T. C. Boyle : Blue Skies

Blue Skies
Blue Skies Liveright Publishing Corporation W. W. Norton & Company, New York 2023 Blue Skies Übersetzung: Dirk van Gunsteren Carl Hanser Verlag, München 2023 ISBN 978-3-446-27689-5, 399 Seiten ISBN 978-3-446-27811-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während die Menschen in Florida von Überschwemmungen und Termitenbefall heimgesucht werden, herrscht in Kalifornien Dürre, und Brände zerstören ganze Landstriche Parallel dazu kommt es zu einem Insekten-Massensterben. Cooper verliert durch einen Zeckenbiss den rechten Unterarm. Seine Schwester Cat postet Selfies mit einem Python und ihren neugeborenen Zwillingen – bis es zu einer Tragödie kommt.
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Kritik

T. C. Boyle entwickelt die Handlung der Dystopie "Blue Skies" abwechselnd aus drei Perspektiven. Wie bei einer Satire üblich, sind Figuren, Situationen und Entwicklungen überzeichnet. Auch mit tragikomischen Elementen bietet T. C. Boyle eine unterhaltsame Lektüre vor dem ernsten Hintergrund des Klimawandels und der ökologischen Katastrophe. Sarkastisch ist nicht nur der Titel "Blue Skies".
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Willie

Catherine („Cat“) Cullen ist mit ihrem 26 Jahre alten Verlobten Todd Rivers von Los Angeles in ein Strandhaus in Beach Haven östlich von Jacksonville/Florida gezogen, das er von seiner vor drei Monaten gestorbenen Mutter geerbt hat. Als Markenbotschafter für Bacardi ist Todd viel unterwegs. Cat hat noch keinen Job, aber den Ehrgeiz, als Influencerin Geld zu verdienen.

Nicht zuletzt deshalb kauft sie, während Todd auf Geschäftsreise ist, bei Herps in St. Augustine einen Tigerpython, ein Terrarium und Futter für die Schlange. R. J., der Ladeninhaber, gratuliert ihr zu der Entscheidung, und sie fängt an, Fotos bzw. Videos ins Netz zu stellen, auf denen sie „Willie“ um den Hals geschlungen hat.

Als Willie verschwunden ist, besorgt Cat von R. J. Ersatz: „Willie II“. Bald darauf taucht Willie I wieder auf – und wird von Willie II verschlungen.

Zeckenbiss

Während Cat und Todd in Florida ihr Auto nur an höher gelegenen Orten abstellen können, weil das Wasser bei dem Dauerregen rund um das Strandhaus kniehoch steht und Cat schon einmal einem Aligator auf der überschwemmten Straße begegnet, herrscht in Kalifornien Dürre.

Cats älterer Bruder, Cooper Cullen, lebt im Santa Ynez Valley. Er ist nicht nur selbst Entomologie-Doktorand, sondern auch mit einer promovierten Acarologin liiert. Mari ist die Tochter des Wirtschaftsprofessors Philip Ajikoa. Cooper hat seine Mutter überzeugt, den Eiweißbedarf der Familie zum Schutz der Umwelt mit Insekten zu decken. Dazu hat Ottilie Cullen sich einen Grillenbrutapparat angeschafft. Aber eines Tages sind alle ihre Züchtungen tot, und diese Insekten-Apokalypse ist nicht auf ihren Haushalt beschränkt, sondern sucht ganz Kalifornien heim. Nur Arachniden überleben das Massensterben.

Und ausgerechnet bei dem Insektenforscher Cooper verursacht ein Zeckenbiss Komplikationen. Sein Vater Frank, der sich um 1990 als Arzt niedergelassen hat, versucht die Entzündung mit antibakterieller Salbe zu bekämpfen, aber nach ein paar Tagen muss Cooper der rechte Unterarm amputiert werden.

Cat fliegt nach Los Angeles, um ihren Bruder im Krankenhaus zu besuchen. Als sie ihm stolz Fotos von sich und Willie zeigt, reagiert er aufgebracht und erklärt ihr, Schlangen seien kein Mode-Accessoire.

„Diese Dinger, diese Scheißdinger“, rief er und stach mit dem Zeigefinger auf fas Foto ein, „die haben die Everglades ausgeräumt. Die fressen alles, was läuft, kriecht oder fliegt. Stimmt’s? Stimmt’s, Mari? Ob Bisamratten oder Waschbären oder Reiher … ja, sogar Hirsche, das muss man sich mal vorstellen. Und Alligatoren! Sie fressen jetzt die Alligatorenpopulation auf.“

Zwillinge

Cat und Todd heiraten in Los Angeles. Aber wegen eines Unwetters weigert sich die Catering-Frau Noni, das von Frank und Ottilie bestellte Essen für die Hochzeitsgäste zu servieren. Dann fällt auch noch der Strom aus, die Alarmanlage heult, und eine Feuerwalze zerstört 27 Häuser in der Nachbarschaft.

Trotz Verhütung wird Cat mit Zwillingen schwanger.

Kurz vor dem Geburtstermin will ihr die 64-jährige Mutter Ottilie zu Hilfe kommen und fliegt von Los Angeles nach Florida. Doch wegen eines Unwetters landet die Maschine nicht in Miami, von wo Ottilie einen Anschlussflug nach Jacksonville gebucht hat, sondern wird nach Atlanta/Georgia umgeleitet. Den letzten noch verfügbaren Leihwagen teilt sie sich zufällig mit dem Schlangenhändler Stoneman – R. J.s Bruder.

Während Todd wieder geschäftlich unterwegs ist, platzt bei Cat die Fruchtblase, und weil die Straße überschwemmt ist, wird sie zur Entbindung mit einem Boot nach St. Augustine gebracht.

Außer dem Tigerpython Willie hat Cat nun zwei Mädchen – Tahoe und Sierra – mit denen sie sich im Web zeigt, um die Anzahl ihrer Follower zu vergrößern.

Fahrlässige Tötung?

Nach einem Bar-Besuch kollidiert Cat mit einem anderen Autofahrer. Es ist nur Blechschaden entstanden, aber Todd, der wieder auf Geschäftsreise ist, zeigt sich entsetzt, als Cat ihm am Telefon beichtet, was geschehen ist. An ihrer Stimme hört er, dass sie getrunken hat.

Am nächsten Morgen erwacht Cat und wundert sich, dass nur eines der Mädchen schreit. Sierra atmet nicht mehr. Das Kleinkind hat Bisswunden im Gesicht, und der Tigerpython hält es umschlungen. Cat sticht mit einem Küchenmesser auf die Schlange ein, die Sierra zerquetscht hat.

Erneut fliegt Ottilie nach Florida, um ihrer Tochter beizustehen.

Zur Beerdigung seiner Nichte kommt auch Cooper, und zwar mit seiner neuen Lebensgefährtin Elytra, einer auf Kusswanzen spezialisierten Entomologin.

Cat wird mit Hass-Mails überhäuft und muss ihre Social Media Accounts schließen. Als die Polizei herausfindet, dass sie vor dem Tod des Säuglings getrunken hatte, wird Cat festgenommen. Die Rechtsanwältin Dodie Capistrano erreicht immerhin, dass sie gegen Kaution frei kommt. Und zu Beginn der Gerichtsverhandlung erklärt die Staatsanwaltschaft, dass sie die Anklage gegen Cat wegen fahrlässiger Tötung fallen lässt. Die Richterin stellt daraufhin das Verfahren ein.

Feuer

Als Todd sich von Cat trennt, lässt sie sich mit R. J. ein.

Tahoe ist sechs Jahr alt, als ihr Großvater Frank seine Arztpraxis in Los Angeles aus Altersgründen aufgibt. Um das zu feiern, organisiert Ottilie eine Party, zu der sie außer Cooper und Elytra das befreundet Paar Sylvie und Peter sowie Franks letzte Sprechstundenhilfe Allison und deren Ehemann Gerald einlädt.

Außer frittierten Heuschrecken serviert sie Fleisch aus Zellkulturen.

Cooper hat noch immer nicht promoviert, während Mari inzwischen als Professorin an einer Universität forscht.

Während der Party bricht Gerald mit einem Hitzschlag zusammen. Die anderen zerren ihn zum Pool und zur Abkühlung ins Wasser. Das ist trüb, denn wegen der dauernden Stromausfälle funktioniert die Filteranlage nur unzureichend. Weil die Algen deshalb mit einem Übermaß an Chlor bekämpft werden, riecht es wie in einer Chemiefabrik.

Im Übermut ziehen sich alle aus und tollen im Pool herum, auch Cooper mit seinem künstlichen Arm, der durch einen Kurzschluss kaputt geht.

Als bei einer neuen Feuersbrunst in Kalifornien zwölf Menschen sterben und Sylvie und Peter unter den Menschen sind, deren Haus abgebrannt ist, nehmen Frank und Ottilie sie auf. Aber das ist anstrengend, und die monatliche Wasserrechnung der Cullens beträgt nun mehr als 1000 Dollar.

Termiten

Während das Strandhaus in Florida wegen eines Termitenbefalls saniert wird, fliegen Cat und Tahoe mit R. J. und dessen Bruder Stoneman nach Nassau. Sie verbringen dort schöne Tage, aber beim Rückflug werden sie in Miami festgehalten. Stoneman hat versucht, in einem um den Bauch gewickelten Plastikschlauch zwei Silberboas einzuschmuggeln. Er wird verhaftet, und sein Bruder bleibt erst einmal in Miami, um die Kaution zu regeln.

Ernüchternd kehrt Cat mit ihrer Tochter nach Beach Haven zurück. Die Kosten für die Reparatur des Hauses fallen doppelt so hoch wie befürchtet aus, aber Todd weigert sich, einen Teil davon zu übernehmen. Er habe die Immobilie seiner Ex-Frau überschrieben, erklärt er, und für den Unterhalt sei sie zuständig.

Trotz der Sanierung bricht das von Termiten befallene Haus bald darauf zusammen. Cat und Tahoe können sich gerade noch retten. Mit einem Boot verlassen sie Beach Haven. Tahoe blickt zurück, aber Cat denkt bereits zuversichtlich an eine Mietwohnung in Kalifornien.

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T. C. Boyle lässt seinen satirisch-dystopischen Gesellschaftsroman „Blue Skies“ in naher Zukunft in Florida und Kalifornien spielen. Während die Menschen im Südosten der USA von Überschwemmungen und Termitenbefall heimgesucht werden, herrscht im Nordwesten Dürre, und infolgedessen vernichten Feuer Lebewesen, Häuser, Gärten und ganze Landstriche. Parallel dazu kommt es zu einem Massensterben der Insekten. Die Menschheit droht zum Opfer einer selbst verursachten, inzwischen unkontrollierbaren Umweltzerstörung zu werden.

„Blue Skies“ dreht sich um die Mittelschichtfamilie eines kalifornischen Arztes im Rentenalter, dessen Ehefrau Ottilie Fleisch aus Zellkulturen statt von Tieren zubereitet und den Eiweißbedarf mit frittierten Heuschrecken deckt, um die Umwelt zu schonen. Der Sohn Cooper, ein ewiger Entomologie-Doktorand, verliert ausgerechnet durch einen Zeckenbiss den rechten Unterarm. Die Tochter Cat träumt in Florida von einer Karriere als Influencerin und postet nicht zuletzt deshalb Selfies mit einer eigenen Pythonschlange um den Hals. Als sie Mutter geworden ist, treibt sie ihre Zugriffszahlen mit Fotos ihrer Zwillinge im Netz nach oben – bis es zu einer Tragödie kommt.

T. C. Boyle entwickelt die Handlung in „Blue Skies“ aus drei Perspektiven und wechselt von Kapitel zu Kapitel zwischen den Blickwinkeln von Ottilie, Cat und Cooper. Wie bei einer Satire üblich, sind Figuren, Situationen und Entwicklungen überzeichnet. Auch mit tragikomischen Elementen bietet T. C. Boyle eine unterhaltsame Lektüre vor dem ernsten Hintergrund des Klimawandels und der ökologischen Katastrophe. Sarkastisch ist nicht nur der Titel „Blue Skies“.

Den Roman „Blue Skies“ von T. Coraghessan Boyle gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Florian Lukas (Regie: Roman Ruthardt).

Veranschaulichung der Beziehungen

Zur Verfügung gestellt von © Gerhard Günther

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: ©

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