John Irving : Der letzte Sessellift

Der letzte Sessellift
The Last Chairlift Simon & Schuster, New York 2022 Der letzte Sessellift Diogenes Verlag, Zürich 2023 Übersetzung: Anna-Nina Kroll und Peter Torberg ISBN 978-3-257-07222-8, 1080 Seiten ISBN 978-3-257-61343-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 80-jährige, in Exeter/New Hampshire geborene, inzwischen in Kanada lebende Schriftsteller Adam Brewster erinnert sich an frühere Zeiten. Seine konventionelle Ehe mit einer 15 Jahre jüngeren Lektorin scheiterte nach wenigen Jahren. Dagegen hielt die Ehe seiner (zeitlebens mit einer anderen Frau zusammen lebenden) Mutter und einer kleinwüchsigen Transfrau bis zum Tod.
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Kritik

Der Roman "Der letzte Sessellift" dreht sich um gesellschaftliche Konventionen, sexuelle Orientierung und ein Zusammenleben in verschiedenen Konstellationen. Mit skurrilen Figuren und tragikomischen Szenen bietet John Irving eine amüsante Lektüre – aber "Der letzte Sessellift" ist mit 1080 Seiten viel zu lang.
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Adam

Adam Brewster wurde am 18. Dezember 1941 in Exeter/New Hampshire geboren und wuchs bis Juli 1956 bei seinen Großeltern mütterlicherseits auf: Abigail und Lewis Brewster. Der Großvater gibt sich als Rektor der Phillips Exeter Academy aus, ist aber in Wirklichkeit nur Englischlehrer. Zur Familie gehören auch die beiden älteren Schwestern der Großmutter („Nana“), die mit zwei Brüdern aus Norwegen verheiratet sind: Tante Abigail und Onkel Martin mit ihrer Tochter Nora, die sechs Jahre älter als Adam ist, Tante Martha und Onkel Johan mit Adams vier Jahre älterem Cousin Henrik. Seine 1922 geborene Mutter Rachel („Little Ray“) sieht Adam nur jeweils ein halbes Jahr; den Rest der Zeit verbringt sie als Skilehrerin in den Bergen.

Seinen Vater kennt Adam nicht. Er weiß nur, dass seine Mutter im März 1941, einen Monat vor ihrem 19. Geburtstag, an den amerikanischen Ski-Meisterschaften in Aspen/Colorado teilnahm und schwanger aus dem Hotel „Jerome“ zurückkam.

Im Alter von 34 Jahren heiratet Rachel Brewster den sieben Jahre jüngeren und mit 1,45 Meter Körpergröße 13 Zentimeter kleineren „Schneeläufer“ Elliot Barlow, den 1929 in St. Anton am Arlberg geborenen Sohn des Schriftsteller-Ehepaars John und Susan Barlow. Ihren Namen ändert sie nicht. Nora Vinter bringt zur Hochzeitsfeier ihre Freundin Emily („Em“) MacPherson mit und outet sich als lesbisch. Trauzeugin der Braut ist die einige Jahre ältere Pistenpflegerin Molly vom Mount Mansfield. Eigentlich sollte sie Rachel ins Hochzeitskleid helfen, aber der 14-jährige Adam ertappt die beiden nackt, mit den Gesichtern zwischen den Beinen der jeweils anderen. Sein inzwischen dementer Großvater Lew Brewster wird während der Feier vom Blitz getroffen.

Der Vater

1961 schließt Adam die Phillips Exeter Academy ab und beginnt an der University of New Hampshire zu studieren.

Von da an tut seine Mutter nicht mehr so, als lebe sie mit ihrem Ehemann zusammen, sondern zieht dauerhaft zu ihrer Lebensgefährtin Molly nach Manchester/Vermont. Elliot wiederum trägt gern Kleider seiner Ehefrau. 1973 befolgt er endlich den Rat seiner Freunde und mietet eine Wohnung in New York, wo die Gesellschaft liberaler als in Exeter ist. In New York lebt er als Frau und arbeitet als Lektorin.

1977 kommen die Brüder Martin und Johan Vinter mit dem Pick-up auf dem Kancamagus Highway von der Straße ab. Niemand weiß, ob es ein tödlicher Unfall oder Absicht war.

Endlich erfährt Adam, dass sein Vater sich bei der Zeugung noch nicht rasiert und wie ein hübsches Mädchen ausgesehen habe. Paul Goode, so heißt er, war 14 Jahre alt, als er die vier Jahre ältere Rachel Brewster im Hotel „Jerome“ in Aspen schwängerte. Eigentlich heißt er Paulino Juárez. Seine mexikanische Mutter Paulina Juárez, die ihn als 17-Jährige gebar, arbeitete als Zimmermädchen im Hotel „Jerome“, und bei seinem Vater handelte es sich um einen Hotelgast.

Paulina Juárez erlebte die Karriere ihres Sohnes als Filmstar nicht mehr. 1957 rutschte sie auf dem Eis in Aspen aus, schlug mit dem Kopf auf, blieb liegen und starb an Unterkühlung. Paul war damals 31, seine Mutter wurde nur 48 Jahre alt.

Inzwischen ist Paul Goode mit der 20 Jahre jüngeren Schauspielerin Clara Swift verheiratet. 1977 bringt sie den Sohn Toby zur Welt. (Später springt sie vom Loge-Peak-Sessellift in Aspen in den Tod. Paul wird ermordet.)

Amoklauf

Em und Nora treten in New York in der Gallows Lounge auf, einem Comedy Club, und zwar mit dem Programm „Zwei Lesben, eine spricht“. Em spricht nämlich schon lange nicht mehr, sondern drückt sich pantomimisch aus.

Am 8. Dezember 1989 kommt es bei ihrem Auftritt zu einem Amoklauf. Der Weihnachtsmann Emory Trowbridge versucht Em zu ermorden, tötet jedoch Nora, die sich in die Schusslinie wirft. Danach erschießt er sich selbst.

Familiengründung

Am 9. Juni 1990 heiratet Adam die fast 15 Jahre jüngere Lektorin und Verlegerin Grace Barrett, die Tochter von Arthur und Catherine Barrett. Sie bauen ein Haus in Vermont, und Grace pendelt zur Arbeit nach New York. Im Alter von 35 Jahren wird sie am 2. März 1991 Mutter eines Sohnes, der den Namen Matthew erhält.

Als die Ehe nach ein paar Jahren vor dem Aus steht und Grace vorhat, nach New York zu ziehen, drängt sie Adam und Em, in Vermont zusammen zu wohnen, damit Matthew dort ein Zuhause hat.

Der letzte Sessellift

Nachdem bei Adams Mutter Krebs diagnostiziert wurde und keine Chance auf Heilung besteht, werden sie und Elliot tot in einem Sessel des Blue Ribbon Quad am Bromley Mountain in Vermont gefunden. Elliot half Rachel offenbar beim nächtlichen Aufstieg und trug sie das letzte Stück zum Gipfel huckepack. Dann setzten sie sich in den Sessellift, um zu erfrieren.

Molly fährt mit dem Schneemobil zur Talstation hinunter und organisiert die Abfahrt, bei der Adam zwischen den beiden Toten im Sessellift sitzt.

Im Alter von knapp 86 Jahren nimmt Molly sich ein Beispiel an ihrer Lebensgefährtin. Aber sie schafft es nicht bis zum Gipfel und erfriert im Felsgarten. Am Morgen wird sie gefunden. Die Skiwacht trägt die Tote nach oben und setzt sie in den Sessellift, damit sie zur Talstation des Blue Ribbon Quad transportiert werden kann.

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Im Roman „Der letzte Sessellift“ von John Irving erinnert sich der 80-jährige, in Exeter/New Hampshire geborene, inzwischen in Kanada lebende Schriftsteller Adam Brewster an Erlebnisse in der Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter. Zweimal baut er in seinen Text Drehbücher ein, die nie realisiert wurden.

Die zahlreichen Figuren in „Der letzte Sessellift“ sind allesamt unangepasst. Außerdem sieht der Ich-Erzähler Gespenster. Die Geschichte dreht sich um gesellschaftliche Konventionen, sexuelle Orientierung und ein Zusammenleben in verschiedenen Konstellationen wie etwa der Familie mit Vater, Mutter und Kind. Adams herkömmliche Ehe mit Grace scheitert nach wenigen Jahren. Dagegen hält die Ehe seiner lesbischen, mit einer anderen Frau zusammen lebenden Mutter und der kleinwüchsigen Transfrau „Mr Barlow“ bis zum Tod.

Verspielt und fantasievoll spinnt John Irving die Handlungsfäden, die allerdings nicht stringent auf einen Punkt zulaufen. Mit skurrilen Figuren und tragikomischen Szenen bietet John Irving eine amüsante Lektüre – aber „Der letzte Sessellift“ ist mit 1080 Seiten viel zu lang.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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