Günter Grass : Mein Jahrhundert

Mein Jahrhundert

Günter Grass

Mein Jahrhundert

Mein Jahrhundert Erstausgabe: Steidl Verlag, Göttingen 1999 Taschenbuchausgabe: dtv, München 2001
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Zu jedem Jahr des 20. Jahrhunderts dachte Günter Grass sich eine ernste, tragische oder komische Begebenheit aus. Diese hundert kleinen Geschichten werden von jüngeren und älteren Männern und Frauen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen in der Ich-Form erzählt.
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Kritik

Aus hundert Geschichten und ebenso vielen Aquarellen komponierte Günter Grass ein vielstimmiges Geschichten- und Bilderbuch über das 20. Jahrhundert.
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Beispielhafte Inhaltsangaben einiger der hundert Geschichten aus dem Buch:

1900

Ein aus Niederbayern stammender Soldat hört in Bremerhaven die „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelms II., bevor er mit seinen Kameraden nach China gebracht wird, um dort den „Boxeraufstand“ niederzuschlagen.

[…] als unsere Kompanie einmarschierte, schien alles vorbei zu sein, was bedauerlich war. Dennoch gaben einige Boxer keine Ruh. Die wurden so genannt, weil sie insgeheim eine Gesellschaft waren, die „Tatauhuei“ oder in unserer Sprache „die mit der Faust Kämpfenden“ heißt. Deshalb redeten zuerst der Engländer, dann ein jeglicher vom Boxeraufstand. (Seite 6f)

Wie vom Kaiser befohlen, werden keine Gefangenen gemacht. Briten und Deutsche erschießen die gefangenen Chinesen, die Japaner köpfen sie, und dazu schneiden sie ihnen vorher die Zöpfe ab.

Einen hab ich mitgenommen und als Andenken nach Hause geschickt. Zurück in der Heimat trug ich ihn dann zur allgemeinen Gaudi beim Fasching, bis meine Verlobte das Mitbringsel verbrannt hat. „Sowas bringt Spuk ins Haus“, sagte Resi zwei Tage vor unserer Hochzeit.
Aber das ist schon eine andere Geschichte. (Seite 7)

1914 – 1918

Mitte der Sechzigerjahre treffen sich der siebenundsechzigjährige Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues“) und der drei Jahre ältere Ernst Jünger („Auf den Marmorklippen“) auf Einladung einer jungen Schweizer Historikerin in Zürich, um als Zeitzeugen über den Verlauf des Ersten Weltkriegs zu reden.

Fünf Jahre später starb Herr Remarque. Herr Jünger hat offenbar vor, dieses Jahrhundert zu überleben. (Seite 79)

1933

Ein Berliner Galerist wird am 30. Januar 1933 von der Nachricht überrascht, Adolf Hitler sei zum Reichskanzler ernannt worden. Er schließt die Galerie. Obwohl in den Straßen kaum ein Durchkommen ist, weil überall SA in Sechserreihen marschiert, gelingt es ihm, ins Hotel Adlon zu gelangen und dort vom Dach aus den von Joseph Goebbels organisierten Fackelzug zu beobachten.

Welche Schande! Nur ungern gebe ich zu, dass dies Bild, nein, dies naturgewaltige Gemälde mich zwar entsetzt, aber zugleich ergriffen hat. Ein Wille ging von ihm aus, dem zu folgen geboten schien. Diesem erhaben fortschreitenden Verhängnis war nichts in den Weg gestellt. Eine Flut, die mitriss. Und der von unten allseits aufsteigende Jubel hätte womöglich auch mir – und sei es versuchsweise – ein zustimmendes „Sieg Heil!“ entlockt, wenn nicht Max Liebermann jenen Satz beigesteuert hätte, der später überall in der Stadt als geflüsterte Parole in Umlauf blieb. Sich von dem geschichtsträchtigen Bild wie von einem firnisglänzenden Historienschinken abwendend, berlinerte er: „Ick kann ja nich so viel fressen, wie ick kotzen möchte.“ (Seite 135)

1939 -1945

Im Februar 1962 treffen sich Kriegsberichterstatter aus dem Zweiten Weltkrieg für drei Tage auf Sylt und rufen sich die damaligen Erlebnisse in Erinnerung. Zum Schluss geraten sie noch in einen von Island nach Schweden ziehenden Orkan.

1955

Eine der drei Töchter eines Beamten – er ist Abteilungsleiter im Katasteramt –, der sein Einfamilienhaus über einen Bausparvertrag finanziert hat, erzählt, wie ihr Vater aus Angst vor der Atombombe nach Dienstschluss im Garten ein Loch aushub und eigenhändig einen Atombunker betonierte.

Er befand sich im Rundbau, um das Bunkerinnere zu überprüfen, als das Unglück geschah. Die Verschalung gab nach. Von der Betonmasse verschüttet, kam für ihn jede Hilfe zu spät. (Seite 225)

1966 – 1968

Ein Universitätsprofessor erinnert sich, wie er als Student zum „Achtundsechziger“ geworden war. Der Sohn eines Chefarztes in einem Schwarzwald-Sanatorium studierte Philosophie und kümmerte sich nicht um Politik. Erschrocken über die APO, floh er zu Beginn des Wintersemesters 1966/67 aus Berlin nach Freiburg im Breisgau, aber als ein Berliner Polizist am 2. Juni 1967 den sechsundzwanzigjährigen Demonstranten Benno Ohnesorg erschoss und der Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968 bei einem Mordanschlag schwer verletzt wurde, zog er nach Frankfurt am Main, schrieb sich dort für Soziologie ein, hörte Habermas und Adorno und engagierte sich im SDS.

1972

Der Erzähler identifiziert sich mit dem Lehrer, in dessen Wohnung in Hannover-Langenhagen ein Pärchen Unterschlupf suchte, und der sich dann verunsichert bei der Polizei meldete: Möglicherweise handele es sich um gesuchte RAF-Terroristen! Nachdem die Beamten in Zivil den verdächtigen Mann in einer nahegelegenen Telefonzelle festgenommen hatten, läuteten vier von ihnen an der Wohnungstür des Lehrers. Eine schwarz gekleidete Frau mit struppigen kurzen Haaren, die wohl ihren Begleiter zurück erwartete, öffnete und wurde gepackt. „Ihr Schweine!“ kreischte sie erschöpft. Es handelte sich um Ulrike Meinhof.

1978

Eine Mutter, die mit ihrer Familie und ihrem Schwiegervater, der zu den Führungskräften der Deutschen Bank gehört hatte, in dessen Villa wohnte, wendet sich an ihren Priester.

Mit Martin fing es an. Aber Monika meinte, ihren Bruder überbieten zu müssen. Der Junge war plötzlich, bis auf ein Büschel über der Stirn, kahlgeschoren. Und das Mädel hat ihr schönes Blondhaar teils lila, teils giftgrün gefärbt. (Seite 319)

Dazu die schrecklichen Klamotten und die ohrenbetäubende Musik! Dagegen kamen die Eltern nicht an. Nicht einmal Taschengeldentzug half. Da tauchte der Schwiegervater eines Morgens beim Frühstück mit zwei durch die Ohrläppchen gestochenen Sicherheitsnadeln auf.

Hat sich sein schönes, noch im hohen Alter dichtes Grauhaar bis auf einen zu Berge stehenden Mittelstreifen abrasiert und den jämmerlichen Rest zudem fuchsrot gefärbt. Dazu trägt er, wahrlich passend, einen offenbar heimlich aus schwarzweißen Stoffresten zusammengeflickten Kittel […]
Zudem muss er irgendwie ein Paar Handschellen aufgetrieben haben, die er aber nur trug, sobald er ausging. (Seite 320)

Er bildete sich plötzlich ein, Hermann Josef Abs zu sein. Von einem Tag auf den anderen waren die Kinder kuriert. Monika bereitet sich jetzt auf das Abitur vor, und Martin möchte in ein englisches College. Den Schwiegervater besuchen sie alle regelmäßig in der Nervenheilanstalt Grafenberg.

1980

Ein Referatsleiter aus dem Auswärtigen Amt berichtet seinem Staatssekretär von einem kurzen Besuch in der Zentrale einer Organisation, die sich um Boat People kümmert. Diese Zentrale besteht eigentlich nur aus einer Frau mit drei kleinen Kindern, die in einem Reihenhaus wohnt, während seines Besuchs Mohrrüben für einen Eintopf schnipselte, alle paar Minuten ans Telefon musste, etliche Besucher beriet, die in der Organisation mitmachen wollten, und ihm zwischendurch erklärte, sie mache das alles „mit links“ – nur die deutsche Bürokratie mache ihr zu schaffen.

Diese Leute, Herr Staatssekretär, lieben das Chaos. Das mache sie kreativ, bekam ich zu hören. Wir haben es in diesem Fall mit Idealisten zu tun, die sich einen Dreck um bestehende Vorschriften, Richtlinien und so weiter kümmern. Vielmehr sind sie, wie diese gute Frau in ihrem Reihenhaus, felsenfest davon überzeugt, die Welt bewegen zu können. Eigentlich bewunderswert, fand ich, wenngleich es mir nicht gefallen konnte, in meiner Funktion beim Auswärtigen Amt als Unmensch dazustehen, als jemand, der immerfort nein sagen muss. (Seite 329)

1996

Weil Professor Hubertus Vonderbrügge aufgrund seiner Teilnahme am Weltkongress der Genom-Forscher in Heidelberg nicht dazu kam, einen Beitrag zum Jahr 1996 für das vorliegende Buch zu liefern, greift der Herausgeber selbst zur Feder.

Also erzähle ich ersatzweise von mir oder besser von meinen drei Töchtern und mir, ihrem nachweislichen Vater, wie wir uns kurz vor Ostern gemeinsam auf eine Reise gemacht haben […] (Seite 393)

Laura, Helene und Nele: Jede der drei Töchter wurde von einer anderen Mutter geboren. Der Vater unternimmt mit ihnen eine Bildungsreise nach Italien.

[…] kamen mir wieder die im Etruskischen verborgenen Mütter als geballtes Matriarchat in den Sinn. Dann jedoch, schon auf dem Rückweg und vorbei an Wahlplakaten, die für einen Medienhai oder dessen faschistische Verbündete, aber auch für ein Mitte-Links-Bündnis im Zeichen der Olive warben, sahen wir von fern und bald aus der Nähe eine Schafherde, in der, dem Leithammel folgend, Mutterschafe mit ihren Osterlämmern vorbeizogen und dabei so schafsmäßig unbesorgt taten, als werde es so etwas wie geklonte Schafe namens Megan und Morag nie geben, als sei mit dem vaterlosen Schaf Dolly nicht demnächst zu rechnen, als dürften Väter auch zukünftig nützlich sein … (Seite 395)

1997

Nach der Rückkehr von einem Kongress in Edinburgh und vor der Abreise zu einem Kongress in Boston schreibt Professor Vonderbrügge dem Herausgeber des vorliegenden Buches einen Brief. Darin erklärt er, dass das vaterlose Klonschaf Dolly von drei Mutterschafen abstammt: Die entkernte Euterzelle eines Schafes wurde mit der Erbsubstanz der Eizelle eines zweiten Schafes gefüllt und in die Gebärmutter eines dritten Schafes eingepflanzt.

[…] dieser Verzicht auf maskuline Teilhabe ist offenbar, wenn ich Sie recht verstehe, Ursache Ihrer anhaltenden Beunruhigung. (Seite 398)

Das Klonen von Menschen sei zwar noch im Bereich des Spekulativen, fährt der Biogenetiker fort, aber durchaus in greifbare Nähe gerückt.

Was uns fehlt, werter Herr, ist eine wissenschaftlich fundierte Bioethik, die, weil wirksamer als überholte Moralvorstellungen, einerseits die weit verbreitete Angstmacherei in Grenzen hält und andererseits autorisiert ist, den kommenden Klongenerationen, die ja eines nicht allzu fernen Tages neben der altgedient herkömmlichen Humangeneration aufwachsen werden, eine neue Sozialordnung zu entwerfen, denn gänzlich konfliktfrei wird sich dieses Nebeneinander kaum entfalten können. Auch wird es Aufgabe der Bioethiker sein, das Wachstum der Weltbevölkerung zu regulieren, in Praxis zu reduzieren […] (Seite 398)

Was aber Ihre Ängste vor einer, wie Sie sagen, „vaterlosen Gesellschaft“ betrifft, habe ich nach Erhalt Ihres letzten Briefes den Eindruck gewonnen, dass Ihre Besorgnisse – mit Verlaub – entweder kindlicher Natur oder dem immer noch virulenten Männlichkeitswahn geschuldet sind. Seien wir doch froh, dass der herkömmlich konfliktzentrierte Zeugungsakt mehr und mehr an Bedeutung verliert […] (Seite 399)

Professor Vonderbrügge schließt seinen Brief mit den Worten:

In Hoffnung, Ihre Zukunftsängste ein wenig zurückgeschnitten zu haben, und mit Grüßen an Ihre werte Gattin, der zu begegnen ich kürzlich bei einem Lübecker Weinhändler das Vergnügen hatte, verbleibe ich als Ihr Hubertus Vonderbrügge (Seite 399)

1999

Eine Greisin, die auf Veranlassung ihres siebzigjährigen Sohnes in einem Seniorenheim mit Seeblick versorgt wird, soll anlässlich ihres 103. Geburtstages erzählen, „wie es früher und noch früher gewesen ist“. Ihr Vater, der als Schlosser in einer Gewehrfabrik gearbeitet hatte, war gleich bei Tannenberg gefallen, zwei Brüder fielen dann in Frankreich. Ihr dritter Bruder, ein Kellner, der viel herumkam, erlag einer Geschlechtskrankheit, und die Mutter starb aus Kummer. Die Erzählerin und ihre jüngere Schwester Betty standen allein da.

War ja gut, dass ich bei Kaiser’s Kaffee Verkäuferin und bisschen Buchführung gelernt hatte. So konnten wir dann, nachdem ich mit Willy verheiratet war und gleich nach der Inflation, als wir in Danzig den Gulden bekamen, das Geschäft, Kolonialwaren, aufmachen. Lief auch anfangs ganz gut. Und siebenundzwanzig, da war ich schon über dreißig, kam dann der Junge und drei Jahre später die kleine Marjell … (Seite 406f)

Jetzt soll sie sogar noch die Einführung des Euro miterleben – und sie freut sich auf das Jahr 2000.

Mal sehen, was kommt … Wenn nur nicht Krieg ist wieder … Erst da unten und dann überall … (Seite 409)

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Günter Grass hat sich einer enormen Herausforderung gestellt: Zu jedem Jahr des 20. Jahrhunderts – von 1900 bis 1999 – dachte er sich eine ernste, tragische oder komische Begebenheit aus. Diese hundert kleinen Geschichten werden von jüngeren und älteren Männern und Frauen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen in der Ich-Form erzählt. Hin und wieder sind autobiografische Züge erkennbar. Weder geht es um die sensationellen Ereignisse, noch kommen die großen „Macher“ zu Wort, sondern Günter Grass leiht zumeist fiktiven Zeitzeugen seine Stimme. Allerdings lässt er auch beispielsweise Erich Maria Remarque und Ernst Jünger in Zürich debattieren, und an Kleists Grab stellt er sich eine Begegnung von Gottfried Benn und Bert Brecht vor. Hundert Begebenheiten spiegeln das 20. Jahrhundert: Kriege, Katastrophen und Verbrechen, aber auch kulturelle Leistungen, wissenschaftliche Entdeckungen, technische Erfindungen, Expo, Ölkrise, Mode und Sport. Dazu hat Günter Grass auch noch hundert passende Aquarelle gemalt. Auf diese Weise ist ein vielstimmiges Geschichten- und Bilderbuch über das 20. Jahrhundert entstanden.

In seinem bislang letzten Buch, dem Rückblick auf „Mein Jahrhundert“ in einem Almanach von Jahres-Kalendergeschichten mit eigenen Aquarellen, hat sich Grass ein weiteres Denkmal gesetzt – und diesmal mehr Zuspruch im zeitgeschichtlichen als im ästhetischen Ressort bekommen. Hinter dem unscheinbar subjektiven Zugang verbergen sich geschichtsbuchverdächtig repräsentative Zeitausschnitte. Die Blicke von unten, vom Rand, zielen doch stets in Zentrum einer didaktischen Quintessenz. Als weitblickender Chronist der Nationalgeschichte erzählt der Autor in auf weiten Strecken salopp-dialektischer, stilisiert-proletarischer Rollenprosa von Krieg und Frieden, Unten und Oben, Danzig und Berlin, Kunst und Arbeiterkampf, und die gemütliche Atmosphäre, die dabei entsteht, gemahnt eher an ein Familienalbum als an das Panorama eines blutigen Säkulums.
Dorothea Dieckmann: Der Trommler und sein Jahrhundert)

Parallel zu dem 2,7 kg schweren bibliophilen Band („Das illustrierte Buch“, 416 S., ISBN 3-88243-651-4) brachte der Steidl Verlag auch eine unbebilderte Ausgabe heraus („Das Lesebuch“, 384 S., ISBN 3-88243-650-6). Eine von Günter Grass selbst gesprochene Hörbuchfassung veröffentlichte Universal Music 1999 (12 CDs, ISBN 3-829-10940-7). Eine Taschenbuchausgabe folgte 2001 (dtv, ISBN 3-423-12880-1).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002/2004
Die Seitenangaben beziehen sich auf die bibliophile Ausgabe.

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