Philipp Roth : Der menschliche Makel

Der menschliche Makel
Originalausgabe: The Human Stain, New York 2000 Der menschliche Makel Übersetzung: Dirk van Gunsteren Carl Hanser Verlag, München / Wien 2002 Carl Hanser Verlag, München 2018 ISBN: 978-3-446-26238-6, 408 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der siebzigjährige Literaturprofessor Coleman Silk wird Opfer einer heuchlerischen Hexenjagd. Niemand ahnt, wie absurd der Vorwurf ist, er habe sich rassistisch gegen Schwarze geäußert, denn der Mann, den alle für einen Juden halten, ist in Wirklichkeit ein besonders hellhäutiger Afroamerikaner ...
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Kritik

Der vielschichtige, weit verzweigte und meisterhafte Roman konfrontiert uns mit der "Tyrannei der Schicklichkeit", mit dem Verlangen nach persönlicher Freiheit, einer Freiheit auch von der eigenen Vergangenheit in Form der Herkunft oder eines Traumas: "Der menschliche Makel".
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Im Sommer 1998 versuchen amerikanische Eltern ihre Kinder davon abzuhalten, die Nachrichten im Fernsehen zu sehen oder die Zeitung aufzuschlagen, denn unappetitliche Einzelheiten über die Affäre des US-Präsidenten Bill Clinton mit der Praktikantin Monica Lewinsky beherrschen die Schlagzeilen.

In Amerika war es der Sommer, in dem der Brechreiz zurückkehrte, in dem die Witze, die Spekulationen, die Theorien, die Übertreibungen kein Ende nahmen, in dem man die moralische Verpflichtung, seine Kinder über die Tatsachen des Erwachsenenlebens aufzuklären, zugunsten des Wunsches aufgab, ihnen alle Illusionen zu lassen, es war der Sommer, in dem die Kleinlichkeit der Menschen schlichtweg überwältigend war, in dem eine Art Dämon auf die Nation losgelassen wurde und man sich in beiden Lagern fragte: „Warum sind wir eigentlich so verrückt?“, der Sommer, in dem Männer wie Frauen beim Aufwachen feststellten, dass sie im Schlaf, in einem Zustand weit jenseits von Neid und Abscheu, von Bill Clintons Unverfrorenheit geträumt hatten. Ich selbst träumte in diesem Sommer von einem gewaltigen Spruchband, das dadaistisch wie eine Christo-Verpackung von einem Ende des Weißen Hauses zum anderen gespannt war und auf dem stand: HIER LEBT EIN MENSCHLICHES WESEN. Es war der Sommer, in dem sich das Durcheinander, das Getümmel, das Chaos zum millionsten Mal als subtiler erwies als diese Ideologie oder jene Moral. Es war der Sommer, in dem jeder an den Penis des Präsidenten dachte und das Leben in all seiner schamlosen Schlüpfrigkeit Amerika wieder einmal in Verwirrung stürzte.

Der 65-jährige Schriftsteller Nathan Zuckerman, der nach einer Prostatakarzinom-Operation, durch die er impotent und inkontinent geworden ist, 1993 von Manhattan in die Berkshire Hills im Westen von Massachusetts zog und hier allein in einem Zwei-Zimmer-Häuschen wohnt, befreundet sich mit seinem Nachbarn Coleman Silk.

Vor zwei Jahren stürmte der Nachbar zum ersten Mal bei ihm herein.

Die Art, wie er durch den Raum taumelte, erinnerte mich an ein Huhn, das weiter herumlief, nachdem man es geköpft hatte. Man hatte ihm den Kopf abgeschlagen, den Kopf, der das gebildete Gehirn des einst unantastbaren Dekans und Professors für klassische Literatur enthalten hatte, und was ich hier sah, war der unbeherrscht wütende amputierte Rest.

Coleman Silks Frau Iris war am Tag zuvor gestorben, an den Aufregungen aufgrund der ungerechtfertigten Rassismusvorwürfe gegen ihn, glaubte der Witwer. Nathan Zuckerman sollte ein Buch über den Fall schreiben, ihn darin rehabilitieren und die Mörder seiner Frau anprangern. Der Schriftsteller weigerte sich, und Coleman Silk begann selbst zu schreiben.

Der jetzt 71-Jährige war jahrzehntelang Professor für klassische Literatur und Dekan am Athena College. In der Ära des Rektors Pierce Roberts sorgte er dafür, dass die träge gewordene Elite durch junge Idealisten ersetzt wurde. Er selbst war auch kein verstaubter Akademiker, sondern begeisterte sich für das Dionysische der antiken Griechen und empfahl die „Ilias“ seinen Studenten vor allem deshalb, weil Homer von Frauenraub und Krieg erzählt:

„Achilleus nach dem Adrenalinstoß: der explosivste Wilde Mann, den je ein Autor das Vergnügen hatte zu schildern, die – besonders wenn es um sein Prestige und seine Gelüste geht – empfindlichste Tötungsmaschine in der Geschichte der Kriegsführung.“

1995, mit 69, legte er das Amt des Dekans nieder, um seine akademische Laufbahn mit einer Lehrtätigkeit ausklingen zu lassen. Er übernahm Seminare im Fachbereich für Sprache und Literatur, den die ehrgeizige französische Professorin Delphine Roux leitete. Im ersten Semester beschwerte sich die Studentin Elena Mitnick über ihn, weil er sich weigerte, die Tragödien von Euripides auch unter feministischen Gesichtspunkten durchzunehmen. Nachdem er in den ersten sechs Wochen des folgenden Semesters zwei für eines seiner beiden Seminare angemeldete Teilnehmerinnen nicht zu Gesicht bekommen hatte, fragte er die Anwesenden: „Kennt jemand diese Leute? Hat sie schon mal jemand im College gesehen, oder sind es dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen?“ Er konnte nicht ahnen, dass es sich zum zwei Afroamerikanerinnen handelte. Eine von ihnen, Tracy Cummings, schaltete Delphine Roux ein. Obwohl Coleman Silk beteuerte, er habe die Hautfarbe der Studentinnen gar nicht gekannt, warf man ihm Rassismus vor. Die Schwarzen nutzten den Skandal, um ihren Einfluss am Athena College auszubauen und die Zahl der nichtweißen Studenten und Professoren zu erhöhen. Zermürbt von den wiederholten Befragungen und Unterstellungen, ging Coleman Silk 1996 in den Ruhestand.

Iris, seine tatkräftige, kerngesunde 64-jährige Frau, eine Dichterin und abstrakte Malerin, die früher gegen Atomwaffen und den Vietnam-Krieg demonstriert hatte, „eine Naturgewalt von einer Frau“, nahm sich die Intrige gegen ihren Mann so zu Herzen, dass sie starb. So jedenfalls sah es Coleman Silk.

Sie konnte nicht ahnen, wie absurd der Rassismus-Vorwurf war, denn in den mehr als vierzig Ehejahren hatte Coleman Silk seiner Frau verheimlicht, dass er kein Weißer, kein Jude, sondern ein besonders hellhäutiger Schwarzer ist.

Sein Vater besaß einen Optikerladen in East Orange und arbeitete nach seinem Bankrott als Speisewagenkellner, bis er eines Tages beim Servieren tot umfiel. Colman Brutus Silk hat einen älteren Bruder, Walter Anthony, und eine Schwester namens Ernestine Calpurnia. 1944, im Alter von 18 Jahren, absolvierte er die East Orange Highschool als Jahrgangsbester. In seiner Jugend trat er erfolgreich als Boxer auf. Dann kam er auf die Idee, sich als Weißer bei der Navy zu bewerben, und es funktionierte: Nur eine Hure in Norfolk merkte, dass er ein Schwarzer war. 1946, nach der Entlassung aus der Armee, begann er seine Hochschulkarriere.

1948 verliebte er sich in die 18-jährige Studentin Steena Palsson, die aus einer dänischen und einer isländischen Familie stammte. Erst als er sie seiner Mutter vorstellte, merkte sie, dass er ein Schwarzer war und trennte sich von ihm. Dann war er fünf Monate mit der 23-jährigen Ellie Magee zusammen, einer Schwarzen, die seine Hautfarbe richtig erkannte, sich jedoch einen Spaß daraus machte, mit ihrem weißen Lover anzugeben.

Auch Iris Gittelman gegenüber gab er sich als Jude aus und behauptete, der Name Silk sei eine Verballhornung von Silberzweig. (Bei der Aufrechterhaltung seiner falschen Identität half ihm, dass ihn seine Eltern aus hygienischen Gründen hatten beschneiden lassen.) Bevor er Iris zwei Jahre später heiratete, suchte er seine Mutter auf und machte ihr klar, dass er seine Familie verleugnen werde, um frei zu sein.

Iris gebar ihm vier Kinder: Michael, Jeffrey und die Zwillinge Lisa und Mark. Jedesmal musste Coleman befürchten, dass sein Geheimnis durch die Hautfarbe der Kinder aufgedeckt wurde. Aber er hatte Glück. Nach der vierten Geburt wollte er Iris endlich die Wahrheit gestehen, aber gerade in diesem Augenblick erzählte sie ihm von einer Freundin, die sich das Leben nehmen wollte, weil ihr Ehemann acht Jahre lang auch mit einer Geliebten und zwei mit ihr gezeugten Kindern zusammengelebt hatte, und Iris hielt nicht etwa den Seitensprung, sondern die Lüge für das Unvorstellbare! So erfuhren weder sie noch seine Kinder, dass er kein weißer Jude war.

Zwei Jahre lang schrieb Coleman Silk an dem Buch über den Tod seiner Frau. Im Sommer 1998 gibt er es auf.

Doch Coleman hatte die Rohfassung seines Buches, diese so überaus schlechte Rohfassung, einfach aufgegeben, und schwimmend war es ihm irgendwie gelungen, sich nicht nur vom Wrack seines Buches, sondern auch vom Wrack seines Lebens zu lösen. Ohne das Buch schien er jetzt nicht mehr das geringste Verlangen zu haben, die Dinge richtig zu stellen; da ihn der leidenschaftliche Wunsch, seine Ehre wieder herzustellen und seine Gegner als Mörder zu brandmarken, verlassen hatte, war er nicht mehr eingehüllt in das Gefühl, ihm sei Unrecht widerfahren.

Er erzählt seinem neuen Freund Nathan Zuckerman, er nehme Viagra und habe eine Geliebte, halb so alt wie er: 34. Sie heißt Faunia Farley.

Faunia wuchs in einer großbürgerlichen Familie in Boston auf. Als sie fünf Jahre alt war, ertappte der Vater die Mutter bei einem Seitensprung und ließ sich scheiden. Faunias Mutter heiratete ein zweites Mal. Der Stiefvater betatschte das Mädchen und versuchte es zu vergewaltigen. Die Mutter glaubte ihr ebensowenig wie der eigens konsultierte Psychiater. Mit 14 lief Faunia von zu Hause fort. Sechs Jahre später heiratete sie den 23 Jahre alten Lester Farley.

Der war im Vietnamkrieg gewesen.

Beim erstenmal hatte er Ohren abgeschnitten, weil er eben da war und weil man das eben machte, aber das war’s dann auch. Er war keiner von denen, die es, als man sie in dieser Gesetzlosigkeit abgeladen hatte, gar nicht erwarten konnten, endlich loszulegen …

Weil er anschließend nicht mehr zurechtkam, meldete er sich nochmals für Vietnam. Dadurch wurde es nur noch schlimmer. Zweimal prügelte er Faunia krankenhausreif. Seine Milchfarm ging bankrott. Faunia wollte ihn verlassen, mit den beiden Kindern, einer achtjährigen Tochter und einem fünfjährigen Sohn.

Einmal spionierte er ihr nach, als sie hinunterging und in den Pick-up des Schreiners stieg, den dieser in der Einfahrt geparkt hatte. Mit seinen in Vietnam geschärften Sinnen roch er plötzlich Rauch. Er rannte an den beiden vorbei ins Haus, hinauf in den ersten Stock, zu den Kindern. Eine Heizsonne war umgefallen und hatte Feuer gefangen. Als der Schreiner in der Tür auftauchte, warf er sich auf ihn. Faunia kreischte, nicht wegen der Kinder oder des Feuers, sondern wegen ihres Liebhabers. Farley rastete völlig aus. Danach kam für die beiden Kinder jede Hilfe zu spät: sie waren erstickt.

Faunia und Lester Farley sind inzwischen geschieden. Sie wohnt mietfrei auf einer von zwei ebenfalls geschiedenen Umweltschützerinnen bewirtschafteten Milchfarm und melkt als Gegenleistung die Kühe. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Putzfrau im Postamt und im Athena College.

Als Delphine Roux von Coleman Silks Verhältnis erfährt, glaubt sie es kaum: Er ist 71 und kann es noch immer nicht lassen! Weil er keine Studentin mehr terrorisieren kann, rächt er sich an einer Putzfrau der Universität! Bestimmt missbraucht er die unterprivilegierte Frau. Während eines kurzen Aufenthalts in New York wirft sie einen anonymen, handgeschriebenen Brief an Coleman Silk in den Briefkasten:

Jeder weiß, dass Sie eine misshandelte, analphabetische Frau, die halb so alt ist wie Sie, sexuell ausbeuten.

Coleman Silk durchschaut sofort, von dem der Brief stammt, und er beauftragt seinen Anwalt Nelson Primus, Delphine Roux einen entsprechenden Brief zu schreiben, obwohl dieser ihm rät, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Gerüchte verbreiten sich, denen zufolge Faunia sich nach einer Abtreibung das Leben zu nehmen versuchte.

Auch Lester Farley, der sich nach einer Entziehungskur einer Selbsthilfegruppe von Vietnamveteranen anschloss, erfährt von der Affäre seiner Exfrau und schleicht mehrmals um Coleman Silks Haus herum. Eines Tages stürzt er aus einem Gebüsch hervor und erschreckt die beiden. Nelson Primus warnt seinen Mandanten:

„Farley ist die Welt, die Faunia nur mit knapper Not überlebt hat und die sie zwangsläufig mitbringt, wenn sie durch Ihre Tür tritt …
Aus dieser Sache kann etwas Schlimmeres entstehen als gestern nacht, etwas viel Schlimmeres. Sie kämpfen jetzt nicht mehr in einer Welt, wo man darauf aus ist, Sie fertigzumachen und von Ihrem Posten zu vertreiben, damit einer Ihrer Gegner ihn einnehmen kann. Sie kämpfen nicht mehr gegen eine Bande von wohlerzogenen, elitären Egalitaristen, die ihren Ehrgeiz hinter hehren Idealen verbergen. Sie kämpfen jetzt in einer Welt, in der sich Rücksichtslosigkeit nicht die Mühe macht, sich mit menschenfreundlicher Rhetorik zu tarnen. Das sind Leute, deren grundsätzliche Einstellung dem Leben gegenüber die ist, dass sie von A bis Z beschissen worden sind.“

Faunia übernachtet ein einziges Mal bei Coleman Silk, obwohl sie es eigentlich nicht wollte, weil sie fürchtet, es könne „der Anfang des Schwelgens in einer Immer-und-ewig-Phantasie, der banalsten Phantasie der Welt“ sein.

Am 11. November 1998 feiert Coleman Silk seinen 72. Geburtstag. Es ist auch der Tag der Veteranen. Aus diesem Anlass begleiten Louie Borrero und ein paar andere ehemalige Vietnamsoldaten Lester Farley zu einer Nachbildung der am 13. November 1982 an der Mall in Washington eingeweihten Wand mit den 58 209 Namen der im Vietnamkrieg gefallenen Amerikaner. Danach kommt er seinen Kameraden heiter und gelassen vor. Aber das täuscht: Er hat einen Entschluss gefasst. Sobald es dunkel ist, fährt er los. Als er Faunia und Coleman Silk kommen sieht, wechselt er auf die linke Straßenseite und hält auf die Scheinwerfer zu. Plötzlich verschwinden die Lichter, ohne dass es einen Zusammenstoß gegeben hat.

Am anderen Morgen erfährt Lester Farley, dass die beiden bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Offenbar sei Coleman Silk zu schnell gefahren und habe in einer Kurve die Kontrolle über den Wagen verloren. Einige erzählen sich, es sei geschehen, weil der Alte von seiner jungen Geliebten während der Fahrt Fellatio verlangt habe.

Bei der Beerdigung Faunias erfährt Nathan Zuckerman, dass sie ein Tagebuch hinterlassen hat. Faunia war also gar keine Analphabetin! Sie gab es nur vor. Er möchte es lesen, aber Faunias Stiefmutter verbrennt es. Coleman Silks Kinder drängen den Schriftsteller, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Nur Silks Schwester Ernestine berichtet über die Jugendzeit des Toten und lädt ihn im Februar 1999 zu einem Abendessen mit ihrem Bruder Walter und dessen Frau ein.

Auf dem Weg dorthin bemerkt Nathan Zuckerman Lester Farleys geparkten Pick-up. Er hält an, steigt aus, entdeckt den Mann mitten auf einem zugefrorenen See und geht hin. Farley hat einige Löcher in das Eis gebohrt, um zu angeln. Er fragt, wovon die Bücher des Schriftstellers handeln.

„Ich schreibe über Leute wie Sie“, sagte ich.
„Ach, was?“
„Ja. Über Leute wie Sie. Über ihre Probleme.“
„Sagen Sie mal den Titel von einem Ihrer Bücher.“
„Der menschliche Makel.“
„Ja? Kann ich das kaufen?“
„Es ist noch nicht erschienen. Es ist noch nicht fertig.“

Farley glaubt zu wissen, dass Zuckerman ihn für den Mörder von Faunia und Coleman Silk hält, und der Schriftsteller, der sich durchschaut fühlt, fürchtet plötzlich, mit dem scharfen Eisbohrer getötet zu werden.

Es war weit zum Ufer. Und wenn ich es auch bis dorthin schaffte, so wusste dich doch, dass die Zeiten, da ich ungestört allein in meinem Haus leben konnte, vorüber waren. Ich wusste, dass ich, sobald das Buch erschienen war, anderswo würde leben müssen.

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„Political Correctness ist eine Maschine, die in Amerika Dummheit fabriziert“, sagte Philip Roth einmal. In seinem Roman „Der menschliche Makel“ konfrontiert er uns mit der „Tyrannei der Schicklichkeit“. Karrieresüchtige und machtbewusste Hochschullehrer veranstalten eine heuchlerische Hexenjagd auf einen alternden Literaturprofessor. Zuerst mobben sie ihn mit dem unzutreffenden Vorwurf des Rassismus vom Campus, dann prangern sie ihn wegen der angeblichen sexuellen Ausbeutung einer unterprivilegierten Frau an, und seine eigenen Kinder wenden sich empört von ihm ab.

Sie ahnen nicht, wie verrückt es ist, eine Äußerung des Hochschullehrers als Vorurteil gegenüber Schwarzen zu interpretieren, denn dieser Mann, den sie alle für einen Weißen und einen Juden halten, ist in Wirklichkeit selbst ein Afroamerikaner. Nomen est omen: Coleman assoziieren wir mit der schwarzen Farbe der Kohle, Silk mit weißer Seide. Seit seiner Militärdienstzeit gibt Coleman Silk sich als Weißer aus, um frei zu sein. Nicht einmal seine Frau oder seine Kinder haben seine Lebenslüge durchschaut. Jahrzehntelang beschäftigte er sich mit griechischen Tragödien. Tragisch – mit der Bestrafung der Götter – endet seine Hybris.

Die Emanzipation der Frau und die Traumatisierung der Soldaten im Vietnam-Krieg sind weitere Themen dieses weit verzweigten Romans.

Einmal sagt Faunia über eine zahme Krähe, die sie „Prince“ nennt:

„Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.“

Meisterhaft erzählt Philip Roth das vielschichtige Geschehen von seinem Ende her und zum Teil aus der Perspektive seines bereits aus anderen Romanen bekannten Alter Ego Nathan Zuckerman. Immer wieder verzögert die eingestreute längere Biografie oder der innere Monolog einer Haupt- oder Nebenfigur den Handlungsablauf. Aus der Verkettung all dieser Schicksale ergibt sich die Tragödie.

Seine Sprache passt Philip Roth den Figuren an, und er schreckt auch nicht vor einer sechs Druckseiten langen deftigen Männerdiskussion weit jenseits der „political correctness“ über Präsident Bill Clinton und Monica Lewinsky zurück.

„In dem Augenblick, wo er abgespritzt hat, war er erledigt. Sie hatte, was sie wollte. Eine Probe. Sein noch dampfendes Sperma. Wenn er sie in den Arsch gefickt hätte, wäre der Nation dieses schreckliche Trauma erspart geblieben.“

Der Übersetzer Dirk van Gunsteren weist eigens darauf hin, dass die missverständliche Äußerung Coleman Silks über die beiden fehlenden Studentinnen im Original anders lautet: „Do they exist or are they spooks?“ „Spook“ bedeutet Gespenst (auch Spion), aber bis in die Fünfzigerjahre wurde dieses Wort auch als abfällige Bezeichnung von Weißen für Schwarze und umgekehrt verwendet. Da sich dieses Wortspiel nicht übersetzen lässt, wandelte Dirk van Gunsteren den Satz ab: „… oder sind es dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen?“

Valerie Stiegele schrieb eine Hörspielfassung von „Der menschliche Makel“, die unter der Regie von Norbert Schaeffer mit Jürgen Hentsch, Michael Mendl, Sophie Rois, Peter Dirschauer u. a. aufgenommen wurde. (Der Hörverlag, München 2003. 2 CD, 145 Minuten)

Robert Benton verfilmte „Der menschliche Makel“ mit Anthony Hopkins als Coleman Silk und Nicole Kidman in der Rolle der Faunia Farley.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 – 2004
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Robert Benton: Der menschliche Makel

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Die karge Darstellung ist alles andere als bildhaft. Vieles bleibt vage, wenig wird erklärt. Michèle Desbordes' Sprache in "Die Bitte" ist bewusst altertümlich, wirkt manieriert, weist aber auch einen eigenen Rhythmus auf.
Die Bitte

Michèle Desbordes

Die Bitte

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