Carl Laszlo : Ferien am Waldsee

Ferien am Waldsee
Ferien am Waldsee Erinnerungen eines Überlebenden Originalausgabe Verlag Gute Schriften, Basel 1955 Neuausgabe Verlag Das vergessene Buch, Wien 2020 ISBN 978-3-903244-04-7, 160 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Familienangehörigen des jüdisch-ungarischen Medizinstudenten Carl Laszlo wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Er selbst überlebte den Holocaust in Auschwitz und anderen Konzentrations- bzw. Vernichtungslagern. In "Ferien am Waldsee" schildert Carl Laszlo Episoden aus diesem Abschnitt seines Lebens.
mehr erfahren

Kritik

Unter rein literarischen Gesichtspunkten ist "Ferien am Waldsee" wohl kein Meisterwerk, aber das erschütternde Buch sollte man als außergewöhnliches Zeugnis eines Holocaust-Überlebenden gelesen haben. Carl Laszlo schreibt aus der Perspektive eines distanzierten Beobachters knapp und schnörkellos, mit einem Sinn für Zynismus und Tragikomik.
mehr erfahren

Mengele kommt

Carl Laszlo befindet sich 1944 im Vernichtungslager Auschwitz.

Die SS-Offiziere der Lagerleitung meiden die Häftlingsbaracken. Eine Ausnahme ist der SS-Arzt Josef Mengele. Der schreitet von Block zu Block, lässt die Männer nackt zur Selektion antreten und schickt die besonders Entkräfteten in die Gaskammern.

Obwohl Mengele meistens allein herumgeht und nur mit einer Pistole bewaffnet ist, stürzen sich die Häftlinge nicht auf ihn. Die einschüchternde Wirkung, die von ihm ausgeht, ist zu groß. Sobald es heißt „Mengele kommt!“ setzt lähmende Todesangst ein.

Erinnerung an ein deutsches Zigeunermädchen

Ein schätzungsweise 13 oder 15 Jahre altes, augenscheinlich in der Küche der Krankenbaracke beschäftigtes Sinti- oder Roma-Mädchen steckt Carl Laszlo heimlich ein Stück Weißbrot zu und tut das auch an den folgenden Tagen – bis zu der Nacht, in der die „Zigeuner“ abtransportiert werden.

Wir standen und saßen hinter der Holzwand der Baracke und hörten die Ankunft der großen Lastwagen auf die die Todeskandidaten mit Schlägen hinauf gejagt wurden, um in die Gaskammern des Krematoriums befördert zu werden. Ein Wagen folgte dem anderen, man hörte sie sich nähern und vorbeifahren und konnte sie durch Löcher in der Holzwand beobachten. Es herrschte Totenstille – im wahren Sinne des Wortes –, unterbrochen nur von dem Crescendo und Decrescendo der defilierenden heulenden Maschinen.
In jener Nacht verschwand das schöne deutsche Zigeunermädchen, keine Sehnsucht konnte das Rad des Schicksals zurückdrehen, nur die Erinnerung kann die Gestalt – nie geküsst, noch berührt, ohne Namen – für Augenblicke wehmütig heraufbeschwören. Sie hat wie Millionen andere kein Grab, winzige Teilchen ihrer Asche atmen wir täglich mit der Luft ein.

Die Grenzen der Vertauschbarkeit

Neu eingetroffene und nicht sofort von der Rampe in die Gaskammern getriebene Häftlinge werden im Beisein eines SS-Manns von einem Kapo angebrüllt. Er erklärt ihnen, dass sie man sie als Nächstes in einem neuartigen Apparat durchleuchten, alle noch versteckten Wertsachen finden und die Delinquenten töten werde. Daraufhin legen einige die Goldmünzen auf den Tisch, die sie im Gürtel oder im Schuh versteckt hatten. Eine Mann nimmt einen zwischen Zähnen und Wange versteckten Stoffstreifen mit Brillanten heraus. Ein Verwandter Carl Laszlos greift unbemerkt danach und steckt sich den Streifen in den Mund.

Der Verwandte leistet Küchendienst und kann deshalb seinem 14-jährigen Sohn, der ebenfalls unter den Häftlingen ist, immer wieder Lebensmittel zustecken ‒ bis der Sohn mit anderen Jungen zusammen bei einer Selektion herausgegriffen wird. Carl Laszlo ist entsetzt, aber der ungarische Jude Aliego, mit dem er sich in Auschwitz angefreundet hat, weist ihn zurecht:

„Du wirst schon wieder sentimental“, sagte er spöttisch, „als ob du nicht täglich der Vergasung von Hunderten zuschauen würdest. Warum solltest du dich gerade um diesen kleinen, ziemlich blöden Jungen so aufregen, der es sowieso schon besser hatte als alle anderen. Ein reizender Neffe von mir wurde letzte Woche vergast, und das hat dich gar nicht so aufgeregt.“

Mit einem der Brillanten aus dem von seinem Verwandten gestohlenen Stoffstreifen besticht Carl Laszlo die Kapos, die die zum Tod verurteilten Jugendlichen bewachen, und es gelingt ihm, den Sohn des Verwandten freizukriegen. Aliego weist ihn darauf hin, dass an Stelle des Geretteten ein anderer sterben muss, damit die Anzahl gleich bleibt.

Eine Woche danach werden alle Jungen, die bisher noch am Leben sind, ins Gas getrieben.

Der Teufel

Als das Vernichtungslager Auschwitz aufgelöst wird, weil die Rote Armee naht, verliert Carl Laszlo die Privilegien, die er als Schreiber genoss, und die Hierarchie, die sich unter den Häftlingen herausgebildet hatte, bricht zusammen. Unterschiedslos werden sie in Viehwaggons gepfercht.

Während der mehrtägigen Fahrt nach Oranienburg redet Aliego mit Carl Laszlo und gesteht, dass er sich wie ein Teufel verhalten habe. Den von ihm erhofften Studienplatz bekam der Bruder seines besten Freundes, weil sich die mit der Mutter befreundete Priorin eines Klosters für ihn eingesetzt hatte. Als sich die Jugendfreunde im Vernichtungslager wiedersahen, tat Aliego zwar alles, um dem Mithäftling zu helfen, hörte aber auch nicht auf, ihm Vorwürfe wegen der Bevorzugung seines Bruders zu machen.

Ich kämpfte für ihn wie ein Löwe, und je mehr ich für ihn tat und je dankbarer und rührender er wurde, umso quälender und mitleidloser wiederholte ich meine Anschuldigungen.

Die Befreiung

Nach zwei Tagen im KZ Sachsenhausen und drei Wochen Quarantäne in den Hallen einer ehemaligen Flugzeugfabrik in Oranienburg werden Carl Laszlo und die anderen Häftlinge aus Auschwitz in ein Arbeitslager in Thüringen gebracht.

Als die Alliierten nahen, lässt die Lagerleitung Akten verbrennen und zu schwach aussehende Häftlinge töten. Die anderen werden in Marsch gesetzt. Nach drei Tagen und Nächten erreicht ein Drittel von ihnen das KZ Buchenwald; die anderen sind unterwegs zusammengebrochen oder ermordet worden.

Gleich nach der Ankunft müssen die Häftlinge wieder in oben offene Viehwaggons klettern. Sechs Wochen lang fährt man sie ziellos herum, bis dann unvermittelt tschechische Gendarmerie die Waggons öffnet. 800 von 5000 Häftlingen haben die Fahrt überlebt. Man bringt sie in ein befreites Lager an der deutsch-tschechischen Grenze, wo dann noch einmal einige an Erschöpfung sterben.

nach oben

Carl Laszlo wurde am 16. Juli 1923 in der südungarischen Stadt Pécs als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie geboren. Nach dem Abschluss des Zisterzienser-Gymnasiums in Pécs begann er Medizin zu studieren.

Mehr als 50 Familienmitglieder und Verwandte wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Carl Laszlo überlebte den Holocaust in Auschwitz und anderen Konzentrations- bzw. Vernichtungslagern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg betätigte sich Carl Laszlo als Psychoanalytiker in Basel. Schon als Jugendlicher hatte er angefangen, ungarische Volkskunst zu sammeln. In der Nachkriegszeit entwickelte er sich zu einem bedeutenden Kunstsammler.

Das Schweizer Bürgerrecht erhielt er 1968.

Carl Laszlo starb am 8. November 2013 in Basel.

In einem längeren Beitrag für die Neuausgabe von Carl Laszlos Roman „Ferien am Waldsee. Erinnerungen eines Überlebenden“ erzählt Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, wie er Carl Laszlo Ende der Achtzigerjahre als Gast seiner Eltern Joachim Graf von Schönburg-Glauchau und Beatrix Széchenyi de Sárvár-Felsővidék kennenlernte. Bald darauf besuchte er ihn in Basel. Zwar wollte er kein Ephebe werden, aber es fiel ihm schwer, sich der Aura des Holocaust-Überlebenden zu entziehen. Alexander von Schönburg besuchte mit ihm gemeinsam Patricia Highsmith in Locarno und begegnete bei Carl Laszlo in Basel sowohl dem LSD-Erfinder Albert Hoffmann als auch dem Psychologie-Professor Timothy Leary, der Halluzinogene wie LSD zur psychedelischen Bewusstseinserweiterung empfahl. Alexander von Schönburg schreibt, Carl Laszlo habe selbst LSD und Kokain konsumiert.

Seine Gier nach Freiheit und Entfesselung, sein Interesse an Rauschgift und Ekstase, seine Faszination mit allem, was er als „aktuell“ bezeichnete, ob das nun Pop- und Rockmusik oder avantgardistische Kunst war, ja auch seine Begeisterung für Technik und Fortschritt […]

[Carl Laszlos] Leben war nämlich singulär auf Genuss, Schönheit, auf Rausch, auf allenfalls durch kurze Schlafpausen unterbrochene Dauerekstase ausgerichtet. War das übersteigerte Leben seine Art das Überleben zu feiern und seinen einstigen Verfolgern seine Überlegenheit zu demonstrieren?

Bequemlichkeit, Gemütlichkeit, hasste Karcsi, Leben hatte wie ein Film zu sein, oder, um es poetischer zu sagen: wie ein gelungenes Theaterstück.

In „Ferien am Waldsee“ schildert Carl Laszlo Episoden aus seinem Leben in verschiedenen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Die Kapitel sind chronologisch angeordnet; Übergänge gibt es jedoch keine. Unter rein literarischen Gesichtspunkten ist „Ferien am Waldsee“ wohl kein Meisterwerk, aber das Buch sollte man als außergewöhnliches Zeugnis eines Holocaust-Überlebenden gelesen haben.

Carl Laszlo schreibt knapp und schnörkellos, mit einem Sinn für Zynismus und Tragikomik. In einem Geleitwort zur Neuausgabe weist Albert C. Eibl darauf hin, dass der Autor zum Selbstschutz eine distanzierte Beobachterperspektive ohne erkennbares Mitgefühl gewählt habe. Der Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen prägte für diese stoizistische Erzählhaltung den Begriff der kalten persona.

Der Entwicklung dieser „kalten persona“ – die einen erhöhten, der Wirklichkeit entrückten Beobachterstandpunkt einnimmt, um sich dem zum Himmel schreienden Leiden rings herum psychisch zu entziehen – hat Carl Laszlo wahrscheinlich sein geistiges Überleben zu verdanken; sowohl in Auschwitz als auch in den folgenden, überaus produktiven und rauschhaft-heiteren Jahrzehnten seines Lebens.

Gerade weil Carl Laszlo Sentimentalität und Larmoyanz meidet, erschüttert die Lektüre von „Ferien am Waldsee“ besonders.

In der Romanfigur des ungarischen Juden Aliego sieht Albert C. Eibl das Alter Ego des Autors. Der folgende Satz sollte also auch für Carl Laszlo gelten:

Immer wieder betonte er, dass er nicht unglücklich sei, im Konzentrationslager gelandet zu sein, dass er um keinen Preis darauf verzichten würde, all dies gesehen zu haben.

Der sarkastische Titel bezieht sich übrigens darauf, dass Angehörige von Deportierten Postkarten mit dem Stempel „Am Waldsee“ bekamen.

Carl Laszlo veröffentlichte „Ferien am Waldsee, Erinnerungen eines Überlebenden“ 1955 im Selbstverlag. Auch ein Reprint (1981) und eine Neuausgabe im Jahr 1998 („Der Weg nach Auschwitz und Ferien am Waldsee. Erinnerungen eines Überlebenden“) blieben ohne größere Resonanz. Glücklicherweise erkannte Albert C. Eibl bei einem Gespräch mit Alexander Graf von Schönburg-Glauchau im Oktober 2019 in Berlin die Bedeutung dieses Buches und nahm es 2020 ins Programm seines feinen Verlags Das vergessene Buch (dvb).

[…] die Geschichte eines Mannes, der erlebt und auf abenteuerlichste und zugleich unwahrscheinlichste Weise überlebt hatte, was zweifellos zum Unerträglichsten und Grauerregendsten der neueren Zivilisationsgeschichte zählt […]
Das vor den Kopf stoßend Neue bzw. Einmalige an der Geschichte, wie sie Carl Laszlo in seinem Buch erzählt […] ist die in Ferien am Waldsee propagierte Haltung der unbedingten Furchtlosigkeit angesichts und inmitten des Schreckens, eine vis calcandi supra scorpiones, um mit Ernst Jünger zu sprechen, die mit einer kristallklaren, objektiv-distanzierten Sicht auf jene Vorgänge am absoluten Nullpunkt der Zivilisation einhergeht – und das kaum in Sprache zu fassende Grauen durch bewusste Aussparungen zumindest ansatzweise sinnlich erfahrbar werden lässt.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © DVB Verlag

Christian Oelemann - Totmann
Zunächst unterhält Christian Oelemann die Leser mit sehr viel Witz. Dann schwenkt er vom Kabarettistischen ins Tragische um. "Totmann" ist ein vergnüglicher und zugleich bestürzender Roman ...
Totmann