Charles Lewinsky : Gerron

Gerron
Gerron Originalausgabe: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München 2011 ISBN: 978-3-312-00478-2, 539 Seiten eBook: 978-3-312-00488-1 dtv, München 2013 ISBN: 978-3-423-14250-2, 539 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Sommer 1944 muss der frühere Regisseur und Schauspieler Kurt Gerron als Gefangener in Theresienstadt einen verlogenen Propagandafilm drehen. Während er das tut, erinnert er sich an seine Kindheit in Berlin, die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, die erfolgreiche Künstlerkarriere und die Emigration, denn er versucht herauszufinden, wer er hinter all den Rollen ist, die er spielte und noch spielt. Für die Leser setzt sich daraus auch ein Panorama der Zeit vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg zusammen ...
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Kritik

In dem eindrucksvollen Roman "Gerron" lässt Charles Lewinsky den Protagonisten zu Wort kommen. Dabei reiben sich die sprachliche Brillanz und die auf Pointen zielende Erzählweise des Kabarettisten, der Sarkasmus des desillusionierten Lagerhäftlings und die realistische Inszenierung der Kriegs- und Lagerszenen. Ein Meisterwerk!
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Kurt Gerson wird am 11. Mai 1897 in Berlin geboren. Die Wohnung, in der er aufwächst, hat sein verwitweter Großvater Emil Riese für sich und die Familie seiner Tochter Antonia („Toni“) ausgesucht. Kurts Vater Max Gerson stammt aus einem neumärkischen Mühlendorf namens Kriescht; er war als Sechzehnjähriger nach Berlin gekommen, hatte Arbeit in Emil Rieses Kleiderfabrik gefunden, später dessen einzige Tochter geheiratet und sich an der Leitung des Familienunternehmens beteiligt. Max Gerson ist Jude, aber das hindert ihn nicht daran, von allen Religionen die der Juden am wenigsten zu mögen. Das Einzelkind Kurt muss auf Zärtlichkeiten der Eltern verzichten, denn sie können beide keine Gefühle zeigen.

Nach dem Notabitur im Jahr 1914 wird Kurt Gerson mit einer neuen Grammatik konfrontiert, denn in Jüterbog, wo man ihn zum Soldaten „umbaut“, heißt es zum Beispiel: „Bitte Herrn Leutnant, Meldung machen zu dürfen.“ Jeden Tag wird den Rekruten eingehämmert, dass man erst noch Menschen aus ihnen machen müsse.

Bei Ypern erlebt Kurt Gerson, wie eine von den Deutschen abgeblasene gelbe Chlorgaswolke auf die feindlichen Linien zutreibt und dann Franzosen zu Tausenden tot am Boden liegen. Bei Einmarsch in Langemarck ist kein Feind mehr da, der bekämpft werden könnte.

Bis Ypern waren wir nicht gekommen, aber ganz viele gegnerische Soldaten waren tot, und darauf durften wir, wie Oberleutnant Backes sagte, alle sehr stolz sein.

Das Chlorgas tötet aber auch Kurts Freund Karl-Heinz („Kalle“). Für einen gesunden Menschen wäre die Giftgaskonzentration nicht tödlich gewesen, aber Kalle war seit Jahren lungenkrank. 14 Jahre später, im März 1929, begegnet Kurt Gerson bei einem Wohltätigkeitsempfang im Foyer des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt in Berlin dem Mann, der das Chlorgas entwickelte: Fritz Haber.

Das war bei der Nachtvorstellung des Marquis von Keith, die wir auf die Beine gestellt hatten, um für die Witwe von Albert Steinrück Geld zu sammeln.

Kurt Gerson wird sich seine Begegnung mit Fritz Haber später so ausmalen:

„Herr Professor“, habe ich gesagt, „wissen Sie, dass Sie ein Mörder sind? Ein tausendfacher Mörder.“

Dass ich mir gerade meine Karriere ruiniert hatte, vor allem bei der Ufa, wo der Hugenberg regierte, dass ich mich unmöglich gemacht hatte für alle Zeiten, das war mir scheißegal.

In Wirklichkeit schaut er Fritz Haber nur nach und hält den Mund.

Am 10. Mai 1915, einen Tag vor seinem 18. Geburtstag, wird Kurt Gerson von einem Granatsplitter getroffen und entmannt. Vom Lazarett aus kehrt er nach Berlin zurück, und weil er früher einmal Arzt werden wollte, studiert er vier Semester Medizin.

Es hätte auch ein anderes Fach sein können. Egal. Scheißegal.

Während er zuvor als „Bohnenstange“ gehänselt wurde, nimmt er seit der Kastration enorm zu.

Ich bin ein magerer fetter Mann.

Ende 1917 wird Kurt Gerson erneut eingezogen und als Arztanwärter im Unteroffiziersrang in ein Reservelazarett nach Kolmar abkommandiert. Aufgrund seiner manuellen Ungeschicklichkeit schieben ihn die Verantwortlichen nach kurzer Zeit in ein nahes „Krüppelheim“ ab, und weil dessen Chef, ein Major aus München, schwer alkoholkrank ist, übernimmt Kurt Gerson faktisch die Leitung. Der frühere Starkstromtechniker Otto Burschatz, dem eine Handgranate die rechte Hand abriss, erweist sich dabei als große Hilfe, denn er organisiert all das, was offiziell nicht für die Einrichtung zu bekommen ist. Ende 1918 müssen die Deutschen Elsass-Lothringen und damit auch das Lazarett und das „Krüppelheim“ räumen. Der Major jagt sich eine Kugel in den Kopf.

Delirium tremens oder Patriotismus. So groß ist der Unterschied nicht.

Weil Max Gerson aus Patriotismus Kriegsanleihen gekauft hatte und viel Geld verlor, kann die Familie sich keine Köchin mehr leisten, nur noch eine Haushaltshilfe. Kurt fällt es schwer, sich nach dem Krieg wieder zurechtzufinden.

Rund um die Uhr war ich damit beschäftigt, diesen mir so fremd gewordenen Kurt Gerson zu imitieren.

Statt sein Medizinstudium fortzusetzen, singt er in Resi Langers Künstler-Café („Küka“) an der Budapester Straße Chansons. Dabei fällt er Trude Hesterberg auf, die 1921 im Keller des Theater des Westens die „Wilde Bühne“ gegründet hat, ihn engagiert und ihm erklärt:

„Kurt, bei mir heißt du übrigens Gerron. Gerson klingt mir zu jüdisch.“

1923 entdeckt Kurt Gerron eine Verhärtung in der Leistengegend. Sein Arzt rät ihm zu einer Röntgenuntersuchung. Weil Kurt Gerron aber nicht möchte, dass sich herumspricht, was ihm wegen der Kriegsverletzung fehlt, wählt er eine Praxis außerhalb von Berlin und fährt zu dem Röntgenfacharzt Dr. Thalmann, einem früheren Kommilitonen, nach Hamburg. Erschrocken stellt er fest, dass eine Frau die Aufnahme machen wird: die Röntgenassistentin Olga Meyer. Doch genau das erweist sich als Glücksfall, denn sie verlieben sich. (Und bei der Verhärtung handelt es sich um ein harmloses Granulom.) Am 16. April 1924 heiraten sie. Trauzeugen sind Olgas Chef und Otto Burschatz, der inzwischen in Berlin als Requisiteur beim Film arbeitet.

Berühmt wird Kurt Gerron als Moritatensänger in der „Dreigroschenoper“ von Bert Brecht und Kurt Weill. Dem Dramatiker steht Kurt Gerron distanziert gegenüber:

Das ganze Ich bin ein Arbeiter-Gehabe war einfach eine Rolle, die er für sich erfunden hatte und jetzt mit vollem Einsatz spielte.

In dem Film „Der blaue Engel“ verkörpert Kurt Gerron den Zauberkünstler Kiepert. Zwischen 1920 und 1932 spielt er in mehr als 70 Filmen mit. 1926 beginnt er, selbst Regie zu führen.

„Auf den Gerron kann man sich verlassen“, sagte man bei der Ufa. „Der liefert, was bestellt ist. Da gibt es keine unangenehmen Überraschungen.“

Allerdings erlebt Kurt Gerron selbst eine böse Überraschung, und zwar am 1. April 1933 im Ballhaus Bühler während der Dreharbeiten für den Ufa-Film „Kind, ich freu‘ mich auf dein Kommen“. Plötzlich platzt der Produktionsleiter Erich von Neusser herein und ruft: „Alle mal herhören!“. Von Neusser bezieht sich auf einen Beschluss der Generaldirektion der Ufa vom Vortag und kommentiert: „Eine neue Zeit braucht neue Bannerträger.“ Dann fordert er alle Juden zum sofortigen Verlassen des Sets auf.

Magda Schneider, die Hauptdarstellerin, protestiert gegen die Entlassung des jüdischen Regisseurs und ruft alle dazu auf, sich mit Kurt Gerron zu solidarisieren. – Aber das malt dieser sich nur so aus. In Wirklichkeit bleiben alle wie erstarrt stehen und schauen zu, wie er hinausgeht.

Nur Magda Schneider rührte sich. Die Bewegung fiel mir auf, weil sie die einzige war. Mit dem Taschentuch tupfte sie sich die Augen ab, wollte zeigen, wie sensibel sie doch war und wie sehr die Situation sie erschütterte. Eine Schauspielergeste.

Auf dem Heimweg kommt er an jüdischen Geschäften vorbei. An die Schaufensterscheiben hat man mit weißer Farbe „Kauft nicht bei Juden“ geschrieben, und vor dem Modegeschäft seines Vaters hält ein Trupp SA-Leute potenzielle Kunden vom Betreten ab.

Otto Burschatz organisiert für Kurt Gerron, dessen Frau und dessen Eltern vier Zugfahrkarten nach Wien.

Otto brachte uns die Fahrkarten nach Hause. „Es wird Verhaftungen geben, hört man“, sagte er. „Du stehst wohl nicht ganz oben auf der Liste, aber man muss ja nicht darauf warten, bis man nachgerückt ist.“ Otto kennt immer einen, der einen kennt, der etwas weiß. Er legte das Kuvert mit den Fahrkarten auf den Esstisch.

Er hatte vier Fahrkarten besorgt. Für ihn war es ganz selbstverständlich, dass ich Mama und Papa nicht in Berlin lassen konnte.

Nachdem Kurt Gerron vergeblich versucht hat, in Wien, Prag oder Zürich ein Engagement zu bekommen, reist er mit seinen Angehörigen weiter nach Paris. Dort vermittelt ihm der ebenfalls emigrierte Komponist Walter Jurmann eine Tätigkeit als Ko-Regisseur des Films „Une femme au volant“.

… was bedeutete, dass ich die Arbeit machte und der Pierre Billon seinen Namen drunterschrieb.

Kurt Gerron inszeniert noch „Incognito“ in Paris und „Bretter, die die Welt bedeuten“ in Wien. 1935 holt ihn der Filmproduzenten Loet C. Barnstijn (eigentlich: Lodewijk Cohen) als Regisseur des Films „Het mysterie van de Mondscheinsonate“ nach Holland.

Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Loet C. Barnstijn war und was es mit der Mondscheinsonate auf sich hatte. Nur etwas war klar: Man bot mir Arbeit an.

Die Gersons ziehen also nach Scheveningen. Während des Aufenthalts dort wird Max Gerson vermisst. Nach vier Tagen taucht er wieder auf. Er hatte sich mit Wolf-Dietrich Tigges angefreundet, einem Warenhausbesitzer aus Grevenbroich, und sich von ihm einreden lassen, dass ein reeller Geschäftsmann wie er auch als Jude in Deutschland nichts zu befürchten habe. Es seien zwar Ausschreitungen vorgekommen, aber inzwischen gebe es klare Regeln und Gesetze, meinte Tigges. „In unserer Wohnung lebt jetzt der Heitzendorff“, berichtet Max Gerson. Das war der Portier des Wohnhauses. Seine Frau half Kurts Mutter manchmal beim Putzen. Heitzendorff ließ sich 1926 oder 1927 in die SA aufnehmen und weigerte sich dann, jüdischen Mietern die Kohlen aus dem Keller hochzutragen. Ansonsten erzählt Max Gerson nichts von seinen Erlebnissen in Berlin, aber er ist als gebrochener Mann zurückgekommen.

Kurt Gerron verpasst das Stichwort für den Abgang.

Die Zeichen waren dick und deutlich an der Wand, aber ich hatte ja keine Zeit, sie zu lesen. Ich musste ja Autogramme geben.

Peter Lorre verschafft ihm einen Zweijahresvertrag als Regisseur bei der Columbia in Hollywood. Der 1935 in die USA emigrierte deutsche Schauspieler ist ihm dankbar, weil er ihm während des gemeinsamen Exils in Paris Morphium besorgte. Die Columbia bietet die Bezahlung der Schiffspassage für vier Personen an, allerdings in zwei Kabinen dritter Klasse. Und weil Kurt Gerron glaubt, dass man nur ernst genommen werde, wenn man Ansprüche stellt, fordert er Erste-Klasse-Fahrkarten.

Und wie stolz ich dann war, als die Columbia nachgab! Zwei Kabinen erster Klasse. Auf der Veendam. Holland-Amerika Lijn. Rotterdam-Southampton-New York. Plus private Schlafwagenabteile für die Zugfahrt nach Los Angeles.

Die Einschiffung in Rotterdam ist für den 18. Mai 1940 vorgesehen, eine Woche nach Kurt Gerrons 43. Geburtstag. Aber am 14. Mai zerbombt die deutsche Luftwaffe die Stadt und den alten Hafen. Die Veendam wird getroffen, und es fahren auch keine anderen Schiffe mehr nach Amerika.

Notgedrungen ziehen die Gersons nach Amsterdam. Dort darf Kurt Gerron nur noch in der von Hollandse Schouwburg auftreten, die jetzt „Joodsche Schouwburg“ genannt wird. Er freundet sich mit dem ebenfalls nach Amsterdam emigrierten deutschen Schauspieler Otto Wallburg an.

Otto Burschatz überrascht sie 1941 mit einem Besuch. Er hat in Amsterdam zu tun, weil Hans Steinhoff hier den Film „Rembrandt“ dreht. Der Requisiteur hat gehört, dass Heinz Rühmann für ein paar Tage nach Amsterdam kommen wird, um seine Frau Hertha Feiler zu besuchen, die in „Rembrandt“ die Rolle der Saskia van Rijn spielt.

Dieser Besuch war unsere Chance. Vielleicht die letzte. Heinz Rühmann war ein Kumpel. Vom Wallburg und von mir.

Heinz Rühmann ist eng mit dem nach Amsterdam emigrierten Schauspieler Otto Wallburg befreundet, und mit Kurt Gerron zusammen drehte er mehrere Filme. Es heißt, Hitler schwärme für ihn, und Joseph Goebbels zähle ihn zu seinen Freunden. Otto Burschatz hat den für den Minister gedrehten Geburtstagsfilm mit Heinz Rühmann und den Goebbels-Kindern Hedda und Holde und Heide und Giechel und Niezel und Grumpie gesehen. Heinz Rühmann hatte sich 1938 von seiner jüdischen Ehefrau Maria Bernheim scheiden lassen und im Juli 1939 Hertha Feiler geheiratet. Kurt Gerron und Otto Wallburg sind überzeugt, dass sich ihr gemeinsamer Freund bei Joseph Goebbels für sie einsetzen werde, und sie hoffen, dass ihnen dann ohne Aufhebens die Ausreise nach Spanien erlaubt wird. Von dort wollen sie weiter nach Amerika. Otto Burschatz vermittelt eine heimliche Verabredung der beiden Emigranten mit Heinz Rühmann. Das Treffen soll am letzten Abend des Stars in Amsterdam stattfinden. Die Wirtin Frida Geerdink lässt dafür eigens eine Hintertüre ihres Lokals unverschlossen. Kurt Gerron und Otto Wallburg warten stundenlang, bis gegen halb drei Uhr nachts Otto Burschatz kommt und ihnen mitteilt, dass Heinz Rühmann es sich anders überlegt habe und das Risiko nicht eingehen wolle.

Zwei Jahre später steht Kurt Gerron auf der Bühne der Schouwburg, als hinter den Kulissen ein Trupp SS auftaucht. Der Anführer hält seine Männer jedoch an und legt den Finger an die Lippen, um die Vorstellung nicht zu stören.

Was ein echter Deutscher ist, ehrt die Kultur. Er wartete sogar den Schlussapplaus ab. Erst dann erklärte er das Theater für geschlossen. Die Schouwburg, sagte er, würde ab sofort als Sammelstelle dienen. Für all die Juden, die sich freiwillig zum Arbeitseinsatz in Deutschland gemeldet hätten. Drei Lügen in einem Satz.

Nach der Schließung des Theaters wird Kurt Gerron als Mitarbeiter des Judenrats weiter in dem Gebäude eingesetzt. Er sieht, wie seine Eltern sich in der Sammelstelle melden und noch am selben Tag weggebracht werden. Erst später wird er erfahren, dass man sie vom Durchgangslager Westerbork ins polnische Vernichtungslager Sobibor verschleppte und dort ermordete.

Eine junge Frau namens Margreet Hijmans wendet sich in der Schouwburg an ihn und bittet ihn, ihrem getrennt von ihr in einer Kinderkrippe festgehaltenen fünf Monate alten Sohn Louis ein Stofftier zu bringen. Als sie mit ihrem Sohn zusammen deportiert werden soll, spielt Kurt Gerron ihr unbemerkt eine Puppe aus den Requisiten zu, die sie wie einen Säugling eingewickelt auf den Arm trägt, während sie sich in die Schlange für den Transport einreiht. Durch dieses Täuschungsmanöver ermöglicht sie es, dass Louis aus der Kinderkrippe geschmuggelt und von einer niederländischen Familie aufgenommen wird.

Kurt Gerron und Olga Gerson sind unter den letzten Juden, die von der Schouwburg nach Westerbork gebracht werden. Dort trägt der Kabarettist, Schauspieler und Filmregisseur Max Ehrlich mit anderen Gefangenen zusammen Songs und Sketche vor, und zwar immer dienstags, nach der Abfahrt des wöchentlichen Zugs nach Osten. Kurt Gerron darf dabei mitmachen, ebenso wie der Kabarettist und Komponist Willy Rosen und die Schauspielerin Camilla Spira, die ihre Deportation in ein Vernichtungslager verhindern kann, indem sie behauptet, der Jude Fritz Spira sei nicht ihr leiblicher Vater. Ihre Mutter bestätigt daraufhin, dass Camilla von einem arischen Liebhaber gezeugt worden sei.

Worauf ihre Tochter noch schneller arisiert wurde als Papas Firma.

Für Kurt Gerron hat der Lagerkommandant Albert Konrad Gemmeker eine besondere Verwendung. Er lässt ihn mit entsprechenden Berechtigungsscheinen ausstatten und schickt ihn nach Ellecom bei Dieren-Doesburg. Seine Aufgabe ist es, bei der Geburtstagsfeier des Hauptsturmführers Alfons Brendel, der dort das Schulungslager für niederländische SS-Leute leitet, die Moritat vom Mackie Messer aus der „Dreigroschenoper“ zu singen. Der Oberscharführer, der ihn vom Zug abholt, ist ein früherer Bekannter. Kurt Gerron kennt nur seinen Vornamen: Korbinian. Nun ist er hier Ausbilder. Arglos lässt er Kurt Gerron dabei zusehen, wie er Auszubildende zusammenschlägt und Hunde auf Gefangene hetzt.

Natürlich, Korbinian prügelt auch, aber doch nur rein dienstlich. Zu Ausbildungszwecken. Einfach so ohne Auftrag drauflos zu schlagen, das käme ihm nie in den Sinn. Das hat doch keine Ordnung.

Im Februar 1944 werden Kurt Gerron und Olga Gerson aufgefordert, sich für den Abtransport nach Osten bereitzuhalten. Dass sie sich nicht in einen Viehwaggon setzen müssen, sondern in ein Zugabteil dritter Klasse, lässt sie hoffen, nicht sofort nach Auschwitz oder in ein anderes Vernichtungslager deportiert zu werden. Tatsächlich bringt man sie – wie andere prominente Juden auch – nach Theresienstadt im „Protektorat Böhmen und Mähren“. Am 26. Februar treffen sie dort ein.

Ich bin ein A-Prominenter. Eine große Nummer. XXIV/4-247.

Immerhin schlafen Privilegierte wie Kurt Gerron und seine Frau in einem Stockbett in einem Kumbal statt in einem Massenquartier.

Im Rahmen der „Freizeitgestaltung“ – „ein Ghettowort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen muss“ – gründet Kurt Gerron das Kabarett „Karussell“. Er tut es, obwohl Gesangsdarbietungen, Theateraufführungen, Vorträge und Konzerte nicht organisiert werden, um den Gefangenen eine Freude zu machen, sondern um die Meldungen des Lagerkommandanten Obersturmführer Karl Rahm zu schmücken. Als er mit Anny Frey zusammen den zugewiesenen Dachboden in Augenschein nehmen will, kriegen sie die Türe kaum auf, weil dahinter fünf Verdurstete am Boden liegen, offenbar Geisteskranke, die sich verlaufen hatten und dann versehentlich eingesperrt worden waren. Kurt Gerron und Anny Frey holen Blinde, die ihnen helfen, die Leichen über die Treppe hinunter zu transportieren und am Straßenrand abzulegen. Wichtig ist ihnen nur, dass die geplante Aufführung rechtzeitig beginnen kann.

Am 16. April 1944 wird Kurt Gerron alarmiert: „Kommen Sie schnell, Gerron! Ihre Frau will sich umbringen.“ Olga klettert an der Fassade eines Hauses herum, und man befürchtet, sie werde sich in selbstmörderischer Absicht in die Tiefe stürzen. Ausgerechnet am 20. Hochzeitstag! So schnell er kann, keucht Kurt Gerron im Treppenhaus nach oben, aber da kommt ihm Olga lächelnd entgegen und streckt ihm das Taubennest entgegen, das sie aus der Dachrinne geholt hat. Weil sie ihm bei seinem allerersten Besuch in ihrem Zimmer, 1923 in Hamburg, lediglich Spiegeleier vorsetzen konnte, haben sie alle ihre Hochzeitstage mit Spiegeleiern gefeiert. In Theresienstadt gibt es jedoch kaum etwas anderes als Brot und Suppe. Kurt Gerron ließ deshalb von dem Künstler Jo Spier einen Teller mit Spiegeleiern zeichnen – und Olga besorgte Taubeneier.

Unerwartet befiehlt Obersturmführer Karl Rahm dem Gefangenen Kurt Gerron im Beisein des Judenältesten Eppstein, einen Film zu drehen.

Rahm will, dass ich einen Film über Theresienstadt drehe. Nicht über das Theresienstadt, in dem ich eingesperrt bin. Über das Theresienstadt, das sie der Welt zeigen wollen.

In ein Potemkinsches Dorf ließ der Kommandant Theresienstadt bereits für eine Besichtigung von Vertretern des Roten Kreuzes und der dänischen Regierung am 23. Juni 1944 verwandeln. Dafür hatte man das Lager monatelang vorbereitet und wegen der Überfüllung 7500 Menschen ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Schön geschnitzte und bunt bemalte Wegweiser waren aufgestellt worden.

Zum Kaffeehaus. Zum Park. Zum Spielplatz. Als ob irgendwer in Theresienstadt einen Wegweiser braucht. Zur Entlausungsstation. Zur Latrine. Zum Zug nach Auschwitz.

Die Besucher ließen sich täuschen und waren beeindruckt.

Dass all die netten Einrichtungen, die man ihnen gezeigt hat, die Apotheke, die Metzgerei, der Musikpavillon, dass das alles nur Kulissen waren, nur für diesen einen Tag hingestellt, auf die Idee sind sie überhaupt nicht gekommen.

Für eine größere Öffentlichkeit soll nun Kurt Gerron einen „Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ mit dem Titel „Theresienstadt“ drehen, also das Drehbuch schreiben und dann die Spielleitung übernehmen.

In der Hölle sitzen und vom Paradies erzählen.

Was wäre ich für ein Mensch, wenn ich das täte? Ein Mensch, der nicht nach Auschwitz geschickt wird.

Ich habe gelernt, ohne Freiheit zu leben. Ohne Hoffnung. Warum, verdammt noch mal, fällt es mir so schwer, es ohne Gewissen zu tun?

„Den Rest meines Lebens müsste ich mich dafür schämen“, sagt er zu seiner Frau Olga.
„Wie lang ist der Rest deines Lebens, wenn du dich weigerst?“, fragt sie zurück.

Wer unter die Wölfe fällt, muss mit ihnen heulen. Kantaten singen bringt da nichts.
Wer in Rahms Gewalt ist, muss seine Filme für ihn drehen.

Während Kurt Gerron noch überlegt, ob er sich weigern soll, den Propagandafilm zu drehen, drängt ihn der Arzt Dr. Springer, seine für den nächsten Zug nach Auschwitz eingeteilte 29-jährige Operationsschwester Hertha Ungar zu retten, indem er sie auf die Liste der Darsteller setzt. Kurt Gerron stürmt in das Büro des Judenältesten und schreit, er könne diesen Film nicht machen. Eppstein erbleicht.

„Aber Rahm …“ In seiner Aufregung vergaß er für einmal den korrekten Titel, holte das aber gleich wieder nach. „Was soll ich denn Herrn Obersturmführer Rahm sagen?“
„Dass ein Regisseur unter diesen Umständen nicht arbeiten kann. Nicht wenn ihm der Judenälteste Knüppel zwischen die Beine wirft.“

Er weist darauf hin, dass in dem Film die gute medizinische Versorgung in Theresienstadt gezeigt werden müsse und er deshalb eine Szene für Dr. Springer und dessen Operationsschwester ins Drehbuch geschrieben habe. Eppstein fällt auf die Argumentation herein und sorgt dafür, dass Hertha Ungars Name auf der Transportliste durch den einer anderen Frau ersetzt wird.

Kurt Gerron verfügt nun über ein Büro und eine Sekretärin. Sie heißt Olitzki. Am 16. August 1944 beginnen die Dreharbeiten.

Ich spiele Kurt Gerron.

Inszeniert habe ich immer. Es ist mir wohl angeboren.

Das Lügen in Bildern habe ich bei der Ufa gelernt.

Immer wieder sieht er sich mit unerwarteten Schwierigkeiten konfrontiert. Beispielsweise will er vergnügte Menschen beim Schwimmen filmen. Aber in ganz Theresienstadt gibt es keine Badeanzüge. Wozu auch?

Obwohl der Drehplan für die folgende Woche bereits genehmigt wurde, sagt der Judenälteste unvermittelt die Dreharbeiten ab. Warum? Das fragt Kurt Gerron vergeblich. Ist man mit seiner Arbeit nicht zufrieden? Dann erfährt er auch noch, dass Frau Olitzki mit ihrem Mann nach Auschwitz geschickt wurde, und Gerron muss sich am nächsten Morgen um 7.30 Uhr in einer Baracke zum Arbeitseinsatz melden. Schließlich lässt Eppstein ihn holen.

„Sie haben sich wichtig genommen, Gerron“, sagt er. „In Theresienstadt ist das immer ein Fehler. Hier sind Sie kein berühmter Regisseur und kein berühmter Schauspieler.“

„Ihre Selbstüberschätzung hat Schwierigkeiten verursacht. Also musste ich das korrigieren.“
Er hat Frau Olitzki auf die Transportliste gesetzt, sie und ihren Mann, um mir eine Lektion zu erteilen.

Der eigentliche Grund für die Unterbrechung der Dreharbeiten ist, dass Seidenraupen-Kokons aus Italien besorgt werden sollen. Weil Seidenraupen ein Steckenpferd des Reichsführers-SS Heinrich Himmler sind, will man in dem Film eine erfolgreiche Seidenraupen-Zucht präsentieren.

Bei den weiteren Einstellungen führt Karel Pečený von der Prager Wochenschau-Gesellschaft Aktualita Regie. Kurt Gerron ist nur noch als Assistent eingeteilt, versucht jedoch bei jeder Gelegenheit seine Überlegenheit zu beweisen. So lässt er die Kokons beispielsweise in einem kleinen Korb sammeln, der rasch voll wird – und dann in einem größeren, dem anderen ansonsten gleichenden Korb wegtragen. Elias Gundermann mimt einen Kunden, der in einem angeblich in Theresienstadt existierenden Bekleidungsgeschäft einkauft und sich freut, als er ein wie angegossen passendes Jackett findet. Dabei hat er sich zuvor eigens geschneidert. In einer anderen Einstellung fordert Kurt Gerron Kinder auf, in Butterbrote zu beißen und verhindert auf diese Weise, dass sie ihnen nach dem Dreh weggenommen werden. Seine Raffinesse beweist er in einer Szene, die dokumentieren soll, dass es in Theresienstadt keinen Mangel an Lebensmitteln gibt. Sie spielt am Esstisch der angeblich glücklichen Familie Kozower. Gerron setzt Professor Cohen und dessen Ehefrau dazu, als wären sie die Großeltern der Kinder. Wer Kozower und Cohen kennt – und das sind nicht wenige – wird durchschauen, dass es sich nicht um eine Dokumentation handelt.

Hertha Ungar wird 48 Stunden nach dem Dreh der Operationsszene im Krankenhaus erneut auf die Transportliste gesetzt und diesmal nicht mehr gestrichen. Eppstein hat sie nicht vergessen. Aber er wird schließlich selbst abgeführt und erschossen. Damit verlieren die mühsam aufgebauten Beziehungen zu ihm ihren Wert.

Als alle Einstellungen gedreht sind, wartet Kurt Gerron darauf, dass er zum Schneiden des Films abkommandiert wird. Er will sich damit große Mühe geben und Zeit nehmen, denn er hat gehört, dass die Amerikaner bereits Trier erobert haben und hofft, die Befreiung zu erleben. Um vorbereitet zu sein, wenn er gerufen wird, erarbeitet er auf 52 Seiten einen Schnittplan, wobei er die 1148 Einstellungen nur im Kopf abspulen kann.

Ende Oktober werden Kurt Gerron und Olga Gerson für den Transport nach Auschwitz eingeteilt. Dass ihre Namen auf der Liste stehen, hält er für einen Irrtum, denn er muss doch noch den Film schneiden. Wer soll das sonst machen? Niemand außer ihm hat den Überblick.

Am 28. Oktober 1944 klettern Kurt Gerron und Olga Gerson wie 998 andere Menschen in einen der Viehwaggons eines Zuges, der sie nach Auschwitz transportiert. Dort werden sie zwei Tage später vergast.

Mit dem Schnitt von „Theresienstadt. Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ wird der Kameramann Ivan Frič von der Prager Wochenschau-Gesellschaft Aktualita in Prag beauftragt.

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Charles Lewinsky scheint sich intensiv mit der Lebensgeschichte des Schauspielers und Regisseurs Kurt Gerron beschäftigt zu haben, aber statt eine sachliche Biografie über ihn zu schreiben, hat er sich für eine künstlerische Darstellung entschieden und es vorgezogen, in dem Roman „Gerron“ Fakten und Fiktion zu verschmelzen.

Die Handlung setzt im Sommer 1944 ein, als der Gefangene Kurt Gerron in Theresienstadt den Auftrag bekommt, das Drehbuch für einen Propagandafilm zu schreiben und dann auch die Spielleitung zu übernehmen. Sie endet, als Kurt Gerron und seine Frau Olga Ende Oktober 1944 in einen Waggon des Zuges klettern, der sie nach Auschwitz bringen wird. In den Wochen dazwischen arbeitet Kurt Gerron an „Theresienstadt“, einem „Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“, und erinnert sich an seine Kindheit, die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, die erfolgreiche Künstlerkarriere und die Emigration, denn er versucht herauszufinden, wer er hinter all den Rollen ist, die er spielte und noch spielt. Dieser Rückblick auf den Selbstbetrug soll ihm auch die Frage beantworten, warum er den verlogenen Propagandafilm dreht.

Die Erinnerungen setzen sich im Verlauf der Lektüre zu einem Panorama der Zeit vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg zusammen, vor dessen Hintergrund Charles Lewinsky Kunstschaffende wie Bertolt Brecht, Magda Schneider, Marlene Dietrich, Peter Lorre und Heinz Rühmann ins – zumeist nicht sehr vorteilhafte – Licht rückt.

Charles Lewinsky wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Virtuos kontrastiert er die grausame Wirklichkeit im Krieg, in der „Joodsche Schouwburg“, in Westerbork, Ellecom und Theresienstadt mit Szenen aus einer gutbürgerlichen Familie bzw. einem erfolgreichen Künstlerleben.

Des Öfteren malt der Ich-Erzähler sich in der Erinnerung eine Episode so aus, wie er sie gewünscht hätte – und schildert dann, was wirklich geschah.

Dass die Ich-Perspektive in dem Roman „Gerron“ nicht mit Distanzlosigkeit einhergeht, verhindert Charles Lewinsky, indem er den Protagonisten aus großem zeitlichen Abstand und radikal veränderten Lebensverhältnissen zurückblicken lässt. Dabei reiben sich zugleich die sprachliche Brillanz und die auf Pointen abhebende Erzählweise des Berliner Kabarettisten, der Sarkasmus des desillusionierten Lagerhäftlings und die realistische Inszenierung der Kriegs- und Lagerszenen.

Wann formuliert der Ich-Erzähler den Text? Eigentlich könnte dies erst nach seinem Abtransport aus Theresienstadt geschehen. Aber in den zwei Tagen bis zu seiner Ermordung in Auschwitz wird er kaum Gelegenheit dafür haben. Das macht die Konstruktion mit dem Ich-Erzähler ein wenig fragwürdig. Charles Lewinsky lässt einfach offen, unter welchen Umständen der Ich-Erzähler sich äußert.

Wie vor allem bei Komödien über den Holocaust, lässt sich auch bei einem Roman wie „Gerron“ die Frage stellen, ob dieses unvergleichliche Verbrechen fiktionalisiert werden darf. Aber in dem eindrucksvollen Roman „Gerron“ stellt Charles Lewinsky die Realität so intensiv dar, wie sie in einer wissenschaftlichen Biografie gar nicht möglich wäre. Und eine objektive Wahrheit ist ohnehin nicht greifbar. Das legitimiert den literarischen Ansatz, zumal bei einer meisterhaften Ausführung wie in dem Roman „Gerron“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag

Kurt Gerron (Biografie)

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