Paul Auster : Baumgartner

Baumgartner
Baumgartner Grove Atlantic, New York 2023 Baumgartner Übersetzung: Werner Schmitz Rowohlt Verlag, Hamburg 2023 ISBN 978-3-498-00393-7, 204 Seiten ISBN 978-3-644-01877-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

2018 hängt der 71-jährige Philosophie-Professor Seymour T. Baumgartner seinen Erinnerungen nach: Er wurde im November 1947 in Newark/NJ als Sohn eines 1905 mit den Eltern eingewanderten Schneiders und einer Näherin geboren. 1969 verliebte sich der Student in seine Kommilitonin Anna Blume. Die glückliche Ehe endete 2008 mit einem tödlichen Badeunfall Annas.
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Kritik

Paul Auster beschäftigt sich in seinem Roman "Baumgartner" mit Liebe und Verlust, Trauer, Loslassen und Neuanfang. Eine Handlung im engeren Sinn gibt es nicht. Ein 71-jähriger, seit zehn Jahren verwitweter Philosophieprofessor erinnert sich assoziativ und sprunghaft an seine Herkunft und vor allem an die Liebe seines Lebens.
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Baumgartners Herkunft

Seymour („Sy“) Tecumseh Baumgartner wurde im November 1947 geboren. Sein Vater Jacob war 1905 in Warschau zur Welt gekommen und im Alter von sechs Jahren mit den Eltern und vier Geschwistern in die USA eingewandert. Solomon und Ida Baumgartner hatten 1912 eine Schneiderei in Newark/New Jersey eröffnet, Trocadero Fashions, die Jacob Baumgartner 1927 wegen der Erkrankung des Vaters notgedrungen übernahm.

1939 fing die damals 20 Jahre alte Näherin Ruth Auster bei Trocadero Fashsions zu arbeiten an.

Ruth Auster stammte aus der zweiten, Anfang 1918 mit Millie Koplan geschlossenen Ehe ihres Vaters Harry Auster. Dessen erste Ehefrau hatte sich um 1915/16 scheiden lassen. Am 7. März 1919 wurde Ruth geboren. Eineinhalb Jahre später stürzte Harry Auster von einem Baugerüst und starb. Die Witwe heiratete 1922 einen 53-jährigen, mehr als doppelt so alten reichen Witwer mit drei Kindern, der sie dazu brachte, Harrys jüngerem Bruder Joseph Auster die Vormundschaft für ihre Tochter zu übertragen und den Kontakt abzubrechen. Ruths Pflegevater erlag 1935 im Alter von 54 Jahren einem Herzinfarkt. Da war Ruth 16 Jahre alt.

1943 feierten Ruth Auster und Jacob Baumgartner Hochzeit. Sie bekamen zwei Kinder: Sy (1947) und Naomi (1952).

Anna

Sy Baumgartner bekommt im März 1964 ein Stipendium für Ohio. An Weihnachten besucht er seine Eltern und die Schwester noch einmal in Newark. Der Vater stirbt am 8. Februar 1965. Die Witwe folgt ihm eineinhalb Jahre später ins Grab.

1969 begegnet Baumgartner der zweieinhalb Jahre jüngeren Kommilitonin Anna Blume. Eine Geldspritze von Annas Vater, dem Arzt Dr. Leo Blume, ermöglicht es dem Paar, nach der Eheschließung eine gemeinsame Wohnung zu mieten. Anna fängt als Übersetzerin und Cheflektorin bei Heller Books an, während Sy seine Universitätskarriere als Assistenzprofessor der Philosophischen Fakultät beginnt.

Am 16. August 2008 gerät Anna beim Schwimmen in der Brandung vor Cape Cod/Massachusetts vor den Augen ihres Mannes in eine Monsterwelle, die ihr das Rückgrat bricht.

Versuche eines Neuanfangs

Annas Arbeitszimmer im Wohnhaus in Pinceton/New Jersey lässt Baumgartner unverändert. 2018 glaubt er, das abgestellte Telefon auf Annas Schreibtisch habe geklingelt. Er hebt ab und hört der Gestorbenen zu, die ihm von ihrer körperlosen Daseinsform berichtet.

Im Juni 2018 beschließt der Phänomenologe der Princeton University zu emeritieren.

Am 11. August 2018 macht Baumgartner zum zweiten Mal in seinem Leben einer Frau einen Heiratsantrag. Judith Feuer ist 54 Jahre alt und lehrt an der Princeton University Filmwissenschaft. Vor vier Jahren wurde ihre Ehe mit dem erfolglosen Schriftsteller Joseph Frederickson geschieden, der mit einer halb so alten Immobilienmaklerin nach New Mexico gezogen war. Seither genießt Judith ihre Freiheit, Autonomie und Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Für ihre Antwort auf den Heiratsantrag bittet sie sich Bedenkzeit aus, aber Baumgartner ahnt sogleich, was dann auch tatsächlich geschieht: Judith wendet sich einem anderen Mann zu und zieht mit ihm nach Kalifornien.

Die Studentin

Im September 2018 erhält Baumgartner einen Brief von Beatrix („Bebe“) Coen aus Ann Arbor/Michigan. Sein Freund Tom Nozwitszki verbürgt sich für die Studentin der Vergleichenden Literaturwissenschaften, die über Anna Blume promovieren möchte. Weil der einzige, vor neun Jahren von Baumgartner herausgegebene Band mit Gedichten seiner verstorbenen Frau dafür nicht hinreichend wäre, hofft Bebe Coen, dass der Witwer ihr Einblick in unveröffentlichtes Material gewähren wird.

Baumgartner ist dazu gern bereit und schlägt der jungen Frau vor, sich bei ihm für die Dauer der Materialsichtung in einer separaten Wohnung über der Garage einzuquartieren. Bevor sie eintrifft, lässt er nicht nur die leer stehenden Räume, sondern auch den Garten herrichten.

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Baumgartners Geburtsjahr ist 1947, ebenso wie das des Schriftstellers Paul Auster. Vermutlich ist einiges an dem Roman „Baumgartner“ autobiografisch bzw. autofiktional, aber eine Gleichsetzung von Autor und Protagonist wäre wohl falsch.

Paul Auster beschäftigt sich in „Baumgartner“ mit Liebe und Verlust, Trauer, Loslassen und Neuanfang.

Die Rahmenhandlung spielt von April bis September 2018: Ein 71-jähriger, seit zehn Jahren verwitweter Philosophieprofessor erinnert sich an seine Herkunft und vor allem an die Liebe seines Lebens. Das geschieht natürlich nicht chronologisch, sondern assoziativ und sprunghaft. Eingefügt sind außerdem von ihm bzw. Anna geschriebene Kurzgeschichten. Eine Handlung im engeren Sinn gibt es in „Baumgartner“ nicht.

Die lange, mit Slapstick-Szenen gespickte Eröffnungsepisode ist zwar nicht nur amüsant, sondern charakterisiert auch den dement werdenden schusseligen Philosophieprofessor, aber stilistisch passt diese Passage nicht zum Rest des melancholischen Buches.

Paul Austers hat sehr viel bessere Romane geschrieben, allen voran „Stadt aus Glas“.

Den Roman „Baumgartner“ von Paul Auster gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Urs Remond (Regie: Tina Walz).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024

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