Stieg Larsson : Verblendung

Verblendung
Originalausgabe: Män som hatar kvinnor Norstedts Förlag, Stockholm 2005 Verblendung Übersetzung: Wibke Kuhn Wilhelm Heyne Verlag, München 2006 ISBN: 978-3-453-01181-6, 688 Seiten Heyne Taschenbuch, München 2007 ISBN: 978-3-453-43245-1, 688 Seiten Teil 1 der Millenium-Trilogie
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als der schwedische Journalist Mikael Blomkvist 2002 wegen übler Nachrede verurteilt wird, weil sich die Belege für seine Behauptung, der steinreiche Investor Hans-Erik Wennerström habe staatliche Mittel veruntreut, als Fälschungen erweisen, zieht er sich aus der Redaktion der Zeitschrift "Millennium" zurück und beginnt für den 82-jährigen Industriellen Henrik Vanger nachzuforschen, was mit dessen Großnichte Harriet passierte. Sie wird seit 1966 vermisst ...
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Kritik

"Verblendung" ist eine farbige und vielschichtige Mischung aus Wirtschaftskrimi, Whodunit-Thriller und Gesellschaftskritik. Bei aller Fabulierlaune behält Stieg Larsson die Komplexität gut im Griff.
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Am 20. Dezember 2002 wird der schwedische Journalist Carl Mikael Blomkvist wegen übler Nachrede zu drei Monaten Haft und 150 000 Kronen Schadenersatz verurteilt. Der Teilhaber und Herausgeber der Monatszeitschrift „Millennium“ hatte behauptet, der Investor Hans-Erik Wennerström habe staatliche Mittel für Waffengeschäfte veruntreut, konnte dies jedoch am Ende nicht beweisen.

Mikael Blomkvist wurde am 18. Januar 1960 in Borlänge geboren. Gut sechs Jahre später zog der Maschineninstallateur Kurt Blomkvist mit seiner Ehefrau Anita, dem Sohn Mikael und dessen drei Jahre jüngerer Schwester Annika nach Stockholm. Dort ging Mikael zur Schule und studierte Journalistik. Zwischendurch leistete er seinen Wehrdienst. 1989 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Zeitschrift „Millennium“. Bei den beiden anderen Teilhabern handelt es sich um Erika Berger, die Chefredakteurin, und Christer Malm, den Chef der Bildredaktion, einen exhibitionistischen Promischwulen, der mit dem Theaterschauspieler Arnold Magnusson zusammenlebt.

1988 – ein Jahr vor der Gründung von „Millennium“ – hatte Mikael sich mit Monica Abrahamsson vermählt, die noch im selben Jahr mit einer Tochter niedergekommen war. 1991 ließ sie sich von Mikael scheiden, nicht zuletzt, wegen seines Verhältnisses mit Erika Berger. Die gemeinsame Tochter Pernilla lebt bei ihrer seit 1993 neu verheirateten Mutter. Trotz allem betrachten sich Mikael und Monica als Freunde, und Pernilla besucht ihren Vater hin und wieder. Mikael, der sich nicht noch einmal fest binden mag, hat wechselnde Freundinnen. Nur sein sexuelles Verhältnis mit Erika Berger ist dauerhaft. Die beiden gehen seit der Studienzeit miteinander ins Bett, und als Erika vor fünfzehn Jahren den Künstler Greger Beckman heiratete, änderte sich daran nichts. Greger weiß Bescheid und akzeptiert, dass seine Frau ab und zu bei Mikael schläft.

Mikaels Schwester Annika ist mit einem Italiener namens Giannini verheiratet, hat zwei Kinder und engagiert sich als Rechtsanwältin für Frauenrechte. Die Mutter starb vor drei Jahren; der Vater ist schon länger tot.

Vor eineinhalb Jahren traf Mikael zufällig seinen früheren Mitschüler Robert Lindberg, und der machte ihn auf die dubiosen Geschäfte von Hans-Erik Wennerström aufmerksam. Ob Lindberg nur eine gute Geschichte erzählen wollte oder Wennerström schaden oder Mikael hereinlegen, ist unklar.

Hans-Erik Wennerström gründete in den Siebzigerjahren ein schwedisches Investmentunternehmen. 1992 erhielt er aus einem staatlichen Programm 60 Millionen Kronen für den Bau einer Verpackungsmaterial-Fabrik in Polen. Nach zwei Jahren meldete das Unternehmen „Minos“ in Lodz jedoch Konkurs an. Als Lindberg, der in der Bankbranche tätig ist, in Lodz zu tun hatte und mit dem Bürgermeister sprach, kam er zufällig auf „Minos“ zu sprechen und gewann den Eindruck, dass da etwas nicht stimmte. Daraufhin wollte er sich die Fabrik anschauen. Auf dem Firmengelände stand jedoch nur eine in den Fünfzigerjahren von der sowjetischen Armee errichtete Lagerhalle aus Wellblech. Nie und nimmer konnte Wellerström hier 60 Millionen Kronen investiert haben.

Mikael überprüfte zunächst die Angaben seines früheren Schulfreundes. Offenbar blieben seine Recherchen nicht unbemerkt, denn in der Redaktion trafen Drohungen ein, Mikael wurde überfallen und zusammengeschlagen. Dann tauchte ein Informant aus Wennerströms Umfeld auf, der behauptete, die Millionen seien in Wirklichkeit für Waffengeschäfte im Krieg auf dem Balkan abgezweigt worden. Die von dem Informanten zur Verfügung gestellten Dokumente und Fotos erwiesen sich am Ende als gefälscht: Mikael war auf ein Täuschungsmanöver hereingefallen.

Um den Schaden für „Millennium“ zu begrenzen, zieht er sich bis auf weiteres aus der Redaktion zurück.

Kurz darauf ruft ihn der Rechtsanwalt Dirch Frode an. Der Achtundsechzigjährige, der seit 1962 für den Großindustriellen Henrik Vanger arbeitet, erklärt dem Journalisten, sein Auftraggeber habe ein Angebot für ihn, und weil der frühere Konzernchef bereits zweiundachtzig Jahre alt sei und sich die für ihn beschwerliche Reise nach Stockholm ersparen wolle, werde Mikael gebeten, ihn in Hedestad auf der Insel Hedeby zu besuchen. Zögernd folgt Mikael der Einladung.

Henrik Vanger klärt seinen Besucher darüber auf, dass dieser im Sommer 1963 als dreijähriges Kind schon einmal hier war, während sein Vater für den Vanger-Konzern Maschinen installierte. Henriks damals dreizehn Jahre alte Großnichte Harriet Ulrika Vanger passte mehrmals auf das Kind auf.

Harriet wird seit dem 22. September 1966 vermisst, und ihr Großonkel vermutet, dass jemand sie ermordete. Obwohl Kommissar Gustav Morell, der die Ermittlungen leitete, nichts unversucht ließ, konnte er den Fall nicht aufklären. Henrik Vanger zermartert sich seit mehr als sechsunddreißig Jahren den Kopf darüber, was übersehen wurde. Nun möchte er, dass Mikael sich alles noch einmal unvoreingenommen anschaut. Weil der Familienclan Henriks Nachforschungen für eine krankhafte Obsession hält, soll Mikael zur Tarnung des eigentlichen Auftrags eine Chronik der Familie Vanger schreiben. Für ein Jahr Wohnen und Arbeiten auf Hedeby bietet der Großindustrielle 2,4 Millionen Kronen Honorar, und falls es Mikael gelingt, das Rätsel um Harriets Verschwinden zu lösen, ist Henrik bereit, es auf 5 Millionen zu erhöhen. Als der Greis merkt, dass Mikael zögert, verspricht er ihm Informationen über Wennerström, der von 1969 bis 1972 für den Vanger-Konzern tätig war. Diese werde er allerdings erst nach Erfüllung des Auftrags preisgeben, erklärt er.

Mikael unterschreibt den von Frode vorbereiteten Vertrag und zieht in ein Gästehaus auf Hedeby, das Henrik Vanger gehört.

Harriet wurde am 15. Januar 1950 geboren, und zwar als Enkelin von Richard Vanger, einem der vier älteren Brüder Henriks. Der fanatische Nationalist und Antisemit, der sich dem Schwedischen Nationalsozialistischen Freiheitsverbund angeschlossen hatte, war im Februar 1940 gefallen. Seine Witwe Margarete, eine Lehrerstochter aus Falun, zog mit dem 1927 geborenen Sohn Gottfried nach Hedeby. Gottfried heiratete Ende der Vierzigerjahre Isabella König, eine Deutsche. Die beiden bekamen zwei Kinder: Harriet und ihren knapp zwei Jahre älteren Bruder Martin. Weil Isabella alles andere als eine gute Mutter war und Gottfried alkoholkrank wurde, holte Henrik seine Großnichte 1964 zu sich. Ihr Vater ertrank am 7. August 1965. Vermutlich war er stark betrunken vom Bootssteg seiner Hütte auf Hedeby ins Wasser gefallen.

Henrik Vanger hatte in Stockholm Wirtschaft studiert. Am 10. Juni 1941 schickte ihn sein Vater Fredrik für sechs Wochen zu Hermann Lobach, dem Vertreter des Konzerns in Hamburg. Zwölf Tage später griffen die Deutschen die Sowjetunion an. Lobach war seit 1901 verheiratet, hatte aber seit 1919 auch eine sehr viel jüngere Geliebte, eine jüdische Schneiderin. Als diese 1939 von den Nationalsozialisten deportiert wurde, sorgte Lobach sich um die achtzehnjährige gemeinsame Tochter Edith, die er mit falschen Papieren als Haushälterin beschäftigte. Um sie zu retten, drängte er Henrik, vorzeitig nach Schweden zurückzukehren und Edith mitzunehmen. Die beiden jungen Leute verliebten sich und heirateten einige Zeit später. Edith starb jedoch bereits 1958 an Herzversagen.

Am 22. September 1966 versammelten sich die Teilhaber des Vanger-Konzerns wie jedes Jahr einmal auf Hedeby. Da auch Angehörige mitkamen, verbrachte ein Großteil der Verwandtschaft den Tag auf der Insel. Am Nachmittag stieß der Bauer Gustav Aronsson aus ungeklärten Gründen auf der Brücke zwischen der Insel und dem Ortszentrum Hedestad frontal mit einem Tanker zusammen, der mit Heizöl beladen war. Einen halben Tag lang war Hedeby vom Festland abgeschnitten. In dieser Zeit verschwand die Gymnasiastin Harriet Vanger.

Der Hausmeister Gunnar Nilsson bringt Mikael vier Umzugskartons ins Gästehaus. Sie enthalten das von seinem Arbeitgeber Henrik Vanger zusammengetragene Material über das Verschwinden Harriets. Mikael studiert die Unterlagen und vergleicht die zahlreichen Fotos, die am 22. September 1966 in Hedestad gemacht wurden.

Cecilia, eine der beiden Töchter von Henriks Bruder Harald, durchschaut rasch, dass Mikael herausfinden soll, was mit Harriet geschah. Harald Vanger studierte Medizin, beschäftigte sich intensiv mit Rassenbiologie und trat dafür ein, „unerwünschte Elemente“ zu sterilisieren. Er starb kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag. Cecilia studierte 1966 in Uppsala, aber am 22. September war sie – wie die meisten anderen Familienangehörigen – auf Hedeby. Später heiratete sie Jerry Karlsson, einen Mitarbeiter des Konzerns, doch als er sie misshandelte, trennte sie sich von ihm und kam nach Hedestad zurück. Hier ist sie inzwischen Rektorin am Gymnasium. Die einsame Sechsundfünfzigjährige fragt Mikael nach seiner Besucherin Erika Berger und erfährt von dem außergewöhnlichen Verhältnis der beiden. Das beeindruckt sie. Kurz entschlossen verführt sie den gut aussehenden Journalisten und macht ihn zu ihrem „occasional lover“.

Henrik Vanger weiß, dass „Millennium“ in finanziellen Schwierigkeiten steckt, weil Hans-Erik Wennerström dafür sorgt, dass Anzeigenkunden abspringen. Um die unabhängige Zeitschrift am Leben zu erhalten, schlägt er den Anteilseignern Mikael Blomkvist, Erika Berger und Christer Malm eine Beteiligung vor und gründet zu diesem Zweck mit Hilfe seines Rechtsanwalts eigens ein von ihm zusammen mit seinem Großneffen Martin und Dirch Frode geführtes Unternehmen.

Bei Martin Vanger handelt es sich um Harriets 1958 geborenen Bruder, den Sohn von Gottfried und Isabella Vanger. Ihm überließ Henrik Vanger die Führung des Konzerns, als er sich 1976 aus der Geschäftsleitung zurückzog. 1978 baute sich Martin auf Hedeby eine Villa. Er blieb unverheiratet, hat aber eine Lebensgefährtin: Eva Hassel, seine Zahnärztin in Hedestad.

Je länger Mikael sich mit Henriks Brüdern Richard, Harald, Greger und Gustav sowie deren Frauen und Nachkommen beschäftigt, desto unsympathischer werden ihm die meisten von ihnen. Von den noch Lebenden findet er nur Henrik, Martin und Cecilia angenehm.

Am 17. März 2003 muss Mikael sich in der Rullåker Justizvollzugsanstalt bei Östersund zum Strafantritt melden. Bereits nach zwei Monaten, am 16. Mai, wird er vorzeitig entlassen, kehrt nach Hedeby zurück und nimmt seine Nachforschungen wieder auf. Cecilia vermeidet es von jetzt an, mit ihm zusammenzutreffen.

Im Juni findet Mikael heraus, dass es sich bei fünf Zahlen in einem Kalender Harriets nicht um Telefonnummern, sondern um Bibelstellen handelt. Eine davon steht möglicherweise im Zusammenhang mit der unaufgeklärten Ermordung von Rebecka Jacobsson im Jahr 1949. Wenn das stimmt, könnten sich auch die anderen vier Eintragungen auf Verbrechen beziehen. Ist das ein Hinweis auf einen Serienmörder? Er wird jemand benötigen, der Pressearchive nach unaufgeklärten Morden durchforstet.

Ungefähr zur gleichen Zeit entdeckt Mikael einen Schnappschuss vom 22. September 1966, auf dem im Hintergrund zu sehen ist, dass jemand das Fenster von Harriets Zimmer öffnet. Wer es ist, lässt sich nicht erkennen, aber Harriet kann es nicht sein, denn sie war dunkelhaarig, und die Frau auf dem Foto ist blond. Von anderen Fotos weiß Mikael, dass Cecilia Vanger an diesem Tag ein helles Kleid wie die Frau am Fenster trug. Noch wichtiger erscheint ihm ein Foto, auf dem Harriet als Zuschauerin bei einem Umzug am 22. September 1966 in der Bahnhofstraße in Hedestad abgebildet ist. Die Augen der Sechzehnjährigen sind weit aufgerissen: erschrocken, verängstigt starrt sie etwas an, was sich außerhalb des Bildes befindet. Mikael rekonstruiert den Standort der Kamera und Harriets Blickwinkel. Dann sucht er so lange im Archiv des „Hedestads Kuriren“, bis er eine andere, ungefähr zum selben Zeitpunkt gemachte Aufnahme von Harriet findet. Hinter ihr steht eine junge Frau, die in Harriets Blickrichtung knipst. Mit dem Schnappschuss der Unbekannten ließe sich vermutlich herausfinden, wen oder was Harriet anstarrte. Doch wer ist die Frau? Glücklicherweise entdeckt Mikael ein weiteres Foto von ihr und ihrem Begleiter, der gerade ein geparktes Auto aufschließt. Dem Kennzeichen zufolge stammt der Wagen aus Västerbotten, und auf der Heckscheibe befindet sich ein Aufkleber der „Tischlerei Norsjö“. Mikael beschließt, nach Norsjö zu fahren und sich nach der Frau auf dem Foto zu erkundigen.

Bevor er dazu kommt, wird sein Auftraggeber mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht.

Weil Henrik Vanger nicht ansprechbar ist, wendet Mikael sich mit seiner Bitte um einen Assistenten an Dirch Frode. Der Rechtsanwalt weiß auch gleich jemanden, eine Frau, die bei der Überprüfung Mikaels hervorragende Arbeit leistete. Erst als Frode sich verplappert, erfährt Mikael, dass Henrik von Milton Security ein Dossier über ihn angefordert hatte, bevor er ihn nach Hedeby einlud. Wütend besteht er darauf, dass Frode es ihm aushändigt, und als er es durchblättert, ist er verblüfft, was die Frau über ihn herausfand. Offenbar hat sie sogar seinen Computer gehackt, denn in dem Bericht wird eine Version der Pressemeldung über seinen Rückzug aus der „Millennium“-Redaktion zitiert, die er zwar getippt, aber nicht einmal ausgedruckt hatte.

Kurz darauf klingelt er bei Lisbeth Salander in Stockholm. Die Autorin des Dossiers befürchtet, Mikael wolle gegen sie vorgehen, weil sie seinen Computer hackte, aber zu ihrer Verwunderung versichert er ihr, er werde sie nicht anzeigen. Stattdessen möchte er sie engagieren und hat auch bereits mit ihrem Chef Dragan Armanskij gesprochen.

Der sechsundfünfzigjährige Geschäftsführer von Milton Security stammt aus Kroatien. Sein Vater war ein armenischer Jude aus Weißrussland, seine Mutter eine bosnische Muslima. Er studierte Betriebswirtschaft, erwarb die schwedische Staatsbürgerschaft und fing in den Siebzigerjahren als kaufmännischer Assistent bei Milton Security an. Seit über zwanzig Jahren ist Dragan Armanskij mit der Finnin Ritva verheiratet. Sie haben zwei Töchter.

Vor vier Jahren bat ihn der Firmeninhaber J. F. Milton, eine seltsame junge Frau einzustellen: Lisbeth Salander. Die inzwischen Vierundzwanzige sieht zehn Jahre jünger aus, trägt mehrere Piercings und Tattoos – darunter das mehrfarbige Bild eines Drachen von der linken Schulter bis zum rechten Oberschenkel –, wirkt anorektisch und autistisch. Dragan stellte sie wunschgemäß als Hilfskraft ein, doch weil sie sich nicht einmal an die Bürozeiten hielt, wollte er die unnahbare Eigenbrötlerin nach einem Monat entlassen. Dabei verblüffte sie ihn mit Erkenntnissen über einen Fall, von dem sie eigentlich gar nichts wissen durfte, und er fand heraus, dass sie nicht nur außergewöhnlich intelligent ist, sondern eine ganz besondere Begabung für geheime Nachforschungen hat. Deshalb beschäftigt er sie seither als freie Mitarbeiterin. Dragan mag Lisbeth und respektiert, dass sie „anders“ ist, aber bis heute weiß er nichts Privates über sie.

Im Alter von dreizehn Jahren wurde Lisbeth von einem Gericht in die geschlossene psychiatrische Anstalt der St.-Stefans-Klinik in Uppsala eingewiesen. Weil ihre Familie als dysfunktional galt, entzog man ihren Eltern das Erziehungsrecht, brachte sie nach ihrer Entlassung zwei Jahre später bei einer Pflegefamilie unter und bestellte den Rechtsanwalt Holger Palmgren als ihren Betreuer. Zunächst hielt es keine der Pflegefamilien mit Lisbeth aus; erst als Palmgren ihr vor Augen führte, dass sie riskiere, von einem Gericht in ein Heim gesperrt zu werden, blieb sie längere Zeit bei den vierten Pflegeeltern, einem älteren Paar. Mit siebzehn wurde sie 1995 viermal von der Polizei aufgegriffen, betrunken, unter Drogen, wegen des Verdachts auf Prostitution und schließlich wegen Körperverletzung. Aufgrund eines rechtsmedizinischen Gutachtens von Dr. Jesper H. Löderman sollte Lisbeth erneut in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden. Holger Palmgren bewahrte sie davor. Später bat er seinen Klienten J. F. Milton um eine Arbeitsstelle für seinen Schützling.

Außer Holger Palmgren und Dragan Armanskij vertraut Lisbeth niemandem, und schon gar nicht der Polizei oder anderen staatlichen Einrichtungen. Nach wie vor ist sie eine unangepasste Einzelgängerin und unfähig, sich anderen gegenüber zu öffnen. Statt einer dauerhaften Bindung lässt sie sich nur auf kurze Sexaffären ein, mit Männern ebenso wie mit Frauen. Ihre Zwillingsschwester Camilla, die ebenfalls in Pflegefamilien aufwuchs, hat sie seit dem siebzehnten Lebensjahr nicht mehr gesehen. Hin und wieder besucht Lisbeth ihre Mutter Agneta Sofia Salander, die sich seit Jahren im Krankenhaus von Äppelvik in Upplands-Väsby befindet und ihre Tochter manchmal nicht erkennt.

Ein paar Wochen vor Weihnachten 2002 öffnete Holger Palmgren nicht, als Lisbeth bei ihm klingelte. Daraufhin kletterte sie zu seinem Balkon in der dritten Etage hinauf und fand den Vierundsechzigjährigen ihm Flur. Er lag nach einem schweren Schlaganfall hilflos auf dem Boden. Lisbeth sorgte dafür, dass er unverzüglich ins Krankenhaus gebracht wurde und saß tagelang an seinem Bett – bis ihr die Ärzte erklärten, dass er voraussichtlich nicht mehr aus dem Koma erwachen werde.

Der zweiundfünfzigjährige Rechtsanwalt Bjurman, der ihre Betreuung übernahm, war ihr vom ersten Augenblick an unsympathisch. Als ihr Laptop kaputt ging und sie Geld für einen neuen benötigte, musste sie Bjurman darum bitten, weil sie keinen Zugriff auf ihr Konto hatte. Der Anwalt zwang sie als Gegenleistung zu Fellatio. Statt ihn anzuzeigen, hackte sie seinen Computer und zog Erkundigungen über ihn ein, aber sie fand nichts, womit sie sich hätte rächen können. Am 7. März 2003 bestellte Bjurman sie statt in die Kanzlei in die Privatwohnung. Lisbeth, die damit rechnete, ihn erneut mit dem Mund befriedigen zu müssen, ging mit einer in ihrer Handtasche versteckten Kamera hin. Allerdings kam es weit schlimmer: Bjurman fesselte Lisbeth aufs Bett, knebelte sie mit ihrem Slip und rammte ihr einen Anal Plug in die entsprechende Körperöffnung. Neunzig Minuten lang quälte der Sadist sie. Als er sie das nächste Mal in seine Wohnung kommen ließ, drückte sie ihm plötzlich eine Elektroschockpistole in die linke Achselhöhle und setzte ihn außer Gefecht. Nachdem sie ihn aufs Bett gefesselt und ihm den Mund verklebt hatte, zeigte sie ihm den heimlich aufgenommenen Film. Mit der Drohung, das Video zu veröffentlichen, zwang sie ihn zu Zusicherungen: Er versprach, ihr das Zugriffsrecht für ihr Konto einzuräumen und dem Sozialamt günstige Monatsberichte über sie zu schicken. Bevor sie ihm den Schlüssel für die Handschellen hinwarf und ging, tätowierte sie ihn von der Brust bis zum Schamhaar mit den Worten „ICH BIN EIN SADISTISCHES SCHWEIN, EIN WIDERLING UND EIN VERGEWALTIGER“.

Nach Rücksprache mit Dragan Armanskij lässt Lisbeth sich von Mikael dazu überreden, mit ihm in Hedestad zusammenzuarbeiten. Er überlässt ihr das Schlafzimmer im Gästehaus und begnügt sich nachts mit einem Sofa.

Während Lisbeth Pressearchive nach unaufgeklärten Morden durchforstet, die mit biblischen Strafen in Verbindung gebracht werden könnten, fährt Mikael nach Norsjö. Die Tischlerei gibt es seit zwanzig Jahren nicht mehr. Mikael muss vielen Bewohnern das 1966 in Hedestad aufgenommene Bild zeigen, bevor jemand das Paar erkennt. Gunnar ist gestorben, aber Mildred lebt mit ihrem zweiten Ehemann in Bjursele. In einem Karton findet sie die drei Schnappschüsse, die sie während ihrer Hochzeitsreise bei einem kurzen Aufenthalt in Hedestad knipste. Auf einem davon sind auf der anderen Straßenseite Zuschauer des Umzugs zu sehen. Einer von ihnen blickt in die Kamera, also auch auf Harriet. Aber das Foto ist so unscharf, dass der Mann nicht zu erkennen ist.

Inzwischen stellt Lisbeth eine Liste unaufgeklärter Morde zusammen, die ins Schema passen:

  • die vierundzwanzigjährige Büroangestellte Rebecka Jacobsson, 1949 in Hedestad
  • die zweiunddreißigjährige Prostituierte Mari Holmberg, Oktober 1954 in Kalmar
  • die fünfundvierzigjährige Wahrsagerin Rakel Lunde, Mai 1957 in Landskrona
  • die sechsundvierzigjährige Bäuerin Magda Lovisa Sjöberg, April 1960 in Ranmo bei Karlstad
  • die zweiundzwanzigjährige Pferdenärrin Liv Gustavsson, August 1960 in Stockholm
  • die zweiunddreißigjährige Prostituierte Lea Persson, Juni 1962 in Uddevalla
  • die siebenunddreißige Pfarrersfrau Sara Witt, Januar 1964 in Ronneby
  • die siebzehnjährige Gymnasiastin Lena Andersson, Februar 1966 in Uppsala

Rasch stellt Mikael fest, dass seine neue Assistentin nicht nur eine außergewöhnlich gute und clevere Computer-Hackerin ist, sondern auch über ein fotografisches Gedächtnis verfügt.

Als Lisbeth Lust auf Sex hat, verführt sie Mikael, ohne lange darüber nachzudenken.

Nachdem Mikael kurz vor Lisbeths Ankunft den Eindruck hatte, dass das Gästehaus während seiner Abwesenheit durchsucht worden war, liegt im Juli eine halb verbrannte Katze auf dem Treppenabsatz, und ein paar Tage später wird dreimal auf ihn geschossen. Nur durch seine blitzschnelle Reaktion kommt er mit einem Streifschuss an der Stirn davon. Offenbar sind Lisbeth und er dem Serienmörder auf der Spur!

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Lisbeth findet heraus, dass Gottfried Vanger ungefähr zur Tatzeit an mindestens fünf von acht Tatorten war. Allerdings ertrank er 1965, und Lena Andersson wurde erst im Februar 1966 in Uppsala ermordet.

Martin lebte 1966 in Uppsala, es war sein letztes Jahr im Gymnasium. Als Mikael sich das von Mildred Brännlund geknipste Foto noch einmal genau anschaut, begreift er, dass es sich bei dem Mann, den Harriet am 22. September 1966 erschrocken anstarrte, um ihren Bruder Martin handelte.

Bei der Ermordung Rebecka Jacobssons 1949 in Hedestadt war Martin Vanger allerdings noch ein Säugling. Löste er später seinen Vater Gottfried als Serienmörder ab?

Um das herauszufinden, dringt Mikael in der Nacht vom 11./12. Juli ins Haus des Verdächtigen ein. Martin ertappt ihn und zwingt ihn mit vorgehaltener Pistole, in den Keller hinunterzugehen, wo er eine Folterkammer eingerichtet hat. Dort schlägt er Mikael erst einmal nieder und tritt solange auf ihn ein, bis seine Wut abgekühlt ist. Weil er davon ausgeht, dass Mikael den Keller nicht mehr lebend verlassen wird, gesteht er, dass hier sogar noch eine Frau eingesperrt war, während er in der Wohnung darüber mit Henrik, Cecilia, Mikael und Eva Hassel beim Essen saß. Den schalldichten Raum hatte er 1978 mit der Villa bauen lassen. Hier folterte er jedes Jahr ein bis zwei Frauen zu Tode und setzte damit fort, was sein Vater ihm beigbracht hatte. Mit den Leichen ruderte er aufs Wasser hinaus. Als Vierzehnjähriger hatte er bei der Ermordung der Prostituierten Lea Persson in Uddevalla zugeschaut. Zwei Jahre später spornte Gottfried ihn dazu an, die Pfarrersfrau Sara Witt in Ronneby zu vergewaltigen – es war Martins erste sexuelle Erfahrung mit einer Frau – und sie dann zu erwürgen. Schon zuvor waren Martin und seine Schwester Harriet vom Vater missbraucht worden. Außerdem hatte Gottfried die beiden zum Inzest gezwungen. – Weil Harriet ein Sicherheitsrisiko für Martin darstellte, wollte er sie am 22. September 1966 für immer zum Schweigen bringen, doch wegen des Unfalls auf der Brücke kam er zunächst nicht auf die Insel, und als der Weg dann wieder frei war, fehlte von Harriet jede Spur.

Martin reißt Mikael hoch, legt ihm eine Lederschlinge um den Hals, hängt sie in einen Wandhaken und zieht sie gerade so fest an, dass der Gefesselte auf Zehenspitzen stehen muss, um sich nicht zu erdrosseln. Lange kann er das nicht durchhalten. Als Martin ihm die Kleider vom Leib reißt, taucht hinter ihm plötzlich Lisbeth auf und trifft ihn mehrmals mit einem Golfschläger. Die zu Boden gefallene Pistole schleudert sie mit einem Fußtritt aus seiner Reichweite. Während sie Mikael befreit, flüchtet Martin mit dem Auto. Lisbeth verfolgt ihn mit ihrem Motorrad. Er rast immer schneller. Als ihm ein Lastwagen entgegenkommt, wechselt er auf die linke Spur und fährt ungebremst in den LKW.

Am nächsten Morgen verbreitet sich die Nachricht von Martins Suizid.

Lisbeth und Mikael weihen Dirch Frode in die Hintergründe ein. Lisbeth, die inzwischen in dem Folterkeller mögliche Fingerabdrücke von sich und Mikael abgewischt und Martins Aufzeichnungen über die Opfer mitgenommen hat, will auf keinen Fall Objekt polizeilicher Ermittlungen werden. Sie verlangt deshalb von Frode Stillschweigen über ihre und Mikaels Rolle in der vergangenen Nacht und schlägt ihm vor, so zu tun, als habe er den Folterkeller nach Martins Tod selbst entdeckt.

Um herauszufinden, was mit Harriet geschah, fliegen Mikael und Lisbeth nach London. Sie wissen inzwischen, dass auf einigen der Fotos vom 22. September 1966 statt Cecilia deren ebenfalls hell gekleidete Schwester Anita zu sehen ist. Anita Vanger zog in den Siebzigerjahren nach London, arbeitete dort in einem Reisebüro und machte schließlich Karriere bei British Airways.

Nach der Ankunft in London trifft Lisbeth sich unter dem Decknamen „Wasp“ mit dem Hacker „Trinity“ und bittet ihn, Anita Vanger für sie abzuhören. Dann klingelt Mikael bei der Cousine der Vermissten und verlangt Auskunft darüber, was damals geschah. Anita wirft ihn hinaus – und ruft gleich darauf aufgeregt in Australien an. Der Anschluss gehört zur Cochran Farm.

Bei der 1891 von Jeremy Cochran gegründeten, 1972 von Raymond Cochran an Spencer Cochran vererbten Schaffarm handelt es sich um den fünftgrößten Agrarbetrieb Australiens. Spencer starb 1994. Seine Witwe Anita Cochran leitet seither das Unternehmen, das seit längerer Zeit auch in Industriebranchen investiert ist und dessen Umsatz dem des Vanger-Konzerns gleichkommt.

Weil Lisbeth in London die Nachricht vom Tod ihrer Mutter erhält und sofort nach Schweden zurückkehrt, fliegt Mikael allein nach Canberra.

Als Mikael der Frau mit dem Namen Anita Cochran gegenübersteht, spricht er sie als „Harriet“ an. Sie erschrickt, aber er stellt sich vor, versichert ihr sogleich, dass er ihr nicht schaden wolle und erinnert sie daran, dass sie auf ihn aufgepasst hatte, als er noch ein Kind gewesen war.

Harriet gesteht ihrem Besucher, dass sie ihren Vater ermordete. Am 7. August 1965 hatte er sie wieder in seiner Hütte vergewaltigt und mit den Mordtaten geprahlt. Sie flüchtete nackt auf den Bootssteg, und obwohl er stark betrunken war, taumelte er hinter ihr her. Sie brachte ihn zu Fall und drückte ihn mit einem Ruder solange unter Wasser, bis er tot war. Als sie sich umdrehte, stand Martin hinter ihr. Er hatte alles gesehen. Mit seinem Wissen zwang er sie nach Belieben zum Sex. Ihre Mutter Isabella durchschaute es und schickte Martin deshalb noch im selben Jahr nach Uppsala. Harriet, die seit 1964 bei ihrem Großonkel Henrik wohnte, war froh darüber. Es gelang ihr, einige Morde ihrem Vater zuzuordnen, aber dass Martin seinem Beispiel folgte, erfährt sie erst jetzt von Mikael.

Auch so fürchtete sie ihren Bruder und erschrak, als sie ihn am 22. September 1966 in Hedestad unerwartet wiedersah. Sie wollte daraufhin mit Henrik reden, aber der hatte an diesem Tag keine Zeit. Ihre Cousine Anita half ihr, sich zu verstecken, schmuggelte sie am nächsten Tag im Auto von der Insel und nahm sie mit nach Stockholm. Mit Anitas Pass reiste Harriet nach Italien und lebte dort vier Jahre lang im Kloster, bis sie Spencer Cochran begegnete. Ohne ihn über ihre wahre Identität aufzuklären, wurde sie 1971 seine Frau. Sie hat zwei Söhne und eine Tochter.

Zusammen mit Harriet fliegt Mikael zurück nach Schweden. Dort berichtet er seinem Auftraggeber, der sich inzwischen einigermaßen von dem Herzinfarkt erholt hat, was er herausfand. Dann schließt Harriet ihren Großonkel in die Arme. Ihre Mutter fällt vor Schreck in Ohnmacht, als sie die Totgeglaubte wiedersieht. (Isabella Vanger stirbt einige Zeit später.)

Während Harriets ältester Sohn Jeff, der in Oxford Betriebswirtschaft und in Melbourne Jura studierte, für seine Mutter in Australien einspringt, übernimmt Harriet als Nachfolgerin ihres toten Bruders die Führung des Vanger-Konzerns. Eine Familienchronik wird es selbstverständlich nicht geben. Um einen Skandal zu vermeiden, der für das Unternehmen, Harriet und die Familie katastrophal wäre, drängt Henrik darauf, zu verschweigen, dass es sich bei Gottfried und Martin um Serienmörder handelte. Als Gegenleistung verlangt Lisbeth, dass er den Familien der mit Hilfe von Martins Aufzeichnungen identifizierten Opfer Geld zukommen lässt und ab jetzt jährlich 2 Millionen Kronen für die Zentralorganisation der Frauenhäuser in Schweden spendet.

Mikael erhält das vertraglich vereinbarte Honorar in Höhe von 5 Millionen Kronen, aber als er nach Beweisen für Hans-Erik Wennerströms kriminelle Machenschaften fragt, stellt sich heraus, dass Henrik Vanger nichts Verwertbares über den dubiosen Finanzjongleur weiß. Sein Versprechen, Mikael mit Material zu versorgen, war nichts als ein Köder.

Allerdings trug Lisbeth nach ihrer Arbeit an dem Dossier über Mikael auf eigene Faust Informationen über den Mann zusammen, von dem der Journalist aufs Kreuz gelegt worden war. Dazu gehörte auch, dass sie Wennerströms Computer hackte und seither Zugang dazu hat. So kann sie nun Mikael umfangreiches Material liefern. In seiner Hütte auf der Schäreninsel Sandhamn arbeitet er an einer Themenheft-Ausgabe von „Millennium“ und an einem Buch, für dessen Publizierung die Zeitschrift einen eigenen Verlag gründet.

Im November, unmittelbar vor dem Erscheinen des Themenhefts und des Buches, übernimmt Lisbeth über ihren Laptop unbemerkt die Kontrolle über Wennerströms Konten bei der Bank of Kronenfeld auf den Cayman Islands. Nachdem sie sich von Mikael 120 000 Kronen geliehen hat, ohne etwas über ihre Pläne zu verraten, fliegt sie unter dem Namen Irene Nesser nach Zürich, wo sie ein Zimmer im Hotel Matterhorn reservieren ließ. Nachdem sie sich frisch gemacht hat, begibt sie sich zum Hotel Zimmertal und nimmt sich auch dort ein Zimmer, diesmal als Monica Sholes. Am nächsten Tag hat sie Termine mit den Direktoren der Banken Hauser General und Dorffmann, einmal als Irene Nesser, das andere Mal als Monica Sholes. Sie transferiert Wennerströms Vermögen in anonyme Obligationen und legt dreißig Nummernkonten an. Einen Teil des Geldes überweist sie an das von ihr gegründete Unternehmen Wasp Enterprises in Gibraltar.

Dann fliegt sie nach Oslo und fährt von dort mit dem Nachtzug zurück nach Stockholm.

Das Themenheft und das Buch über Hans-Erik Wennerström schlagen wie eine Bombe ein. Diesmal können Erika Berger und Mikael Blomkvist alle Angaben detailliert und nachprüfbar belegen. Die Quelle ihrer Informationen geben sie allerdings nicht preis. In den Medien kommt das Gerücht auf, bei dem Informanten handele es sich um jemanden aus dem innersten Führungszirkel des Wennerström-Imperiums.

Wennerström selbst taucht unter. Mitte Dezember 2003 wird er zur Fahndung ausgeschrieben. Ein halbes Jahr später findet man ihn in seiner Wohnung in Marbella. Er wurde mit drei Schüssen ermordet.

Die „Financial Times“ berichtet, Wennerström sei gewarnt worden und habe in letzter Sekunde 260 Millionen Dollar von seinen Konten bei der Bank of Kronenfeld auf den Cayman Islands abgezogen. Das Geld sei in die Schweiz transferiert und dort von einer Engländerin namens Monica Sholes – offenbar einer Vertrauten des Finanzjongleurs – anonymisiert worden. Trotz der Verkleidung erkennt Mikael Lisbeth auf dem in der Zeitung veröffentlichten Foto einer Überwachungskamera. Ihr Coup amüsiert ihn. Nun weiß er, warum sie sein Angebot ablehnte, ihr die Hälfte seines von Henrik Vanger gezahlten Honorars zu überlassen.

Zwischen Weihnachten und Silvester fühlt Lisbeth sich einsam und will Mikael besuchen.

Sie wollte, dass Mikael an ihrer Tür klingelte und … was? […] Sie wollte hören, wie er sagte, dass sie in seiner Welt und in seinem Leben etwas ganz Besonderes war. Sie wollte, dass er ihr eine Geste der Liebe zuteil werden ließ, nicht nur der Freundschaft und der Kameradschaft. Jetzt dreh ich wohl langsam durch.
Sie zweifelte an sich selbst. Mikael Blomkvist lebte in einer anderen Welt, voller Menschen mit respektablen Berufen und einem wohlgeordneten Dasein. Seine Bekannten machten tolle Sachen, waren im Fernsehen zu sehen und sorgten für Schlagzeilen. Wofür solltest du mich brauchen? […]
Sie benötigte freilich einen Vorwand, um an seine Tür zu klopfen. Sie hatte ihm kein Weihnachtsgeschenk gegeben, wusste aber, was sie ihm kaufen wollte. In einem Trödelladen hatte sie ein paar alte Reklameschilder aus Blech aus den Fünfzigerjahren gefunden, auf denen die Figuren in Halbreliefs hervortraten. Eines der Schilder stellte Elvis Presley dar […] Sie ließ es sich einpacken, nahm es unter den Arm und spazierte damit zu seiner Wohnung in der Bellmansgata.
Auf der Hornsgata warf sie zufällig einen Blick in die Kaffeebar und sah plötzlich Mikael mit Erika im Schlepptau herauskommen […] Sie verschwanden über die Brännkyrkagata in Richtung Bellmansgata. Ihre Körpersprache ließ keinen Zweifel daran, was sie im Sinn hatten.
Der Schmerz war so jäh und brutal, dass Lisbeth innehielt – unfähig, auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun […]
Salander, du bist so ein peinliches Rindvieh, sagte sie laut zu sich selbst.
Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging nach Hause in ihre frisch geputzte Wohnung. Als sie am Zinkensdamm vorbeikam, begann es zu schneien. Den Elivis Presley warf sie in einen Müllcontainer. (Seite 687f)

Nach dieser Enttäuschung will Lisbeth nichts mehr von Mikael wissen, und sie geht nicht ans Telefon, wenn er sie anruft.

Fortsetzung: Verdammnis

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„Verblendung“ ist der erste Band der 2300 Seiten umfassenden „Millennium-Trilogie“ des schwedischen Journalisten und Schriftstellers Stieg Larsson. Die Titel der anderen beiden Bände lauten: „Verdammnis“ und „Vergebung“. Eigentlich war die Buchreihe sogar auf zehn Bände angelegt, aber Stieg Larsson starb 2004 im Alter von fünfzig Jahren und konnte das Vorhaben nicht mehr verwirklichen.

Vor diesem Hintergrund ist es durchaus angemessen, dass die Exposition in „Verblendung“ hundert Seiten lang ist.

Im Mittelpunkt der Trilogie stehen Carl Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander, ein unkorrumpierbarer Enthüllungsjournalist und eine junge traumatisierte Einzelkämpferin mit autistischen Zügen, die als eine der besten Computer-Hackerinnen in Schweden nahezu alle gewünschten Informationen beschaffen kann.

Seine beiden Helden sind erwachsene Ausgaben der Lindgren-Kinder in einer modernen, korrupten, global vernetzten und verhetzten Welt. (Christine Dössel, Süddeutsche Zeitung, 30. September 2009)

Die Lisbeth ist das Faszinations-Zentrum der „Millennium“-Trilogie. Stieg Larsson hat sie grandios aus extremen Gegensätzen konstruiert. Innerlich zart und zerbrechlich, äußerlich martialisch und aggressiv. Die traumatisierte Seele eines Vergewaltigungsopfers, eingehüllt in den stacheligen Panzer einer Ich-gegen-den-Rest-der-Welt-Attitüde. Einerseits spielt Lisbeth virtuos mit moderner Computertechnik, andererseits lodert in ihr ein Hass wie bei den Rächerinnen antiker Tragödien. (Rainer Gansera, Süddeutsche Zeitung, 4. Februar 2010)

Die wörtliche Übersetzung des Originaltitels „Män Som Hatar Kvinnor“ würde „Männer, die Frauen hassen“ lauten. Aber der deutsche Verlag hat man sich für „Verblendung“ entschieden. Bei dem Buch handelt es sich um eine Mischung aus Wirtschaftskrimi, Whodunit-Thriller und Gesellschaftskritik in düsteren Farben. Es geht um die Auseinandersetzung zwischen einem lauteren Journalisten und einem kriminellen Finanzjongleur, um Machtmissbrauch, ein finsteres Familiengeheimnis, Serienmörder, einen sexuell perversen Sadisten hinter der Fassade eines rechtschaffenen Anwalts und Gewalt gegen Frauen.

Das vielschichtige Geschehen in „Verblendung“ wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Romanfiguren Carl Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander erzählt. Indem Stieg Larsson häufig zwischen den Erzählsträngen hin- und herspringt, verknüpft er gekonnt eine ganze Reihe von zumeist parallel entwickelten Handlungen und Nebenhandlungen. Ein paar Kürzungen hätten dem Roman nicht geschadet, aber Stieg Larsson behält die Komplexität gut im Griff und lässt keinen der Handlungsstränge fallen. Humor findet man in „Verblendung“ keinen, aber bei der Lektüre vermisst man ihn auch nicht. Störender ist es, dass trotz der detaillierten Darstellung nicht alle Zusammenhänge plausibel bzw. realistisch sind. Angenehm finde ich, dass Stieg Larsson in „Verblendung“ bis auf ein paar drastische Sex-and-Crime-Szenen wenig auf Effekthascherei setzt, sondern auf den Intellekt der Leser zielt.

Den Thriller „Verblendung“ von Stieg Larsson gibt es auch als Hörspiel (Bearbeitung und Regie: Walter Adler, Musik: Pierre Oser, Sprecher: Ulrich Matthes, Sylvester Groth, Jürgen Hentsch, Otto Mellies, Thomas Kienast, Matthias Matschke, Friedhelm Ptok, Anna Thalbach, Peter Gavajda, Vadim Glowna, Susanne Lothar, Ingrid Andree, Felix von Manteuffel, Jacqueline Macaulay, Wanda Colombina, Horst Mendroch, Lena Stolze, Corinna Kirchhoff u.a., Köln 2010, ISBN: 978-3-8371-0359-5).

Niels Arden Oplev verfilmte den Roman von Stieg Larsson: „Stieg Larsson. Verblendung“. Beim Hollywood-Remake führte David Fincher Regie: „Verblendung“.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010 / 2013
Textauszüge: © Wilhelm Heyne Verlag

Stieg Larsson (Kurzbiografie / Bibliografie)
Stieg Larsson: Verdammnis
Stieg Larsson: Vergebung

Niels Arden Oplev: Stieg Larsson. Verblendung
David Fincher: Verblendung

John Updike - Wie war's wirklich
Wenn es um Sex geht, werden Familienväter zu Nomaden. John Updike leuchtet in "Wie war's wirklich" hinter die Fassaden der Mittelschicht in Neuengland. Seine Sprache ist brillant, intelligent, und die ironischen Formulierungen funkeln darin.
Wie war’s wirklich

John Updike

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