen der versuchten Vergewaltigung eines Minderjährigen wurde er unlängst zu zwei Jahren Haft verurteilt, die der Richter jedoch zur Bewährung aussetzte. Während Quentins Vater ein hoch angesehener Doktor der Physik und Philosophie ist, handelte es sich bei dem zwölfjährigen afroamerikanischen Opfer um den Sohn einer von Sozialhilfe lebenden unverheirateten Mutter. Außerdem hatte sich Pfarrer Horn, ein guter Freund von Quentins Großmutter, für den jungen Mann verbürgt.

Richter L. ist fair & nicht nachtragend & lässt sich von niemandem beeinflussen, hieß es. Dad kennt ihn & Richter L. kennt Dad. Ich habe nicht gefragt, aber Mt. Vernon ist eine Stadt, in der sich alle wichtigen Leute kennen, vielleicht sind sie im gleichen Klub. (Seite 26)

Als Bewährungsauflage muss Quentin jeden zweiten Donnerstag um 10 Uhr zu seinem Bewährungshelfer T., jeden Montag um 16 Uhr zu seinem Psychotherapeuten Dr. E. im University Medical Center und jeden Dienstag um 19 Uhr zur Gruppentherapie bei Dr. B.

Einmal hat er [Perche, ein Teilnehmer an der Gruppentherapie] mich auf der Straße gesehen & Quentin gerufen, als ob wir die dicksten Kumpel wären. Ich steh da & gucke, ohne Blickkontakt, Augen auf Brusthöhe & er guckt auch & kommt ein bisschen näher, die Hand zum Schütteln ausgestreckt. Ich bleibe, wo ich bin, ohne mich zu rühren & ohne zu atmen & schließlich rückt er von mir ab & sagt: Pardon, ich dachte, Sie sind ein Bekannter. (Seite 52)

Weil Quentins Vater es für wichtig hält, dass sein Sohn eine Aufgabe hat, vertraut er ihm den Posten des Hausmeisters in dem 1892 gebauten Haus seiner Großeltern an, in dem Studenten aus dem Ausland als Mieter aufgenommen werden, seit Quentins Großmutter nach dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren nach Dale Springs zog, um näher bei ihren Angehörigen zu sein.

Als Zeichen unseres Vertrauens, Quentin, sagte Dad.
Aber Quentin macht das bestimmt sehr gut, das wissen wir doch, sagte Mom. (Seite 14)

Weder die Familienangehörigen noch die Therapeuten oder der Bewährungshelfer ahnen, dass der höfliche junge Mann seit Jahren davon träumt, sich einen Zombie zu schaffen, ein Wesen, das ihm jederzeit zu Willen ist. In einer öffentlichen Bibliothek trennte Quentin aus einem 1942 von Dr. Walter Freeman und Dr. James Watts veröffentlichten neurologischen Fachbuch die Seite über die transorbitale Lobotomie heraus.

Da er kein Leukotom zur Verfügung hatte, besorgte er sich im März 1988, also mit fünfundzwanzig, seinen ersten Eispicker. BUNNYGLOVES nannte er den ersten Jungen, den er durch eine transorbitale Lobotomie in einen Zombie verwandeln wollte. Damals wohnte er in einem Zwei-Zimmer-Apartment, und die Operationen führte er in der Badewanne durch.

BUNNYGLOVES, von dem ich mir so viel erhofft hatte, weil er der Erste war, krümmte & wand sich wie ein Verrückter, als ich den Eispicker in dem auf der Zeichnung angegebenen Winkel durch die „Knochenwölbung“ über dem Augapfel stieß (oder was es war, jedenfalls hörte man Knochen splittern) & brüllte durch den Schwamm durch, den ich ihm in den Mund gestopft & festgebunden hatte. Er sprengte doch tatsächlich den Packdraht, mit dem ich ihm die Knöchel gefesselt hatte, aber er kam nicht wieder zu sich, zwölf Minuten später war er tot […] Mein erster ZOMBIE – total in den Sand gesetzt. (Seite 64f)

Zwölf Tage nach dem missglückten Eingriff kam unterwartet Quentins Vater vorbei – und wunderte sich sowohl über den seltsamen Gestank in Quentins Wohnung als auch über den neuen Metallspind. Darin bewahre er Sportsachen auf, behauptete Quentin, und der Gestank sei vermutlich auf eine tote Ratte zurückzuführen. Im Bett lagen der Eispicker, ein Jagdmesser und eine Pistole. Quentin war froh, dass sein Vater nicht ins Bad ging, denn er hatte die Wanne noch nicht gescheuert, der Duschvorhang war voller Blut und am Boden lag BUNNYGLOVES blutgetränkte Unterwäsche.

BIG GUY überlebte den Eingriff zwar wesentlich länger, aber ein Zombie wurde auch aus ihm nicht.

BIG GUY war am vielversprechendsten, denn inzwischen konnte ich es schon ziemlich gut mit dem Eispicker, Übung macht den Meister. Ich benutzte einen Hammer, wie Dr. Freeman geschrieben hatte, während ich vorher nur mit der flachen linken Hand auf den Eispicker gehauen hatte, um ihn zu den Stirnlappen durchzustoßen. Außerdem war BIG GUY geradezu abartig gesund […] Aber BIG GUY war genauso enttäuschend wie die anderen […] BIG GUY hat vielleicht noch fünfzehn Stunden gelebt, er ist gestorben, als ich ihn von hinten gefickt habe (nicht in der Wanne, in meinem Bett), um ihn als ZOMBIE an Disziplin zu gewöhnen. Dass er tot war, hab ich erst geschnallt, als ich in der Nacht aufgewacht bin, weil ich mal musste, da hab ich gemerkt, wie kalt er war, die Arme & die Beine, die ich um meinen Körper & der Kopf, den ich an meine Schulter gelegt hatte, zum Schmusen. Die Totenstarre hatte schon eingesetzt & ich hab voll die Panik gekriegt, weil ich dachte, er lässt mich nicht mehr los. (Seite 65ff)

Aus Vorsicht versuchte Quentin sich nur an Jungen, die nicht aus der Gegend stammten, sondern auf der Durchreise waren. Und die Leichen brachte er möglichst weit weg.

NO-NAME war höchstens neunzehn. Er stammte aus Toledo und stand als Anhalter am Straßenrand.

Ich befestige seinen Kopf in der Halterung & setze den Eispicker (auf der Kochplatte sterilisiert) an das rechte Auge, wie auf Dr. Freemans Zeichnung, aber als ich ihn durch die „Knochenwölbung“ einführe, flippt NO-NAME aus & zappelt & brüllt durch den Schwamm durch. Es gibt einen Schwall von Blut & ich komme, noch mal & noch mal & noch mal, es ist wie ein Krampf, ich kann nicht aufhören, nicht atmen, ich stöhne & schnappe nach Luft & als es vorbei ist & ich mich wieder unter Kontrolle habe, seh ich, was ich angerichtet habe, der Scheißpicker ist bis zum Griff im Auge von NO-NAME verschwunden & steckt im Gehirn […] (Seite 95f)

Schon als Kind verstand es Quentin, im richtigen Augenblick zu weinen. Er war sieben, als die Eltern des von ihm misshandelten Mitschülers Bruce zu seinen kamen, um sich zu beschweren. Da schob Quentin die Schuld auf Bruce und überzeugte zumindest die eigenen Eltern durch sein Schluchzen. – Unter Tränen behauptet Quentin in einer Gruppensitzung, der Zwölfjährige, den er angeblich vergewaltigt hatte, habe auf der Straße Geld von ihm verlangt, und da sei ihm eine Sicherung durchgebrannt. Daraufhin meint Dr. B.:

Endlich machen Sie Fortschritte, Quentin, ein echter Durchbruch. Sie haben sich auf Ihre Emotionen eingelassen! (Seite 57)

Etwa zur gleichen Zeit erzählt Quentin seinem Psychotherapeuten von einem Traum. Das ist für Dr. E. ein gutes Zeichen. Er weiß nicht, dass Quentin sich den Traum nur ausgedacht hat. Der Bewährungshelfer T. inspiziert Quentins Wohnung und zeigt sich sehr zufrieden.

Junie sagt, dass ich es Mom & Dad schuldig bin, ein anständiges Leben zu führen & dass ich im Grunde meines Herzens doch ein guter, anständiger Mensch bin. (Seite 157)

[Großmutter:] Weißt du, wovor ich Angst habe, Quentin? Dass einer deiner heimlichen Kumpel, einer dieser Junkies dir irgendwann mal was antut, davor hab ich Angst. Wegen Mom & Dad. Du bist zu naiv & zu vertrauensvoll, wir leben schließlich nicht mehr in den Sechzigern. (Seite 158)

Während Quentin den Rasen seiner Großmutter mäht, fällt ihm im Nachbargarten ein Junge auf, der ihn an seinen bei einem Badeunfall ums Leben gekommenen früheren Mitschüler und besten Freund Barry erinnert. Quentin gibt ihm den Namen SQUIRREL. Wochenlang beobachtet er ihn, während er in der seit vierzig Jahren unbenutzten Zisterne im Haus seiner Großeltern alles für die Lobotomie herrichtet. Er weiß, dass es sehr viel sicherer war, Durchreisende zu nehmen, aber das erhöhte Risiko reizt ihn. Schließlich besorgt er drei Dutzend Küken. Die hat er im Auto, als er seiner Großmutter erneut den Rasen mäht. Zwischendurch fährt er in eine bestimmte Straße und parkt dort. Als SQUIRREL, wie erwartet, mit seinem Fahrrad auftaucht, kippt Quentin die Schachteln mit den Küken aus. Auf diese Weise bringt er den Jungen dazu, anzuhalten und abzusteigen. SQUIRREL will ihm helfen, die auf der Straße herumirrenden, piepsenden Küken einzufangen. Plötzlich stößt Quentin ihn in den Wagen und knebelt und fesselt ihn. Dann kehrt zu seiner Großmutter zurück und mäht den Rasen zu Ende.

Als Jamie Waldron vermisst wird, sucht die Polizei alle im Computer gespeicherten und in der Umgebung lebenden Sexualstraftäter auf. Quentin weigert sich, die beiden Beamten, die bei ihm klingeln, ins Haus zu lassen und mit ihnen zu reden. Stattdessen ruft er den Rechtsanwalt seines Vaters an, der ihn auch vor Gericht vertrat. Der Anwalt verspricht, gleich vorbeizukommen. In der verbleibenden Zeit spült Quentin NO-NAMEs Goldzahn im WC hinunter. BIG GUYs Penis, den er in Formaldehyd aufbewahrte, schüttet er in die Küchenspüle. Dort hackt und schneidet er mit einem Messer herum, bis die Teile klein genug sind, dass sie von dem jaulenden Abfallzerkleinerer erfasst werden. Um den Gestank des Formaldehyds zu neutralisieren, schüttet Quentin Scheuerpulver und Rohrreiniger nach. Nachdem er die Polaroids von den Jungen im Waschbecken verbrannt hat, entsorgt er die Asche durch den Abfluss. Als der Anwalt eintrifft und die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl wiederkommt, sind alle Spuren beseitigt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Quentins Großmutter sagt aus, ihr Enkel sei der liebste und hilfsbereiteste junge Mensch von der Welt. Zu der Zeit, als man Jamie zum letzten Mal sah und kurz darauf sein Fahrrad entdeckte, habe Quentin ihren Rasen gemäht. Quentin dankt seiner Großmutter diese entlastende Aussage nicht: Er hat keine Lust mehr, sie zu besuchen, ihr den Rasen zu mähen oder den Chauffeur für sie zu spielen.

Quentins Vater ist am Boden zerstört, als sich herausstellt, dass sein inzwischen verstorbenes Idol, der Nobelpreisträger Dr. M. K., 1953 bis 1957 geheime Menschenversuche mit Verstrahlungen vorgenommen hatte. Beispielsweise waren sechsunddreißig geistig behinderte Kindern einer Schule in Bethesda, Maryland, untersucht worden, nachdem sie radioaktive Milch zu trinken bekommen hatten.

Junie möchte ihren Bruder aus seiner Einsamkeit befreien und lädt ihn zwei Wochen vor Weihnachten zusammen mit einigen Bekannten zum Kaffee ein. Während Junie sich mit Lucille unterhält, einer neuen Lehrerin an der von ihr geleiteten Schule, tut Quentin so, als höre er zu. Tatsächlich malt er sich aus, was er beim nächsten Versuch anders machen wird. Diesmal will er der Versuchsperson erst einmal die Stimmbänder durchtrennen, damit sie nicht schreien kann. Wie man das macht, wird er in der Bibliothek in einem Fachbuch nachschlagen.

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Der sarkastische Thriller „Zombie“ handelt von einem gefühl- und gewissenlosen Serienmörder, einem Psychopathen, der seine homosexuellen Fantasien ausleben möchte und deshalb hofft, sich durch eine Lobotomie einen Sklaven schaffen zu können, der ihm jederzeit zu Willen ist: einen Zombie. Weder seine gutbürgerlichen Eltern noch seine Psychotherapeuten ahnen etwas von dieser Obsession, denn Quentin benimmt sich ihnen gegenüber stets bescheiden, höflich und zuvorkommend. Zwar gilt er als Versager und Außenseiter, aber niemand würde ihm eine Gräueltat zutrauen, und dass er sich an einem Minderjährigen verging, wird als einmalige Entgleisung abgetan, zumal es sich bei dem Opfer um den zwölfjährigen Sohn einer unverheirateten Afroamerikanerin handelte.

Die Romanfigur weist Züge des Serienmörders Jeffrey Dahmer (1960 – 1994) auf.

Joyce Carol Oates versucht in „Zombie“ nicht, das Verhalten des perversen Protagonisten zu erklären, sondern ihr geht es darum, dessen Gedankenwelt nachzuvollziehen. Deshalb lässt sie ihn als Ich-Erzähler auftreten und reflektiert das auch in der Sprache. Quentin stellt also seine Wünsche, Gedanken und Taten aus seiner Perspektive dar. Skrupel kennt er ebensowenig wie moralische Wertungen. Als wenn es sich um eine alltägliche Verrichtung handeln würde, schildert er, wie er seinen sich aufbäumenden Opfern einen Eispicker durch die Augenhöhle ins Gehirn rammt, weil er glaubt, sie auf diese Weise zu einem Zombie machen zu können.

Der Text wirkt deshalb so intensiv, weil die Autorin mit eiserner Konsequenz bis hinein in kleinste Sprachdetails bei der Innenschau des Killergehirns bleibt.
(Michael Winter, Süddeutsche Zeitung, 26. März 2000)

Einige kritisierten Joyce Carol Oates deshalb als distanzlos und hielten ihr vor, eine Bestie vermenschlicht zu haben. Ebenso verstörend ist es, dass der Serienkiller im Verlauf der Handlung weder entlarvt wird, noch ums Leben kommt, sondern auf den letzten Seiten des Romans „Zombie“ von seinem nächsten Mord träumt. Joyce Carol Oates demonstriert damit jedoch auch, welche Abgründe sich hinter der bürgerlichen Fassade auftun: Gewaltverbrecher müssen nicht wie Monster aussehen, sondern in der Regel sind sie nicht von gewöhnlichen Bürgern zu unterscheiden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Deutsche Verlags-Anstalt

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