Günter Grass : Die Rättin

Die Rättin
Die Rättin Erstausgabe: Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt / Neuwied 1986
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem die ignorante Menschheit ihre Lebensgrundlagen zerstört und sich durch einen Atomkrieg selbst vernichtet hat, bildet sich ein Rattenstaat. Ein Erzähler glaubt von einer weiblichen Ratte zu träumen, die jedoch penetrant behauptet, er existiere nur in ihrem Traum und kreise in einem Raumschiff um die verwüstete Erde.
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Kritik

Im ersten Drittel des Romans "Die Rättin" rauben mir die fantastischen Ideen und der Gedankenreichtum des Autors den Atem. Elegant wechselt Günter Grass zwischen den Handlungssträngen und verwebt die verschiedenen Ansätze auf ebenso intelligente wie poetische Weise zu einem komplex verschachtelten Ganzen.
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Was fehlt, sagen wir, ist der Mangel.

Man weiß nicht mehr, was man schenken soll. Der Erzähler wünscht sich zu Weihnachten eine Ratte. Mit ihr zusammen hört er gern das dritte Radioprogramm an.

Er träumt von einem Dialog mit einer Rättin, die ihrerseits penetrant behauptet, er existiere nur in ihrem Traum.

Es heißt: Wir sind gar nicht mehr, werden scheintätig nur geträumt von einzig wirklichen Rattenvölkern …

Mir träumte ein Mensch,
sagte die Ratte, von der mir träumt.
Ich sprach auf ihn ein, bis er glaubte,
er träume mich und im Traum sagte: die Ratte,
von der ich träume, glaubt mich zu träumen;
so lesen wir uns in Spiegeln
und fragen einander aus.
Könnte es sein, dass beide,
die Ratte und ich
geträumt werden und Traum
dritter Gattung sind?

Allein in einem Raumschiff angeschnallt umkreist der Erzähler die verwüstete Erde. Die Rättin erzählt ihm vom „Großen Knall“, mit dem sich die Menschheit auslöschte. Er ist der einzige Überlebende. Es begann damit, dass sich die beiden Supermächte gegenseitig verdächtigten, einen Atomkrieg angefangen zu haben und darauf mit je einem Knopfdruck die Programme „Völkerfriede“ und „Frieden machen“ starteten. Als man im westlichen Computerzentrum Rattenköttel entdeckte, rief man sofort im östlichen Computerzentrum an, und auch dort wurde Rattenlosung gefunden. Da befürchteten die beiden Schutz- und Friedensmächte, Opfer einer teuflischen dritten Macht bzw. eines internationalen Komplotts geworden zu sein. Haben fanatische Zionisten besonders intelligente Ratten gezüchtet und damit die Computerzentralen manipuliert? Obwohl die Regierungschefs der beiden Supermächte über das intakt gebliebene Krisentelefon miteinander sprachen, konnten sie nicht eingreifen, denn die Entwicklung folgte unaufhaltsam den Computerprogrammen. Moskau, New York, Zürich, Bombay, Rio, Kapstadt und Hongkong wurden durch Atombomben ausradiert. Nur in einigen wenigen Städten mit besonderen Kulturdenkmälern – zum Beispiel Danzig, Kyoto und Florenz – explodierten keine gewöhnlichen Atomwaffen, sondern Neutronenbomben, damit zwar die Lebewesen entsaftet wurden, aber die Bauwerke – wenn auch entglast und russgeschwärzt – erhalten blieben. Außer diesen Fassaden blieb nur Müll übrig.

Selbst auf der Suche nach letzter Wahrheit und seinem Gott auf den Fersen, machte er [der Mensch] Müll. … Einzig Müll hat ihn überdauert!

Die Ratten sahen die Katastrophe voraus. Um die Menschheit zu warnen, liefen sie mitten am Tag zu Tausenden durch die Hauptstraßen der Metropolen und verursachten gewaltige Verkehrsstaus. Aber die Menschen ignorierten die Zeichen.

Gegen Schluss der Humangeschichte hatte sich das Menschengeschlecht eine Sprache eingeübt, die beruhigend ausglich, schonungsvoll nichts beim Namen nannte und selbst dann noch vernünftig klang, wenn sie Blödsinn als Erkenntnis ausgab.

[Die Menschen] haben alles versaut. Mussten sich immer kopfoben was ausdenken. Hatten, selbst wenn Überfluss sie ersticken wollte, nicht genug, nie genug.

Einige junge Menschen beschlich allerdings ein ungutes Gefühl. Es gab kollektive Selbstverbrennungen, zuerst in Amsterdam, dann in Stuttgart, Dresden, Stockholm, Zürich und anderswo. Vor allem die Punks fanden es geil, mit einer zahmen Ratte auf der Schulter herumzulaufen.

Den Großen Knall überlebten außer den Rattenvölkern nur der einzelne Mensch in seinem Raumschiff, ein paar weiß und scharlachrot gefiederte Spatzen und Tauben, große, fast durchsichtige Frösche und Lurche, zu Säugetieren mutierte Schmeißfliegen, Flugschnecken, Rußwürmer und Spinnen, die ihre Netze unter Wasser bauen.

Die Ratten waren vor dem Großen Knall in unterirdischen Gängen verschwunden. Auf diese Weise hatten sie bereits die Sintflut überlebt, obwohl keines ihrer Paare von Noah mit an Bord der Arche genommen worden war. Wie damals retteten sich die Ratten in Luftblasen, während Alttiere wie Pfropfen die Gänge verstopften. Einige Zeit nach dem Großen Knall überlebten einige in Kernkraftwerken und Atommüllzwischenlagern aufgewachsene Ratten als erste die Versuche, zur Erdoberfläche zurückzukehren.

Als der Erzähler im Verlauf des Gesprächs mit der Rättin Nächstenliebe anmahnt, entgegnet sie:

Die müsse man Ratten nicht predigen. Die sei unter Ratten üblich seit Rattengedenken. Einzig das Menschengeschlecht habe sich Nächstenliebe zum Gebot machen müssen, unfähig, es einhalten zu können, wie sich gezeigt hätte.

Die Menschen hassten die Ratten, ekelten sich vor ihnen und unterschätzten sie. Dabei hatten sich die Ratten in den mittelalterlichen Klöstern zwischen Uppsala und St. Gallen wissend gemacht.

Was immer das Wort Leseratte gemeint haben mag, wir sind belesen, uns haben in Hungerzeiten Zitate gemästet, wir kennen durchweg die schöne und die sachliche Literatur, uns sättigten Vorsokratiker und Sophisten. Scholastiker satt! Ihre Schachtelsätze, die wir kürzten und kürzten, waren uns allzeit bekömmlich. Fußnoten, welch köstliches Zubrot!

Im Raum Danzig übernehmen mutierte Rattenmenschen, sogenannte Watsoncricks, die Herrschaft. In der posthumanen Zeit lernen die Ratten Feuer zu machen; sie garen, kochen und rösten nun ihre Maiskolben ebenso wie die Jagdbeute und füttern „selektierte Jungratten“ mit ausgewählten Kern- und Kornqualitäten, bis sie schlachtreif sind. Menschliche Züge werden erkennbar:

Bei kleinstem Anlass gehen sie sich an die Kehle.

Oskar Matzerath, den wir aus „Die Blechtrommel“ kennen, ist wieder da, allerdings merklich gealtert: Er wird in Kürze 60. Vorher ist er zur Feier des 107. Geburtstages seiner Großmutter Anna Koljaiczek in Danzig eingeladen. Matzerath ist jetzt Filmproduzent. Er stieg rechtzeitig ins Videogeschäft ein, zunächst mit einer (inzwischen eingestellten) Pornoreihe; dann erwarb er mit einem didaktischen Programm große Verdienste. Er lebt in einer Vorortvilla und wird von seinem ehemaligen Pfleger Bruno Münsterberg in einem großen Mercedes chauffiert.

Der Erzähler versucht, Matzerath zur Produktion eines Films über das Waldsterben mit dem Titel „Grimms Wälder“ zu überreden, für den er das Drehbuch schreibt. Matzerath würde lieber eine Dokumentation über Lothar Malskat drehen, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Kalkfarbe im Chor der Lübecker Marienkirche vermutete Fresken freilegen sollte und dabei heimlich selbst Fresken im gotischen Stil malte. Dann zeigte er sich selbst an, aber niemand wollte ihm glauben.

Es war nun mal die Zeit des Zwinkerns, der Persilscheine und des schönen Scheins. Im Jahrzehnt der Unschuldslämmer und weißen Westen, der Mörder in Amt und Würden und christlichen Heuchler auf der Regierungsbank, wollte niemand dies und das allzu genau wissen, gleich, was geschehen war.

In einem Film mit dem Titel „Fälscher am Werk“ oder „Falsche Fuffziger“ will Matzerath auch auf Konrad Adenauer und Walter Ulbricht eingehen, die es schafften, „die besiegten Deutschen zu mit den Siegern befreundeten Deutschen zu läutern“.

Bruno fährt Matzerath nach Danzig. Der schenkt seiner Großmutter Goldmünzen zum Geburtstag, und als besondere Überraschung führt er einen von seiner Firma Post Futurum produzierten Film vor, auf dem die Geburtstagsfeier Szene für Szene vorweggenommen ist. Es wiederholt sich alles, was die Gäste gerade selbst erlebten. Schließlich sehen sie auf dem Bildschirm, wie sie Matzeraths Film anschauen. Endlos geht es weiter – bis um 12.05 Uhr die Neutronenbombe über Danzig explodiert. Die Geburtstagsgäste laufen aufgeregt ins Freie und werden auf der Stelle getötet. Matzeraths Mercedes brennt. Nur er und seine kaschubische Großmutter sind im Haus geblieben. Er kriecht zu ihr und verbirgt sich unter ihren Röcken – wie sein Großvater Josef Koljaiczek 1899 auf dem Kartoffelacker.

Obwohl Matzerath ebenso wie seine Großmutter in Danzig vertrocknet ist, kehrt er später nach Deutschland zurück. Der Erzähler:

Natürlich sage ich unserem Herrn Matzerath nicht, dass es ihn nicht mehr gibt; soll er doch weiter so tun, als ob er Chef ist. Andere – und selbst ich – glauben ja auch, dass es weitergeht irgendwie.

Erst einige Wochen später, während der Feier zu seinem 60. Geburtstag, erfährt Matzerath durch ein Telegramm, dass seine Großmutter gestorben ist.

Inzwischen hat er mit dem Erzähler endlich den Stummfilm über den deutschen Wald gedreht.

Der Bundeskanzler fährt mit seiner Eskorte auf einen Waldparkplatz. Die toten Bäume werden von Kulissen verdeckt, auf die ein gesunder Wald im Stil Moritz von Schwinds gemalt wurde. Vogelgezwitscher ist vom Tonband zu hören. Mitwirkende wie die Chorsänger werden erst von der Polizei nach Waffen abgesucht, bevor sie auftreten dürfen. Der Regierungschef beschwört in seiner vom Blatt abgelesenen Rede die heile, jedoch von Ungemach bedrohte Welt, bis sein Sohn Hans ruft: „Du redest wieder mal Scheiße!“ Schnitt. Szenenwechsel.

Autohalden und Autoschlangen, Fabrikschornsteine in Betrieb, heißhungrige Betonmischmaschinen. Es wird abgeholzt, planiert, betoniert. Es fällt der berüchtigte saure Regen. Während Baulöwen und Industriebosse an langen Tischen das Sagen und bei Vieraugengesprächen genügend Tausenderscheine locker in bar haben, stirbt der Wald. Er krepiert öffentlich.

Hans ist mit seiner Schwester Margarethe in den Wald gelaufen. Überall wird nach den Kanzlerkindern gefahndet. Sie kommen zu einer Lichtung mit dem schindelgedeckten Waldgasthof „Zum Knusperhäuschen“. Davor steht ein altmodischer Pfefferkuchen-Blechautomat. Eine „weder junge noch alte Frau“ mit Lockenwicklern erhebt sich aus einem Liegestuhl. Sie trägt luftgetrocknete Ohren an einer Kette um den Hals.

Wie sie den großgeblümten Morgenrock über dem Büstenhalter zuknöpft, sieht Hänsel enorme Titten, größer als jene, die ihm gelegentlich träumen. Gretel jedoch erkennt die Hexe aus dem besagten Märchen.

Unter den Pensionsgästen des Waldgasthofs sind Schneewittchen und ihre böse Stiefmutter, Dornröschen und der Prinz, der die Schlafsüchtige begleitet, Rotkäppchen mit ihrer Großmutter und dem bösen Wolf, dessen Bauch mit einem Reißverschluss verschlossen ist, Rübezahl, Rapunzel, Jorinde und Joringel sowie das Mädchen mit den abgehackten Händen. Sie trinken und plaudern zusammen mit den Neuankömmlingen. Während der Prinz immer wieder Dornröschen wachküsst, schreit Rotkäppchen ihrer Großmutter ins Ohr: „Besauf dich nicht wieder!“ Von der Stirn einer schlafenden Dame springt ein Frosch in den Ziehbrunnen und entsteigt ihm gleich darauf als Froschkönig im Taucheranzug. Ein Zwerg nach dem anderen zerrt Schneewittchen ins Gebüsch.

Rapunzel und die böse Stiefmutter nehmen sich Bindfäden ab, ein verzwacktes Fingerspiel, dem das Mädchen ohne Hände lange zusieht.

Als der Bundeskanzler das in einer Turmkammer spinnende Dornröschen fragt, ob es seine Kinder gesehen habe, erschrickt es und sticht sich mit der Spindel in den Finger. Alle erstarren: der Bundeskanzler mit einem Stück Buttercremetorte in der Hand, die Minister, Experten, Polizisten, Journalisten. Eine Hecke überwuchert alles.

Der Prinz, der mit Haaren von Rapunzel gefesselt wurde, kann sich einige Zeit später befreien und läuft davon.

Abwechselnd schicken die Hexe, Merlin und die böse Stiefmutter dem Flüchtling Hexen- und Zaubersprüche, Verwünschungen nach. Der Prinz stolpert, stürzt, überschlägt sich, läuft aber weiter. Jetzt wächst ihm eine lange Nase, jetzt wachsen ihm Fledermausohren. Aber er läuft und läuft. Nun wird er, weil sich die Sprüche steigern, überbieten, einander löschen, zum Reh, zum Einhorn, zur Kugel, aber er springt, trabt, rollt dennoch, bis er – nun ganz und gar wieder Prinz – den Waldrand erreicht, auf die überwucherte Autobahn findet und – ein überkrautetes Schild zeigt die Richtung – nach Bonn läuft.

Die Gebrüder Grimm gehören zur Regierung in Bonn. Statt Märchen sammeln sie jetzt soziale Daten und Kulturzeugnisse ausländischer Arbeiter. Wilhelm Grimms Aufsatz über „Die Rolle der türkischen Frau im Alltag der Bundesrepublik“ hat selbst bei Feministinnen Zustimmung gefunden. Sein Bruder Jakob verfasst ein Buch über den allgemeinen Sprachverfall („Schlumpfdeutsch“). Die Regierung ist machtlos gegenüber dem Großkapital. Als der Bundeskanzler nicht mehr auftaucht, übernimmt Jacob Grimm, unterstützt von seinem Bruder, die Notstandsregierung, aber weder gegen die lächelnden Bischöfe noch gegen die korrupten Industriebosse, Generäle und Professoren hat er eine Chance. Ein General lässt die Gebrüder Grimm verhaften; ein anderer setzt sich auf den frei gewordenen Stuhl des Kanzlers. Da stürzt der Prinz herein und erwirkt die Freilassung der Gebrüder Grimm.

Das „Unternehmen Dornröschenschlaf“ läuft an. Eine Märchenfigur nach der anderen wird niedergewalzt. Der Prinz küsst Dornröschen. Sobald der Bundeskanzler mit einem Stück Buttercremetorte in der Hand, die Minister, Experten, Polizisten und Journalisten erwacht sind, werden auch der Prinz und Dornröschen vernichtet. Nur Hänsel und Gretel überleben. Auf ihrer Flucht durch den Wald treffen sie auf eine Kutsche, in der die Gebrüder Grimm auf sie warten. Gemeinsam fahren sie in die Vergangenheit, ohne Kutscher und rückwärts, die Kutsche voran und die Schimmel verkehrt herum.

Parallel dazu ist eine fünfköpfige Frauencrew unter der Kapitänin Damroka auf einem 1900 gebauten Besanewer, der mehrmals Eigner, Heimathafen und Namen gewechselt hat, in der Ostsee unterwegs, um die Quallendichte als Indiktator für das gestörte ökologische Gleichgewicht zu messen.

Zwar ist bekannt, dass die Ostsee von Algen verkrautet, durch Tangbärte vergreist, von Quallen übersättigt, obendrein quecksilbrig, bleihaltig, was noch alles ist, aber erforscht muss werden, wo sie mehr oder weniger, wo sie noch nicht, wo sie besonders verkrautet, vergreist, übersättigt ist, ungeachtet aller Schadstoffe, die anderenorts bilanziert sind.

Die fünf Frauen auf dem Forschungsschiff „Die neue Ilsebill“ sind zwischen Mitte 40 und über 70. An einer Stelle weist die Steuermännin die Kapitänin darauf hin, dass dort Anfang der Siebzigerjahre der Butt gefangen wurde. Damroka kann den anderen vier Frauen nur kurze Zeit verheimlichen, dass sie den Forschungsauftrag nur angenommen hat, um die sagenhafte Stadt Vineta – in der einmal die Frauen das Sagen hatten – suchen zu können. Als das Schiff über der im Meer versunkenen Stadt ankommt, stellt sich heraus, dass die Straßen von Ratten bevölkert sind. Bevor die fünf Frauen hinabtauchen können, werden sie von der Neutronenbombe verdampft.

Das Wrack ihres Schiffes treibt in den Hafen von Danzig. Dort gehen haarige Rattenmenschen von Bord der „neuen Ilsebell“.

Zwischendurch erfährt die Weihnachtsratte von ihrem Besitzer, was vor 700 Jahren in Hameln wirklich geschah. Schuld war Gret Rike, die 16-jährige jüngste Tochter des Ratmeisters, die zwar den ihr zugedachten Sohn des reichen Wassermüllers auf Distanz hielt, aber von ihrer Ratte schwanger wurde und Drillinge mit „allerliebst niedlichen Rattenköpfchen“ gebar, die von 130 „gotischen Punks“ in der Krypta der Bonifatiuskirche auf die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar getauft wurden.

Danach wurde bis in den Morgen am Ufer des Flusses Weser gefeiert. Aber es wollten die Bürger der Stadt die Freude der gotischen Punks nicht teilen. Noch waren die Wörter „Nukleinsäure“ und „Genkette“ außer Gebrauch. Vertierte Menschlein und vermenschtes Getier kamen nur im Märchen, auf Fabelbildern und – schlimm genug – beim Hexensabbat, doch nicht in Hameln am hellen Tage vor. Empörtes Geflüster machte die Gassen enger.

Als die Stadtbüttel die „neugestalteten Säuglinge“ verhaften wollten, stellten sich die 130 gotischen Punks schützend um „den niedlichen Wurf“. Die junge Mutter versteckte sich mit ihrem Rattenmann und den „drei besonderen Söhnchen“ in einer Höhle im Kalvarienberg. Dorthin lockte der Ratmeister Lambert Rike auch die übrigen 129 Punks und spielte ihnen auf seinen verschieden gestimmten Flöten zum Tanz auf. Das war in der Nacht auf den 26. Juni 1284. Gegen Morgen stahl er sich davon, und auf sein Zeichen mauerten die in der Nähe wartenden Männer den Höhleneingang zu.

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Nachdem die Menschheit ihre Lebensgrundlagen zerstört, sich durch einen Atomkrieg selbst vernichtet und den Globus in eine Wüste verwandelt hat, bildet sich ein Rattenstaat. Nach Genmutationen nehmen die Ratten der posthumanen Zeit erste menschliche Züge an.

Diese Horrorvision verwendet Günter Grass als Grundlage seiner Fabel über die bornierte Ignoranz der Menschen.

Im ersten Drittel des Romans „Die Rättin“ rauben mir die fantastischen Ideen und der Gedankenreichtum des Autors den Atem. Elegant wechselt Günter Grass zwischen den fünf oder sechs Handlungssträngen hin und her und verwebt die verschiedenen Ansätze auf ebenso intelligente wie poetische Weise zu einem komplex verschachtelten Ganzen, indem er die verschiedenen Geschichten in einen Dialog zwischen einer namenlosen Rättin und einem Menschen einbindet und dabei offen lässt, ob der Mensch das Tier oder umgekehrt die Rättin den Menschen träumt. Das Erzählte changiert zwischen den Genres Märchen, Reisebericht und surrealer Roman, über die geplanten Videoproduktionen gewinnt Grass auch eine filmische Perspektive und er streut hin und wieder Gedichte ein. Einer der Erzählstränge spielt auf Günter Grass‘ Roman „Der Butt“ an, Passagen über Schiffskatastrophen wie die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 mit 5000 Flüchtlingen an Bord weisen voraus auf sein Buch „Im Krebsgang“. Oskar Matzerath und seine Großmutter Anna Koljaiczek aus „Die Blechtrommel“ treten auf. Wenn der menschliche Erzähler mitunter die Rolle des Autors spielt, unterhält er sich auch mit seinen eigenen Figuren – wodurch das Fiktive der Geschichte betont wird. Das klingt dann beispielsweise so:

Wie gut, dass nur fünf Frauen an Bord kamen und nicht, wie nach Anmeldung, zwölf. Das hätte in meinem Kopf und auch sonst schlimmes Gedränge zur Folge gehabt.

Der Erzähler schnüffelt in den Sachen der Frauen an Bord und befingert sie. Als der Produzent Oskar Matzerath zögert, auf seinen Wunsch einzugehen und einen Film über den kaputten deutschen Wald zu drehen und jedenfalls vorher zum 107. Geburtstag seiner kaschubischen Großmutter nach Danzig fahren will, droht ihm der Erzähler:

Ich sage: „Es könnte mir im Nebensatz einfallen, Ihr Visum einfach verfallen zu lassen.“

„Erpressung!“, schimpft Matzerath. „Autorenhochmut!“ Und nach seiner Rückkehr aus Danzig, wo er zusammen mit seiner Großmutter und den anderen Geburtstagsgästen durch eine Neutronenbombe ums Leben kam, beschwert er sich beim Erzähler:

„Nicht wahr? Sie haben mich abschaffen, regelrecht umbringen wollen. Es war Ihre Absicht, meine Geschichte weitweg in Polen, unter den Röcken meiner Großmutter zu beenden.“

Originell und infantil, geistreich und fantasievoll spielt Günter Grass im ersten Drittel seines facettenreichen Romans „Die Rättin“ mit den Möglichkeiten seines Konzepts. Danach führt er allerdings nur noch die bereits angelegten Erzählstränge fort, entwickelt keine neuen Ideen mehr und vertieft auch nicht die Kritik an der menschlichen Ignoranz oder die Warnung vor der Zerstörung der Lebensgrundlagen.

Die Sprache ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber wohlklingend und unverwechselbar.

Von Anbeginn war erstaunlich, wie nackt ihr Schwanz lang und dass sie fünffingrig ist wie der Mensch.

Martin Buchhorn verfilmte den Roman „Die Rättin“ 1997 mit Mathias Habich in der Rolle des Malers und Videokünstlers Marcus Frank. Katharina Thalbach sprach die Rolle der Rättin. Aber der Film wird der spielerisch-komplexen Poesie der Vorlage nicht gerecht, und Günter Grass distanzierte sich davon (Interview mit Stefanie Letkin, Münchner Merkur, 20. September 2005).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002/2007
Textauszüge: © Hermann Luchterhand Verlag

Günter Grass (Kurzbiografie)

Günter Grass: Die Blechtrommel (Verfilmung)
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Leon de Winter - Place de la Bastille
Leon de Winter erzählt in der Ich-Form aus der Sicht des Protagonisten und nicht chronologisch, sondern mit sorgsam komponierten Zeitsprüngen. Trotz der tragischen Thematik ist die Lektüre des Romans "Place de la Bastille" ein anspruchsvolles Vergnügen.
Place de la Bastille

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