Friedrich Schiller : Maria Stuart

Maria Stuart
Maria Stuart Manuskript: 1799/1800 Uraufführung: Weimar 14. Juni 1800 Erstausgabe: Cotta, Tübingen 1801
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach ihrer Flucht aus Schottland suchte Königin Maria Stuart 1568 Zuflucht in England. Weil Königin Elisabeth I. jedoch befürchtete, dass sich Putschisten um die Katholikin scharen könnten, ließ sie Maria Stuart einsperren und 1586 wegen Hochverrats zum Tod verurteilen. Die Handlung des Trauerspiels "Maria Stuart" spielt Anfang 1588: Während Mortimer aus Liebe zu Maria Stuart deren gewaltsame Befreiung vorbereitet, führt Leicester in der Hoffnung auf eine Aussöhnung der beiden Königinnen eine persönliche Begegnung herbei ...
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Kritik

Zeitlich umfasst die Handlung des Trauerspiels "Maria Stuart" die letzten drei Tage im Leben der zum Tod verurteilten schottischen Königin. Bis auf die Hinrichtung ist bereits alles geschehen; die Vorgeschichte holt Friedrich Schiller in Dialogen nach.

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Der erste Aufzug spielt im Schloss Fotheringhay, wo Maria Stuart gefangen gehalten wird und der ältere Ritter Amias Paulet die Aufsicht führt. Marias Amme, Hanna Kennedy, beschwert sich darüber, dass Paulet das Schreibpult der aus Schottland geflohenen Königin aufbricht und Schmuck und Papiere konfisziert. Maria Stuart tritt hinzu und beschwichtigt Hanna:

Beruhige dich, Hanna. Diese Flitter machen / die Königin nicht aus. Man kann uns niedrig / behandeln, nicht erniedrigen. (1. Aufzug, 2. Auftritt)

Sie ersucht Paulet, eines der Schreiben an Königin Elisabeth I. von England weiterzuleiten:

Ihr sollt den Inhalt wissen, Sir. Ich bitte / in diesem Brief um eine große Gunst – / um eine Unterredung mit ihr selbst, / die ich mit Augen nie gesehn – Man hat mich / vor ein Gericht von Männern vorgefordert / die ich als meinesgleichen nicht erkennen, / zu denen ich kein Herz mir fassen kann. / Elisabeth ist meines Stammes, meines / Geschlechts und Ranges – Ihr allein, der Schwester, / der Königin, der Frau kann ich mich öffnen. (1. Aufzug, 2. Auftritt)

Außerdem bittet Maria Stuart um „der Kirche Trost“, und als Paulet ihr den Besuch des Dechanten in Aussicht stellt, besteht sie auf einem katholischen Geistlichen.

Paulets Neffe Mortimer überbringt seinem Onkel eine Nachricht, ohne Maria Stuart zu beachten.

Maria Stuart erinnert Hanna daran, dass sich an diesem Tag die Ermordung ihres zweiten Ehemanns – Henry Darnley – jährt. Das bedrückt sie.

[Hanna:] Nicht Ihr habt ihn gemordet! Andre tatens!
[Maria Stuart:] Ich wusste drum. Ich ließ die Tat geschehen, / Und lockt ihn schmeichelnd in das Todesnetz […]
[Hanna:] Ihr wart durch blutige Beleidigung / gereizt und durch des Mannes Übermut, / den Eure Liebe aus der Dunkelheit / wie eine Götterhand hervorgezogen, / den Ihr durch Euer Brautgemach zum Throne / geführt, mit Eurer blühenden Person / beglückt und Eurer angestammten Krone […] Trotz bot Euch der Abscheuliche – der Euer / Geschöpf war, Euren König wollt er spielen, / vor Euren Augen ließ er Euch den Liebling, / den schönen Sänger Rizzio durchbohren – Ihr rächtet blutig nur die blutge Tat.
[Maria Stuart:] Und blutig wird sie auch an mir sich rächen. / du sprichst mein Urteil aus, da du mich tröstest. (1. Aufzug, 4. Auftritt)

Mortimer kehrt zurück und fordert Hanna auf, vor der Tür Wache zu halten: Er möchte mit Maria Stuart allein sprechen. Er übergibt ihr eine Karte ihres Oheims, des Kardinals von Lothringen, auf der sie liest:

Traut dem Sir Mortimer, der Euch dies bringt, denn keinen treuern Freund habt Ihr in England.
(1. Aufzug, 6. Auftritt)

Mortimer begeisterte sich auf seinen Reisen durch Frankreich und Italien für die römisch-katholische Kirche und konvertierte heimlich. Er unterrichtet die von ihm angehimmelte Gefangene darüber, dass sie von den Richtern bereits schuldig gesprochen worden sei und Königin Elisabeth I. die Hinrichtung nur hinausschiebe:

Das Haus / der Lords und der Gemeinen, die Stadt London / bestehen heftig dringend auf des Urteils / Vollstreckung, nur die Königin säumt noch – / aus arger List, dass man sie nötige, / nicht aus Gefühl der Menschlichkeit und Schonung. (1. Aufzug, 6. Auftritt)

Maria Stuart kann es kaum glauben:

Sie könnt es wagen, mein gekröntes Haupt / schmachvoll auf einen Henkerblock zu legen?
(1. Aufzug, 6. Auftritt)

Mortimer ist überzeugt, dass Königin Elisabeth das Todesurteil demnächst unterschreiben wird und versucht deshalb, Maria Stuart zur Flucht zu überreden. Obwohl er alles vorbereitet hat und ein Dutzend Verschwörer bereitstehen, hält Maria Stuart sein Vorhaben für aussichtslos. Nur ein Mann könne sie aus dem Gefängnis befreien, meint sie: Robert Dudley, der Graf von Leicester. Mortimer wundert sich, denn der Vertraute Elisabeths gilt als „blutigster Verfolger“ der schottischen Königin, aber Maria Stuart zieht ein Schreiben aus ihrem Dekolletee, bittet Mortimer, es dem Grafen zu überbringen und drängt ihn, ihm zu vertrauen.

Maria Stuart und Mortimer müssen ihr Gespräch beenden, weil Wilhelm Cecil, der Baron von Burleigh und Großschatzmeister der Krone, eintrifft, um der Gefangenen das Urteil zu verkünden. Gleich zu Beginn fällt Maria Stuart ihm ins Wort: Sie erkennt das Gericht nicht an:

Verordnet ist im englischen Gesetz, / dass jeder Angeklagte durch Geschworne / von seinesgleichen soll gerichtet werden. / Wer in der Committee ist meinesgleichen? / Nur Könige sind meine Peers […]
Nicht zweifl ich dran, es sitzen neben Euch / noch edle Männer unter meinen Richtern. / Doch sie sind Protestanten, Eiferer / für Englands Wohl, und sprechen über mich, / die Königin von Schottland, die Papistin! / Es kann der Brite gegen den Schotten nicht / gerecht sein, ist ein uralt Wort – Drum ist / herkömmlich seit der Väter grauen Zeit, / dass vor Gericht kein Brite gegen den Schotten, / kein Schotte gegen jenen zeugen darf. (1. Aufzug, 7. Auftritt)

Maria Stuart protestiert dagegen, dass im Jahr zuvor eigens ein Gesetz erlassen wurde, demzufolge sie nun hingerichtet werden soll:

Mylord, man hält mich hier / gefangen wider alle Völkerreche. / Nicht mit dem Schwerte kam ich in dies Land, / ich kam herein, als eine Bittende, / das heilge Gastrecht fordernd, in den Arm / der blutsverwandten Königin mich werfend! (1. Aufzug, 7. Auftritt)

Maria Stuart äußert ihre Überzeugung, dass es in ihrem Fall nicht um Gerechtigkeit gehe, sondern allein um den Machterhalt Königin Elisabeths I.

Im anschließenden Gespräch mit Paulet erklärt Burleigh, es wäre besser gewesen, wenn Maria Stuart gestorben wäre, bevor sie in England Zuflucht suchte, denn viele werden das Todesurteil für ungerecht halten.

Das Richterschwert, womit der Mann sich ziert, / verhasst ists in der Frauen Hand. Die Welt / glaubt nicht an die Gerechtigkeit des Weibes, / sobald ein Weib das Opfer wird. Umsonst, / dass wir, die Richter, nach Gewissen sprachen! (1. Aufzug, 8. Auftritt)

Der zweite Aufzug spielt im Westminster Palace. Staatssekretär Wilhelm Davison und der Graf von Kent befürchten negative Auswirkungen einer Eheschließung von Königin Elisabeth mit dem Dauphin. Die französischen Diplomaten Graf Aubespine und Graf Bellievre hätten gern eine Zusage Elisabeths, doch die englische Königin legt sich nicht fest und klagt:

Die Könige sind nur Sklaven ihres Standes, / dem eignen Herzen dürfen sie nicht folgen. / Mein Wunsch wars immer, unvermählt zu sterben […] / Doch meine Untertanen wollns nicht […] / Auch meine jungfräuliche Freiheit soll ich, / mein höchstes Gut, hingeben für mein Volk. / Und der Gebieter wird mir aufgedrungen. / Er zeigt mir dadurch an, dass ich ihm nur / ein Weib bin, und ich meinte doch, regiert / zu haben, wie ein Mann und wie ein König. (2. Aufzug, 2. Auftritt)

Schließlich zieht sie doch einen Ring vom Finger; Graf Bellievre möge ihn dem Dauphin überbringen. Daraufhin bittet Graf Aubespine für Maria Stuart um Gnade, aber die Königin schneidet ihm das Wort ab:

Nicht weiter, Graf! Vermengen wir / nicht zwei ganz unvereinbare Geschäfte. (2. Aufzug, 2. Auftritt)

Königin Elisabeth konferiert mit Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh, Georg Talbot, Graf von Shrewsbury und Robert Dudley, Graf von Leicester. Für Burleigh zählt nichts anderes als die Staatsräson; deshalb rät er, Maria Stuart baldmöglichst hinzurichten. Talbot weist darauf hin, dass es sich bei der schottischen Königin nicht um eine Untertanin der englischen Krone handelt und die Verurteilung deshalb nicht rechtens sei. Und Leicester warnt davor, aus Maria Stuart eine Märtyrerin zu machen:

Ists jetzt die Zeit, von ihr Gefahr zu fürchten, / da Frankreich sie verlässt, ihr einzger Schutz, / da du den Königssohn mit deiner Hand / beglücken willst, die Hoffnung eines neuen / Regentenstammes diesem Lande blüht? / Wozu sie also töten? Sie ist tot! (2. Aufzug, 3. Auftritt)

Elisabeth trifft noch keine Entscheidung.

Paulet und sein Neffe Mortimer treten vor die Königin. Mortimer berichtet, er habe sich das Vertrauen von schottischen Verbannten und Verschwörern erschlichen und an Maria Stuart gerichtete Geheimbotschaften sichergestellt. Nur um die Gegner zu täuschen, habe er sich zum katholischen Glauben bekannt. Paulet übergibt Elisabeth den Bittbrief, den er von Maria Stuart erhielt. Burleigh ist strikt gegen eine Audienz der englischen Königin für die Verurteilte. Elisabeth entlässt ihre Berater und Paulet, ruft jedoch Mortimer zurück. Unter vier Augen erklärt sie ihm, dass die Vollstreckung des Todesurteils ein schlechtes Licht auf sie werfen könnte:

Ihr kennt die Welt nicht, Ritter. Was man scheint, / hat jedermann zum Richter, was man ist, hat keinen. / Von meinem Rechte überzeug ich niemand, / so muss ich Sorge tragen, dass mein Anteil / an ihrem Tod in ewgem Zweifel bleibe. (2. Aufzug, 5. Auftritt)

Auch wenn Elisabeth es nicht explizit ausspricht, versteht Mortimer, dass er Maria Stuart ermorden soll.

Er spielt den loyalen Untertan der englischen Königin jedoch nur, um Zeit zu gewinnen und Maria Stuart doch noch retten zu können.

Paulet ahnt, dass sein Neffe einen Mordauftrag erhalten hat; er warnt ihn davor, ihn auszuführen, denn nach der Tat werde sie ihm alle Schuld zuschieben.

Mortimer händigt Leicester das Schreiben aus, das Maria Stuart ihm anvertraute. Der Graf verbirgt daraufhin nicht länger seine Gefühle für die schottische Königin. Er hatte um sie geworben, aber sie war stattdessen die Frau Henry Darnleys geworden. Seit nun die Hoffnungen, die Leicester auf Elisabeth setzte, durch die englisch-französischen Heiratspläne durchkreuzt sind, wünscht er sich wieder Maria Stuart zur Frau. Mortimer wirft ihm vor, nichts für deren Befreiung unternommen zu haben und offenbart ihm seine Pläne. Es erschreckt Leicester, dass er nun Mitwisser ist, und er lässt sich nicht überreden, bei einer gewaltsamen Aktion mitzumachen.

[Mortimer:] Maria hofft! / Kehr ich mit leerem Trost zu ihr zurück?
[Leicester:] Bringt ihr die Schwüre meiner ewgen Liebe!
[Mortimer:] Bringt ihr die selbst! Zum Werkzeug ihrer Rettung / bot ich mich an, nicht Euch zum Liebesboten! (2. Aufzug, 8. Auftritt)

Im Gespräch mit Leicester klagt Elisabeth darüber, dass sie den Dauphin ungeachtet ihrer Gefühle aus politischen Gründen heiraten müsse. Ob Maria Stuart wirklich so schön sei, wie man sich erzählt, fragt sie und lässt sich von Leicester überreden, sie selbst in Augenschein zu nehmen: Zu diesem Zweck beabsichtigt sie, ein scheinbar zufälliges Treffen bei einer Jagd herbeizuführen.

Der dritte Aufzug spielt im Park des Schlosses Fotheringhay. Unerwartet darf Maria Stuart ihr Gefängnis verlassen und ins Freie. Vor Freude springt sie wie ein Kind herum. Paulet teilt ihr mit, dass Königin Elisabeth mit einer Jagdgesellschaft in der Nähe sei und stellt ihr eine Begegnung in Aussicht. Obwohl Maria Stuart seit Jahren auf eine Unterredung mit Elisabeth hoffte, ist sie jetzt nicht darauf vorbereitet und will sich erschrocken zurückziehen. Zu Talbot, der hinzukommt, sagt sie:

Nichts lebt in mir in diesem Augenblick, / als meiner Leiden brennendes Gefühl. / In blutgen Hass gewendet wider sie / ist mir das Herz, es fliehen alle guten / Gedanken, und die Schlangenhaare schüttelnd / umstehen mich die finstern Höllengeister. (3. Aufzug, 3. Auftritt)

Talbot ermahnt Maria Stuart, sich zusammenzunehmen und sich ehrerbietig zu verhalten.

Königin Elisabeth I. tut überrascht, als sie und Leicester auf die Gefangene treffen. Maria Stuart unterdrückt ihren Stolz, fällt vor Elisabeth nieder und appelliert an deren Großmut, doch die englische Königin tritt einen Schritt zurück, bleibt kalt, streng und distanziert:

Mein guter Stern bewahrte mich davor, / die Natter an den Busen mir zu legen.
(3. Aufzug, 4. Auftritt)

Maria Stuart wirft Elisabeth zwar vor, sie nicht als Erbin anerkannt zu haben, aber sie verzichtet auf jedweden Anspruch. Elisabeth reagiert darauf sarkastisch:

Bekennt Ihr endlich Euch für überwunden! / Ists aus mit Euren Ränken? Ist kein Mörder / mehr unterwegs? Will kein Abenteurer / für Euch die traurge Ritterschaft mehr wagen? – / Ja, es ist aus, Lady Maria. Ihr verführt / mir keinen mehr. Die Welt hat andre Sorgen. / Es lüstet keinen, Euer – vierter Mann / zu werden, denn Ihr tötet Eure Freier / wie Eure Männer! (3. Aufzug, 4. Auftritt)

Als Königin Elisabeth dann auch noch Maria Stuarts Schönheit verhöhnt, kann diese sich kaum noch beherrschen. „Vor Zorn glühend, doch mit einer edeln Würde“ entgegnet sie:

Ich habe menschlich, jugendlich gefehlt, / die Macht verführte mich, ich hab es nicht / verheimlicht und verborgen, falschen Schein / hab ich verschmäht, mit königlichem Freimut. / Das Ärgste weiß die Welt von mir und ich / kann sagen, ich bin besser als mein Ruf. / Weh Euch, wenn sie von Euren Taten einst / den Ehrenmantel zieht, womit Ihr gleißend / die wilde Glut verstohlner Lüste deckt. / Nicht Ehrbarkeit habt Ihr von Eurer Mutter / geerbt, man weiß, um welcher Tugend willen / Anna von Boleyn das Schafott bestiegen. (3. Aufzug, 4. Auftritt)

Während Königin Elisabeth die Gefangene sprachlos vor Wut anstarrt und Leicester vergeblich versucht, das Schlimmste zu verhindern, fährt Maria Stuart fort:

Der Thron von England ist durch einen Bastard / entweiht, der Briten edelherzig Volk / durch eine listge Gauklerin betrogen. – / Regierte Recht, so läget Ihr vor mir / im Staube jetzt, denn ich bin Euer König. (3. Aufzug, 4. Auftritt)

Mit dieser Beleidigung endet die Begegnung der beiden Königinnen. Eine Versöhnung ist danach ausgeschlossen.

Hanna ist entsetzt, aber Maria Stuart bildet sich ein, sie habe Elisabeth vor Leicesters Augen erniedrigt und über sie triumphiert.

Mortimer, der das Gespräch der Königinnen belauschte, gratuliert Maria Stuart zu ihrem Mut. Sie fragt, was Leicester für ihre Rettung zu tun gedenke und kann es kaum glauben, als Mortimer behauptet, dass sie von dem Feigling nichts zu erwarten habe.

Er Euch retten und besitzen! / Er Euch! Er soll es wagen! Er! Mit mir / muss er auf Tod und Leben darum kämpfen!
[…] Ich will dich retten, ich allein! (3. Aufzug, 6. Auftritt)

Mortimer erklärt ihr seinen Befreiungsplan: Seine Gefährten stehen bereit. In der Nacht wollen sie das Schloss erstürmen und die Wachen töten. Seinen Onkel will Mortimer selbst erdolchen. Vor diesem Frevel schreckt Maria Stuart zurück. Sie will fort, aber er presst sie an sich. Da stürzt Hanna herein und meldet, dass eine bewaffnete Menge in den Garten vordringt.

Paulet lässt die Pforten verriegeln und behauptet, Königin Elisabeth sei in London ermordet worden.

Kurz darauf drängt Okelly seinen Freund Mortimer zur Flucht: Sauvage, einer der Verschwörer, versuchte, die englische Königin auf der Straße zu erstechen, aber er traf nur den Mantel und wurde von Talbot entwaffnet. Obwohl offenbar alles verloren ist, bleibt Mortimer bei Maria Stuart.

Der vierte Aufzug beginnt in einem Vorzimmer der englischen Königin. Der französische Gesandte Graf Aubespine erkundigt sich nach dem Befinden der Monarchin. Die Grafen von Kent und Leicester behaupten, bei dem Attentäter handele es sich um einen Franzosen bzw. Papisten. Aufgrund des Anschlags hält Burleigh die sofortige Hinrichtung Maria Stuarts für erforderlich und fordert Aubespine auf, England unverzüglich zu verlassen. Eine englisch-französische Eheschließung kommt nicht mehr in Frage.

Leicester beschimpft Burleigh als Initiator des gescheiterten Heiratsplans, worauf dieser sein Gegenüber beschuldigt, die Königin zu einer Begegnung mit Maria Stuart überredet und in eine missliche Lage gebracht zu haben. Leicester befürchtet daraufhin, dass Burleigh Beweise für seine Komplizenschaft mit den Verschwörern haben könnte. Mortimer sucht ihn auf und bestärkt ihn in der Sorge: Burleigh habe bei einer Durchsuchung einen angefangenen kompromittierenden Brief Maria Stuarts an Leicester gefunden. Der Graf versucht, sich zu retten, indem er die Tür aufreißt und den Wachen befiehlt, den Mann zu verhaften, der ihn gerade warnte:

Diesen Staatsverräter / nehmt in Verwahrung und bewacht ihn wohl! / Die schändlichste Verschwörung ist entdeckt, / ich bringe selbst der Königin die Botschaft. (5. Aufzug, 4. Auftritt)

Bevor der Wachoffizier Mortimer festnehmen kann, ersticht dieser sich mit einem Dolch.

Nachdem Burleigh Königin Elisabeth Maria Stuarts Brief an Leicester gebracht hat, schimpft sie:

Mich hinzuführen! Solchen Spott mit mir / zu treiben! Der Verräter! Im Triumph / vor seiner Buhlerin mich aufzuführen! / […] O ich sterbe / vor Scham! Wie musst er meiner Schwäche spotten! Sie glaubt ich zu erniedrigen und war, / ich selber, ihres Spottes Ziel! (5. Aufzug, 5. Auftritt)

Elisabeth ist nun bereit, das Todesurteil gegen Maria Stuart zu unterschreiben; Leicester soll in den Tower gesperrt werden. Obwohl die Königin ihn nicht sehen will, reißt Leicester die Tür auf und erklärt, er hasse Maria Stuart und habe den Kontakt zu ihr nur hergestellt, um ihre Absichten zu durchschauen und die geplante Befreiungsaktion aufzudecken. Auf Burleighs Frage, warum er dies bisher verschwiegen habe, erwidert Leicester:

Mylord! Ihr pflegt zu schwatzen, eh Ihr handelt, / und seid die Glocke Eurer Taten. Das / ist Eure Weise, Lord. Die meine ist / erst handeln und dann reden! (5. Aufzug, 6. Auftritt)

Um jeden Verdacht auszuräumen, plädiert Leicester dafür, die Vollstreckung des Todesurteils nicht länger aufzuschieben. Auf Burleighs heimtückischen Rat hin beauftragt Königin Elisabeth Leicester mit der Hinrichtung Maria Stuarts.

Das Volk umlagert den Palast, befürchtet einen Staatsstreich der Katholiken und fordert die Unterzeichnung des Todesurteils. Elisabeth zaudert, und Talbot empfiehlt ihr, nichts zu übereilen. Sie schickt ihre Berater fort, um nachdenken zu können:

O Sklaverei des Volksdiensts! Schmähliche / Knechtschaft […] Die Meinung muss ich ehren, um das Lob / der Menge buhlen, einem Pöbel muss ichs / recht machen […] Maria Stuart / heißt jedes Unglück, das mich niederschlägt! / Ist sie aus den Lebendigen vertilgt, / frei bin ich, wie die Luft auf den Gebirgen. (5. Aufzug, 10. Auftritt)

Königin Elisabeth unterschreibt das Todesurteil und lässt dann erschrocken die Feder fallen. Das Dokument übergibt sie dem Staatssekretär Wilhelm Davison. Obwohl Elisabeth das Todesurteil unterzeichnet hat, tut sie so, als lägen Entscheidung und Verantwortung bei Davison:

Ein Blatt Papier entscheidet / noch nicht, ein Name tötet nicht. (5. Aufzug, 11. Auftritt)

Verzweifelt wehrt der Staatssekretär sich:

Gehorsam / ist meine ganze Klugheit. Deinem Diener / darf hier nichts zu entscheiden übrigbleiben. / Ein klein Versehn wär hier ein Königsmord, / ein unabsehbar, ungeheures Unglück, / vergönne mir, in dieser großen Sache / dein blindes Werkzeug willenlos zu sein, / in klare Worte fasse deine Meinung, / was soll mit diesem Blutbefehl geschehn? (5. Aufzug, 11. Auftritt)

Doch es gelingt Davison nicht, Königin Elisabeth zu einer klaren Anweisung zu bewegen. Sie lässt ihn stehen. Burleigh kommt herein und entreißt ihm die Urkunde.

Der fünfte Aufzug spielt zunächst wieder im Schloss Fotheringhay. An diesem Tag soll das Todesurteil gegen Maria Stuart vollstreckt werden.

Hanna berichtet Maria Stuarts früherem Haushofmeister Melvil, der gerade eingetroffen ist, von den Ereignissen der letzten Nacht: Als ein Pochen zu vernehmen war, meinte die Gefangene, es handele sich um Geräusche der Befreier, bis Paulet ihr klarmachte, dass die Zimmerleute das Schafott aufbauten. Der Kammerfrau Margareta Kurl sagt Melvil, ihr in London inhaftierter Ehemann werde wohl nach der Hinrichtung Maria Stuarts freigelassen. Burgoyn, der Leibarzt der schottischen Königin, fragt nach einem Becher Wein für sie. Als Margareta Kurl damit zurückkommt, muss sie sich setzen, denn sie hat durch eine offene Tür das blankgeschliffene Beil des Henkers liegen sehen.

Maria Stuart verteilt ihre Habe unter ihren Dienern, redet ihnen gut zu und nimmt Abschied von ihnen:

Was klagt ihr? Warum weint ihr? Freuen sollt / Ihr Euch mit mir, dass meiner Leiden Ziel / nun endlich naht, dass meine Bande fallen, / mein Kerker aufgeht, und die frohe Seele sich / auf Engelsflügeln schwingt zur ewgen Freiheit. / Da, als ich in die Macht der stolzen Feindin / gegeben war, Unwürdiges erduldend, / was einer freien großen Königin / nicht ziemt, da war es Zeit, um mich zu weinen! (5. Aufzug, 6. Auftritt)

Gegenüber Melvil beklagt Maria Stuart, dass man ihr einen katholischen Priester verwehrt. Melvil weiß Trost: Er hatte sich zum Priester weihen lassen und schmuggelte eine vom Heiligen Vater persönlich geweihte Hostie ein. Glücklich sinkt Maria Stuart auf die Knie und beichtet, dass sie ihren zweiten Ehemann ermorden ließ. Melvil argwöhnt, dass sie ihm ihre Beteiligung an den Attentatsplänen gegen Königin Elisabeth I. verschweigt, denn deshalb wurde sie zum Tod verurteilt. Doch Maria Stuart schwört, ihrer Gegnerin niemals nach dem Leben getrachtet zu haben:

Gott würdigt mich, durch diesen unverdienten Tod / die frühe schwere Blutschuld abzubüßen.
(5. Aufzug, 7. Auftritt)

Unmittelbar nach Maria Stuarts Kommunion treten Burleigh, Leicester und Paulet ein. Maria Stuart bittet sie, ihre Diener nach Schottland oder Frankreich reisen zu lassen und ihr Testament zu erfüllen.

Der Königin von England / bringt meinen schwesterlichen Gruß – Sagt ihr, / dass ich ihr meinen Tod von ganzem Herzen / vergebe, meine Heftigkeit von gestern / ihr reuevoll abbitte – Gott erhalte sie, / und schenk ihr eine glückliche Regierung! (5. Aufzug, 8. Auftritt)

Nur mit Mühe erhält Maria Stuart von Burleigh die Erlaubnis, dass Hanna Kennedy mit ihr aufs Schafott steigen darf, um ihr beim Entkleiden zu helfen.

Beim Anblick Leicesters zittert Maria Stuart und er muss sie auffangen, damit sie nicht umsinkt.

Ihr haltet Wort, Graf Leicester – Ihr verspracht / mir Euren Arm, aus diesem Kerker mich / zu führen, und Ihr leihet mir ihn jetzt! / Ja, Leicester, und nicht bloß / die Freiheit wollt ich Eurer Hand verdanken, / Ihr solltet mir die Freiheit teuer machen, / an Eurer Hand, beglückt durch Eure Liebe, / wollt ich des neuen Lebens mich erfreun. / Jetzt, da ich auf dem Weg bin, von der Welt / zu scheiden, und ein selger Geist zu werden, / den keine irdische Neigung mehr versucht, / jetzt, Leicester, darf ich ohne Schamerröten / Euch die besiegte Schwachheit eingestehn – / Lebt wohl, und wenn Ihr könnt, so lebt beglückt! / Ihr durftet werben um zwei Königinnen, / ein zärtlich liebend Herz habt Ihr verschmäht, / verraten, um ein stolzes zu gewinnen, / kniet zu Füßen der Elisabeth! / Mög Euer Lohn nicht Eure Strafe werden! (5. Aufzug, 9. Auftritt)

In einem verzweifelten Monolog bereut Leicester seinen Verrat.

[…] Mich fasst der Hölle Grauen, / ich kann, ich kann das Schreckliche nicht schauen, / kann sie nicht sterben sehen […] (5. Aufzug, 10. Auftritt)

Die Tür, durch die er fort will, ist verschlossen. Er hört, wie Maria Stuart den Dechanten zum Schweigen bringt und laut betet.

[…] Es wird still – Ganz still! / Nur schluchzen hör ich, und die Weiber weinen – / Sie wird entkleidet – Horch! Der Schemel wird / gerückt – Sie kniet aufs Kissen – legt das Haupt –
(5. Aufzug, 10. Auftritt)

Szenenwechsel: Königin Elisabeth I. wartet in London gespannt auf die Nachricht von der Hinrichtung:

Ist es geschehen? Ist es nicht? – Mir graut / vor beidem, und ich wage nicht zu fragen! (5. Aufzug, 11. Auftritt)

Schließlich tritt Talbot ein. Er war im Tower und sah nach Kurl, dem Ehemann von Maria Stuarts Kammerfrau. Der habe mit verwildertem Haar und Wahnsinn im Blick in seiner Zelle gelegen. Als Talbot bestätigte, dass Maria Stuart aufgrund seiner Zeugenaussage zum Tod verurteilt worden sei, konnte man Kurl nicht mehr halten. Er verfluchte sich wegen seiner Falschaussage.

Er habe falsch gezeugt, die Unglücksbriefe / an Babington, die er als echt beschworen, / sie seien falsch, er habe andre Worte / geschrieben, als die Königin diktiert, / der Böswicht Nau hab ihn dazu verleitet. / Drauf rannt er an das Fenster, riss es auf / mit wütender Gewalt, schrie in die Gassen / hinab, dass alles Volk zusammenlief, / er sei der Schreiber der Maria, sei / der Böswicht, der sie fälschlich angeklagt, / er sei verflucht, er sei ein falscher Zeuge! (5. Aufzug, 13. Auftritt)

Königin Elisabeth ordnet daraufhin an, die gerichtliche Untersuchung gegen Maria Stuart zu wiederholen und meint heuchlerisch: „Gut, dass es noch Zeit ist!“ Sie lässt ihren Staatssekretär Wilhelm Davison rufen und fragt ihn nach dem Todesurteil, das sie ihm am Vortag „in Verwahrung“ gegeben habe. Vor Angst stammelnd, erklärt Davison, das Todesurteil sei nicht mehr da.

[Davison:] Sie [die Schrift] ist in Burleighs Händen – schon seit gestern.
[Elisabeth:] Unglücklicher! So habt Ihr mir gehorcht, / befahl ich Euch nicht streng, sie zu verwahren?
[Davison:] Das hast du nicht befohlen, Königin.
[Elisabeth:] Willst du mich Lügen strafen, Elender? […] Nichtswürdiger! […] Wehe dir, wenn Unglück / aus dieser eigenmächtgen Tat erfolgt, / mit deinem Leben sollst du mirs bezahlen.
(5. Aufzug, 14. Auftritt)

Burleigh meldet, dass Maria Stuart hingerichtet wurde.

[Elisabeth:] Redet, Lord! / Habt Ihr den tödlichen Befehl von mir / empfangen?
[Burleigh:] Nein, Gebieterin! Ich empfing ihn / von Davison. (5. Aufzug, 15. Auftritt)

Königin Elisabeth verbannt Burleigh, lässt Davison in den Tower sperren und will Talbot zu ihrem persönlichen Berater ernennen, aber der reicht seinen Abschied ein. Daraufhin fragt Elisabeth nach Leicester – und erfährt, dass er nach Frankreich abgereist ist.

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Zeitlich umfasst die Handlung des Trauerspiels „Maria Stuart“ die letzten drei Tage im Leben der zum Tod verurteilten schottischen Königin. Bis auf die Hinrichtung ist bereits alles geschehen; die Vorgeschichte deutet Friedrich Schiller in Dialogen an.

Königin Elisabeth I. stellt er als unentschlossene Monarchin dar, der es schwerfällt, eine Entscheidung zu treffen: Lässt sie Maria Stuart am Leben, muss sie um ihren Thron fürchten, befiehlt sie die Hinrichtung, könnte man sie für grausam halten. Während sich ihr Berater Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh, konsequent an der Staatsräson orientiert, leidet Königin Elisabeth darunter, als öffentliche Person nicht nach ihren privaten Vorstellungen handeln, nicht authentisch sein zu können.

Während Königin Elisabeth I. im Verlauf des Trauerspiels zur Heuchlerin verkommt, bis sie am Ende von allen verlassen wird, findet Maria Stuart zu sich selbst: Sie beichtet ihre Beteiligung an der Ermordung ihres zweiten Ehemanns, akzeptiert das ungerechte Todesurteil als Sühne für die Bluttat vor zwanzig Jahren und steigt würdevoll aufs Schafott: Trotz des äußeren Zwangs handelt sie frei und selbstbestimmt.

Fiktiv wie die Figur Mortimer ist die Begegnung der beiden Königinnen: Maria Stuart und Elisabeth I. haben sich niemals persönlich getroffen.

„Maria Stuart“ wurde am 14. Juni 1800 im Weimarer Hoftheater uraufgeführt.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

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