Jules Verne : 20 000 Meilen unter dem Meer

20 000 Meilen unter dem Meer
Originalausgabe: Vingt mille lieues sous les mers Pierre-Jules Hetzel, Paris 1869/1870 (2 Bände) 20 000 Meilen unter dem Meer Deutschsprachige Erstausgabe: Verlag A. Hartleben, Wien 1874 Mit den Illustrationen der Originalausgabe Impian Verlag, Hamburg 2018 ISBN 978-3-96269-001-4, 505 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als sich Berichte von Seereisenden über ein geheimnisvolles Unterwasserobjekt häufen, macht eine Fregatte der amerikanischen Marine sich 1867 auf die Suche danach. Das Schiff wird von dem unbekannten Objekt versenkt, aber ein französischer Naturforscher und zwei weitere Passagiere überleben und werden von der Besatzung des U-Boots – um das sich es handelt – an Bord geholt ...
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Kritik

Jules Verne verbindet die packende Schilderung der fantastischen Abenteuer mit lehrreichen Beschreibungen der Unterwasserwelt. Eindrucksvoll ist auch seine Vision von einem U-Boot, wie es ein halbes Jahrhundert später konstruiert wurde.
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Meine Zeitgenossen werden sich noch deutlich jener merkwürdigen Naturerscheinungen erinnern, über die im Jahre 1866 so überstürzende Gerüchte umliefen. Besonders die Bevölkerung der Hafenstädte wurde damals beunruhigt, und bei allen Seeleuten, bei den Kaufleuten und Reedern, den Schiffsherren, Patronen und Kapitänen in Europa und in Amerika gab es viel Aufruhr. Die Offiziere der Kriegsmarine und die Regierungen aller Staaten widmeten der Sache ein besonderes Interesse.
Die Berichte lauteten dahin, dass einzelne Schiffe seit einiger Zeit einem unerklärlichen und nicht genau zu beschreibenden Gegenstand begegneten: spindelförmig, lang, zuweilen phosphorizierend und unendlich viel größer und geschwinder als ein Walfisch.

Professor Pierre Arronax vom Naturhistorischen Museum in Paris geht mit seinem Diener Conseil in Brooklyn, New York, an Bord der „Abraham Lincoln„, einer Fregatte der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika, die unter dem Befehl des Kommandanten Farragut eine Expedition zur Überprüfung der Gerüchte unternimmt.

Nach vier Monaten, im November 1967, stößt die „Abraham Lincoln“ im Pazifik auf das geheimnisvolle Objekt – und wird davon versenkt. Nur Arronax, Conseil und der kanadische Walfänger Ned Land überleben den Schiffsuntergang und klammern sich an die stählerne Oberfläche des fremden Gegenstands, bei dem es sich um ein U-Boot handelt.

Die Schiffbrüchigen werden ins Innere des hell erleuchteten U-Boots geholt, und nachdem sie geschworen haben, weder zu fliehen, noch die Besatzung der „Nautilus“ zu gefährden, erlaubt Kapitän Nemo, dass sie als Gäste an Bord bleiben. Kapitän Nemo und seine Besatzung leben bereits seit Jahren auf dem U-Boot; sie ernähren sich aus dem Meer und stellen alles selbst her, was sie benötigen: beispielsweise Stoffe aus den Fasern von Muscheln, Zigarren und sogar Parfum aus Meerespflanzen. Die „Nautilus“ ist luxuriös eingerichtet und verfügt über Kunstsammlungen, Laboratorien, eine Orgel und eine umfangreiche, mehrsprachige Bibliothek mit bibliophilen Kostbarkeiten.

Professor Arronax vergisst rasch, dass er auf der „Nautilus“ gefangen ist, denn er kann seine Kenntnisse über das Meer beträchtlich erweitern und entdeckt unter Wasser ständig Neues: Tiere und Pflanzen, Korallenbänke, unterseeische Wälder und Vulkane, die gesunkenen Schiffe von La Pérouse vor Vanikoro und sogar das sagenhafte Atlantis. Arronax, Conseil und Ned Land erleben auch Abenteuer wie den Kampf der „Nautilus“-Besatzung mit einer Riesenkrake, bei dem es um Leben und Tod geht. In weniger als sieben Monaten legt die „Nautilus“ 20 000 Meilen unter dem Meer zurück, unterquert die Landbrücke zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer und passiert sogar den Südpol. [Jules Verne konnte noch nicht wissen, dass sich der Südpol – anders als der Nordpol – auf der Landmasse der Antarktis befindet.]

Anders als Professor Arronax, leidet Ned Land unter dem Bewusstsein, ein Gefangener auf der „Nautilus“ zu sein und grübelt deshalb darüber nach, wie sich eine Flucht von Bord bewerkstelligen ließe. Er kann Kapitän Nemo nicht leiden, und der will seine drei ungebetenen „Gäste“ nicht gehen lassen, denn die Existenz der „Nautilus“ soll geheim bleiben:

„Wer die ‚Nautilus‘ betreten hat, darf sie nicht wieder verlassen!“

Kapitän Nemo verbirgt hinter der Fassade eines genialen, gebildeten und kultivierten Konstrukteurs und Naturwissenschaftlers ein dunkles Geheimnis.

Am 1. Juni 1868 sucht Kapitän Nemo eine Stelle im Atlantik auf, an der ein von Muscheln überzogenes Schiffswrack liegt. Es handelt sich um die 1762 gebaute „Vengeur“, ein französisches Kriegsschiff mit vierundsiebzig Kanonen, das am 1. Juni 1788 bei einer Seeschlacht gegen die Engländer die drei Masten verloren hatte und daraufhin von der eigenen Besatzung versenkt worden war. 356 Männer hatten sich lieber in die Tiefe reißen lassen, als sich den Engländern zu ergeben.

Nach dem Auftauchen wird die „Nautilus“ von einem gepanzerten Kriegsschiff unbekannter Nationalität beschossen. Als Ned Land von der Plattform aus sein weißes Taschentuch schwenkt, wirft Kapitän Nemo ihn zu Boden. Danach müssen Professor Arronax, Conseil und Ned Land sich ins Innere des U-Boots zurückziehen. Kapitän Nemo schwört, das fremde Schiff zu versenken.

„Aber nicht an dieser Stelle! Die Trümmer eures Schiffes sollen sich mit denen der ‚Vengeur‘ mischen!“

Statt abzutauchen, zieht die „Nautilus“ sich nur gerade aus der Reichweite der feindlichen Geschütze zurück und behält diesen Abstand auch während der Verfolgung durch das Kriegsschiff bei. Als Professor Arronax Kapitän Nemo anspricht, schreit dieser:

„Ich bin im Recht, ich übe Gerechtigkeit! Ich bin unterdrückt, und hier ist der Unterdrücker! Durch ihn habe ich alles verloren, was ich geliebt und verehrt habe; Vaterland, Weib, Kinder, Vater, Mutter! Alles sah ich zugrunde gehen! Dort ist alles, was ich hasse!“

Die drei „Gäste“ an Bord der „Nautilus“ wollen zu dem Kriegsschiff fliehen und lieber mit ihm versenkt werden, „als an einer Rache teilzuhaben, deren Recht man nicht ermessen kann“. Aber bevor sie ihr Vorhaben verwirklichen können, taucht die „Nautilus“ am 2. Juni wieder ab. Kurz darauf rammt das U-Boot das Kriegsschiff. Professor Arronax läuft aufgeregt in den Salon, wo Kapitän Nemo stumm aus einem der Bullaugen blickt und beobachtet, wie das aufgerissene Kriegsschiff in unmittelbarer Nähe sinkt. Hasserfüllt schaut der „viktorianische Osama bin Laden“ (Frank Schaetzing: Nachrichten aus einem unbekannten Universum, Seite 454) zu, wie die Besatzung vergeblich ums Überleben kämpft.

Dann fährt die „Nautilus“ zwei, drei Wochen lang in fünfzig Meter Tiefe weiter, ohne dass Professor Arronax den Kapitän oder einen seiner Offiziere zu Gesicht bekommt. Ned Land bereitet die Flucht vor und beschafft einen Schraubenschlüssel, der zum Öffnen der Luke erforderlich ist. Professor Arronax packt seine Notizen ein. In dem Salon, den er durchqueren muss, spielt Kapitän Nemo auf der Orgel. In dem Augenblick, als Professor Arronax, Conseil und Ned Land ins Beiboot klettern wollen, merken sie, dass die „Nautilus“ sich mit zunehmender Geschwindigkeit auf einer enger werdenden Spirallinie bewegt: Sie wurde vom Malstrom erfasst, einem ungeheuren Strudel zwischen den Lofoten und den Faröer-Inseln. Offenbar hat Kapitän Nemo bewusst diese Stelle aufgesucht. Profesor Arronax wird aus dem U-Boot geschleudert, schlägt mit dem Kopf gegen einen Stahlrahmen und verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, liegt er in einer Fischerhütte auf den Lofoten, und seine beiden Gefährten sitzen wohlbehalten neben ihm.

Was aus der „Nautilus“ geworden ist, weiß Professor Arronax nicht.

Werden uns die Fluten eines Tages das Manuskript des Kapitäns mit seiner ganzen Lebensgeschichte zuführen? Werde ich endlich den wahren Namen dieses Mannes erfahren?
Ich hoffe es!

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Der Abenteuerroman „20 000 Meilen unter dem Meer“ handelt von einem U-Boot-Kapitän, dessen Gerechtigkeitsempfinden offenbar verletzt wurde, der deshalb seine Genialität dazu benutzt, um sich hasserfüllt zu rächen. Jules Verne verbindet die packende Schilderung der in der Ich-Form von Pierre Arronax erzählten fantastischen Abenteuer mit lehrreichen Beschreibungen der Unterwasserwelt. Eindrucksvoll ist auch seine Vision von einem U-Boot, wie es in dieser Größe und Ausstattung erst nach der Jahrhundertwende konstruiert werden konnte. Keinen Zweifel lässt er daran, dass er sich ungeachtet seines Mitgefühls für den traumatisierten Kapitän Nemo mit dem französischen Naturforscher Pierre Arronax identifiziert, der vergeblich versucht, den Rächer von seinem inhumanen Vorhaben abzuhalten.

Den Namen „Nautilus“ übernahm Jules Verne von Robert Fulton, der 1801 ein mit Muskelkraft angetriebenes, sechseinhalb Meter langes Unterseeboot mit diesen Namen entworfen hatte. Vorbild der „Nautilus“ war ein U-Boot, das der aus Deutschland stammende Wahl-New-Yorker Julius Kröhl konstruiert hatte. Außergewöhnlich an dem vermutlich über eine Handkurbel angetriebenen U-Boot war die Druckschleuse, durch die es unter Wasser verlassen bzw. betreten werden konnte. Einige Exemplare des U-Boots setzten die Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg ein. Ein vor der Küste Panamas liegendes U-Boot-Wrack hält James Delgado, der Direktor des Maritim Museum in Vancouver, für Kröhls 1869 havarierte „Explorer“.

In der deutschen Übersetzung müsste der Titel eigentlich „89 000 Kilometer unter den Meeren“ heißen, denn eine französische Meile entspricht 4,45 km.

Neuere Übersetzungen gibt es von Peter Laneus („Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“, Diogenes Verlag 2002) und Dirk Walbrecker („20 000 Meilen unter dem Meer“, Gondrom Verlag 2003).

Verfilmt wurde Jules Vernes Roman „20 000 Meilen unter dem Meer“ bereits 1916 von dem amerikanischen Regisseur Stuart Paton: „20 000 Leagues Under the Sea“. In dem Stummfilm gab es wohl die ersten Unterwasseraufnahmen der Kinogeschichte zu sehen. – Als Klassiker gilt die von Richard Fleischer 1954 mit Kirk Douglas, James Mason, Paul Lucas, Peter Lorre u. a. gedrehte zweistündige Kinoversion: „20 000 Meilen unter dem Meer“ („20 000 Leagues Under the Sea“).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: gekürzte Ausgabe des Kolibri-Verlags, Wuppertal o. J.

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