T. C. Boyle : Das Licht

Das Licht
Outside Looking In Ecco, New York 2019 Das Licht Übersetzung: Dirk van Gunsteren Carl Hanser Verlag, München 2019 ISBN 978-3-446-26164-8, 379 Seiten ISBN 978-3-446-26285-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In "Das Licht" beobachten wir den fiktiven Doktoranden Fitz Loney, der 1962 bis 1964 zu einer Gruppe gehört, die unter der Führung des charismatischen Psychologen Timothy Leary die Welt durch Drogen verbessern will.
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Kritik

Obwohl sich "Das Licht" um Drogentrips und sexuelle Freizügigkeit dreht, erzählt T. C. Boyle die Geschichte chronologisch und trocken. Die konventionelle Form kontrastiert mit dem Inhalt.
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Vorspiel: Basel 1943

Susi Ramstein ist die einzige Laborantin in der ganzen Forschungsabteilung bei Sandoz in Basel. Die 21-Jährige assistiert Dr. Albert Hofmann, der Mutterkornalkaloide erforscht, um für Sandoz ein Kreislaufstimulans zu entwickeln. 1938 synthetisierte Albert Hofmann eine Reihe verschiedener Amid-Derivate der Lysergsäure, des Grundbestandteils der Mutterkornalkaloide. Eine erste Versuchsreihe ging ohne pharmakologisch verwertbare Ergebnisse zu Ende.

1943 stellt Albert Hofmann noch einmal Diethylamid LSD-25 her. Weil er dabei unruhig wird und er sich unwohl fühlt, verlässt er das Labor früher als gewohnt und fährt nach Hause, wo er einige Zeit Farbspiele wie in einem Kaleidoskop sieht. Die Ursache vermutet er im LSD. Wahrscheinlich nahm er versehentlich etwas davon über die Haut auf.

Um mehr darüber herauszufinden, entschließt sich der Forscher zu einem Selbstversuch am 19. April 1943. Um 16.20 Uhr nimmt er zehn Kubikzentimeter Wasser mit 250 Mikrogramm Diethylamid LSD-25 zu sich. „Beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz“ notiert er um 17 Uhr. Dennoch fährt er mit dem Rad nach Bottmingen, wo er wohnt. Susi Ramstein folgt ihm besorgt. Sie läuft zu seiner Nachbarin, bittet sie, ihr Milch für Albert Hofmann zu geben und den Arzt zu rufen.

Als Susi Ramstein am nächsten Morgen ins Labor kommt, ist Albert Hofmann bereits da.

Weder sein Vorgesetzter noch Prof. Ernst Rothlin, der Leiter der pharmakologischen Abteilung von Sandoz, mag zunächst glauben, dass die winzige Menge Lysergsäurediethylamid eine so heftige halluzinogene Wirkung haben kann. Aber nachdem sie es selbst mit 60 Mikrogramm LSD versucht haben, sind sie von der Potenz der Substanz überzeugt.

Cambridge 1962

Der Doktorand Fitzhugh („Fitz“) Loney ist fest entschlossen, rasch an der Harvard University in Cambridge bei Boston zu promovieren, denn das Einkommen seiner Ehefrau Joanie als Bibliotheksangestellte reicht kaum für den Lebensunterhalt der Familie, zu der auch der 13-jährige Sohn Corey gehört.

Als sein Doktorvater Timothy („Tim“) Leary ihn und Joanie an einem Samstagabend in die Villa einlädt, die er mit seinen beiden Kindern Suzie und Jackie bewohnt, während der Besitzer Marty Sokolow ein Jahr lang mit der Familie in Moskau verbringt, fühlt Fitz sich in den „inneren Kreis“ des charismatischen Psychologen aufgenommen. Die Loneys sind nicht die einzigen Gäste: Jeden Samstag treffen sich bei Tim Leary zwei Dutzend oder mehr Leute, um mit Psilocybin zu experimentieren. Das Forschungsprojekt leitet er zusammen mit seinem Kollegen Dr. Richard („Dick“) Alpert. Tim Leary ist überzeugt, dass es sich bei halluzinogenen Drogen um wirkungsvolle psychologische Werkzeuge handelt. Inzwischen hat er auch Selbstversuche mit LSD gemacht und schwärmt von der enormen Wirkung winziger Mengen. Gerüchten zufolge hat der britische Forscher Michael Hollingshead, den Tim Leary in die Villa aufgenommen hat, das LSD von Sandoz besorgt.

Der Arzt Walter Pahnke, ein Doktorand wie Fitz Loney, führt am Karfreitag in der Marsh Capel auf dem Campus der Boston University im Rahmen des Psilocybin-Projekts einen Doppelblindversuch mit 20 Theologie-Studenten durch, denn er will beweisen, dass sich durch psychedelische Drogen religiöse Ekstasen hervorrufen lassen.

Zihuatanejo, 1962/63

Für die Sommerferien 1962 mietet Tim Leary das Hotel Catalina mit 18 Zimmern in Zihuatanejo, einem abgelegenen Ort nördlich von Acapulco, das in dieser Zeit sonst wegen fehlender Touristen geschlossen wäre. Dort wollen Leary und Alpert ohne die Restriktionen des Universitätsbetriebs forschen. Jeden Tag soll ein Drittel der 33 Erwachsenen auf einen LSD-Trip gehen („das Sakrament nehmen“), ein Drittel auf sie aufpassen und der Rest Notizen über die letzten Erfahrungen machen.

Fitz überredet seine Frau, den Job in der Bibliothek ebenso wie den Mietvertrag für die Wohnung zu kündigen und sich der Gruppe anzuschließen, statt Urlaub bei Joanies Eltern in New Jersey zu machen.

In Mexiko schläft Joanie erstmals in ihrer 14-jährigen Ehe mit einem anderen Mann als Fitz, mit Ken Sensabaugh. Das ergibt sich während eines LSD-Trips und mutet wie das Natürlichste auf der Welt an.

Tim Leary und Dick Alpert werden wegen der umstrittenen Drogenexperimente im Mai 1963 von der Harvard University entlassen.

Danach veranstalten sie ein weiteres „Sommerlager“ in Zihuatanejo.

Das endet allerdings abrupt mit einem Ausweisungsbeschluss, der offiziell damit begründet wird, dass Tim Leary ein Gewerbe ohne gültige Konzession betreibe.

„Aber wenn Sie es genau wissen wollen: Der eigentliche Grund ist das hier.“ Er überreichte Tim einige zusammengerollte Zeitungen, in denen der innere Kreis […] als „Sekte“ bezeichnet wurde, die sich durch „Marihuana-Orgien, behaarte Frauen, schwarze Magie, Geschlechtskrankheiten und Profitgier“ auszeichne.

Tim Leary und Dick Alpert, Ken und Fanchon Senabaugh, die Doktoranden Charlie Millhouse und Rick Roberts sowie deren Ehefrauen Alice Millhouse und Paulette Roberts ziehen nach der erzwungenen Rückkehr mit den Kindern in ein von Dick Alpert gemietetes Haus in Newton. Fitz und Joanie Loney ziehen es jedoch vor, sich selbst eine Wohnung in der Nähe von Coreys Schule zu suchen.

Millbrook, 1963/64

Aber als die Gruppe in ein viktorianisches Herrenhaus in Millbrook/New York zieht, schließen sich auch die Loneys an. In Harvard hat Fitz ohnehin keine Chance mehr für eine Promotion, und in Millbrook kann die Familie kostenlos wohnen. Tim Leary hat das Anwesen in einem Park für einen symbolischen Jahresbetrag von einem Dollar gemietet. The Hitchcock Estate – so der Name – gehört den Geschwistern Billy, Tommy und Margaret Mellon („Peggy“) Hitchcock, die von den Forschungen mit psychedelischen Drogen begeistert sind.

Zwölf Erwachsene und acht Kinder ziehen in das Haus mit 64 Zimmern.

Weil Sandoz den in Verruf geratenen Forschers kein LSD mehr zur Verfügung stellt, fliegt Dick Alpert mit seiner Maschine nach Kanada und kauft dort LSD von einer tschechischen Firma.

Um Geld einzunehmen, bietet Timothy Leary in Millbrook Seminare zur Bewusstseinserweiterung an: Meditation, Transzendenz, Gruppenbewusstsein. Ein Wochenende mit 20 Teilnehmern bedeutet Einnahmen in Höhe von 3000 Dollar. Um die Programmierung der Gäste aufzubrechen, setzen die Veranstalter Lebensmittelfarben ein:  Das Fleisch wird bananengelb serviert, das Kartoffelpüree leuchtend grün, der Weißwein ist schwarz wie Kaffee und der Kaffee rosarot.

Nachdem zum Jahreswechsel 1963/64 auch Maynard und Flora Lu Ferguson mit ihren fünf Kindern eingezogen sind, wohnen 29 Personen im Herrenhaus des Hitchcock Estate in Millbrook. Dazu kommen die zahlreichen Besucher.

Um Eifersucht und Besitzdenken abzubauen, lost Tim Leary jede Woche zwei Gruppenmitglieder aus, die bis zur nächsten Auswahl in eines der Nebenhäuser umziehen und dort nicht gestört werden. Später lässt er Matratzen in unbenutzte Zimmer des Obergeschosses legen, um die Promiskuität zu fördern.

Joanie hat inzwischen mit Tim Leary und Charlie Millhouse geschlafen, auch gleichzeitig mit Ken und Fanchon Sensabaugh. Aber sie beschimpft ihren Mann, weil er Lori Cunningham nachläuft, die ihr Studium am Bennett College im Erstsemester abgebrochen und sich der Gruppe in Millbrook angeschlossen hat. Und Joanie ist entsetzt, als sie ihren Sohn Corey mit der ein Jahr älteren Nancy ‒ der Tochter von Royce und Susannah Eggers ‒ nackt im Schlafsack ertappt, denn sie befürchtet eine ungewollte Schwangerschaft des Mädchens und denkt dabei daran, dass sie selbst mit 19 ihr Studium abbrechen musste, als sie mit Corey schwanger war.

Obwohl sie anfangs von Tim Learys Ideen und dem Gruppenleben begeistert war, will sie nicht mehr so weitermachen, zumal sich der Akzent längst von der Forschung zu Partys verschoben hat. Für den 4. Juli 1964 ist beispielsweise eine Feier des Unabhängigkeitstages mit 200 Gästen geplant.

„Millbrook. Das hier ist kein Leben, Fitz, es ist eine Täuschung. Wir alle machen uns was vor, siehst du das nicht?“

Zu Beginn der Sommerferien fährt Joanie mit Corey zu ihren Eltern in New Jersey.

Fitz zweifelt inzwischen ebenfalls am Sinn der Aktivitäten. Er sagt zu Ken Sensabaugh:

„Können wir uns überhaupt noch als Wissenschaftler bezeichnen? Was sind wir eigentlich? Mystiker? Partyveranstalter? Orgienfeierer?“

Aber er bleibt in Millbrook, obwohl er Joanie versprach, nur noch bis zur Feier des Unabhängigkeitstages zu bleiben und dann nachzukommen. Seine Dissertation hat er aufgegeben.

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T. C. Boyle beschäftigt sich in seinem Buch „Das Licht“ mit Timothy Leary, aber es handelt sich nicht um eine Biografie, sondern um einen auf die Jahre 1962 bis 1964 konzentrierten Roman aus der Sicht des fiktiven Doktoranden Fitzhugh Loney. Wir erleben eine Gruppe, die unter der Führung einer charismatischen Persönlichkeit die Welt verbessern möchte. Timothy Leary setzt auf die Möglichkeit der Bewusstseinserweiterung: Er glaubt, dass durch Halluzinogene wie LSD alte Prägungen beseitigt werden können, und von einer Neu-Programmierung erwartet er sich eine liberalere, weniger manipulierbare Gesellschaft. Zugleich versucht er, Eifersucht und Besitzansprüche durch Promiskuität aufzulösen. Aber es gelingt ihm nur, bürgerliche Lebensweisen zu untergraben. Keine drei Jahre, nachdem sich der Protagonist Fitzhugh Loney und seine Frau Joanie dem „Guru“ Timothy Leary angeschlossen haben, stehen sie vor dem Scherbenhaufen ihrer kaputten Familie.

Neben fiktiven Romanfiguren treten in „Das Licht“ nach realen Vorbildern gezeichnete Personen auf, nicht nur Timothy Leary, sondern beispielsweise auch Albert Hofmann, David McClelland, Richard Alpert, Michael Hollingshead, Peggy Hitchcock, Nena von Schlebrügge, Aldous Huxley und Ken Kesey.

Obwohl sich „Das Licht“ um Drogentrips und sexuelle Freizügigkeit dreht, erzählt T. C. Boyle die Geschichte chronologisch und trocken. Die konventionelle Form kontrastiert mit dem Inhalt. Tom Coraghessan Boyle bleibt ernst; er verzichtet auf Ironie, Witz, Humor und jede Effekthascherei.

Um die deutschen Fans des Schriftstellers davon abzuhalten, die amerikanische Ausgabe zu kaufen, erschien „Das Licht“ gut zwei Monate vor „Outside Looking In“ (28. Januar / 9. April 2019).

Der deutsche Titel bezieht sich auf das weiße Licht, von dem im Roman mehrmals die Rede ist, auf „das ekstatische, alles überstrahlende Licht“, das im Drogenrausch die Gegenwart Gottes anzeigen soll.

Den Roman „Das Licht“ von T. C. Boyle gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Florian Lukas (ISBN 978-3-8445-3282-1).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Timothy Leary (kurze Biografie)

Tom Coraghessan Boyle (kurze Biografie / Bibliografie)
Tom Coraghessan Boyle: Wassermusik
Tom Coraghessan Boyle: World’s End
Tom Coraghessan Boyle: Willkommen in Wellville (Verfilmung 1994)
Tom Coraghessan Boyle: Grün ist die Hoffnung
Tom Coraghessan Boyle: América
Tom Coraghessan Boyle: Riven Rock
Tom Coraghessan Boyle: Schluss mit cool
Tom Coraghessan Boyle: Zähne und Klauen
Tom Coraghessan Boyle: Talk Talk
Tom Coraghessan Boyle: Die Frauen
Tom Coraghessan Boyle: Das wilde Kind
Tom Coraghessan Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist
Tom Coraghessan Boyle: San Miguel
Tom Coraghessan Boyle: Hart auf hart
Tom Coraghessan Boyle: Die Terranauten

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