Virginia Woolf : Zum Leuchtturm

Zum Leuchtturm

Virginia Woolf

Zum Leuchtturm

Originalausgabe: To the Lighthouse The Hogarth Press, London 1927 Die Fahrt zum Leuchtturm Übersetzung: Karl Lerbs Insel Verlag, Leipzig 1931 Zum Leuchtturm Neuübersetzung: Karin Kersten S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1991 ISBN: 3-10-092553-X, 233 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In Sommerhaus eines Professors und seiner Familie treffen Leute unterschiedlichen Intellekts und ungleicher Ideologien aufeinander. Die in Aussicht gestellte Fahrt zum Leuchtturm kann wegen ungünstiger Bedingungen vorerst nicht stattfinden. So wie auch die Lebensentwürfe der porträtierten Menschen sich nicht nach Wunsch entwickeln ...
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Kritik

In dem ungewöhnlich gegliederten Roman "Zum Leuchtturm" kommt es weniger auf die Handlung an als auf die Charaktere. Diese sind nachvollziehbar herausgearbeitet, u.a. mittels der Darstellungsweise des stream of conciousness.
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Im ersten Teil des Romans, genannt die „Die Fenstertür“, stellt Virginia Woolf eine Familie und deren Feriengäste in ihrem Sommerhaus auf den Hebriden vor.

Mr Ramsey ist sechzig Jahre alt und ein angesehener Philosophieprofessor. Einer seiner Gäste beschreibt ihn so:

Er ist kleinlich, eigensüchtig, eitel, egoistisch; er ist verwöhnt, er ist ein Tyrann; er strapaziert Mrs Ramsey zu Tode; […] er hat eine hemmungslose Weltfremdheit; mit Nichtigkeiten gibt er sich nicht ab; er liebt Hunde und seine Kinder. (Seite 30)

Mrs Ramsey war in ihrer Jugend eine außergewöhnlich schöne Frau und auch, wenn sie sich selbst mit ihren grauen Haaren nicht mehr so gut gefällt, ist sie noch immer eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Sie hat zwar keine intellektuellen Fähigkeiten wie ihr Mann, aber dafür ist sie praktisch veranlagt. Warmherzig und großzügig widmet sie sich wohltätigen Aufgaben, und mit ihrem Einfühlungsvermögen schlichtet sie so manchen Zwist.

[Mrs Ramsey…] löste alles auf, bis es schlicht und einfach war; bewirkte, dass diese Zornesregungen, Gereiztheiten von einem abfielen wie alte Lumpen; sie brachte dies zusammen und dann jenes und dann dies und machte auf diese Weise aus jener kläglichen Albernheit und Feindseligkeit etwas […]. (Seite 170)

Mr und Mrs Ramsey haben acht Kinder: Andrew, Nancy, Prue, Rose, Roger, Jasper sowie den sechsjährigen James und seine ein Jahr jüngere Schwester Cam.

Unter den Gästen ist die Malerin Lily Briscoe. „Mit ihren chinesischen Äuglein und ihrem zerknitterten Gesicht“, zudem arm und ohne Liebreiz, werde sie wohl niemals heiraten, befürchtet Mrs Ramsey. Eine Vermählung ist aber auch nicht Lilys Lebensziel. Deshalb lässt sie sich mit dem kinderlosen Witwer William Bankes auf nicht mehr als eine Freundschaft ein. Der ebenfalls anwesende Botaniker könnte vom Alter her überdies ihr Vater sein. Ihr gesunder Menschenverstand rät Lily, selbstständig zu bleiben. – Das von ihr angefangene Bild der Sommervilla mit Mrs Ramsey im Hintergrund will ihr nicht so gelingen, wie sich das vorstellte.

Außerdem ist der Philosophiedoktorant Charles Tansley zu Gast, ein besserwisserischer Pedant und Langweiler. Mit seiner atheistischen Einstellung hält er nicht hinter dem Berg und von seiner Meinung über den Intellekt des weiblichen Geschlechts – „sie können nicht schreiben, sie können nicht malen“ – lässt er sich nicht abbringen.

Der dicke Augustus Carmichael, ein alter Dichter, hält sich wortkarg, aber höflich im Hintergrund. Er scheint unglücklich zu sein. Die Kinder amüsieren sich über seinen gelb gefleckten Bart und behaupten, das käme davon, dass er Opium nehme.

Zwischen der vierundzwanzigjährigen attraktiven Minta Doyle und Paul Rayley entwickelt sich während der Ferien eine tiefergehende Beziehung, nicht zuletzt durch vermittelnde Bemühungen von Mrs Ramsey. (Die beiden werden heiraten.)

An einem der Abende sitzt die Familie einschließlich der Kinder mit den Gästen beim Abendessen. Die Köchin hat nach einem Rezept von Mrs Ramseys italienischen Verwandten ein besonders aufwändiges Gericht zubereitet. Die Gespräche bleiben oberflächlich.

Dann kommt plötzlich das Thema auf, das schon den ganzen Tag über, vor allem für James, von Interesse war. Bereits am Morgen versprach ihm seine Mutter, dass sie am nächsten Tag einen Bootsausflug zum Leuchtturm machen würden, allerdings nur bei schönem Wetter.

„Bloß“, sagte sein Vater, als er vor der Fenstertür des Salons stehenblieb, „wird es nicht schön sein.“ (Seite 10)

Wäre ein Schürhaken in der Nähe gelegen, James hätte ihn gegen seinen Vater erhoben, so erbost war er.

Derart extrem waren die Empfindungen, die Mr Ramsey durch seine bloße Gegenwart in der Brust seiner Kinder auslöste, wenn er, wie jetzt, dünn wie ein Messer und schmal wie die Klinge eines solchen, dastand und sarkastisch grinste, nicht nur vor Vergnügen darüber, dass er seinem Sohn eine Enttäuschung zu bereiten und seine Frau […] der Lächerlichkeit preiszugeben vermochte, sondern auch aus irgendeinem Stolz auf die Richtigkeit seines Urteils. Was er sagte, war wahr. Es war immer wahr. (Seite 10)

Mrs Ramsey versuchte James zu trösten. Vielleicht werde es ja doch morgen schön, meinte sie, aber kurz darauf tauchte Charles Tansley auf und verunsicherte den Jungen erneut: „Keine Fahrt zum Leuchtturm, James.“

Nachdem die Tafel aufgehoben ist und sich die Gäste zurückgezogen haben, sitzt das Ehepaar Ramsey noch zusammen. Mrs Ramsey fühlt, dass ihr Mann auf ein Wort von ihr wartet, wie sie sein teilweise unbeherrschtes Verhalten während des Dinners beurteilt, und sie entnimmt seinem Blick, dass er von ihr ein Bekenntnis ihrer Liebe hören möchte.

Doch sie konnte es nicht; sie konnte es nicht sagen. Dann, da sie wusste, er beobachtete sie, wandte sie sich um, statt irgendetwas zu sagen, […] und schaute ihn an. Und während sie ihn anschaute, begann sie zu lächeln, denn obwohl sie kein Wort gesagt hatte, wusste er, natürlich wusste er, dass sie ihn liebte. Er konnte es nicht leugnen. Und lächelnd schaute sie aus dem Fenster und sagte […]
„Ja, du hattest recht. Morgen wird es nass werden.“ Sie hatte es nicht gesagt, doch er wusste es. Und sie schaute ihn lächelnd an. Denn wieder hatte sie den Sieg davongetragen. (Seite 129)

„Zeit vergeht“ heißt der zweite Teil des Romans „Zum Leuchtturm“. Hier wird in poetischer Ausführlichkeit der Verfall des Sommerhauses während der folgenden zehn Jahre beschrieben. Nur beiläufig (teilweise in Klammern) erfahren wir von Mrs Ramseys Tod, dass Prue geheiratet hatte und bei der Geburt eines Kindes starb, und dass Andrew im Krieg in Frankreich war und dort umkam.

Eine der Töchter veranlasste unverhofft, dass das inzwischen völlig heruntergekommene Haus soweit hergerichtet wird, dass es wieder bewohnbar ist.

Hier setzt der dritte Teil ein: „Der Leuchtturm“. Diesmal finden sich außer dem inzwischen einundsiebzig Jahre alten Mr Ramsey und seinen Kindern James, Cam und Nancy von den früheren Gästen nur noch Augustus Carmichael und Lily Briscoe ein. Carmichael sitzt die meiste Zeit in einem Liegestuhl, liest, schläft oder beobachtet Lily beim Malen eines Bildes. Lily hat sich nämlich noch einmal daran gemacht, das Bild, das ihr vor zehn Jahren nicht gelungen war, aus der selben Perspektive zu malen. Sie weiß nun, wie sie den Aufbau gestalten will – wenn auch Mrs Ramsey nicht mehr als Modell zur Verfügung steht.

Mr Ramsey bemüht sich um freundlichen Umgang mit Lily – sie ist jetzt vierundvierzig Jahre alt –, auch wenn er sie „ein bisschen eingeschrumpft“ findet. Sein Bedürfnis nach Mitgefühl verleitet ihn, sich vertraulicher als früher an seine alte Bekannte zu wenden, und er fragt sie, ob sie jemanden habe, der sich um sie kümmere. Lily bleibt abweisend, obwohl ihr der alte Mann ein wenig leid tut.

Am nächsten Tag, um Punkt halb acht, sollen James und Cam sich für den geplanten Ausflug zum Leuchtturm einfinden, befiehlt Mr Ramsey seinen Kindern. Sie wagen es nicht, sich zu weigern, hoffen aber insgeheim, die ganze Unternehmung würde fehlschlagen. Eigentlich haben die Jugendlichen sich gegenseitig geschworen, die Tyrannei ihres Vaters nicht länger hinzunehmen.

Ein Fischer begleitet sie auf dem Boot. James soll das Segel bedienen. Zunächst ist Flaute, und erst als Wind aufkommt, hebt sich Mr Ramseys Laune. Nach einer Weile vertieft Mr Ramsey sich in ein mitgebrachtes Buch, in dem er bis zum Anlegen lesen wird. James kümmert sich um das Segel und Cam sitzt gelangweilt am Bootsrand.

Vom Garten der Sommervilla aus wirft Lily hin und wieder einen Blick aufs Meer und verfolgt das verschwindende Boot. Dabei hängt sie ihren Gedanken nach, wie sehr sie Mrs Ramsey schätzte, und dass sie William Bankes doch nicht heiratete, obwohl sie ihn sehr mochte. Es kommt ihr in den Sinn, dass die Ehe von Minta Doyle und Paul Rayley, deren Verlobung sie vor zehn Jahren erlebt hatte, bald auseinanderging. Aber sie freut sich, dass das Bild, mit dem sie beschäftigt ist, diesmal ihren Vorstellungen entspricht.

Das Boot ist inzwischen so weit draußen, dass Cam die Insel mit dem Sommerhaus nicht mehr sehen kann; sie ist es auch leid, aufs Meer zu schauen und schläft ein. Sie schreckt erst hoch als ihr Vater nach den mitgebrachten Lunchpaketen ruft. Sie seien jetzt bald da, und er sei hungrig. „Gut gemacht“, sagt Mr Ramsey zu seinem Sohn, er habe wie ein geborener Seemann gesteuert. Cam schaut ihren Bruder an, dem anzumerken ist, wie er sich über das Lob freut, und nickt ihm anerkennend zu.

Nun sind schon die Männer am Leuchtturm zu sehen und Mr Ramsey krempelt sich die Hosenbeine hoch und schaut zur Insel zurück. Was er wohl so aufmerksam sucht?

Was willst du denn? wollten beide fragen. Beide wollten sie sagen, Bitte uns um irgendetwas, und wir geben es dir. Doch er bat sie um nichts. Er saß und schaute auf die Insel, und er mochte denken, Wir gingen unter, jeder allein, oder vielleicht dachte er ja, Ich habe es geschafft. Ich habe es gefunden, doch er sagte nichts.
Dann setzte er seinen Hut auf. (Seite 216 ff)

Sie werden jetzt gelandet sein, vermuten Mr Carmichael und Lily Briscoe, als sie auf den im Dunst fast unsichtbar gewordenen Leuchtturm schauen. Und die Malerin richtet ihren Blick auf die Leinwand. Es ist vollendet, stellt sie erschöpft fest, „ich habe sie gehabt, meine Vision“. (Seite 217)

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Der Roman „Zum Leuchtturm“ ist in drei Teile gegliedert.

Der „Die Fenstertür“ genannte erste Teil, in dem Virginia Woolf die Personen vorstellt, ist der längste. Die minutiöse Beschreibung der Charaktere vermittelt ein lebendiges Bild. Die Handlung spielt an einem Septembertag in einem Sommerhaus der Familie Ramsey. Als roter Faden zieht sich die Ankündigung für einen geplanten Ausflug zum Leuchtturm durch die Geschichte.

Im zweiten, dem kürzesten Teil, „Zeit vergeht“, beschreibt die Autorin in lyrischer Ausführlichkeit den Verfall des Sommerhauses während der nächsten zehn Jahre. Beiläufig (teilweise in Klammern) erfahren wir vom persönlichen Schicksal einiger Protagonisten.

„Zum Leuchtturm“ heißt der dritte Teil. Hier lösen sich die aufgestauten Spannungen. Die Fahrt zum Leuchtturm wird durchgeführt, auch wenn die Kinder nur widerwillig mitmachen. Da sich der bisher tyrannische Vater umgänglicher zeigt, schöpfen die Jugendlichen Hoffnung auf zukünftiges besseres Verständnis. – Und das Bild, das Lily Briscoe diesmal gestaltet, entspricht nun auch ihren Vorstellungen.

Der Roman ist weniger auf Handlung als auf die Porträtierung der einzelnen Charaktere ausgerichtet, die in der Darstellungsweise des stream of conciousness nachvollziehbar werden.

Es erschien ihr so unsinnig – dass man sich Unterschiede ausdachte, wo die Menschen doch weiß Gott auch so schon verschieden genug waren. Die wirklichen Unterschiede, dachte sie, während sie am Salonfenster stand, die reichen aus, reichen völlig aus. Sie dachte dabei im Augenblick an Arm und Reich, Hoch und Niedrig; wobei sie den Großen von Geburt, halb unwillig, einigen Respekt zollte, denn hatte sie nicht in den Adern das Blut jenes hochvornehmen, wenn auch leicht sagenhaften italienischen Adelshauses, dessen Töchter, die im neunzehnten Jahrhundert über die englischen Salons verstreut gewesen waren, so bezaubernd gelispelt, so ungestüm gezürnt hatten, und ihren ganzen Witz und ihr Auftreten und ihr Temperament hatte sie von denen und nicht von den trägen Engländern oder den kalten Schotten; ausgiebiger jedoch wälzte sie jenes andere Problem, Arm und Reich, und die Dinge, die sie mit eigenen Augen sah, wöchentlich, täglich, hier wie in London, wenn sie diese Witwe oder jene sich abplackende Ehefrau persönlich aufsuchte, einen Beutel am Arm und Notizbuch und Bleistift in der Hand, mit deren Hilfe sie in die zu diesem Zweck sorgfältig mit dem Lineal gezogenen Spalten Löhne und Ausgaben, Arbeitsstelle und Stellenlosigkeit eintrug, in der Hoffnung, sie würde auf diese Weise aufhören, eine Privatperson zu sein, deren Wohltätigkeit halb Beschwichtigung der eigenen Neugierde war, und würde das werden, was ein unausgebildeter Geist ungeheuer bewunderte, eine Forscherin, die die sozial Frage beleuchtete. (Seite 15)

Virginia Woolf arbeitet mit Spiegelungen, Querverweisen und symbolhaften Vergleichen. Die poetischen Beschreibungen von Naturtableaus runden die Geschichte kunstfertig ab. Erwähnenswert ist die ungewöhnliche Gliederung des Buches.

In „Zum Leuchtturm“ verarbeitet Virginia Woolf Kindheitserinnerungen an ihre Eltern. Die Ramseys stehen wohl stereotyp stellvertretend für die viktorianische Haltung ihrer Eltern, insbesondere ihres Vaters, des Biografen und Kritikers Sir Leslie Stephen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2010
Textauszüge: © S. Fischer

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