Zeruya Shalev : Nicht ich

Nicht ich
Dancing. Standing Still Keter Publishing, Jerusalem 1993 Nicht ich Übersetzung: Anne Birkenhauer Berlin Verlag, Berlin 2024 ISBN 978-3-8270-1476-4, 208 Seiten ISBN 978-3-8270-8078-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren – Nurit, Varda, Galia? – erträgt das in Rollenerwartungen eingezwängte Alltagsleben nicht länger. Seitensprünge enttäuschen sie. Ihre Selbstbefreiung bedeutet zugleich, dass sie nicht nur ihren Ehemann und ihre Liebhaber, sondern auch ihre Tochter verliert. Daran zerbricht sie. Ihre Welt gerät aus den Fugen. Ihre Wahrnehmung zersplittert.
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Kritik

Das Gefühlschaos der Ich-Erzählerin zerfetzt jede kohärente Form eines Romans. Zeruya Shalev hat "Nicht ich" wie in einem Rausch geschrieben. Wir folgen einem wilden, überdrehten Bewusstseinsstrom, in dem sich bizarre, groteske Splitter übereinander türmen. Viele davon passen nicht zusammen, schließen sich gegenseitig aus. Die Logik ist außer Kraft gesetzt.
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Die Ehe

Einige Monate nach der Hochzeit wird die Ich-Erzählerin von der Mutter angerufen.

„Nun, Nurit –“
„Varda“, korrigierte ich sie.“

Weil die Mutter Gerüchte gehört hat, denen zufolge die Tochter trotz der Eheschließung noch Jungfrau sei, habe sie soeben einen Knaben namens Mevorach mit einer Packung Antibabypillen zu ihr geschickt.

„Bist du verrückt, Mama?“, fragte ich. „Was wird mein Mann dazu sagen? Wir haben uns Treue geschworen.“
„Dein Mann muss davon nichts erfahren“, sagte sie.

Nachdem sie mit Mevorach kopuliert hat, möchte sie ihn wiedersehen, aber er wurde von der Mutter nur für einmal bezahlt.

Wenn das Ehepaar mit seinem Mädchen in die Stadt geht, binden sich die Eltern mit einer besonderen Vorrichtung aneinander.

Ich war durch eine besondere Vorrichtung mit ihm verbunden. Nicht in der Seele, sondern an den Armen. Sie bestand aus Nägeln und Drähten. Sie tat weh, war aber bequem, und die Ärzte meinten, solang sich keine Entzündung entwickle, gebe es keinen Grund zur Sorge.

In der Stadt ist die Frau plötzlich allein. Vielleicht sei ein Nagel aus der Verbindung gefallen, meint sie, oder der Draht könnte gerissen sein. Gleich darauf kommt ihr ein alter Mann entgegen, der sie mit einem Quast von Kopf bis Fuß mit Kalk anstreicht. In dem anderen Eimer, den er bei sich hat, ist nicht Kalk, sondern Blut, und dazu erklärt er:

„[…] glauben Sie mir, ich vertu mich nie. Keiner wird mich dabei ertappen, dass ich anstreiche, statt zu schneiden, oder schneide, statt anzustreichen.“

Wie das Mädchen heißt, verrät uns die Autorin ebenso wenig wie den Namen der Mutter. Die ruft erbost ihren Mann im Büro an, als jemand behauptet, der Name des Mädchens sei Virus.

„Bist zu verrückt geworden?“, bellte er mich an. „Sie heißt Venus!“

Nach sieben Jahren und sieben Monaten Ehe beschließt das Paar, sich scheiden zu lassen. Die beiden suchen einen greisen blinden Heiler auf.

Als wir bei ihm rausgingen, war mein Mann schwanger und ich ohne Gebärmutter. „Es gab keine andere Wahl“, hatte der Heiler sich entschuldigt. „Solange Sie noch verheiratet sind, sind Sie eine Einheit. Was ich ihm gegeben habe, musste ich bei Ihnen wegnehmen.“

Nun bekam mein Mann von mir als Scheidungsgeschenk die Gebärmutter und dazu noch das Geschwulst.

Einen Monat nachdem der schwangere Ehemann ausgezogen und sich in einer neuen Wohnung eingerichtet hat, wird das fünfjährige Mädchen am Spielplatz von Soldaten aufgegriffen und als Gefangene über die Grenze gebracht.

Mein Mann war davon überzeugt, ich hätte sie ihnen ausgeliefert, aber es gibt drei Zeugen, die unter Eid aussagen können, dass sie entführt wurde.

An anderer Stelle behauptet die Ich-Erzählerin, das Verschwinden des Mädchens habe sich bereits vor der Scheidung ereignet.

Liebhaber und Ex-Liebhaber

Sieben Monate vor der Scheidung begegnete ihr die „Liebe ihres Lebens“. Auch die drei Töchter des Liebhabers werden abgeholt. Er enttäuscht die Frau:

[…] werde ich entdecken, dass er, der früher jünger war als ich, inzwischen älter ist als mein Vater. Sein Haar wird weiß sein, sein Gesicht voller Falten. Sein Rücken krumm. Und wenn ich für einen Moment vergessen werde, dass das mein Geliebter ist, werde ich mir sagen: Entweder ist dein Großvater von den Toten auferstanden, oder du hast keine Ahnung, wer dieser zitternde Alte hier auf dem Sofa ist.

Der Liebhaber schafft es nur noch, eine Viertelstunde am Stück wach zu bleiben. Als sie zu ihrem im Sterben liegenden Ex-Liebhaber will, um sich von dessen mächtigen Penis zu verabschieden, ist der Geliebte zwar bereit, sie hinzufahren, schläft aber nach 15 Minuten ein. Da beschimpft sie ihn:

„Du Schlappschwanz! Du leere Null! Du impotenter Sack! Schlafen wolltest du mit mir, heiraten wolltest du mich, ein Kind mit mir machen! Du hast mich von meinem Mann weggebracht. Hast mich gezwungen, das Mädchen auszuliefern; sogar auf meine Gebärmutter hab ich verzichtet, um die Scheidung zu kriegen, und jetzt? Jetzt schläfst du einfach!“

Die Frau des Ex-Liebhabers öffnet ihr die Tür und meint:

„Kommen Sie, warten Sie hier mit mir, bis er fertig ist. Er wollte noch ein letztes Mal vor seinem Tod ficken, deshalb hab ich ihm seine Konkubine hergeholt.“

Die Eltern

Nach dem sterbenden Exliebhaber besucht sie die Eltern. Die Mutter berichtet sogleich:

„Gestern Abend ist die Kuckucksuhr kaputtgegangen, und da ist dein Vater selbst zur Kuckucksuhr geworden.
[…] „Jede Stunde, genau zu jeder vollen Stunde, öffnet er die Tür seines Zimmers, streckt den Kopf raus, schreit ein paarmal etwas und klappt die Tür wieder zu.“

Die Tochter meint, der Vater wolle wegen des von ihr gegen ihn angestrengten Gerichtsverfahrens als unzurechnungsfähig gelten. Dass die Tochter den Vater angezeigt hat, wusste die Mutter noch gar nicht. Die Tochter beschuldigt den Vater, sie vergewaltigt und geschwängert zu haben, als sie zwölfeinhalb Jahre alt war.

Und dann, noch bevor ich mich in Acht nehmen konnte […], legte er seine kalte Hand auf mein Haar. In ebendieser Nacht bin ich schwanger geworden.

Der Anwalt sagte mir: „Sie erzählen mir also, Sie wollen Ihren Vater verklagen, weil er einmal Ihr Haar gestreichelt hat?“

Auf den Vorwurf, die Mutter habe sie nur bis zu diesem Augenblick damals geliebt, entgegnet diese:

„Zeig mir einen Mann, der eine Frau zwölfeinhalb Jahre am Stück liebt. Zeig mir eine Frau, die einen Mann zwölfeinhalb Jahre am Stück liebt. Und mehr noch, zeig mir eine Mutter, die ihre Kinder so lange liebt. Sogar du, die große Heldin, hast es nicht geschafft, deine Tochter länger als fünf Jahre zu lieben.“

Im Depot

Die Ich-Erzählerin, der alle Haare ausgegangen sind, geht mit einer Spitzhacke zur Hauptstraße und pflanzt am Zebrastreifen die Puppen des Mädchens, gräbt Löcher und füllt sie mit Spielzeug, den ganzen Tag über bis zum Abend. Auch gereizte Autofahrer können sie nicht daran hindern.

Soldaten nehmen sie fest. Beim Verhör durch den Kommandanten erklärt sie:

Der Körper meines Ehemanns […] ist mit weicher weißer Watte gefüllt. Das ist gut und auch schlecht, das müssen Größere als ich entscheiden. Der Körper des Geliebten dagegen ist mit Kies gefüllt, und wenn er geht, hört man den Kies knirschen. Das Mädchen mit mit Honig und Milch gefüllt und von süßer Asche überzogen, und mein Körper besteht aus klebrigem Pappmaché und zerplatzten Luftballons.

Es gelingt ihr, zu fliehen. Sie kommt durch ein Dorf, dessen Bewohner durchsichtige Plastiktüten über dem Kopf tragen, deren Rand mit einem roten Faden zugezogen werden kann.

„Was ist das?“, frage ich eine Frau […].
„Haben Sie nicht gehört?“, wundert sie sich. „Das ist die neueste Erfindung hier. Die schnellste Art zu sterben. In dem Moment, wo jemand zerbricht und nicht mehr will, zieht er an diesem Faden, dann schließt sich die Tüte, und er stirbt.“

Mit ihrem Mann und dem Mädchen wohnte sie in einem Depot, einer dreistöckigen Lagerhalle. Sie schlief oben, er und das Mädchen schliefen im Souterrain. Dorthin kehrt sie nach ihrer Flucht vor den Soldaten zurück, obwohl ihr Mann es inzwischen verkauft hat.

Ein junges Architektenpaar – sie mit zu kurzen Armen, er mit zu kurzen Beinen – kommt gerade aus dem Schlafzimmer, augenscheinlich nach dem Geschlechtsverkehr. Der frühere Hausbesitzer habe ihnen das Depot regelrecht aufgedrängt, behaupteten die beiden. Sie seien seit dem Vortag verheiratet. Als die Erzählerin auf den Schwangerschaftsbauch der Frau blickt, beteuert das Paar, der Bauch sei erst seit dem Einzug im Depot angeschwollen, seit ein, zwei Tagen.

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Eine Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren – Nurit, Varda, Galia? – erträgt das in Rollenerwartungen eingezwängte Alltagsleben nicht länger. Seitensprünge enttäuschen sie. Ihre Selbstbefreiung bedeutet zugleich, dass sie nicht nur ihren Ehemann und ihre Liebhaber, sondern auch ihre Tochter verliert. Daran zerbricht sie. Immer tiefer gerät sie in den Wahnsinn. Ihre Wahrnehmung zersplittert. Ihre Welt gerät aus den Fugen. Zorn und Schmerz treiben sie um.

Dieses Gefühlschaos zerfetzt auch jede kohärente Form eines Romans. Zeruya Shalev hat „Nicht ich“ wie in einem Rausch geschrieben. Wir folgen einem wilden, überdrehten Bewusstseinsstrom, in dem sich bizarre, groteske Splitter übereinander türmen. Viele davon passen nicht zusammen, schließen sich gegenseitig aus. Die Logik ist außer Kraft gesetzt.

Nur selten lässt sich eine Szene bzw. Episode deuten, etwa wenn der Vater zur Kuckucksuhr wird. Vielleicht ist das als Symbol der Ordnung zu verstehen. Aber die Ich-Erzählerin bringt den Vater vor Gericht und beschuldigt ihn, sie im Alter von zwölfeinhalb Jahren geschwängert zu haben. Von ihrem Kind – ob es nun vom Vater oder vom Ehemann gezeugt wurde – spricht die Ich-Erzählerin nie als Tochter, es ist immer nur „das Mädchen“. Es bleibt offen, ob sie mit dem Ehemann auch „das Mädchen“ verließ oder ob es ihr weggenommen wurde. Und an einer Stelle heißt es:

Ich dachte, damit ist das Leben zu Ende, aber ich wurde überrascht. Plötzlich kehrte das Mädchen in meinen Bauch zurück. Ich spürte sie in meinem Bauch treten wie ein gut entwickelter Embryo. In mir drin war sie süß und gefährlich. Sie war alles, was mir verboten war.

Im Vorwort zur deutschen Erstausgabe ihres 1991 im Alter von 32 Jahren angefangenen, 1993 veröffentlichten Debütromans „Nicht ich“ erläutert Zeruya Shalev:

[Die Erzählerin] war nicht ich, aber sie schrie […] aus mir heraus, in einem wilden und gnadenlosen Monolog, einer Art Seelenstrip oder Stand-up-Tragödie, mal klagend, mal anklagend, mal Liebe erflehend, mal ihre Geliebten verhöhnend – voller Ungereimtheiten; sie griff das Publikum an, und sie attackierte sich selbst.

Und die Ich-Erzählerin warnt davor, ihre Geschichten für bare Münze zu nehmen:

Und überhaupt, wenn Ihr alles glaubt, was ich bisher erzählt habe, irrt Ihr […].

[…] die Wahrheit und ich, wir sind noch nie gut miteinander ausgekommen […].

Es geht Zeruya Shalev also nicht zuletzt um ein experimentelles Spiel mit Realität und Fiktion.

Den Roman „Nicht ich“ von Zeruya Shalev gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Maria Schrader.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Berlin Verlag

Zeruya Shalev (kurze Biografie)

Zeruya Shalev: Liebesleben (Verfilmung)
Zeruya Shalev: Mann und Frau
Zeruya Shalev: Späte Familie
Zeruya Shalev: Schmerz
Zeruya Shalev: Schicksal

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