T. C. Boyle : World's End

World’s End
Originalausgabe: World's End Viking Penguin Inc., New York 1987 World's End Übersetzung: Werner Richter Carl Hanser Verlag, München 1989 ISBN: 978-3-446-15149-9, 509 Seiten ISBN: 978-3-446-23966-1 (eBook) Taschenbuch: dtv, München 1993 ISBN: 978-3-423-11666-4, 615 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Niederländer Van Brunt wandert 1663 mit seiner Familie nach Nieuw Amsterdam aus. Ein Van Wart bezahlt die Überfahrt und verlangt dafür, dass die Van Brunts auf den Ländereien seiner Familie dienen. Weil der Gutsherr und seine Nachfolger Tyrannen sind, kommt es über Gene­ra­tio­nen hinweg zu Aus­einander­setzungen zwischen den Familien. Der letzte Van Wart, ein reicher Tölpel, ist nicht nur Rassist und Antisemit, sondern er verfolgt außerdem Hippies, Friedensfreunde und Kommunisten mit seinem Hass ...
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Kritik

T. C. Boyle nennt "World's End" eine "historische Fuge". Der Roman ist denn auch polyphon und spiegelt die Themen auf verschiedenen Zeit­ebenen. Mit überbordender Fabulier­lust, viel Sarkasmus und Sprachwitz entwickelt T. C. Boyle die komplexe Familiengeschichte.
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Der von Heringsfischern abstammende Niederländer Harmanus Jochem Van Brunt trifft im März 1663 mit seiner Ehefrau Agatha, der 15-jährigen Tochter Katrinchee und den 13 bzw. 9 Jahre alten Söhnen Jeremias und Wouter auf dem Schoner „De Vergulde Bever“ in Nieuw Amsterdam ein. Die Kosten für die Überfahrt bezahlte Oloffe Stephanus Van Wart, der Sohn eines Bierbrauers in Haarlem. Als Gegen­leistung hat sich die Familie Van Brunt verpflichtet, lebenslang den Van Warts auf deren Grundbesitz in der Nähe des Handelspostens von Jan Pieterse an der Mündung des Acquasinnick Creek zu dienen, einem Stück Land, das zuvor dem indigenen Stamm der Kitchawanken gehörte.

Dort erwartete sie eine roh gezimmerte, strohgedeckte Holzhütte. Der Gutsherr, der alte Van Wart, gab ihnen eine Axt, einen Pflug, ein halbes Dutzend krätzige Hühner, einen kachektischen Ochsen, zwei Kühe, die nur noch tropfenweise Milch gaben, und ein Sortiment von ausrangierten, verbeulten und verbogenen Küchengeräten. Als Lohn für seine Investition erwartete er fünfhundert Gulden Pacht, zwei Klafter Holz (gespalten, angeliefert und sorgsam in dem höhlenartigen Schuppen beim oberen Gutshaus aufgestapelt), zwei Scheffel Weizen, zwei Hennen und zwei Hähne und zwanzig Pfund Butter. Fällig und zahlbar in sechs Monaten.

Als Jeremias seinem Vater bei der Arbeit hilft, wird er von einer Gemeinen Schnappschildkröte (Chelydra serpentina) in den rechten Fuß gebissen.

Bis Harmanus mit der Axt herbeigerannt war, hatte sich das Wasser blutrot verfärbt, und er musste knietief hineinwaten, um den bösen, verhornten, vorsintflutlichen Kopf der Bestie zu treffen und ihn direkt vor dem Panzer abzuhacken. Der Kopf blieb am Knöchel. Der Rest des Wesens, mit immer noch schlagenden Klauen, glitt in die Brühe zurück.
Zu Hause zerrte Harmanus die festgeklemmten Kiefer mit einer Schmiedezange auseinander, und Agatha versorgte die Wunde, so gut sie konnte. Allerdings sollte es noch etwa zweihundert Jahre dauern, ehe die Erreger der Sepsis identifiziert würden (einstweilen blieben die Kleinsttierchen noch unsichtbar – jeder Narr wusste ja, dass die Nachtnebel eine Wunde schwarz werden ließen und dass entweder das Auftauchen oder das Ausbleiben von Kometen ihr Verheilen begünstigte), daher wurde Jeremias‘ Knöchel mit schmutzigen Lumpen verbunden und sich selbst überlassen. Fünf Tage später hatte der Unterschenkel des Jungen die Farbe von verfaultem Kürbis, und eine blasse, molkeartige Flüssigkeit sickerte unter der Bandage hervor. Fieber setzte ein.

Weil der Junge an den Folgen der Infektion zu sterben droht, sägt ihm der Vater am siebten Tag den verletzten Fuß mit einer Zugsäge ab und rettet ihm dadurch das Leben. Harmanus Jochem Van Brunt selbst stirbt jedoch kurz darauf.

Einen Monat später wird die von der Familie bewohnte Hütte auf Nysen’s Roost vom Blitz getroffen und brennt nieder. Dabei kommen Agnes und Wouter ums Leben. Jeremias, der zum Zeitpunkt des Unwetters nicht zu Hause war, geht beim Anblick der verkohlten Reste davon aus, dass auch Katrinchee verbrannte.

Als die Pachtzahlung ansteht, kommt Van Warts Verwalter geritten. Er wusste bisher noch nichts von dem Unglück. In der Nähe der Ruine entdeckt er Jeremias. Weil der verwaiste 13-Jährige nicht auf die Forderung nach den fälligen Abgaben eingeht, holt der Verwalter den Schultheiß (schout) Joost Cats von dessen Farm in Rufweite des Gutshauses am Croton River.

Jeremias wird schließlich von Staats und Meintje van der Meulen aufgenommen, den Pächtern einer Farm in der Nähe.

Drei Jahre später taucht Katrinchee Van Brunt mit einem Säugling auf. Sie war nicht im Feuer umgekommen, sondern mit Mohonk, dem 22 Jahre alten grünäugigen Sohn des verstorbenen Sachoes vom Stamm der Kitchawanken, nach Indian Point durch­gebrannt. Vor zwei Jahren bekam sie einen Sohn. Der heißt Squagganeek, wird jedoch nun Jeremy gerufen. Als Mohonk sie verließ und verschwand, schlug sich Katrinchee – inzwischen halb verrückt – mit dem auf den Rücken geschnallten Baby zum Lager der Weckquaesgeeks am Fuß des Suycker Broodt durch. Meintje van der Meulen weigert sich schon wegen der Kinder, die „Indianerhure“ auch nur ins Haus zu lassen. Sie muss in der Scheune schlafen, und auch das erlaubt Meintje nur vorübergehend.

Der 16-jährige Jeremias und seine zwei Jahre ältere Schwester bauen die Hütte auf Nysen’s Roost wieder auf und pflügen die Felder.

In den kommenden Wochen sprang das ganze Dorf ein. Reinier Oothouse half bei der Zimmermannsarbeit, Hackaliah Crane kam mit seinen Leuten vorbei, Oom Egthuysen verlieh zeitweilig eine Milchkuh, die eigentlich dem patroon gehörte, und Meintje veranstaltete eine Sammlung unter den huisvrouwen, um ein paar Teller und Tassen, Bettzeug und Töpfe zusammenzusuchen. Sogar Jan Pieterse beteiligte sich an der Sache.

Als der Patron davon erfährt, schickt er den Schultheiß. Vergeblich weist Joost Cats die Geschwister zurecht.

„Scheiß auf den Privatbesitz“, sagte Jeremias.

„Zur Hölle mit dem patroon„, sagte Jeremias.

Der Schultheiß verletzt den Aufmüpfigen mit dem Degen im Gesicht, aber der Patron setzt Jeremias als Pächter ein, obwohl sein einziger Sohn Stephanus Oloffe Rombout Van Wart, der kürzlich seinen Abschluss an der Universität Leyden machte, dagegen protestiert.

„Ich achte Euer gutes Herz, vader“, sagte er, „und ich stimme darin überein, dass es uns zum Nutzen gereichte, auf Nysen’s Roost einen Pächter einzusetzen, aber ist dies der Mann – oder vielmehr der Bursche –, dem wir diese Aufgabe anvertrauen sollten? Hat er sich denn nicht schon als Verbrecher erwiesen, der keinen Respekt vor dem Gesetz hat, als degenerierter Nachfahr eines degenerierten Vaters?“

Schließlich heiratet Jeremias Van Brunt die zwei Jahre jüngere Tochter des Schultheißen: Neeltje Cats. Bei der Geburt des ersten ihrer sechs Kinder ist Neeltje erst 16 Jahre alt. Der Junge bekommt den Namen Wouter.

Im Sommer 1679 überbringt Joost Cats seinem Schwiegersohn einen Auftrag des Patrons: Jeremias soll mit den anderen Pächtern zusammen eine Straße bauen.

„[…] verlangt er von jedem Pächter, mit seinem Ochsengespann fünf Tage lang für ihn zu arbeiten – er will die Straße von Jan Pieterses Laden zum oberen Gutshaus erweitern und dann bis zu den neuen Höfen bei Crom’s Pond verlängern. Eines Tages wird hier einmal eine Postkutsche verkehren, und mijnheer will sichergehen, dass sie auch bei ihm hält.“

Für Jeremias kommt das nicht in Frage. „Scheiß auf den patroon!“, faucht er.

Stephanus Oloffe Rombout Van Wart, der inzwischen seinen Vater als Gutsherr bzw. Patron abgelöst hat, nimmt die Auflehnung zum Anlass, hart durchzugreifen. Als Erstes entlässt er den Schultheiß Joost Cats.

Joost Cats war der schout gewesen, solange sich irgendjemand erinnern konnte, und ihn einfach so abzusetzen – das war unerhört, schlechthin unmöglich.

Der Patron ernennt Aelbregt van den Post zum Nachfolger und beauftragt ihn, den elfjährigen Wouter Van Brunt und dessen Cousin Jeremy Mohonk einzusperren. Außerdem muss er nach Nysen’s Roost reiten und Wouters Vater über die Kündigung des Pachtvertrags in Kenntnis setzen. Neeltje fleht den Gutsherrn um Gnade an:

„Mijnheer, bitte, die Farm ist alles, was wir haben, wir sind immer gute Pächter gewesen, und wir haben die Äcker für Euch auf das mehr als Zehnfache vergrößert – erst dieses Frühjahr haben wir einen ganzen Morgen Wald gerodet und Roggen als Viehfutter gesät, und Erbsen außerdem …“

Aber Stephanus Van Wart lässt sie nicht ausreden und zeigt kein Mitgefühl. Er lässt eigens einen Pranger zimmern. Bevor Jeremy dort festgesetzt werden kann, rennt er davon. Wouter gelingt es jedoch nicht, sich zu befreien.

Sein Sohn am Pranger, das ist auch für Jeremias zu viel: Er geht zum Gutshaus, tritt vor den Pranger, schiebt den Riegel zurück und hebt den Querbalken über den Handgelenken seines Sohnes. Stephanus Van Wart schießt auf ihn, verfehlt ihn jedoch. Jeremias Van Brunt wirft sich vor ihm in den Staub und bittet um Vergebung. Als Wouter das sieht, schämt er sich. Das Verhalten seines Vaters hält er für Verrat. Der Patron tritt Jeremias ins Gesicht und lässt ihn anstelle Wouters eine Woche lang am Pranger stehen.

Eineinhalb Jahre später, im Winter 1680/81, kehrt Jeremy Mohonk mit einer Weckquaesgeek-Braut und einem Sohn von der Flucht zurück.

Am 15. November 1693 kündigt Stephanus Van Wart zwei Pachtverträge: Der Witwer Cadwallader Crane und Wouter Van Brunt haben innerhalb von zwei Tagen neuen Pächtern zu weichen. Und die Hütte von Jeremy Mohonk, der ohnehin noch nie Pacht gezahlt hat, soll abgerissen werden. Cadwallader Crane und Wouter, der auf den Tag genau vor einem Jahr seinen Vater begraben hat, sind nicht nur Freunde, sondern auch verschwägert. Neeltjes Schwester Geesje starb allerdings bei der ersten Niederkunft.

„Ich will verdammt sein“, sagte Wouter, und er ahnte nicht, als wie prophetisch sich diese Redewendung erweisen sollte.

Die drei Betroffenen gehen zum oberen Gutshaus. Sie werfen Bleiglasfenster ein. Rombout Van Wart, der 21 Jahre alte Sohn des Patrons, stürmt heraus, kann aber nicht verhindern, dass Wouter den Heuboden in der Scheune in Brand setzt.

Am nächsten Tag kommt Stephanus Van Wart mit einer Landsturmtruppe geritten. John Robideau, Tommy Sturdivant und Staats Van Brunt, die bei dem Angriff der Verschwörer zufällig zugegen waren, sich aber nicht beteiligten und nun ihre Unschuld beteuern, werden ausgepeitscht und drei Tage lang an den Pranger gestellt. Für Wouter Van Brunt, Cadwallader Crane und Jeremy Mohonk lässt der Gutsherr einen Galgen errichten, aber sie sind zunächst untergetaucht.

Nach einigen Wochen taucht Wouter Van Brunt bei Rombout Van Wart auf, fällt auf die Knie und stellt sich.

„Es war der Halbindianer“, sagte er. „Er hat die Scheune angezündet, er ist es gewesen. Und Cadwallader auch. Sie haben mich zum Mitmachen gezwungen.“

Um selbst am Leben zu bleiben, verrät er die beiden anderen, mit denen er sich bis dahin in einer Höhle versteckte. Am 1. Januar 1694 lässt der Patron sie hinrichten.

Was Jeremy Mohonk und Cadwallader Crane anging, so waren sie des Hochverrats und der bewaffneten Auflehnung gegen die Amtsgewalt der Krone überführt (wobei der Ziegelstein für Stephanus’ Zwecke eine potentiell todbringende Waffe darstellte – todbringend jedenfalls für herrschaftliche Fensterscheiben). Das Urteil lautete wie folgt: „Wir verfügen, dass die Häftlinge auf eine Flechthürde gebunden zum Richtplatze geschleift werden sollen, um am Galgen gehenkt zu werden, und darauf soll man sie noch lebend wieder abnehmen und ihnen die Eingeweide als auch Geschlechtsteile aus dem Leib schneiden, welche vor ihren Augen zu verbrennen sind, sodann soll man sie enthaupten und vierteilen, worauf sie nach des Königs Gutdünken zu beseitigen sind.“
Ob dem Urteil in allen Einzelheiten entsprochen wurde, ist nicht verzeichnet.

Wouter Van Brunt wird ausgepeitscht, am Hals mit dem Brandmal des Gesetzlosen gezeichnet und für immer von den Ländereien der Van Warts verbannt.

Nach einigen Jahren kehrt er zu seiner nach Pieterses Kill gezogenen Mutter zurück. Er wird Fischer, heiratet und bekommt drei Söhne. Im Alter von 73 Jahren stirbt er.

1929 besetzt Jeremy Mohonk, ein 1909 in der Shawangunk-Reservation in Jamestown/New York geborener Nachkomme von Katrinchee und Mohonk, das Land, auf dem früher die Hütte der Van Brunts stand. Nysen’s Roost sei Indianerland, sagt er, und er habe ein Recht darauf, denn er sei der letzte vom Stamm der Kitchawanken. Der Gutsherr Rombout Van Wart entdeckt die illegale Besiedelung und versetzt dem jungen Mann einen Schlag mit der Reitpeitsche, aber Jeremy packt ein Holzscheit und lässt es gegen die Schläfe des Reiters krachen. Daraufhin wird er vor Gericht gezerrt.

Der vom Gericht bestellte Pflichtverteidiger war mit Rombout zur Schule gegangen. Der Sheriff, der Gerichtsschreiber, der Staatsanwalt und der Assistent des Staatsanwalts waren ebenfalls mit Rombout zur Schule gegangen. Der Richter war mit Rombouts Vater zur Schule gegangen […] Die Geschworenen, von denen acht mit Rombout zur Schule gegangen waren, zogen sich für fünf Minuten zurück. Ihr Spruch lautete: schuldig im Sinne der Anklage.

Der Richter verurteilt Jeremy Mohonk zu 20 Jahren im Sing Sing genannten Gefängnis in Ossining außerhalb von New York City.

Durch den „Schwarzen Freitag“ (25. Oktober 1929) und die Weltwirtschaftskrise büßt Rombout Van Wart den Großteil des Familienvermögens ein. Der Bauholz­betrieb geht pleite. Sechs Monate nach der Verurteilung Jeremys und dem Abriss seiner Kate bleibt Rombout Van Wart nichts anderes übrig, als das Land zum Verkauf anzubieten. Zwei Jahre lang findet er keinen Interessenten. Dann übernimmt es Peletiah Crane, der Rektor der Schule von Van Wartville, zu einem Schleuderpreis.

1949 organisieren der Schriftsteller Sasha Freeman und der Bauunternehmer Morton Blum mit ein paar Hippies und linken Aktivisten ein Open-Air-Konzert auf diesem Stück Land, das inzwischen Peletiah Cranes Enkel Tom gehört, dessen Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Tom Crane ist mit Truman Van Brunt und dessen Ehefrau Christina befreundet, die zur „Kitchawank Colony Association“ gehören. Aber die Veranstalter und die Gäste werden von rassistischen und antisemitischen Fanatikern zusammengeschlagen.

„Niemals kommt ihr hier weg! Jedes Niggerschwein machen wir kalt! Und jede Judensau auch!“

Truman Van Brunt soll die Polizei alarmieren und Reporter herbeirufen, aber stattdessen verschwindet er und lässt seine Frau mit dem dreijährigen Sohn Walter allein zurück. Christina magert aus Kummer ab und stirbt an den Folgen der Unterernährung. Walter wird von Hesh und Lola, linksgerichteten Freunden seiner Eltern, aufgenommen.

Walter Van Brunt studiert Philosophie. Seine feste Freundin Jessica Conklin Wing Meeresbiologie.

1968 feiert er seinen 22. Geburtstag mit dem Puertoricaner Hector Mantequilla und einem Mädchen namens Mardi, das er gerade erst kennengelernt hat. Nachdem sie Alkohol getrunken, Designerdrogen genommen und Haschisch geraucht haben, fahren sie nachts zum Hudson River. Mardi zieht unbekümmert das Papierkleid aus, das ohnehin ihren Po nur halb verdeckte, und sie schwimmen nackt zu Schiffswracks hinaus.

Auf dem Weg nach Hause, zu Hesh und Lola, verliert Walter die Kontrolle über sein Motorrad und prallt gegen eine Gedenktafel. Als er im Peterskill Hospital wieder zu sich kommt, sitzen nicht nur Hesh und Lola, sondern auch Jessica bei ihm. Sein rechter Fuß musste amputiert werden. Jessica fährt nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus mit ihm zur Unfallstelle, und Walter liest, was auf der nur leicht beschädigten Gedenktafel steht:

An dieser Stelle ergab sich im Jahre 1693 Cadwallader Crane, Anführer eines bewaffneten Aufstands auf dem Gut der Van Warts, den Behörden. Er wurde 1694 zusammen mit seinem Mitverschwörer Jeremy Mohonk auf dem Galgenhügel von Van Wartville gehenkt.

Aus der Zeitung erfährt Depeyster Van Wart, der zwölfte Erbe des Landsitzes Van Wart Manor oben auf Van Wart Ridge am Rand von Peterskill, von dem Unfall. Der 51-jährige Terraphage ist Unternehmer, aber er weiß selbst, dass er im Büro unnütz herumsitzt, weil Depeyster Manufacturing von fähigen Mitarbeitern am Laufen gehalten wird. Seit 23 Jahren ist er verheiratet. Joanna und er haben eine Tochter: Mardi, die vor ein paar Wochen das College abgeschlossen hat.

Seit Mardis Geburt vor 15 Jahren verweigerte sich Joanna ihrem Ehemann. Aber nun schläft die inzwischen 43-Jährige wieder mit ihm, und einen Monat später verkündet sie ihre zweite Schwangerschaft. Es wird ein Junge. Depeyster Van Wart ist überglücklich: Endlich bekommt er einen Erben!

Er ahnt nicht, dass das Kind von Jeremy Mohonk gezeugt wurde.

Joanna Van Wart, die sich seit langem für die indogene Bevölkerung engagiert, hatte vor drei Jahren begonnen, ihren Mann mit dem Halb­indianer zu betrügen. Dem 45 Jahre alten Jeremy Mohonk war es anfangs nur darum gegangen, die Van Warts zu demütigen. Entsprechend brutal hatte er Joanna behandelt. Aber je härter er sie nahm, desto besser gefiel es ihr, und sie trafen sich alle zwei Wochen. Sie wollte sogar ihren Ehemann verlassen. Schließlich dachte sich Jeremy Mohonk etwas anderes aus, um seine Familie zu rächen: Er überredete Joanna, nicht länger zu verhüten und zeugte mit ihr einen Sohn. Der soll Depeyster Van Wart untergeschoben werden.

Nachdem Walter – der inzwischen mit Jessica verheiratet ist – bei einem weiteren Motorradunfall auch den anderen Fuß verloren hat, erkundigt er sich bei Depeyster Van Wart nach seinem Vater, denn er weiß, dass die beiden Männer befreundet waren.

Er spürt Truman Van Brunt in Alaska auf. Der Vater gibt ihm ein Buchmanuskript zu lesen, an dem er seit 20 Jahren gearbeitet hat und erzählt ihm nicht nur, was 1949 geschah, sondern auch Episoden aus der Familiengeschichte.

„Deine Mutter, meine ich“, sagte er, während er sich mit dem Ärmel den Mund abwischte. „Das war schon eine. Du wirst dich nicht so recht an sie erinnern, aber sie war so – wie soll man sagen? – ernsthaft, weißt du. Idealistisch. Sie hat tatsächlich diesen ganzen Bolschewistendreck geglaubt, sie dachte wirklich, Russland wär das Arbeiterparadies.“

„Ja. Ich bin ein Spitzel. Ein feiger Verräter. Ich hab meine Frau umgebracht, meine Freunde ans Messer geliefert. […]
Ich fang von vorne an“, sagte er, „mit Depeyster.“

Truman Van Brunt und Depeyster Van Wart lernten sich während des Zweiten Weltkriegs beim militärischen Abschirmdienst in England kennen und freundeten sich an. Nach dem Militär verloren sie sich aus den Augen. Truman war vielleicht zwei Jahre mit Christina Alving verheiratet, als er Depeyster wiedersah. Der Freund, der beim Geheimdienst geblieben war, hatte es darauf angelegt, denn Truman sollte über Christina und deren linke Parteifreunde berichten. Er tat es, ohne Geld zu nehmen, weil er überzeugt war, das Richtige zu tun.

„Du bist ein dreckiges Schwein“, sagte Walter.
Truman lächelte. „Du auch.“

Aufgebracht reist Walter nach zwei Tagen wieder ab.

Seine Ehe mit Jessica existiert nur noch auf dem Papier. Dennoch will er sich rächen, als er herausfindet, dass sie mit Tom Crane intim ist.

Tom erwarb vor einigen Monaten eine 32 Meter lange Segeljacht. An dem Abend, an dem die „Arcadia“ mit Kapitän Barr Aiken, acht Mann Besatzung, Tom und Jessica nach einem monatelangen Jungfern-Törn im Hafen von Garrison anlegt, wo sie überwintern soll, feiert Tom das Ereignis in einem Festzelt. Zur gleichen Zeit sitzt Walter Van Brunt mit Joanna und Depeyster Van Wart sowie zwei anderen Gästen beim Essen. Sie reden über Depeysters fehlgeschlagenen Versuch, eine Demonstration gegen das Einlaufen der „Arcadia“ zu organisieren. Das Schiff ist dem Fanatiker ein Dorn im Auge, weil Gerüchten zufolge an Bord Drogen konsumiert und ausschweifende Partys gefeiert werden.

„Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre“, sagte Depeyster und sah wiederum Walter an.

Als Mardi nach Hause kommt, fragt sie Walter, wie es in Alaska gewesen sei. Aber auf einen langen Bericht legt sie keinen Wert. Sie geht gleich wieder, und zwar zum Festzelt in Garrison.

Walter folgt ihr. Jessica entdeckt er mit einem ihm Unbekannten auf der Tanzfläche. Er weiß eigentlich nicht, warum er hier ist und was er vorhat.

Er stand ganz allein. Er war hart, seelenlos und frei. Er war Meursault, der den Araber erschoss. Er konnte alles tun, alles, was er wollte.

Plötzlich ist ihm klar, was Depeyster Van Wart von ihm erwartet und was er zu tun hat. Er geht zur „Arcadia“. Der Hafen ist menschenleer. Walter löst die drei Leinen, mit denen die Segeljacht an Poldern vertäut ist und sieht sie hinaus auf den Fluss treiben.

Während die „Arcadia“ vor Gees Point auf Grund läuft und schwer beschädigt wird, rutscht Walter Van Brunt mit seinen beiden sich zunehmend lockernden Prothesen im Schnee aus, fällt ein paar Mal hin – und erfriert. Er ist schon zwölf Stunden tot, als man ihn findet.

Depeyster Van Wart erfährt von Walters Tod und der Havarie der „Arcadia“ aus den Nachrichten. Sofort ahnt er, dass beides zusammenhängt:

Walter hatte sich geopfert. Für ihn. Für Amerika. Um den dreckigen Juden und Atheisten, die seine Kindheit vergiftet und irgendwie dieses großartige, leidende Land in ihren Würgegriff bekommen hatten, einen Schlag zu versetzen.

Während Joanna Van Wart zwei Wochen später im Kreißsaal liegt, erhält ihr Ehemann einen Anruf der Immobilienmaklerin Marguerite Mott. Sie hat eine freudige Überraschung für ihn: Er bekomme das von Kommunisten und deren Sympathisanten geschändete Grundstück, sagt sie. Damit meint sie das Land, das Peletiah Crane 1929 von Rombout Van Wart erworben hatte. Inzwischen hat Tom Crane es von seinem Großvater geerbt, und um die Schiffsreparatur bezahlen zu können, verkauft er es Depeyster Van Wart, der es schon lange darauf abgesehen hat.

Nach dem Telefongespräch fährt Depeyster Van Wart in die Klinik. Weil das Kind verkehrt liegt, ist ein Kaiserschnitt erforderlich. Durch ein Fenster der Neu­geborenen­station sieht Depeyster Van Wart das Kind: es hat pechschwarzes Haar, grüne Augen und dunkle Haut. Nachdenklich schaut er es an. Dann beschließt er, das Kind Rombout zu nennen, nach seinem Vater.

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Die im heutigen Staat New York spielende Handlung, die Tom Coraghessan Boyle in seinem Roman „World’s End“ entwickelt, reicht vom 17. Jahrhundert bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Es ist die Geschichte der (fiktiven) nieder­ländischen Einwanderer­familien Van Brunt und Van Wart, mit der nicht nur die der Cranes verknüpft ist, sondern auch die der Nachkommen Katrinchee Van Brunts und des grünäugigen Kitchawanken Mohonk. Tom Coraghessan Boyle beginnt „World’s End“ mit Walter Van Brunts Motorradunfall im Jahr 1968. Er kracht ausgerechnet in eine Gedenktafel für Cadwallader Crane und Jeremy Mohonk, die 1694 auf dem Gut der Van Warts hingerichtet wurden. Das zweite Kapitel spielt 1663, und von da an springt Tom Coraghessan Boyle vor und zurück, bis er das sarkastische Ende erreicht. Er selbst bezeichnet die Mischung aus Gesellschafts-, Familien-, Schelmen- und Abenteuerroman im Vorwort als „historische Fuge“. „World’s End“ ist denn auch nicht nur polyphon, sondern spiegelt auch die Themen auf verschiedenen Zeitebenen, und verhängnisvolle Haltungen werden von Generation zu Generation übernommen.

Keine der Romanfiguren ist längere Zeit glücklich. Im Zentrum steht der Gegensatz zwischen den herrschaftlichen Van Warts und den von ihnen geknechteten bzw. ausgebeuteten Van Brunts einschließlich ihrer halbindianischen Nachkommen. Der letzte Van Wart, ein reicher Tölpel, ein Terraphage, dessen Unternehmen von fähigen Mitarbeitern am Laufen gehalten wird, ist nicht nur Rassist und Antisemit, sondern er verfolgt außerdem Hippies, Friedensfreunde und Kommunisten mit seinem Hass.

Einfach ist es nicht, bei so vielen Personen und Generationen den Überblick zu behalten, aber die Lektüre ist ein Vergnügen. Das liegt nicht nur an der durchdachten Komposition, sondern vor allem auch am Einfallsreichtum, Sarkasmus und Sprachwitz des Autors. Mit überbordender Fabulierlust schiebt Tom Coraghessan Boyle immer wieder ein originelles Geschichtchen ein.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Tom Coraghessan Boyle (Kurzbiografie / Bibliografie)

Tom Coraghessan Boyle: Wassermusik
Tom Coraghessan Boyle: Grün ist die Hoffnung
Tom Coraghessan Boyle: Willkommen in Wellville (Verfilmung)
Tom Coraghessan Boyle: América
Tom Coraghessan Boyle: Riven Rock
Tom Coraghessan Boyle: Schluss mit cool
Tom Coraghessan Boyle: Zähne und Klauen
Tom Coraghessan Boyle: Talk Talk
Tom Coraghessan Boyle: Die Frauen
Tom Coraghessan Boyle: Das wilde Kind
Tom Coraghessan Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist
Tom Coraghessan Boyle: San Miguel
Tom Coraghessan Boyle: Hart auf hart
Tom Coraghessan Boyle: Die Terranauten

José Saramago - Kain
Auf eine Entwicklung der Hauptfigur wartet man in dem von José Saramago aus 13 Episoden zusammengesetzten Roman "Kain" vergeblich, aber Action-Szenen, Witz und Ironie sorgen für eine unterhaltsame Lektüre.
Kain

José Saramago

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