Ian McEwan : Die Kakerlake

Die Kakerlake
The Cockroach Jonathan Cape, London 2019 Die Kakerlake Übersetzung: Bernhard Robben Diogenes Verlag, Zürich 2019 ISBN 978-3-257-07132-0, 132 Seiten ISBN 978-3-257-69331-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine in den britischen Premierminister und seine Ministerriege verwandelte Schar von Kakerlaken erreicht mit Fake News und falschen Versprechungen, Verleumdungen und parlamentarischen Tricks, dass der in einem Referendum beschlossene, aber umstrittene Reversialismus durchgesetzt wird. Dabei wissen die Manipulatoren, dass sie das Land in den Abgrund stürzen ...
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Kritik

Mit der unausgegorenen Politsatire "Die Kakerlake" hat Ian McEwan offenbar seinem Zorn über den Brexit-Irrsinn ein Ventil verschafft. Unterhaltsam und lesenswert an der aus der Sicht des Protagonisten Jim Sams entwickelten Geschichte sind vor allem die Passagen, in denen der Politiker-Sprech vorgeführt wird.
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Die Verwandlung der Kakerlake

Eines Morgens erwacht eine am Vorabend vom Palace of Westminster, dem Sitz des Parlaments in London, zur Wohnung des Premierministers James („Jim“) Sams in 10 Downing Street gelaufene Kakerlake in dessen Gestalt. Sobald sie gelernt hat, sich wie ein Mensch zu bewegen, feuert sie den Sonderberater des Regierungschefs. (Er wird bald darauf erhängt in seinem Haus in Ilford gefunden.) Bei der an diesem Morgen stattfindenden Kabinettssitzung spürt Jim Sams, dass mit Ausnahme des Außenministers Benedict St John alle Ressortchefs ebenfalls Kakerlaken in Menschengestalt sind. Sie haben eine geheime Mission.

Der Reversalismus

Es geht darum, den in einem Referendum beschlossenen Reversalismus endlich ohne Wenn und Aber durchzusetzen.

Der Premierminister, der das Referendum angesetzt hatte, war gleich danach zurückgetreten und von der Bildfläche verschwunden.

Der echte Jim Sams bekannte sich zwar zum Reversalismus, hatte aber Bedenken. Und bei der jüngsten Meinungsumfrage zeigte sich, dass auch die Bevölkerung zaudert.

Da herrscht eine allgemeine Verunsicherung bei diesem Thema. Schleichende Angst vor dem Unbekannten, Besorgnis darüber, wofür sie gestimmt, was sie entfesselt haben.

Weil es im Parlament keine Mehrheit für das Reversalismus-Gesetz gab, wurde es vertagt, aber die in Jim Sams verwandelte Kakerlake will es am 19. Dezember erneut im Abgeordnetenhaus einbringen und bis dahin alles tun, um die Abstimmung zu gewinnen. R-Day ist dann der 25. Dezember.

An diesem Tag wird der Geldfluss umgedreht: Beim Einkaufen zahlt der Kunde keinen Preis, sondern erhält den ausgeschilderten Betrag zusammen mit der Ware. Das Geld benötigt man dann, um den Arbeitgeber zu bezahlen. Es zu horten, steht unter Strafe.

In seiner Regierungserklärung sagt Jim Sams vor dem Parlament:

Reversalismus wird der Segen unserer Zukunft sein – einer sauberen, grünen, wohlhabenden, einigen, souveränen und ambitionierten Zukunft. Wenn wir uns – gemeinsam – mit jeder Faser unseres Körpers auf diese Aufgabe konzentrieren, werden die lähmende Erblast der Vorwärtsökonomie und ihre gigantische, unternehmensfeindliche Bürokratie mitsamt ihren behindernden Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften abgeschafft werden, für uns alle, für jeden Einzelnen von uns. Und schon sehr bald werden sie auch für alle Nationen dieser Erde abgeschafft sein. Wir stehen am Beginn eines goldenen Zeitalters.

Solange sich der Rest der Welt nicht dem Reversalismus anschließt, wird er eben nur im Vereinigten Königreich praktiziert (Reversalism in One Country, ROC), auch wenn Handelsbeziehungen zwischen Rück- und Vorwärtsdrehern schwierig sind. Jim Sams verspricht, rasch einen entsprechenden Handelsvertrag mit dem US-Präsidenten Archie Tupper abzuschließen. Das werde China und die anderen Staaten zwingen, die Wirtschaftsrevolution mitzumachen. Auf diese Weise, meint Jim Sams, werde sich Großbritannien zum Knotenpunkt eines globalen Geflechts von Handelsverträgen entwickeln.

Er ruft Archie Tupper an. Seine Absicht ist es, dem US-Präsidenten auszumalen, mit wie vielen Milliarden Dollar er sich allein durch den Rückfluss des US-Verteidigungshaushalts persönlich bereichern könnte, wenn er bei dem Projekt mitmachen würde.

Am anderen Ende der Leitung hörte Jim im Hintergrund Schreie und Schüsse und das Wiehern vieler Pferde, dann ein plötzlicher Szenenwechsel, mächtige Orchestermusik mit Streichern und Waldhörnern, die eine weite Wüstenlandschaft, Kakteen und hohe Felsen heraufbeschworen. Er suchte nach einem sicheren Smalltalk-Thema: „Wie geht’s Mel-?“
Doch der Präsident unterbrach ihn. „Was gibt’s Neues bei …, Sie wissen schon, Ihrem Revengelismus-Projekt?“

Fake News und Verleumdungen

Dass ein englisches Fischerboot, das illegal in französischem Gewässer unterwegs war, von einem französischen Kriegsschiff im Nebel übersehen und versehentlich gerammt wurde, kommt Jim Sams gelegen. Die sechs dabei ums Leben gekommenen Fischer stilisiert er zu Helden und den Franzosen wirft er einen aggressiven Akt vor, obwohl es sich eindeutig um einen Unfall handelte.

In schwierigen Zeiten wie diesen brauchte das Land einen verlässlichen Feind.

Um den Außenminister Benedict St John herum bildet sich eine Verschwörergruppe innerhalb der eigenen Partei. Um diese „Vordreher“ auszuschalten, entwirft der Premier einen Zeitungsartikel, den die Ministerin Jane Fish dann unter ihrem Namen lanciert. Darin bezieht sie sich auf die Zeit vor 15 Jahren, als St John Arbeitsminister war und sie seine persönliche Parlamentsreferentin. Er habe sie unangemessen berührt und mit obszönen Anspielungen sexuell belästigt, lügt sie. Wie von Jim Sams beabsichtigt, fühlt sich der Minister zum Rücktritt gezwungen.

Die Abstimmung

Bei der Rückfahrt von einem Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin zum Flughafen Tegel erhält Jim Sams einen Anruf des Chef Whip seiner Partei. Obwohl der Einpeitscher Abweichlern damit gedroht hat, sie von der Kandidatenliste zu streichen, fehlen 20 Stimmen für eine Mehrheit bei der Abstimmung über das Reversalismus-Gesetz am 19. Dezember.

Daraufhin setzt sich Jim Sams erneut mit Archie Tupper in Verbindung, und der US-Präsident bringt einen Geschäftsfreund dazu, kurzfristig für den 18. Dezember eine Konferenz in einem Tupper-Hotel in Washington einzuberufen, zu der auch 40 Parteifreunde des britischen Premierministers eingeladen werden. In solchen Fällen sind in London Pairing-Absprachen üblich: Für jeden verhinderten Abgeordneten der einen Partei bleibt auch einer der Opposition der Abstimmung fern. Während des Banketts am Ende der Konferenz in Washington werden die 40 Briten von ihrem Chef Whip jedoch mit der Begründung zurückgerufen, die Opposition habe die Pairing-Vereinbarung in Frage gestellt.

Bei der Abstimmung am 19. Dezember fehlen die Pairing-Partner der Konferenz-Teilnehmer vereinbarungsgemäß. Mit diesem Trick gewinnt Jim Sams die Abstimmung, und er verteidigt dann das Vorgehen:

Deshalb war es völlig richtig, die Abgeordneten aus Washington zurück ins Unterhaus zu holen, schließlich ging es um eine Angelegenheit von entscheidender nationaler Bedeutung. Die Opposition muss natürlich Zeter und Mordio schreien. Das ist ihre Aufgabe.

Mission Completed

Wie vorgesehen, tritt das Reversalismus-Gesetz am 25. Dezember in Kraft. Am 2. Januar, dem neuen Reversalismus-Feiertag – und Jim Sams‘ Geburtstag – leitet die in den Premier verwandelte Kakerlake eine letzte Kabinettssitzung und erklärt den Mitverschwörern:

Immer, wenn die Dunkelheit in [den Menschen] überhand nahm, gediehen wir. Gaben sie Armut, Schmutz und Elend Raum, wurden wir stärker. Und nach vielen Qualen, zahllosen Versuchen und Irrwegen haben wir die Voraussetzungen für solchen menschlichen Niedergang begriffen. Krieg und die globale Erwärmung natürlich, in Friedenszeiten starre Hierarchien, die Konzentration von Wohlstand auf wenige, tiefreichender Aberglaube, Gerüchte, Spaltung der Gesellschaft, Argwohn gegen die Wissenschaft, gegen Intellektuelle, gegen Fremde und gegen sozialen Zusammenhalt. […] Und jetzt ist es meine Hoffnung und feste Überzeugung, das wir die Voraussetzungen für eine Renaissance geschafften haben. Sobald der Reversalismus, dieser seltsame Wahn, die menschliche Bevölkerung in Armut stürzt, was notwendigerweise geschehen muss, werden wir gedeihen.

Danach verwandeln sich der Premier und die Minister wieder in Kakerlaken. Auf dem Rückweg zum Palace of Westminster wird eine von ihnen von einem Müllauto überfahren.

Er lag auf dem Rücken, jetzt wahrlich zweidimensional. Unter seinem Panzer quoll eine dicke, gelbweißliche Substanz hervor, eine begehrte Delikatesse. An diesem Abend würde es ein Heldenbankett geben.

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Der Protagonist – aus dessen Sicht alles erzählt wird – heißt James („Jim“) Sams. Das klingt ähnlich wie Gregor Samsa. Während sich jedoch in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ ein Mensch in einen Käfer verwandelt, ist es hier umgekehrt: Da werden Kakerlaken vorübergehend zu Politikerinnen und Politikern. Außer diesem Auftakt verbindet allerdings nichts „Die Verwandlung“ und „Die Kakerlake“.

Mit der Politsatire „Die Kakerlake“ hat Ian McEwan offenbar seinem Zorn über den Brexit-Irrsinn ein Ventil verschafft. Da stürzt eine in den Regierungschef und seine Ministerriege verwandelte Schar von Kakerlaken mit Fake News und falschen Versprechungen, Verleumdungen und parlamentarischen Tricks das Vereinigte Königreich in den Abgrund. Mit dem skrupellosen Manipulator an der Spitze der Regierung ist unverkennbar Boris Johnson gemeint.

Die Absurdität des Brexit übertrumpft Ian McEwan mit einem noch schlimmeren Wahnsinn. Dass er dabei die Brexiteers mit Mensch gewordenen Kakerlaken in Bezug setzt, ist nicht besonders feinfühlig. Überhaupt wirken Zynismus und Sarkasmus in „Die Kakerlake“ eher platt und grobschlächtig. Schlimmer noch ist, dass es der hanebüchenen Handlung an innerer Logik fehlt und man beim Lesen über Ungereimtheiten stolpert. „Die Kakerlake“ ist unausgegoren, mehr eine Fingerübung als ein durchkomponiertes Buch.

Unterhaltsam und lesenswert an der aus der Sicht des Protagonisten entwickelten Geschichte sind vor allem die Passagen, in denen der Politiker-Sprech vorgeführt wird.

„Die Kakerlake“ wird als Roman beworben, in der Vorbemerkung ist von einer Novelle die Rede, und tatsächlich handelt es sich eher um eine Erzählung.

„Die Kakerlake“ von Ian McEwan gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Burghart Klaußner (ISBN 978-3-257-80415-7).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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