John Irving : Straße der Wunder

Straße der Wunder
Avenue of Mysteries Simon & Schwuster, New York 2015 Straße der Wunder Übersetzung: Hans M. Herzog Diogenes Verlag, Zürich 2016 ISBN 978-3-257-06966-2, 775 Seiten ISBN 978-3-257-60714-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Juan Diego wächst als Müllkippenkind in Mexiko auf. Als er 14 Jahre alt ist, nehmen ihn ein schwuler US-Amerikaner und dessen Lebensgefährtin, eine Crossdresserin, mit nach Iowa und ermöglichen ihm ein Studium. 2010 begibt sich der inzwischen 54 Jahre alte weltberühmte Schriftsteller auf eine Asienreise. Dabei versinkt er immer stärker in Erinnerungen.
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Kritik

Meisterhaft wechselt John Irving in seinem tragikomischen Roman "Straße der Wunder" zwischen den beiden 1970 bzw. 2010/11 spielenden Handlungssträngen und verwischt dabei die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Imagination. Das Figurenensemble ist so skurril, wie wir es von John Irving gewohnt sind.
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Müllkippenkinder

Juan Diego und seine ein Jahr jüngere Schwester Lupe wachsen als Müllkippenkinder (niños de la basura) in Oaxaca im Süden des Isthmus von Tehuantepec auf. Ihre Mutter Esmeralda putzt tagsüber im Templo de la Compañia de Jésus, nachts prostituiert sie sich auf der Straße. Ihren Vater bzw. ihre Väter kennen die Kinder nicht, aber Rivera, der Chef der Mülldeponie, kümmert sich um sie.

Lupes Stimme ist durch eine kongenitale Kehlkopfstenose verzerrt. Auch ohne die Beeinträchtigung würde nur ihr Bruder sie verstehen, denn sie spricht eine ganz eigene Sprache, die Juan Diego für andere dolmetschen muss. Dabei kann Lupe Gedanken lesen und auf diese Weise in die Vergangenheit und Zukunft anderer Personen schauen.

„Was die Vergangenheit angeht, hat sie meistens recht“, sagte […] Juan Diego. „Bei der Zukunft ist ihre Fehlerquote höher.“

„Lupe kann hellsehen. Bei der Vergangenheit liegt sie meist richtig“, versuchte Juan Diego Dr. Gomez zu erklären. „Bei der Zukunft hapert es dagegen mit der Genauigkeit.“

Juan Diego hat sich selbst mit im Müll gefundenen Büchern das Lesen beigebracht und beherrscht neben der spanischen auch die englische Sprache.

Der Unfall

1970 übersieht Rivera im seit langer Zeit zerbrochenen Außenspiegel seinen Schützling Juan Diego, setzt den Pick-up zurück, und der linke hintere Reifen zerquetscht den Fuß des 14-Jährigen. Aufgeregt fährt Rivera den Verletzten zur Jesuitenkirche. Weil Juan Diegos Fuß stark blutet, hält ihn der vor Schmerzen stöhnende Junge aus dem Seitenfenster, und der Fahrtwind verteilt das Blut auf der Karosserie.

Zufällig parkt hinter dem Pick-up Bruder Pepe ein, der Leiter sowohl der Jesuitenschule als auch des Niños Perdidos genannten Waisenhauses. Er hat Edward Bonshaw vom Flugplatz abgeholt, einen US-amerikanischen Scholastiker und Flagellanten Ende 20, der von den Jesuiten als Lehrer eingestellt wurde.

Wie üblich hatte das Flugzeug bei der Landung mehrere Hühner überfahren.

Edward Bonshaw hatte in Iowa Anglistik studiert und promoviert. Als er beichtete, dass ihn ein pornografisches Bild aufgegeilt habe, ließ sich der Beichtvater die aus Texas stammende Postkarte aushändigen, auf der ein schätzungsweise 14-jähriges Mädchen den Penis eines Ponys lutschte. Edward leistete die auferlegte Buße – und nahm sich vor, Priester zu werden.

Im Templo de la Compañia de Jésus hat Rivera den Verletzten vorsichtig auf den Altar gelegt. Esperanza kommt in die Kirche gestürmt und stürzt sich zornig auf Rivera. Pepe und Edward halten sie zurück, denn der Junge muss auf der Ladefläche des Pick-up ins Rot-Kreuz-Krankenhaus gebracht werden. Dort schaut sich der atheistische Arzt Dr. Vargas den Fuß an und stellt fest, dass eine Operation zwecklos ist. Juan Diego wird vorübergehend im Rollstuhl sitzen müssen, dann einige Zeit auf Krücken angewiesen sein und zeitlebens humpeln.

Nach dem Unfall werden die Müllkippenkinder Juan Diego und Lupe im Waisenhaus der Jesuiten aufgenommen.

Wunderzirkus

Aber noch im selben Jahr schließen sich die Geschwister dem Circo de La Maravilla an. Bei La Maravilla (Wunder) handelt es sich um die lebensgefährliche Darbietung eines Mädchens an einer „Himmelsleiter“ in 25 Metern Höhe ohne Netz. Sobald eine Artistin ihre Menarche hat, defloriert der Löwenbändiger und Zirkusleiter Ignacio sie und ersetzt sie an der Himmelsleiter durch eine jüngere. Als Lupe und Juan Diego in die Zirkusfamilie aufgenommen werden, fungiert die 14-jährige Dolores als La Maravilla.

Die Geschwister werden im Zelt der von Estrella trainierten Hunde einquartiert. Lupe soll das Publikum als Gedankenleserin beeindrucken, und Juan Diego wird als Übersetzer mit engagiert. Trotz seines verkrüppelten Fußes nimmt er sich vor, das Kunststück auf der Himmelsleiter zu erlernen, aber nach dem ersten Blick in die Tiefe gibt er seinen Versuch auf.

Straße der Wunder

Als Esperanza die riesige Marienstatue im Templo de la Compañia de Jésus abstauben will und dazu auf eine Leiter klettert, haben Lupe und Juan Diego den Eindruck, dass Maria das Dekolleté der Putzfrau für sündig hält. Esperanza stürzt und reißt dabei der überlebensgroßen Figur die Nase ab. Die Kinder sind überzeugt, dass ihre Mutter nicht tödlich verletzt wurde, sondern aus Todesangst auf der Leiter starb und dann erst stürzte.

Mit Riveras Hilfe holen sie Esperanzas Leiche später zusammen mit einem toten Hippie aus dem Leichenschauhaus.
Der 26-jährige US-Amerikaner, den sie als „gringo bueno“ kannten, wurde totgeschlagen, aber die Polizei geht von einer Mezcal-Vergiftung aus und unternimmt nichts weiter.

Weil der Amerikaner nicht im Vietnam-Krieg sterben wollte, ließ er sich vor drei Jahren einen leidenden Christus auf die Brust tätowieren, um als Pazifist anerkannt zu werden. Er kam jedoch nicht als Wehrdienstverweigerer durch und floh deshalb nach Mexiko. Eigentlich wollte er seinem 1945 auf den Philippinen gefallenen Vater die letzte Ehre erweisen, aber als er Juan Diego kennenlernte, war er durch den Mezcal-Konsum bereits zu schwach für die weite Reise. Juan Diego versprach ihm, an seiner Stelle zum American Cemetery and Memorial bei Manila zu pilgern, vergaß allerdings, ihn nach seinem Namen bzw. dem seines Vaters zu fragen.

Rivera, Lupe und Juan Diego bringen die beiden Leichen zur Mülldeponie. Dort werfen sie die mit Benzin übergossenen Toten zusammen mit der abgebrochenen Mariennase und dem Kadaver eines kleinen Hundes in eines der ständig brennenden Feuer. Die Asche füllen Lupe und Juan Diego in eine Kaffeedose.

Als der Zirkus zu einem Gastspiel nach Mexico City fährt, nutzen die Geschwister die Gelegenheit, um mit Edward Bonshaw im Taxi zur Basilica de Nuestra Señora de Guadalupe zu fahren.

Der Überlieferung zufolge war dem 57-jährigen Indio Juan Diego Cuauhtlatoatzin 1531 auf dem Berg Tepeyac in Guadalupe die Jungfrau Maria erschienen. Dass auf Juan Diegos Mantel das Gnadenbild Mariens erschien, überzeugte den Bischof von dem Wunder, und er ließ am Ort der Erscheinung eine Kapelle bauen, aus der später das heutige Gebäude-Ensemble entstand.

Die Kaffeedose mit der Asche haben die Kinder dabei, um sie vor dem Gnadenbild zu verstreuen. Weil das Gedränge der Pilger zu groß ist, steigen sie in der Calazada de los Misterios (Straße der Wunder) aus und setzen ihren Weg zu Fuß fort. Sie sehen einen Pilger, der sich die Stirn mit einer Kugelschreiberspitze punktiert und eine Pilgerin, die ihr Gesicht mit Nagelknipsern verunstaltet.

Angesichts des Pilgerrummels meint Lupe, hier sei nichts heilig und beschließt, mit der ungeöffneten Kaffeedose zurückzukehren.

Mañana

Als das Zirkuspferd Mañana während des Gastspiels in Mexiko Stadt über einen Zaun in den benachbarten Friedhof springt und sich ein Bein bricht, erschießt Ignacio das Tier. Den Kadaver lässt er von einem Elefanten aus dem Friedhof ziehen, denn mit dem Fleisch will er die Löwen füttern. Zehn aufgeregte Polizisten folgen dem Gespann.

Gerade als sie das Zirkusgelände erreichen, zerbricht die Sperrholzwand der Außendusche, an der sich Juan Diego hochgezogen hat, um Dolores nackt zu sehen. Deren Schrei verschreckt den Elefanten. Er reißt sich los. Dolores rennt mit Shampoo in den Augen aus der demolierten Dusche und stolpert über den Pferdekadaver.

Das Ende des Wunderzirkus

Mit dem Zirkus kehren Lupe und Juan Diego nach Oaxaca zurück. Dort wollen sie die Asche nun über der monströsen Marienstatue im Templo de la Compañia de Jésus verstreuen. Juan Diego klettert Edward auf die Schulter, reicht aber dennoch der Maria nur bis zum Knie. Schließlich gibt er es auf, die Asche zu verstreuen und wirft der Statue einfach die Kaffeedose an die Stirn. Der Ascheregen verdunkelt die Marienfigur dauerhaft.

Dolores wird von Ignacio geschwängert, obwohl der Löwenbändiger mit der früheren Trapezkünstlerin Soledad verheiratet ist. Er bringt das Mädchen zu einem Bekannten in Guadalajara, der eine Abtreibung durchführen soll. Einige Tage später sucht Dolores den Arzt Dr. Vargas im Rot-Kreuz-Krankenhaus in Oaxaca auf. Der diagnostiziert eine Bauchfellentzündung als Folge der verpfuschten Abtreibung. Die 14-Jährige ist nicht mehr zu retten.

Lupe hat von Anfang an die Aufgabe übernommen, den Löwen und die drei Löwinnen zu füttern, die in zwei getrennten Käfigen untergebracht sind. Eines Morgens wird sie tot im Käfig des Löwen gefunden. Sie muss durch den Schlitz für die Futterwanne hineingeklettert sein, und das Raubtier tötete sie augenscheinlich mit einem Biss ins Genick.

Lupe war immer isoliert gewesen – als wäre ein dreizehnjähriges Mädchen ohnehin nicht schon isoliert genug! Wir werden nie erfahren, was Lupe wirklich glaubte, doch für eine Dreizehnjährige muss es eine schreckliche Belastung gewesen sein. (Sie wusste, dass ihre Brüste nicht größer werden würden; sie wusste, dass sie nie ihre Periode bekommen würde.) Immer wieder hatte Lupe eine Zukunft vorausgesehen, die ihr Angst machte, und sie hatte eine Gelegenheit ergriffen, sie zu ändern – auf dramatische Art und Weise.

Ignacio erschießt den Löwen – und wird kurz darauf von den drei Löwinnen zerfleischt.

Damit ist auch der Circo de La Maravilla am Ende.

Eine ungewöhnliche Familie

Edward Bonshaw hat sich inzwischen in die Crossdresserin Flor verliebt. Erst nachdem die beiden ein Paar geworden waren, fand Edward heraus, dass es sich bei dem Mädchen auf der pornografischen Postkarte um Flor handelte.

Der US-Amerikaner, der nun doch kein Priester werden möchte, beabsichtigt, mit seiner Lebensgefährtin nach Iowa zurückzukehren, und die beiden wollen Juan Diego zur Adoption mitnehmen. Die Jesuitenpatres Octavio und Alfonso sind entrüstet, aber als die Marienstatue im Templo de la Compañia de Jésus Tränen vergießt, geben sie ihr Plazet.

Juan Diego besucht in Iowa die Highschool und wird wegen seiner ungewöhnlichen Pflegeeltern von Mitschülern wie Hugh O’Donnell gehänselt.

Flor und Edward suchen eine liberale Ärztin im Alter ihres Pflegesohnes aus. Juan Diego verliebt sich in Dr. Rosemary Stein, zögert jedoch mit seinem Heiratsantrag, und als er es endlich wagen würde, hat sie sich bereits mit einem anderen Mann verlobt.

1989 werden Flor und Edward positiv auf HIV getestet. Juan Diego und Rosemary sind 33 Jahre alt. Flor muss die Östrogene absetzen. Dadurch setzt der Bartwuchs wieder ein. Kapsi-Sarkom-Läsionen verunstalten sein Gesicht. Edward leidet an Seborrhoischer Dermatitis. Anfang 1991 sterben die beiden kurz nacheinander.

Sie werden auf der Grabstätte der Familie Bonshaw beerdigt ‒ zusammen mit der von Edwards Mutter aufbewahrten Asche der Hündin Beatrice. Im Alter von sieben Jahren war Edward über das schlafende Tier gestolpert und hatte sich die Stirn aufgeschlagen. Als der Vater Graham Bonshaw von der Jagd zurückkam und seinen blutüberströmten Sohn sah, erschoss er Beatrice kurzerhand, obwohl Edward den harmlosen Hund mehr als seinen Vater geliebt hatte.

Juan Diego Guerrero

Juan Diego Guerrero, wie er sich nun nennt, ist ein weltberühmter Schriftsteller geworden. Im Alter von 54 Jahren will er das Versprechen erfüllen, das er vor 40 Jahren einem Hippie mit ihm unbekanntem Namen gab und endlich dessen Vater auf dem American Cemetery and Memorial bei Manila die letzte Ehre erweisen.

Die Reise hat sein früherer Student Clark French organisiert, der sich zumindest auf den Philippinen einen Namen als Schriftsteller gemacht hat und in Manila mit der philippinischen, am Cardinal Santos Medical Center praktizierenden Gynäkologin Dr. Josefa Quintana verheiratet ist.

Von Iowa fliegt Juan Diego zunächst auf Einladung seines Verlags nach New York. Am 28. Dezember 2010 geht es von dort weiter zu einem Zwischenaufenthalt in Hongkong.

Während des Flugs nehmen sich eine Mutter und deren Tochter seiner an.: Miriam und Dorothy stornieren das von Clark French für Juan Diego in Hongkong gebuchte Hotelzimmer und sorgen dafür, dass er ebenso wie sie im Regal Airport Hotel übernachtet. Als sie zu dritt an einem Wandspiegel in der Eingangshalle vorbeigehen, wundert sich Juan Diego, dass er weder Miriam noch Dorothy darin sieht. Aber vielleicht hat er zu flüchtig geschaut.

Zum Abendessen fahren sie mit dem Flughafenexpress zur Knowloon Station. Auf dem Bahnsteig möchte Juan Diego seine Begleiterinnen fotografieren. Mit der Bemerkung, nicht fotogen zu sein, wehren sie ihn ab, aber ein junger Chinese erklärt sich bereit, sie zu dritt aufs Bild zu kriegen, und es wäre unhöflich, ihn zurückzuweisen. Nachdem er geknipst hat, schauen er und seine Freundin irritiert auf den Monitor. Der Kameramodus ist bereits abgeschaltet, als Juan Diego das Smartphone zurückbekommt, und weil er sich damit zu wenig auskennt, sucht er erst später nach dem Bild. Darauf ist nur er allein zu sehen.

Dorothy kommt zu Juan Diego aufs Zimmer. Beim Orgasmus schreit sie gellend, und es klingt wie Nahuatl, die Sprache der Azteken, die der Überlieferung zufolge auch von Maria gesprochen wurde, als sie 1531 seinem Namensvetter in Guadalupe erschien.

Am nächsten Tag fliegt Juan Diego allein weiter nach Manila, wo Clark French für ihn eine Nacht im Makati Shangri-La gebucht hat und ihm ein Meerwasseraquarium als Leihgabe seiner Tante Carmen ins Zimmer stellen ließ. Es soll eine beruhigende Wirkung auf ihn ausüben. Aber am anderen Morgen treiben die Fische mit dem Bauch nach oben im Wasser, weil es Juan Diego im Zimmer zu kalt war und er deshalb die Klimaanlage abstellte. Nur die Muräne mit dem Namen Morales hat im warmen Wasser überlebt.

Juan Diego nächstes Reiseziel ist Tagbilaran City auf der Insel Bohol. Bei der Landung hält ihn eine Flugbegleiterin für tot, aber der Schriftsteller hat nur von seiner Vergangenheit geträumt.

Im Strandresort Encantador auf der Bohol vorgelagerten Insel Panglao feiert Clark French mit seiner philippinischen Verwandtschaft Silvester. Die Familie hat dafür das ganze Hotel gebucht, wie jedes Jahr, aber dieses Mal hat sich auch noch eine andere Person ein Zimmer reservieren lassen, ein ungebetener Gast. Juan Diego, der ahnt, dass es sich dabei um Miriam handelt, achtet darauf, dass bei der Sitzordnung der Stuhl neben ihm frei bleibt.

Ein kleiner Gecko fällt von der Decke in den unberührten Ceviche vor dem freien Stuhl. Zwei Frauen kreischen.

Später sagten alle, der Gecko habe sie von der schlanken Frau in dem beigefarbenen Seidenkleid abgelenkt. Sie war einfach plötzlich dagewesen, dachten später alle; niemand sah, wie sie sich dem Tisch näherte, obwohl sie in dem perfekt sitzenden, ärmellosen Kleid absolut sehenswert war. Unbemerkt glitt sie auf den wartenden Stuhl – nicht einmal der Gecko sah sie kommen, dabei sind Geckos höchst wachsame Tiere. (Wenn man ein Gecko ist und am Leben bleiben will, sollte man besser wachsam sein.)
Juan Diego erinnerte sich später nur daran, wie das schlanke Handgelenk der Frau nach vorn schnellte; die Salatgabel in ihrer Hand bemerkte er erst, als die Frau sie dem Gecko durch sein winziges Rückgrat gestochen und ihn samt einer Mangospalte aufgespießt hatte.
„Erwischt“, sagte Miriam.

Etwas später fällt ein weiterer Gecko von der Decke auf den Partyhut des Jungen Pedro. Der schleudert das Tier von sich, und der Schlagzeuger, dem es vor die Füße fällt, zertritt es.

Miriam schläft mit Juan Diego. Mitten in der Nacht kräht ein Hahn.

Als der verrückte Hahn ein drittes Mal zum Krähen ansetzte, erstarb das Geräusch mittendrin. „So, das hätten wir“, sagte Miriam. „Der verkündet kein falsches Morgengrauen mehr, dieser verlogene Bote.“

Am Morgen ist das Bett neben Juan Diego leer. Miriam habe sich noch vor Tagesanbruch zum Flughafen fahren lassen, heißt es.

Tante Carmen liegt tot auf dem Boden ihres Zimmers. Augenscheinlich brach sie sich bei einem Sturz das Genick.

Dorothy lädt Juan Diego ein, zu ihr in die Ferienanlage El Nido auf der Insel Lagen zu kommen. Ein Flugticket hat sie dem Brief beigelegt.

Am 3. Januar 2011 fliegt Juan Diego von Tagbilaran City nach Manila und von dort weiter zum Lio Airport auf der Insel Lagen, wo Dorothy ihn erwartet.

Nach ein paar Tagen im Resort fliegen sie zusammen nach Manila und von dort weiter nach Laoag im Norden der Insel Luzon. Sie übernachten im Gasthof El Escondrijo (Das Versteck) bei Vigan, wo die Geister der amerikanischen Soldaten zu spüren sind, die hier im Zweiten Weltkrieg ihren Fronturlaub verbrachten. Nachts krähen Kampfhähne. Sie und die kläffenden Hunde verstummen, als Dorothy wieder beim Orgasmus schreit.

Am nächsten Morgen fällt Juan Diego im Bad auf, dass die hinter ihm stehende Dorothy nicht im Wandspiegel zu sehen ist.

Die beiden fliegen zurück nach Manila, wo sie im Ascott Makati von Miriam erwartet werden. Verärgert zieht Dorothy sich zurück, während Miriam Juan Diego ins Zimmer begleitet.

Es ist Samstag. Am Sonntag, dem 9. Januar 2011, findet die jährliche Prozession zum Fest des Schwarzen Nazareners statt. Dabei wird die Anfang des 17. Jahrhunderts von Acapulco nach Manila gebrachte aztekische Statue von Jesus am Kreuz, die von drei Bränden geschwärzt ist, stundenlang durch die Straßen getragen. Bei dem Gedränge kommt es zu zahlreichen Verletzungen.

Am Montagabend führen Juan Diego und Clark French auf der Bühne eines Theaters ein Gespräch über William Shakespeare, und danach lädt der Veranstalter zu einem Abendessen im Ayala Center ein.

Juan Diegos Rückflug in die USA ist für Mittwoch geplant. Vorher, am Dienstag, möchte er noch sein Versprechen einhalten und dem Vater des „gringo bueno“ auf dem American Cemetery and Memorial die letzte Ehre erweisen.

An diesem Dienstag erfährt er, dass am Samstag in einem Vorort von Tucson/Arizona ein Anschlag auf die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords verübt wurde. Ein 22-Jähriger schoss auf sie und andere Personen. Sechs Menschen starben. Die in den Kopf getroffene Politikerin überlebte schwer verletzt.

Vor dem geplanten Besuch des American Cemetery and Memorial zeigt Clark French seinem Gast noch die Kirche Nuestra Señora de Gracia. Papst Pius XI. hatte Nuestra Señora de Gracia 1935 zur Schutzpatronin der Philippinen erkoren. Die ihr geweihte Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern bombardiert, aber später restauriert. Clark referiert eifrig und merkt nicht, wie Juan Diego nach Luft ringt. Als der 54-Jährige zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht wird, ist es zu spät. Er stirbt in der Notaufnahme, während Miriam und Dorothy in Trauerkleidung tief verschleiert vorbeigehen.

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John Irving weist in seinem tragikomischen Roman „Straße der Wunder“ auf das Schicksal der Müllkippenkinder hin und beschäftigt sich mit dem Marienkult bzw. dem Glauben an Wunder. Katholischen Geistlichen wirft er eine scheinheilige, unbarmherzige Sexualmoral vor.

Bei der Hauptfigur handelt es sich um einen weltberühmten Schriftsteller wie John Irving. Der Plot des Romans „Eine von der Jungfrau Maria in Gang gesetzte Geschichte“ von Juan Diego Guerrero ähnelt dem des Romans „Zirkuskind“ von John Irving.

Juan Diego Guerrero wuchs als Müllkippenkind in Mexiko auf. Im Alter von 14 Jahren nahmen ihn ein schwuler US-Amerikaner und dessen Lebensgefährtin, eine Crossdresserin, mit nach Iowa und ermöglichten ihm ein Studium. Als die Pflegeeltern an AIDS starben, gab Juan Diego bereits Kurse in Kreativem Schreiben. Einer seiner ehemaligen Studenten organisiert dem 54-jährigen Schriftsteller 2010 eine Asienreise. Dabei versinkt Juan Diego vor seinem nahen Tod immer stärker in Erinnerungen und kann bald kaum noch zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden. Begleitet wird er von zwei Todesengeln, die Züge der Señora de Guadalupe aufweisen.

Meisterhaft wechselt John Irving zwischen den beiden 1970 bzw. 2010/11 spielenden Handlungssträngen und verwischt dabei die Grenzen zwischen Realität und Imagination. Das könnte man dem Magischen Realismus zuordnen.

Das Figurenensemble in „Straße der Wunder“ ist so skurril, wie wir es von John Irving gewohnt sind. Es sind schräge Randfiguren der Gesellschaft, die nicht auf Autoritäten hören, sexuelle Grenzgänger, die mit Ausnahme des Löwenbändigers Ignacio und zwei alten Jesuitenpatres Mitmenschlichkeit zeigen. Leider bleiben die Romanfiguren einschließlich des Protagonisten schablonenhaft, und John Irving versucht auch gar nicht, die Charaktere auszuleuchten.

Als Running Gag überstrapaziert hat John Irving die gewiss mehr als ein Dutzend Szenen, die mit der Dosierung bzw. Einnahme von Betablockern und Viagra zu tun haben.

Überhaupt ist „Straße der Wunder“ mit 32 Kapiteln auf 775 Seiten zu lang geraten. Da wiederholt sich zu viel, und das barocke Fabulieren wird mitunter zum redundanten Geschwätz.

Den Roman „Straße der Wunder“ von John Irving gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Johannes Steck.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Diogenes Verlag

John Irving (kurze Biografie)

John Irving: Garp und wie er die Welt sah (Verfilmung)
John Irving: Das Hotel New Hampshire (Verfilmung)
John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag (Verfilmung)
John Irving: Witwe für ein Jahr (Verfilmung)
John Irving: Die vierte Hand
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