Ben Roeg : Große Frauen-Portraits der kreativen Persönlichkeit

Große Frauen-Portraits der kreativen Persönlichkeit
Große Frauen-Portraits der kreativen Persönlichkeit Literarisch-biografische Miniaturen Hg.: Prof. Norbert Groeben Originalausgabe custos verlag, Solingen 2022 ISBN 978-3-943195-40-8, 282 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In seinem "literarischen Sachbuch" veranschaulicht der Psychologe und Literaturwissenschaftler Prof. Norbert Groeben unter dem Pseudonym Ben Roeg mit 24 "literarisch-biografischen Miniaturen" die These, dass kreative Menschen Eigenschaften konstruktiv vereinen, die in der Gesellschaft als gegensätzlich wahrgenommen werden. Durch die "paradoxalen Eigenschaftsverbindungen als Dialektik der Kreativität" überwinden die Kreativen Selbstbeschränkungen, die durch die Sozialisation entstanden sind.
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Kritik

Prof. Norbert Groeben gibt sich im Vorwort zu "Große Frauen-Portraits der kreativen Persönlichkeit. Literarisch-biografische Miniaturen" als Herausgeber einer wissenschaftlichen Hausarbeit über die Dialektik der Kreativität aus, deren Autor "Ben Roeg" nicht mehr zu ermitteln ist. Im Nachwort beschäftigt sich der "Herausgeber" mit "Biographische[r] Real-Fiktion als Paradigma narrativer Erklärung" und rechtfertigt den von "Ben Roeg" gewählten Ansatz.
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Der Herausgeber

In einem seiner Kreativitäts-Seminare forderte der Psychologe und Literaturwissenschaftler Prof. Norbert Groeben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer Hausarbeit über die Dialektik der Kreativität auf, ohne einen – der Kreativität nicht förderlichen – Abgabetermin vorzugeben. Ein Senior-Gaststudent mit dem Namen Ben Roeg nahm sich offenbar sehr viel Zeit für seine Arbeit, und eine inzwischen längst ausgeschiedene Sekretärin legte sie dann zu den Seminarunterlagen, ohne den Professor damit zu behelligen. Nachdem Groeben die Arbeit entdeckt und gelesen hat, versucht er, den Urheber ausfindig zu machen. Weil ihm das nicht gelingt, gibt er Ben Roegs Sammlung von biografisch-literarischen Miniaturen zum Problem der paradoxalen Persönlichkeitsstruktur von Kreativen unter dem Titel „Große Frauen-Portraits der kreativen Persönlichkeit“ in Buchform heraus.

Ich habe dabei selbstredend an Inhalt und Form der biographischen Real-Fiktionen nichts geändert, lediglich die Reihenfolge inhaltlich systematisiert.


Von Innen

Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848): Entspannung – Konzentration

Sie hat sich selbst oft genug darüber beschwert, wie träge und faul sie ist, statt immer mit ganzer Kraft und voller Konzentration an ihren Texten zu arbeiten, verfällt sie zwischendurch so oft ins Sinnen und Träumen, ganze Tage, ja Wochen lang hat sie die Arbeit schon ruhen lassen […].

Fanny Henschel-Mendelssohn (1805 – 1847): Innerlichkeit – Gestaltungskraft

Die außergewöhnliche, nicht nur reproduktive, sondern auch produktive musikalische Begabung der Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy zeigt sich bereits im Kindesalter, und die Eltern fördern sie.

Allerdings nur im Rahmen der traditionellen auf die Geschlechter bezogenen konventionellen Asymmetrie: Dem Mann war die öffentliche Präsentation seiner Begabung/en nicht nur erlaubt, sondern sogar eine Verpflichtung, während sie für die Frau als widernatürlich galt.

Felix Mendelssohn Bartholdy übernimmt das Frauenbild des Vaters und sträubt sich lange gegen die Publikation der Kompositionen seiner vier Jahre älteren Schwester Fanny.

Mascha Kaléko (1907 – 1975): Melancholie – Heiterkeit

Die Dichterin Mascha Kaléko soll 1960 mit dem Fontane-Preis der Akademie der Künste in Berlin ausgezeichnet werden. Doch als sie erfährt, dass der frühere SS-Standartenführer Hans Egon Holthusen zur Jury gehört, weist sie die Nominierung zurück.

Astrid Lindgren (1907 – 2002): Spielen – Reflektieren

Ein Schüler denkt über den Aufbau einer Powerpoint-Präsentation für den Unterricht nach. Thema ist die 68er-Revolution, die unter anderem die unkritische Autoritätsgläubigkeit beseitigte. Der Schüler will darauf hinweisen, dass diese Haltung bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Astrid Lindgren mit der Romanfigur Pippi Langstrumpf vorweggenommen wurde. Die Schriftstellerin selbst kletterte im Alter von 70 Jahren bei einem Fernsehinterview wie ein Kind auf einen Baum und meinte: „Es gibt kein Verbot für alte Weiber, in Bäume zu klettern.“

Eileen Gray (1878 – 1976): Selbstkritik ‒ Selbstbewusstsein

Um 1920 lernt die irische Designerin Eileen Gray den rumänischen Architekten Jean Badovici kennen. Der ermutigt sie, im Alter von 46 Jahren noch einmal völlig neu anzufangen, und zwar als Architektin.

Um etwas zu schaffen, muss man zuerst alles in Frage stellen – auch sich selbst!

Unterhalb von Roquebrune-Cap-Martin gestaltet sie ein Haus, bei dem Innen- und Außenarchitektur aufeinander abgestimmt sind („E-1027“). 1932 trennt sie sich von ihrem Lebensgefährten Jean Badovici und zieht aus. Sechs Jahre später erfährt sie, dass Le Corbusier im Einverständnis mit Jean Badovici die weißen Hauswände mit großformatigen grell farbigen Fresken bemalt hat – ohne sie als Urheberin auch nur zu fragen. Eileen Gray ist entsetzt über diesen Vandalismus.

Pina Bausch (1940 – 2009): Versagens-Ängste ‒ Ich-Stärke

Tanzen beschränkt sich nicht auf die Beine, die Arme tanzen mit oder sogar vor: maximale Beweglichkeit, die sich auf die Beine überträgt, jenseits aller Grenzen des klassischen Balletts, letztlich sogar über den Modern Dance hinaus, weit hinaus, hinweg, weg ist jeder Halt geregelter Bewegungsästhetik, alle Bewegung ist neu zu erfinden, Ausdruck des Inneren, dessen, was die Menschen bewegt. Genau: Sie ist weniger dran interessiert, wie sich die Menschen bewegen, als was sie bewegt!

Nach Außen

Marie Curie (1867 – 1934): Weltabgewandtheit – Weltzugewandtheit

Beim folgenden Text handelt es sich um das Exposé für eine Bachelor-Arbeit.

Schon als Schülerin war Marie in der Lage, auch in einer lärmenden Umgebung konzentriert zu lesen. Diese Fähigkeit zur Weltabgewandtheit zeigte sich dann auch bei der Arbeit im Laboratorium.

Aber Marie Curie war auch der Welt zugewandt. Im Ersten Weltkrieg unterbrach die zweifache (!) Nobelpreisträgerin ihre Forschung, um sich beim Einsatz mobiler Röntgengeräte in Lazaretten engagieren zu können und erlernte in diesem Zusammenhang auch selbst das Autofahren.

Karen Horney (1885 – 1952): Offenheit – Systematik

Die Psychoanalytikerin Karen Horney zweifelt an Sigmund Freuds These, die Frau sei aus biologischen Gründen schwächer und gefühlsbetonter als der Mann, fühle sich notwendigerweise unterlegen und leide an einem Männlichkeitskomplex (Penisneid). Karen Horney hält dagegen sozio-kulturelle Dynamiken für mindestens ebenso entscheidend wie genetische Faktoren.

Irmtraud Morgner (1933 – 1990): Realismus – Phantasie

Bei diesem Kapitel handelt es sich um Zitate aus dem 1974 von Irmtraud Morgner veröffentlichten Montageroman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“ über eine Frau, die 1968 nach 800 Jahren Schlaf ihren Weg sucht.

In einem Interview mit dem (fiktiven) sowjetischen Schachgroßmeister Dr. Solowjow fragt „die schöne Melusine“, warum Schach-Wettkämpfe nach Geschlechtern getrennt ausgetragen werden und erhält folgende Antwort:

Weil eine Frau sich nicht absolut fanatisieren kann. Wie Bobby Fischer etwa. Der kennt außer Schach nichts, nicht mal Romanzen. Und man akzeptiert ihn durchaus noch als männlichen Menschen – einen weiblichen Menschen seiner Art würde man als Popanz empfinden.

James Tiptree, Jr. (1915 – 1987): Männlichkeit – Weiblichkeit

1968 erscheint erstmals eine Kurzgeschichte („Birth of a Salesman“) unter dem Autorennamen James Tiptree, Jr. Weitere SF-Kurzgeschichten folgen, die ab 1973 auch in Sammelbände bzw. Anthologien aufgenommen werden. Aber niemand weiß, wer James Tiptree, Jr. ist. Spekulationen, es könne eine Frau sein, werden von „Robart Silverberg“ für unwahrscheinlich gehalten:

Zumindest diese Vermutung lässt sich aber eindeutig widerlegen – und zwar aus dem Werk heraus. Sein Stil ist dynamisch, knapp, präzise, wie der von Hemingway. Zugleich zeigt er, ebenfalls wie bei Hemingway, unter der einfach erscheinenden Oberfläche eine sehr wohl komplexe, sophistizierte Tiefenstruktur. Tiptree ist der Hemingway der Science Fiction. Deshalb ist die Theorie einer Frau als Autor dieser Erzählungen auch absurd.

Erst in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre stellt sich heraus, dass sich hinter dem Pseudonym James Tiptree, Jr. tatsächlich eine Frau verborgen hat: Alice B. Sheldon. Bald darauf verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand, und ihr 13 Jahre älterer Ehemann Huntington Sheldon benötigt immer mehr Pflege. Am 19. Mai 1987 erschießt Alice Sheldon ihren 84-jährigen Ehemann im Schlaf und dann sich selbst.

Die drei Abschnitte des Kapitels werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und sind denn auch mit drei Namen überschrieben: „Robart Silverberg“, „Jeffry Smith“, „Doizos Gardner“. Ben Roeg hat sich dabei einen Scherz erlaubt und kleine Fehler eingebaut. Tatsächlich hießen die Männer Robert Silverberg, Jeffrey D. Smith und Gardner Dozois.

Niki de Saint Phalle (1930 – 2002): Schmerz – Freude

Der schwedische Kunsthistoriker, -sammler und Museumsdirektor Pontus Hultén inspiriert die mit ihm befreundete französisch-schweizerische Künstlerin Niki de Saint Phalle, 1966 mit Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt eine 25 Meter lange „Nana“ für das Moderna Museet in Stockholm zu gestalten. Die bunte Skulptur in Form einer Schwangeren kann durch die Vagina in Türgröße betreten werden. Mit „Hon“ – so der Titel des temporären Kunstwerks – bietet Niki de Saint Phalle kein Objekt für Voyeure, sondern sie stellt den weiblichen Körper als zu erkundende Welt dar.

Regine Hildebrandt (1941 – 2001): Unbeugsamkeit – Kompromissbereitschaft

Als Manfred Stolpe (SPD), der Ministerpräsident von Brandenburg, nach der Landtagswahl im Herbst 1999 eine große Koalition mit der CDU bildet, tritt Regine Hildebrandt als Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen unter Protest zurück und gibt ihr Direkt-Mandat ab.

Schon zuvor, 1996, wurde Regine Hildebrandts Brustkrebserkrankung öffentlich. Sie macht kein Hehl daraus, weil sie die Bedeutung der Mammografie betonen will. Außerdem tritt sie für das Recht auf Sterbehilfe ein.

Zum Du

George Sand (1804 – 1876): Sinnlichkeit – Sittlichkeit

Am Beispiel der französischen Schriftstellerin George Sand zeigt Ben Roeg, dass ein Ausbrechen aus den gesellschaftlichen Normen keineswegs etwas mit Unsittlichkeit zu tun haben muss.

Die Konventionen sind nicht notwendigerweise moralisch, im Gegenteil, gerade die herrschenden Sitten erweisen sich bei genauerem Hinschauen und unverzerrtem Denken als zutiefst unsittlich!

Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907): Einsamkeit – Zweisamkeit

Der Bremer Baurat Carl Woldemar Becker strebt für seine Tochter Paula nicht, wie üblich, eine reiche Heirat an, sondern fördert stattdessen nicht nur ihr künstlerisches Talent, sondern auch ihre Selbstständigkeit, indem er sie drängt, 1893 bis 1895 eine Ausbildung zur Lehrerin zu absolvieren. Trotz seiner Aufgeschlossenheit wirft er Paula vor, der Kunst bzw. ihrer Kreativität alles unterzuordnen.

Dabei gilt ihm und der patriarchalischen Grundstimmung der Gesellschaft als egoistisch, wenn eine Frau berufliche Selbstverwirklichung als mindestens so wichtig wie die Gründung einer Familie und Führung eines Haushalts empfindet. Für Paula führt das zu dem Widerspruch (psychologisch formuliert: double bind), dass einerseits ihr Künstlertum ansatzweise bejaht wird; dass andererseits aber letztlich abgelehnt wird, mit welcher Intensität und Konsequenz sie es zu realisieren versucht.

1901 heiratet Paula Becker den Maler Otto Modersohn und befreit sich dadurch von dem Zwang, einem ungeliebten Broterwerb nachgehen zu müssen. Obwohl Otto Modersohn die künstlerische Entwicklung seiner Frau fördert, fühlt sich Paula Modersohn-Becker durch die Ehe eingeengt. Nach mehreren Ausbruchsversuchen kehrt sie zu ihm zurück, um die ökonomische Basis für ihre künstlerische Tätigkeit nicht zu verlieren. Sie instrumentalisiert also die Ehe und ordnet sie wie andere soziale Beziehungen auch ihrer Kreativität unter. Erst im Februar 1906 verlässt sie Otto Modersohn.

Else Lasker-Schüler (1869 – 1945): Gefühlsüberschwang – Beziehungstiefe

Franz Kafka lässt sich von Max Brod überreden, ihn zu einer Lesung von Else Lasker-Schüler in Prag zu begleiten. Ihm kommt der Auftritt der exaltierten Schriftstellerin wie der eines Zirkuspferdes vor. Nach der Lesung bewegt sie sich mit ihrem Tross durch die Altstadt, und als die wegen Ruhestörung alarmierte Polizei eintrifft, sagt Franz Kafka: „Nein, das ist nicht der Prinz von Theben, sondern nur eine Kuh vom Ku’Damm in Berlin!“

Im Kontrast zu diesem Gefühlsüberschwang steht Else Lasker-Schülers tiefe Verbundenheit mit dem Dichter Georg Trakl, die nach dessen Tod durch eine Überdosis Kokain am 3. November 1914 trotz antisemitischer Beschimpfungen seiner Schwester Margarethe („Gretl“) fortbesteht.

Käthe Kollwitz (1867 – 1945): Leiden – Kämpfen

Ein Lehrer bereitet sich auf die abschließende Kunst-AG der von ihm unterrichteten Abiturklasse vor und fragt sich, was er damit erreichen möchte. Er hofft, mit der von Käthe Kollwitz gestalteten Figurengruppe „Trauerndes Elternpaar“ bei wenigstens zwei oder drei Schülern ein intuitives Verständnis für engagierte Kunst wecken zu können.

Der Kampf gegen Unmenschlichkeit, in jedweder Form, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk – und ihr Leben.

Elsa Brändström-Ulich (1888 – 1948): Mitgefühl – Rigorismus

Die Schwedin Elsa Brändström gilt wegen ihres Engagements für Kriegsgefangene im und nach dem Ersten Weltkrieg als „Engel von Sibirien“.

1929 heiratet sie Prof. Robert Ulich. Als ihm die Harvard University Ende 1932 eine Gastprofessur anbietet, beschließt das Ehepaar, die Chance zur Auswanderung zu nutzen, denn Ulich muss wegen seiner sozialistischen Überzeugung Repressalien des NS-Regimes befürchten. Goebbels versucht, Elsa Brändström-Ulich von einer Emigration abzuhalten, und Hitler lädt sie zur Audienz ein. Aber sie lehnt alles rigoros ab und wandert mit ihrem Mann und der kleinen Tochter in die USA aus.

Sophie Scholl (1921 – 1943): Emotionalität – Rationalität

In Bezug auf Sophie Scholl verweist Ben Roeg auf ein Zitat des französischen Philosophen Jacques Maritain: „Il fault avoir l’esprit dur et le cœur tendre“ (Es braucht einen scharfen Verstand und ein fühlendes Herz).

Und zur Gesellschaft

Luise Victorie Gottsched (1713 – 1762): Auflehnung – Anpassung

Die Schriftstellerin Luise Victorie Gottsched lehnt das Angebot ihres Ehemanns Johann Christoph Gottsched ab, sie in die Deutsche Gesellschaft in Leipzig aufzunehmen, denn sie fürchtet um ihre künstlerische Eigenständigkeit. In der Öffentlichkeit verhält sie sich jedoch stets loyal gegenüber dem eitlen Dichter.

Bertha von Suttner (1843 – 1914): Theorie – Praxis

Weil Bertha von Suttner einen Roman für wirkungsvoller als theoretische Schriften hält, wenn es darum geht, möglichst viele Menschen für den Pazifismus zu gewinnen, veröffentlicht sie 1889 „Die Waffen nieder!“. Mit diesem Roman spricht sie nicht nur den Verstand, sondern auch das Gefühl der Leserinnen und Leser an.

Rosa Luxemburg (1871 – 1919): Parteilichkeit – Unbestechlichkeit

Rosa Luxemburg setzt 1917 große Hoffnungen in die Februar-Revolution. Aber als Sowjetrussland im März 1918 in Brest-Litowsk einen Friedensvertrag mit den Mittelmächten schließt, hält sie das für einen Verrat, für eine Kapitulation vor dem deutschen Imperialismus.

Noch entsetzter reagiert sie auf den Terror der Bolschewiken im Bürgerkrieg und die Hinrichtung von 200 politischen Gegnern Lenins. Dieser Totalitarismus sei nicht unter der angestrebten „Diktatur des Proletariats“ zu verstehen, meint sie.

So wie die überzeugte Kommunistin 1914 die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten geißelte, kritisiert sie auch Fehlentwicklungen der russischen Revolution scharf und bleibt dabei unbestechlich.

Clara Immerwahr (1870 – 1915): Selbstverwirklichung – Selbstaufgabe

Als Clara Immerwahr nach externem Abitur und Hospitation bei Vorlesungen 1900 an der Universität Breslau in Chemie promoviert, meint der Dekan bei seiner Glückwunsch-Ansprache, Wissenschaft als Selbstverwirklichung bleibe Männern vorbehalten.

1901 heiratet Clara Immerwahr den Chemie-Professor Fritz Haber in Breslau und zieht mit ihm nach Karlsruhe. Ihre Berufstätigkeit muss sie aufgeben und stattdessen den Haushalt führen.

Entsetzt verfolgt sie, wie sich ihr Ehemann im Ersten Weltkrieg maßgeblich bei der Entwicklung von Chemiewaffen engagiert. 1915 überwacht Fritz Haber bei Ypern die Vorbereitung und Durchführung eines ersten deutschen Chlorgasangriffs, bei dem mehr als tausend französische Soldaten sterben. Aufgrund des Erfolgs wird Fritz Haber zum Hauptmann befördert.

Über Clara Immerwahrs Reaktion darauf gibt es unterschiedliche Berichte. Tatsache ist, dass sie sich am 2. Mai 1915 erschoss, und Ben Roeg geht davon aus, dass der Suizid ihr ultimativer Protest gegen Fritz Habers Rolle beim Einsatz von Chemiewaffen gewesen sei.

Dorothea Lange (1895 – 1965): Ästhetik – Moral

Dorothea Lange eröffnete 1919 ein Porträtstudio in San Francisco und gilt heute als Mitbegründerin der Dokumentarfotografie. Mit ihren Bildern veranschaulichte sie zum Beispiel das Abstraktum Armut.

Marie Jahoda (1907 – 2001): Gesellschaftsvision – Utopiekritik

In diesem Kapitel erklärt ein Altachtundsechziger dem Redaktionsteam einer Online-Zeitschrift, warum er die österreichische Sozialpsychologin Marie Jahoda als Vorbild für seine Forschung in der Psychologie gewählt hat.

Sie gilt heute als eine der „großen Damen“ der Sozialdemokratie.

In der mit ihrem Ehemann Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel 1932 gemeinsam durchgeführten und im Jahr darauf veröffentlichten Marienthal-Studie („Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit“) wurde gezeigt, dass Langzeit-Arbeitslosigkeit zu Resignation statt Revolte führt. Das widerlegt die marxistische Grundüberzeugung, dass die Verelendung der Arbeiterschaft zur Revolution führen werde.

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In seinem „literarischen Sachbuch“ mit dem Titel „Große Frauen-Portraits der kreativen Persönlichkeit. Literarisch-biografische Miniaturen“ veranschaulicht der Psychologe und Literaturwissenschaftler Prof. Norbert Groeben unter dem Pseudonym Ben Roeg die These, dass Kreative (oder Genies) nicht – wie früher unterstellt – verrückt sind, sondern Eigenschaften konstruktiv vereinen, die in der Gesellschaft als gegensätzlich wahrgenommen werden. Durch die „paradoxalen Eigenschaftsverbindungen als Dialektik der Kreativität“ überwinden die Kreativen Selbstbeschränkungen, die durch die Sozialisation entstanden sind.

In den „literarisch-biografischen Miniaturen“ zeigt sich zugleich, dass kreative und eigenständige Frauen in der von Männern dominierten Gesellschaft immer wieder auf Vorurteile gestoßen sind. Einige von ihnen mussten sich außerdem von überkommenen Moralvorstellungen emanzipieren.

Die Sammlung der „Große[n] Frauen-Portraits der kreativen Persönlichkeit“ besteht aus vier Teilen ‒ „Von Innen“, „Nach Außen“, „Zum Du“, „Und zur Gesellschaft“ – mit je 6 Beispielen. Dabei nennt „Ben Roeg“ in der Überschrift auch jeweils das Gegensatzpaar, auf das es ihm ankommt.

Ob die 24 Frauen-Porträts geeignet sind, die Leserinnen und Leser von der These der Dialektik der Kreativität zu überzeugen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall begegnen wir in den Kapiteln außergewöhnlichen Persönlichkeiten.

Norbert Groeben gibt sich im Vorwort zu „Große Frauen-Portraits der kreativen Persönlichkeit“ als Herausgeber einer wissenschaftlichen Hausarbeit über die Dialektik der Kreativität aus, deren Autor „Ben Roeg“ nicht mehr zu ermitteln ist. Dabei fällt auf, dass Groeben und Ben Roeg Anagramme sind.

Im Nachwort beschäftigt sich Norbert Groeben dann wieder als „Herausgeber“ mit „Biographische[r] Real-Fiktion als Paradigma narrativer Erklärung“, versucht also, den von „Ben Roeg“ gewählten Ansatz zu rechtfertigen. Bei der Verbindung von Erzählen und Erklären, Fiktivität und Faktizität geht es um eine narrative Rekonstruktion zur Ergänzung von Tatsachen. Ein frühes Beispiel dieser Art von Literatur stellt „Götter, Gräber und Gelehrte. Roman der Archäologie“ dar.

Norbert Groeben bezieht sich auf den Philosophen und Kunstkritiker Arthur Coleman Danto:

Die Real-Fiktion als narrative Erklärung (im Sinne von Danto) erlaubt es also, historische Fakten und Fiktionen in einer Erzählstruktur erklärend zu verbinden, indem eine historisch-faktische Wirkung so abstrakt beschrieben wird, dass sie unter eine (allgemeine, erklärende) Gesetzmäßigkeit subsumierbar ist, deren Zutreffen wiederum durch die konkrete Beschreibung einer fiktiven Ausgangsbedingung wahrscheinlich und einsehbar (intelligibel) wird.

Das Genre Real-Fiktion bildet also einen Überschneidungsbereich zwischen (literarischer) Kunst und Wissenschaft. […] Real-Fiktion ist Wissenschaft in künstlerischer Form und Kunst mit wissenschaftlichem Anspruch – oder wie man es in Nachfolge von Dilthey für die Biographie generell postulieren kann: als „wissenschaftliches Kunstwerk“ (Fetz 2009, 9).

Von Seite 225 bis 259 werden Lebensdaten der 24 porträtierten Frauen aufgelistet, und es ist anzunehmen, dass der „Herausgeber“ diesen Abschnitt den „literarisch-biografischen Miniaturen“ Ben Roegs hinzugefügt hat.

Im Inhaltsverzeichnis sind übrigens einige Seitenzahlen durcheinandergeraten.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © custos verlag

Ben Roeg: Die Sisyphos-Chroniken
Ben Roeg: Verwandtschaften

Elias Canetti - Das Augenspiel
In seiner dreibändigen Autobiografie reflektiert Elias Canetti nicht nur über die ersten 32 Jahre seines Lebens, sondern er vermittelt auch einen Eindruck seiner Zeit, in der viele berühmte Künstler und Schriftsteller wirkten. Der 3. Band trägt den Titel "Das Augenspiel".
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