Don Winslow : City in Ruins

City in Ruins
City in Ruins William Morrow, New York 2024 City in Ruins Übersetzung: Conny Lösch HarperCollins, Hamburg 2024 ISBN 978-3-365-00566-8, 447 Seiten ISBN 978-3-7499-0688-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Danny Ryan löst sich aus Mafia-Kreisen und sorgt als seriöser Geschäftsmann in Las Vegas für eine Zeitenwende. Die Machtverhältnisse in Las Vegas sind ausgewogen, bis Dannys Konkurrent Vern Winegard nach einer weiteren Immobilie greift. Danny schnappt sie ihm weg, aber keiner der beiden Unternehmer ist an einer Eskalation des Konflikts interessiert. Für einen neuen Bandenkrieg nach altem Mafia-Muster sorgen die Männer in der zweiten Reihe.
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Kritik

Mit "City of Ruins" beendet Don Winslow seine mit "City on Fire" und "City of Dreams" begonnene Trilogie über Danny Ryan. Wieder hat er sich komplexe Abläufe und Zusammenhänge ausgedacht, die er über mehr als 100 Kapitel hinweg ebenso souverän wie stringent entwickelt. Sein Wissen über die Gepflogenheiten in den Kreisen des organisierten Verbrechens ist erstaunlich. Don Winslows Sprache wirkt rhythmisch, präzise, knapp und schnörkellos.
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Zeitenwende

Daniel („Danny“) Ryan verließ 1988 Rhode Island und hat inzwischen in Las Vegas ein Casino-Imperium aufgebaut. Sein Sohn Ian, der jetzt, im Juni 1997, seinen zehnten Geburtstag feiert, wuchs ohne Mutter auf, denn Teresa („Terri“) war in Rhode Island an Brustkrebs gestorben. Madeleine McKay, Ians verwitwete Großmutter, ist für ihn zu einer wichtigen Bezugsperson geworden.

Auch Dannys zweite große Liebe, die Filmschauspielerin Diane Darson, ist tot. Seit einiger Zeit pflegt er eine Liebesbeziehung mit der jüdischen Psychologie-Professorin Eden Landau, die nach ihrer gescheiterten Ehe von New York nach Las Vegas umgezogen ist. Aber Danny und Eden sind sich nicht sicher, ob sie eine gemeinsame Zukunft haben und treffen sich nur heimlich.

Dannys Unternehmen, die Tara Group, gehört offiziell zwei Bauunternehmern aus Missouri: Dom Rinaldi und Jerry Kush. Er selbst tritt als Geschäftsführer auf. Von Anfang an hat er nicht wie andere Casino-Betreiber auf die Zielgruppe der Automatenzocker aus der Mittelschicht gesetzt. Danny wurde mit dem Casino „Shores“ zur Legende, weil er nicht mit billigem Glücksspiel, sondern mit mondänem Hotelbetrieb das meiste Geld verdient. Sein neuer Ansatz leitete eine Zeitenwende in Las Vegas ein.

Während Danny mit Tara im Süden von Las Vegas dominiert und auf der anderen Seite des Strip Barry Levine drei Mega-Hotels betreibt, gehören die besten Casinos im Norden Vern Winegard. Aber die Zeiten der Mafia und der Bandenkriege sind vorbei; die Konkurrenten besprechen sich regelmäßig.

Traumhotel

Diese Balance droht nun (1997) aus dem Gleichgewicht zu kommen, weil Vern Winegard das in der Mitte von Las Vegas, also zwischen den beiden Einflusszonen liegende „Lavinia“ kaufen will, ein 1958 gebautes Casino, mit dessen Besitzer George Stavros er sich bereits geeinigt hat.

Als die Vertragsunterzeichnung nur noch eine Frage von Tagen ist, sucht Danny den Verkäufer auf und bietet ihm für die Immobilie nicht nur 100 Millionen Dollar wie Vern Winegard, sondern außerdem 10 Millionen für die Lavinia Stavros gewidmete Abteilung für Brandverletzungen im Kinderkrankenhaus. Lavinia, die Tochter von George und Zina Stavros, starb im Alter von sieben Jahren. Weil ihr Vater damals dem Schutzgelderpresser Benny Luna nicht nachgegeben hatte, warf dieser eine Brandbombe durchs Fenster – und das Kind kam dadurch ums Leben. Der damalige Mafiapate Pasco Ferri beauftragte daraufhin Marty Ryan, Benny Luna zu töten – und Dannys Vater rächte Lavinias Ermordung.

Nach dem Abriss des alten Casinos will Danny ein Traumhotel bauen, das „Il Sogno“. Um die erforderliche Milliarde aufzubringen, geht die Tara Group an die Börse.

Feindliche Übernahmeversuche

Vern Winegard würde sich wohl mit den neuen Gegebenheiten abfinden, aber Dannys Expansionspläne stacheln Regina („Reggie“) Moneta dazu an, endlich die Tötung ihres Liebhabers Philip Jardine zu rächen. Danny hatte den korrupten FBI-Agenten im Dezember 1988 in Rhode Island im Duell erschossen.

Nun fliegt die stellvertretende Leiterin der Abteilung für Organisierte Kriminalität des FBI nach Las Vegas und trifft sich mit Jim Connelly, dem ehemaligen Leiter des dortigen FBI-Büros. Der ist zwar im Ruhestand, betätigt sich aber noch als Winegards Security-Chef. Und Reggie bringt ihn dazu, den Unternehmer aufzurütteln, damit er sich gegen Danny wehrt.

Statt mit Vern Winegard zu reden, streut Jim Connelly das Gerücht, dass Danny damit prahle, seinen Konkurrenten verarscht zu haben. Als Vern Winegard das hört, fängt er gemeinsam mit Verbündeten an, im großen Maßstab Tara-Aktien zu kaufen. Danny schnappte ihm zwar das Lavinia weg, aber nun droht seinem gesamten Unternehmen eine feindliche Übernahme.

Nur einer kann Danny helfen: Abe Stern. Der war sowohl mit Dannys Vater Marty Ryan als auch seinem Schwiegervater John Murphy befreundet. Aber der jüdische Multimilliardär meidet seit Jahrzehnten Las Vegas und hat sich an den Lake Tahoe zurückgezogen. Obwohl er nicht beabsichtigt, seine Haltung zu ändern, empfängt er aus Freundschaft mit Madeleine McKay deren Sohn. Sein Enkel Joshua („Josh“), der nach dem frühen Krebstod seines Vaters Daniel Stern bei ihm aufwuchs und dann in Harvard Wirtschaftswissenschaften studierte, befürwortet das Engagement in Las Vegas, zumal er Dannys Plan, ein Traumhotel für Superreiche zu bauen, für zeitgemäß und erfolgversprechend hält.

Abe Stern lehnt Dannys Bitte ab, aber mitten in der Nacht ändert er seine Meinung und erklärt Danny auch den Grund. Er berichtet, was mit seinen beiden Brüdern geschah: der Mafioso Alfred („Allie Boy“) Licata aus Detroit trieb Julius Stern durch Folter in den Wahnsinn und erschoss Nathan Stern, der seinem Bruder zu Hilfe eilen wollte. Später verhalf Licata Vern Winegard zum Einstieg in Las Vegas, und dafür erhält er noch immer Anteile vom Gewinn der Casinos. Um seine Brüder zu rächen, verhindert Abe Stern eine feindliche Übernahme der Tara Group und kauft selbst 40 Prozent der Aktien. Außerdem schickt er seinen Enkel Josh Stern mit Danny nach Las Vegas.

Scheinheilige

Camilla („Cammy“) Cooper hat sich als fanatische Predigerin für Enthaltsamkeit vor der Ehe und gegen Homosexualität einen Namen gemacht und eine eigene Fernsehsendung. Sie gehört dem Ausschuss des Nevada Gaming Control Board an und will Gouverneurin werden. Um sich dafür in Position zu bringen, beabsichtigt sie, Danny Ryan zu Fall zu bringen.

Aber Ron Fahey, ein Lieutenant des Organized Crime Bureau, Criminal Intelligence Section, in Las Vegas, der mit Danny befreundet ist, fotografiert Cammys Ehemann Jay Cooper („Coop“) beim Sex mit einem anderen Mann. Und damit erpresst Danny seine Gegnerin, bei der Anhörung im Ausschuss für ihn zu sprechen.

Eskalation

Kurz nachdem Licata aus Detroit nach Las Vegas gekommen ist, stellt Ron Fahey einen Bankräuber und erschießt den Mann, als dieser eine Frau als Geisel nimmt. Aber im nächsten Augenblick wird der Lieutenant vom Fahrer des Fluchtwagens erschossen. Ein Zufall? Oder ein perfider Plan, um Dannys Kontakt bei der Polizei auszuschalten?

Danny Ryan ruft nun seinen alten Freund Jimmy MacNeese sowie Sean South und Kevin Coombs zu Hilfe.

Um den Konflikt nicht weiter eskalieren zu lassen, verabredet er sich mit Vern Winegard auf einem Parkplatz. Zur vereinbarten Zeit wartet er jedoch vergeblich und erfährt erst später, dass Vern Winegards Sohn Bryce bei einem Autounfall verunglückte und der Vater im Krankenhaus über das Abschalten der Geräte am Bett des Hirntoten entscheiden musste.

Danny beschließt, seinem Gegner ein Friedensangebot zu machen: Er würde Vern Winegard beim „Il Sogno“ als gleichberechtigten Partner akzeptieren.

Aber Sean South und Kevin Coombs durchkreuzen unabsichtlich seinen Plan, indem sie Licatas Bande eigenmächtig angreifen. Sie werden dabei getötet. Und Vern Winegard muss glauben, dass Danny ihn täuschen wollte.

Josh Stern ist tot. Die Polizei geht von einem Suizid aus, aber Danny ist überzeugt, dass Licata ihn mit Waffengewalt zwang, die Tabletten zu schlucken.

Abe Stern ist untröstlich über den Tod seines Enkels und verlangt Rache. Während er selbst Vinegard-Aktien kauft und eine feindliche Übernahme des Unternehmens vorbereitet, erwartet er von Danny die Ermordung Licatas.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Showdown

Licata hat es seinerseits auf Danny abgesehen, und weil er nicht an ihn herankommt, kidnappt er dessen Freundin Eden. Obwohl Danny weiß, dass er sich damit selbst ausliefert, fährt er zu der angegebenen Stelle. Tatsächlich lässt Licata die Gefangene im Austausch gegen den Feind frei.

Aber als er mit der Folter beginnen will, wechseln seine beiden Komplizen die Seiten, und am Ende lässt Danny das Auto explodieren, in dem Licata nach einem Schusswechsel schwer verletzt sitzt.

Chris Palumbo

1988 musste Chris Palumbo untertauchen, weil er bei einem Drogendeal einige mächtige Männer wie Frankie Vecchio um viel Geld gebracht hatte. Aufgespürt wird Chris Palumbo 1997 von Johnny Marks im Auftrag des Paten Pasco Ferri. Er kehrt nach fast zehn Jahren zurück, zunächst heimlich, und nimmt konspirativ Kontakt mit seinem Sohn Jake auf, der vergeblich nach ihm suchte.

Chris erfährt, dass seine Frau sich vor drei Jahren von ihm scheiden ließ. Das hält ihn nicht davon ab, John Giglione zu erschießen, der Cathy Palumbo nicht nur wie Chris‘ andere Gläubiger bedrängt hat, sondern außerdem in ihr Haus gekommen ist, um mit ihr zu schlafen.

Peter Moretti Jr.

Peter Moretti Jr., ein 1997 aus dem Irak-Krieg zurückgekehrter Marine, fährt mit seinem Kumpel Timothy („Tim“) Shea zu seinem Elternhaus in Rhode Island und erschießt dort den Mafioso Vincent („Vinnie“) Calfo und seine Mutter Cassandra („Celia“) Moretti. So rächt er seinen Vater, der von Calfo im Einverständnis mit seiner Geliebten Celia ermordet wurde.

Im Jahr darauf wird Peter Moretti festgenommen. Vor Gericht in Providence/Rhode Island vertritt Marie Bouchard die Anklage. Der Mafia-Pate Pasco Ferri engagiert den Staranwalt Bruce Bascombe als Verteidiger. Und der Richter Frank Faella leitet den Prozess.

Die Geschworenen sprechen den Angeklagten zwar im Fall des Mordes an Vincent Calfo aus Mangel an Beweisen frei, aber sie können sich nicht auf ein einstimmiges Urteil im zweiten Angeklage-Punkt einigen.

Am Ende verständigen sich Marie Bouchard und Bruce Bascombe darauf, eine Unterbringung Peter Morettis in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung zu erwirken.

Rhode Island, 2023

Seit sein Vater Danny an einem Gehirntumor starb, hat Ian Ryan die Tara Group mit der Stern Company fusioniert und zu einem Casino-Unternehmen auf fünf Kontinenten ausgebaut. Seine Ehefrau Amy und er haben drei Kinder: die zehnjährige Theresa und die drei Jahre jüngeren Zwillinge Ned und James.

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Mit „City of Ruins“ (2024) beendet Don Winslow seine mit „City on Fire“ (2022) und „City of Dreams“ (2023) begonnene Trilogie.

Der Protagonist Danny Ryan löst sich aus Mafia-Kreisen und sorgt als seriöser Geschäftsmann in Las Vegas für eine Zeitenwende, indem er in seinen Casinos nicht länger auf Automatenzocker aus der Mittelschicht setzt, sondern das Geld mit den Hotelbetrieben verdient und dabei als Zielgruppe die Superreichen anpeilt. Statt mit Drogenhandel und Prostitution beschäftigt sich Danny Ryan im großen Maßstab mit Business Plänen, Börse und Politik.

Die Machtverhältnisse in Las Vegas sind ausgewogen – bis Dannys Konkurrent Vern Winegard nach einer weiteren Immobilie greift. Danny schnappt sie ihm weg, aber keiner der beiden Unternehmer ist an einer Eskalation des Konflikts interessiert. Für einen neuen Bandenkrieg nach altem Mafia-Muster sorgen die Männer, die für Danny Ryan bzw. Vern Winegard arbeiten durch Intrigen, Manipulationen und ersten Gewalttaten.

Don Winslow macht es sich nicht einfach: Wie in seinen anderen Romanen hat er sich auch für „City in Ruins“ komplexe Abläufe und Zusammenhänge ausgedacht, die er über mehr als 100 Kapitel hinweg souverän und stringent entwickelt – wieder mit stupendem Wissen über die Gepflogenheiten in den Kreisen des organisierten Verbrechens. Don Winslows Sprache ist wie immer rhythmisch, präzise, knapp und schnörkellos.

Zwei Nebenhandlungsstränge – mit denen Don Winslow in den beiden früheren Bänden begonnene Geschichten zu Ende bringt – durchziehen „City in Ruins“ allerdings wie Fremdkörper: die Gerichtsverhandlung gegen Peter Moretti Jr. und die Rückkehr von Chris Palumbo zu seiner Familie.

Den Roman „City in Ruins“ von Don Winslow gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ari Fliakos.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © HarperCollins

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