Philip Roth : Täuschung

Täuschung
Originalausgabe: Deception Simon & Schuster, New York 1990 Täuschung Übersetzung: Jörg Trobitius Carl Hanser Verlag, München 1993 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, Band 89, München 2008, 157 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als die Ehefrau des Schriftstellers Philip ein Notizbuch mit Dialogen entdeckt und annimmt, er habe Gespräche protokolliert, die er mit einer Geliebten führte, versucht er sie davon zu überzeugen, dass alles nur fiktiv sei und als Materialsammlung für seinen neuen Roman diene. Nach dessen Erscheinen ruft er die angeblich nur erdachte Geliebte an, die sich in einer der Romanfiguren wiedererkannte. Doch ob dieses Telefongespräch real oder fiktiv ist, bleibt offen ...
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Kritik

Der Roman "Täuschung" von Philip Roth besteht ausnahmslos aus Dialogen. Wirklich gelungen sind die letzten beiden Kapitel, in denen Philip Roth raffiniert und witzig mit Fiktion und Wirklichkeit spielt.
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Zum Arbeiten zieht der Schriftsteller Philip sich jeden Tag in ein Studio außerhalb seiner Wohnung zurück. Eines Abends eröffnet ihm seine Ehefrau, sie habe in einem liegen gebliebenen Notizbuch von ihm geblättert. Es enthält eine Sammlung von Dialogen.

Einige der Gespräche beziehen sich auf zwei Bekannte aus Prag: Ivan und Olina. Einmal, als Ivan von einer längeren Reise nach Hause kam, war ein Afroamerikaner namens Andrew bei Olina in der Wohnung. Es dauerte nicht lang, bis Ivan herausfand, dass einige seiner Kondome fehlten und die beiden seit vier Wochen zusammen waren. Olina trennt sich denn auch von ihm und geht mit Andrew auf und davon. Ivan kann es nicht fassen, denn bei ihm war die Katholikin frigide. Nachdem er Philip davon erzählt hat, beschuldigt er seinen Freund, auch viermal in New York mit Olina geschlafen zu haben. Der Schriftsteller leugnet es.

Andere Dialoge betreffen eine einunddreißigjährige Polin, deren Vater vor dem Krieg Direktor eines Kohlebergwerks in Schlesien gewesen war, dann große Anteile davon erwarb, aber unter der kommunistischen Herrschaft alles verlor. Inzwischen ist er tot. Die Polin, die englische Philologie studiert hat, sieht eines Tages auf einer Rolltreppe in einer Londoner U-Bahn-Station Philip wieder, einen amerikanischen Juden, der vor zehn Jahren ihr Geliebter war. Bevor sie ihn ansprechen kann, eilt er an ihr vorbei, ohne sie zu beachten oder gar zu erkennen. Das enttäuscht sie.

Weitaus die meisten Dialoge werden von einem Einundfünfzigjährigen namens Philip und einer vierunddreißigjährigen Engländerin nach dem Geschlechtsverkehr in einem Wohnhaus in Notting Hill gesprochen.

„Meine Mutter hat mir beigebracht, niemals mit entblößter Fotze dazusitzen.“
„Und mit den Beinen über den Schultern eines Gentleman.“
„Davon hat sie mir nie etwas gesagt. Ich glaube nicht, dass sie die geringste Ahnung hatte, ich wäre für so etwas zu haben.“ (Seite 50)

Beide sind verheiratet, und die Frau hat auch einen Sohn.

Philips Ehefrau ist überzeugt, dass sich ihr Mann in seinem Studio mit der Geliebten trifft und die in „postkoitaler Intimität“ (Seite 141) geführten Dialoge protokolliert. Sie stellt ihn zur Rede. Der Schriftsteller beteuert, die Dialoge seien fiktiv und das Notizbuch diene ihm als Materialsammlung für seinen neuen, komplexen Roman über Nathan Zuckerman. Er hat zwar tatsächlich einen tschechischen Freund namens Ivan, der von seiner Lebensgefährtin Olina wegen eines Afroamerikaners verlassen wurde, doch – so versichert Philip – Ivan habe ihn nie beschuldigt, viermal mit Olina geschlafen zu haben. Er leugnet auch, dass es sich bei der jungen Polin um die Frau handelt, die er auf einer Party kennen gelernt hatte. In der Engländerin glaubt Philips Frau Rosalie Nichols erkannt zu haben, und der Schriftsteller gibt zu, in die Dialoge sei einiges von der Affäre eingeflossen, die er mit Rosalie hatte, bevor er seine jetzige Frau kennen lernte. Die Engländerin war damals mit ihrem Ehemann in das Apartment über ihm eingezogen. Doch im Grunde, betont Philip noch einmal, sei alles nur erdacht:

„Ich habe mir eine Liebesaffäre vorgestellt – das tue ich die ganze Zeit. Nicht so, wie es die meisten Männer gewöhnlich tun, während sie ihren Schwanz anpacken, sondern weil das meine Arbeit ist.“ (Seite 137)

„Ich habe mich mir selbst vorgestellt, außerhalb meines Romans, wie ich eine Liebesaffäre mit einer Person innerhalb meines Romans habe.“ (Seite 137)

„Es ist eine Posse, es ist ein Spiel, es ist eine Inszenierung meines Ich!“ (Seite 143)

„Es ist die Geschichte einer Imagination von Liebe.“
„Aber wenn es eines Tages veröffentlicht werden sollte […], dann werden die Leute ebensowenig wie ich wissen, dass es einfach nur die kleine Geschichte einer Imagination von Liebe ist.“
„Das tun sie in der Regel sowieso nicht, also was ist schon der Unterschied? Ich schreibe Fiktion, und man sagt mir, es sei Autobiografie, ich schreibe eine Autobiografie, und man sagt mir, es sei Fiktion, und da ich folglich so schwer von Begriff bin und die so klug sind, sollen die anderen doch entscheiden, was es nun ist oder nicht ist.“ (Seite 143)

Einige Zeit nach dem Gespräch mit seiner Ehefrau ruft Philip die Geliebte an, mit der er seit längerer Zeit keinen Kontakt mehr hatte. Sie eröffnet ihm, beim letzten Treffen schwanger gewesen zu sein, allerdings nicht von ihm, sondern von ihrem Ehemann. Mit dem und ihren beiden Söhnen lebt sie inzwischen ganz in den USA. Philips neuen Roman hat sie gelesen. Bekannte sprachen sie darauf an und behaupteten, eine der Figuren ähnele ihr sehr.

„Warum, warum tust du das? Warum gehst du so mit dem Leben um? Und insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass du die Geheimhaltung wolltest – und unsere Beziehung war entstellt von Geheimhaltung, von deinen nahezu paranoiden Bemühungen, die ganze Sache im Verborgenen zu halten. Und alles wegen deiner Frau. Warum hast du dann ein Buch geschrieben, bei dem ihr, da bin ich sicher, gar nichts anderes übrigbleibt, als zu denken, es müsse auf einer realen Person basieren? Warum?“ (Seite 149)

Philip erklärt seiner früheren Geliebten, dass er seine Ehefrau glauben machte, die Dialoge würden von Rosalie Nichols stammen. Rosalie, der das Buch ebenfalls aufgefallen sei, denke das übrigens auch und habe zum ihm gesagt:

„Die ganze Zeit habe ich gedacht, du hättest mich um meines Körpers willen geliebt, während es doch in Wirklichkeit um meiner Sätze willen war.“ (Seite 150)

Bevor Philip sich von seiner früheren Geliebten verabschiedet, erzählt er ihr, er trage sich mit dem Gedanken, sie auch noch in einem weiteren Roman auftreten zu lassen und dabei auch das Telefongespräch zu verwenden, das sie gerade führten.

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Der Roman „Täuschung“ besteht ausnahmslos aus Dialogen. Dass Philip Roth darauf verzichtet hat, die Figuren in einer Exposition vorzustellen und sie zu beschreiben, erschwert den Zugang, zumal wir als Leser zunächst nicht wissen, wer da spricht und wann es geschieht. Auch im weiteren Verlauf des Romans beginnen viele der Absätze ohne Hinweis auf die Figur der bzw. des Sprechenden; die Rollen werden oft erst während eines Dialogs erkennbar.

[…] man am besten gar nicht fragt, was hier Autor, Erzähler, Figur ist; denn dass alles durcheinandergeht, das ist seine Daseinsform. Er liebt ausschließlich, um zu schreiben; aber er schreibt ausschließlich von der Liebe. (Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2008)

Wirklich gelungen sind die letzten beiden Kapitel. Im vorletzten Kapitel versucht Philip seine Ehefrau davon zu überzeugen, dass die von ihr gefundenen Dialoge von ihm mit einer Geliebten rein fiktiv seien und als Materialsammlung für seinen neuen Roman dienten. Nach der Veröffentlichung des Buches ruft er die angeblich nur erdachte Geliebte an, die sich in einer der Figuren wiedererkannte. Von dieser Figur glaubt jedoch auch noch eine andere Geliebte des Schriftstellers, er habe sie damit gemeint. Doch ob dieses Telefongespräch real oder fiktiv ist, bleibt offen. Was ist „real“ und was Täuschung? Dieses Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit ist raffiniert, witzig und amüsant.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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