J. M. Coetzee : Die jungen Jahre

Die jungen Jahre

J. M. Coetzee

Die jungen Jahre

Originalausgabe: Youth Secker & Warburg, London 2002 Die jungen Jahre Übersetzung: Reinhild Böhnke S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2002 ISBN: 3-190-010819-1, 223 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Die jungen Jahre" dreht sich um die Erlebnisse eines Buren zwischen dem 19. und 24. Lebensjahr. Nach dem Studium in Kapstadt zieht der Mathematiker nach London, weil er Schriftsteller werden möchte und hofft, dort die nötige Inspiration zu finden. Aber mit 24 arbeitet er noch immer als Programmierer. Es gelingt ihm nicht, sich aus dem Widerspruch zwischen bürgerlicher Existenz und Künstlertum zu befreien. Auf das Erweckungserlebnis wartet er vergeblich ...
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Kritik

Mit "Die jungen Jahre" setzt J. M. Coetzee seine mit "Der Junge" begonnene fiktionalisierte Autobiografie fort. Die Romanhandlung wird distanziert, kühl und sarkastisch entwickelt.

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Der 19-jährige Bure John lebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Kapstadt. Sein Mathematik-Studium finanziert er durch verschiedene Jobs.

Die Arbeit in der Bibliothek ist nicht sein einziger Job. Mittwochnachmittags arbeitet er in der Mathematischen Fakultät als Hilfsassistent mit Studenten des ersten Studienjahres (drei Pfund pro Woche); freitags leitet er Diplomstudenten der Schauspielkunst durch ausgewählte Shakespeare-Komödien (zwei Pfund zehn Shilling); und am späten Nachmittag beschäftigt ihn eine Nachhilfeschule in Rondebosch damit, Deppen auf das Abitur vorzubereiten (drei Shilling pro Stunde). In den Semesterferien arbeitet für die Stadtverwaltung (Abteilung Sozialwohnungen) und stellt Statistiken nach Haushaltsdaten zusammen.

Nachdem sein Freund und Kommilitone Paul eine Affäre mit einer älteren Frau angefangen hat, lernt John auch deren Schwester kennen: Jacqueline Laurier, eine Krankenschwester um die 30. Sie geht mit ihm ins Bett und zieht eine Woche später unaufgefordert bei ihm ein. Als sie jedoch heimlich in seinem Tagebuch liest und auf diese Weise erfährt, dass er sie als lästig empfindet, verlässt sie ihn. Allerdings kommt sie bald darauf zurück, um Frieden zu schließen, wie sie sagt, und von da an besucht sie ihn zu jeder Tages- oder Nachtzeit, wann immer ihr danach ist.

Im vierten Studienjahr belegt John ein Seminar über frühe englische Schriftsteller bei Professor Guy Howarth. Weil er der einzige Student bleibt, gibt der Dozent ihm nach einer Weile einfach das Manuskript zum Lesen mit. Am Ende des Semesters lädt Howarth den Studenten zu sich nach Hause ein. Er und seine Frau Lilian wollen für ein halbes Jahr ins Ausland, und John soll aufs Haus aufpassen. Im ersten Monat muss er es sich allerdings noch mit Gästen der Howarths teilen, einer Neuseeländerin mit ihrer dreijährigen Tochter. Die alkoholkranke Mutter kommt nachts zu John und will zu ihm ins Bett, aber er schickt sie brüsk aus dem Zimmer. Danach gehen sie sich für den Rest des Monats aus dem Weg.

Sarah aus Johannesburg, mit der John ein paar Mal geschlafen hat, wird schwanger. Er fährt sie in ihrem Kleinwagen zu einer Engelmacherin in Woodstock, einem Vorort von Kapstadt. Drei Tage lang erholt Sarah sich bei ihm von dem Eingriff. Sie wirft ihm nichts vor, stellt keine Forderungen und hat die Abtreibung selbst bezahlt. Wegen seiner Schuldgefühle setzt er die Beziehung mit ihr halbherzig fort.

Nach dem Bachelor-Abschluss zieht John 1962 nach London. Inzwischen ist er 22 Jahre alt. Er will Schriftsteller werden und verspricht sich vom Leben in der britischen Hauptstadt die dafür erforderlichen Anregungen.

Er wünscht, ihm möge es vergönnt sein, zum Leben zu erwachen und nur für eine Minute, nur für eine Sekunde zu erfahren, wie es ist, wenn man das heilige Feuer der Kunst in sich brennen fühlt.
Leiden, Wahnsinn, Sex: drei Möglichkeiten, das heilige Feuer auf sich herabzurufen.

Zunächst benötigt er einen Job, damit er seinen Lebensunterhalt verdienen kann. In der Rothamsted Experimental Station, dem bedeutendsten Agrarforschungsinstitut des Vereinigten Königreichs, könnte er bei einem Projekt mitarbeiten, aber dazu müsste er nach Harpenden/Hertfordshire ziehen. John schlägt das Angebot aus, denn er möchte London nicht verlassen. Schließlich beginnt er ein Praktikum bei IBM und wird Programmierer.

Von der eintönigen Tätigkeit erholt er sich im Kino, in Galerien und Buchhandlungen. Sonntags liest er den „Observer“. Er fühlt sich einsam.

Im Lesesaal des British Museum kommt er mit einer jungen Polin ins Gespräch, die Material für eine Biografie über John Spekes sammelt, den Entdecker der Nilquelle, aber John hat nicht den Mut, sie zum Beispiel ins Kino einzuladen.

An einem Wochenende schreibt er seine erste Erzählung, weiß dann jedoch nicht, was er damit anfangen soll.

Überraschend taucht Caroline auf, ein Mädchen, mit dem er kurz vor seiner Abreise eine Beziehung in Kapstadt hatte. Sie will Schauspielerin werden und strotzt im Gegensatz zu ihm vor Energie und Unternehmungslust. Ihr Geld verdient sie erst einmal in einem Nachtklub. John wartet vor ihrer Haustüre, bis sie nach Hause kommt. Das geschieht mitunter schon kurz nach Mitternacht, hin und wieder aber auch erst gegen 4 Uhr früh. Weil ihre drei Mitbewohnerinnen nichts von dem Herrenbesuch mitbekommen sollen, muss John das Haus verlassen haben, bevor diese aufwachen.

In der Hoffnung, von einem außergewöhnlichen Mädchen angesprochen zu werden, liest er in der U-Bahn demonstrativ Gedichte.

In einem Lyrik-Workshop lernt er eine Studentin kennen, die mit zu ihm geht und sich ausziehen lässt, dann aber fühlt, dass er nicht wirklich bei der Sache ist, sich wieder ankleidet und geht.

Bald darauf begegnet er in der Tate Gallery einem Au-pair-Mädchen aus Klagenfurt. Astrid ist noch keine 18 Jahre alt. Als sie beide nackt sind, merkt er, dass er sie nicht begehrt. Aber nun gibt es kein Zurück mehr, und er vollzieht mit ihr den Akt. Sie setzen ihre Beziehung fort, bis Astrid nach Österreich zurückkehrt.

Von seiner Mutter erhält John jede Woche einen Brief. Er antwortet nur sporadisch.

Will seine Mutter nicht begreifen, dass er alle Verbindungen zur Vergangenheit abgebrochen hat, als er Kapstadt verließ? Wie kann er ihr verständlich machen, dass der Prozess seiner Verwandlung in eine andere Person, den er als Fünfzehnjähriger begonnen hat, ohne Bedauern fortgeführt werden wird, bis alle Erinnerung an die Familie und das Land, die er beide hinter sich ließ, ausgelöscht ist? Wann wird sie erkennen, dass er sich so weit von ihr entfernt hat, dass er ebenso gut ein Fremder sein könnte?

Nach einem Jahr kündigt John seine Anstellung bei IBM. Die Bürotätigkeit hat keinen Franz Kafka aus ihm gemacht. Seine Selbstzweifel und seine Angst zu versagen, sind eher noch größer geworden. Da seine Aufenthaltserlaubnis an eine Anstellung gebunden ist, muss er damit rechnen, ausgewiesen zu werden.

Um etwas Geld zu verdienen, passt John auf die Wohnung einer geschiedenen Frau auf, die nach Griechenland reist. Ihre fünfjährige Tochter Fiona lässt sie in der Obhut der aus Malawi stammenden Kinderfrau Theodora zurück. Johns Hauptaufgabe ist es, Diana Merringtons Ex-Mann Richard daran zu hindern, Gegenstände zu stehlen, wenn er sonntags sein Recht wahrnimmt, Fiona abzuholen. Doch schon beim ersten Mal vermag John nicht, ihn davon abzuhalten, ein paar Schallplatten mitzunehmen.

Johns 20 Jahre alte Cousine Ilse kündigt an, auf dem Weg zu einem Camping-Urlaub in der Schweiz mit ihrer ein Jahr älteren Freundin Marianne ein paar Tage Station in London zu machen. Ob John ihnen die Stadt zeigen wolle? Weil Ilse an Lungenentzündung erkrankt und in einer Klinik in Bayswater behandelt wird, sind John und Marianne dann allein. Er nimmt sie mit in Diana Merringtons Wohnung. Sie lässt sich von ihm deflorieren und hört die ganze Nacht nicht zu bluten auf. Am nächsten Morgen redet sie unbekümmert mit Theodora, obwohl John den Damenbesuch verheimlichen wollte.

John schreibt an seiner Dissertation über Ford Maddox Brown und findet sich damit ab, dass er nichts Neues über den englischen Maler mitzuteilen hat.

Als er die Aufforderung erhält, innerhalb von 21 Tagen einen neuen Arbeitsplatz nachzuweisen oder das Land zu verlassen, bewirbt er sich als Programmierer bei International Computers und wird genommen. Weil sein Hauptarbeitsplatz in Berkshire liegt, muss er nun doch umziehen.

Das Programm, das John schreibt, testet er in Cambridge, wo einer der drei existierenden Atlas-Computer steht. Weil ihm das Gerät nur nachts zur Verfügung steht, muss er sich in Cambridge ein Hotelzimmer nehmen, in dem er tagsüber schläft. Als er die Software fertiggestellt hat, installiert er sie auf dem Atlas-Computer des Atomwaffenforschungszentrums bei Aldermaston/Berkshire.

Sein dritter Sommer in England beginnt.

Er ist sich wohl bewusst, dass sein Versagen als Schriftsteller und sein Versagen als Liebhaber so starke Parallelitäten aufweisen, dass sie ebenso gut ein und dasselbe sein könnten […] dass er Angst hat: Angst vorm Schreiben, Angst vor den Frauen.

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1997 veröffentlichte J. M. Coetzee den Roman „Der Junge“. Mit „Die jungen Jahre“ setzt er die fiktionalisierte Autobiografie fort. Das Buch dreht sich um die Erlebnisse eines Buren zwischen dem 19. und 24. Lebensjahr. Obwohl er in Kapstadt Mathematik studierte, will er Schriftsteller werden und zieht nach London, weil er hofft, dort die nötige Inspiration zu finden. Aber mit 24 arbeitet er noch immer als Programmierer.

John M. Coetzee schildert sein Alter Ego schonungslos als antriebsschwach, mut- und orientierungslos. Es gelingt ihm nicht, sich aus dem Widerspruch zwischen bürgerlicher Existenz und Künstlertum zu befreien. Vergeblich wartet er auf das Erweckungserlebnis.

„Die jungen Jahre“ steht im Präsens und in der dritten Person Singular. John M. Coetzee wahrt Abstand, schreibt kühl und sarkastisch, ohne Sentimentalität.

Das Ziel einer Therapie ist, einen glücklich zu machen. Wozu soll das gut sein? Glückliche Leute sind uninteressant.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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