Martin Walser : Statt etwas oder Der letzte Rank

Statt etwas oder Der letzte Rank
Statt etwas oder Der letzte Rank Originalausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 2017 ISBN: 978-3-498-07392-3, 171 Seiten ISBN: 978-3- (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In "Statt etwas oder Der letzte Rank" gibt es keinen Plot, keine Handlung. Martin Walser denkt in 52 zwischen zwei Zeilen und 17 Seiten langen Kapiteln über sich, seine Frauen, Freunde, Gegner und Feinde nach. Der 90-jährige Schriftsteller zieht eine ungewöhnliche Lebensbilanz, nicht in Form einer Autobiografie, sondern in Selbstgesprächen, also in seiner Gedankenwelt. Einige seiner Betrachtungen und Versuche der Selbstergründung kristallisieren sich zu allgemeingültigen Aphorismen ...
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Kritik

"Statt etwas oder Der letzte Rank" von Martin Walser ist "Gedankenlyrik in Prosa" (Jens Jessen), nicht nur wegen des fehlenden Plots, sondern v. a. wegen der geschliffenen Sprache und den von der Musik inspirierten Leitmotiven, Wieder­holun­gen und Variationen.

In „Statt etwas oder Der letzte Rank“ gibt es keinen Plot, keine Handlung. Vier, fünf Kapitel sind anekdotisch, aber in den anderen denkt Martin Walser über sich, seine Frauen, Freunde, Gegner und Feinde nach. Der 90-jährige Schriftsteller zieht eine ungewöhnliche Lebensbilanz, nicht in Form einer Autobiografie, sondern in Selbstgesprächen, also in seiner Gedankenwelt. Dabei verwendet er nicht nur die zu erwartende Ich-Form, sondern auch die dritte und seltener die zweite Person Singular.

Einige seiner Betrachtungen und Versuche der Selbstergründung kristallisieren sich zu allgemeingültigen Aphorismen.

Sieger sind EIN Jubel. Besiegte sind lauter Einzelne […].

Niederlagen machen einsam.

„Statt etwas oder Der letzte Rank“ setzt sich aus 52 zwischen zwei Zeilen und 17 Seiten langen und lediglich mit fortlaufenden Zahlen überschriebenen Kapiteln zusammen. Vielleicht dachte Martin Walser dabei an die Zahl der Wochen eines Jahres. Die kürzesten Kapitel lauten:

39. Fühl dich so unwichtig, wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz.

41. Ich kenne keinen, den ich, wenn ich ihm sagte, es geht mir gut, nicht gegen mich einnähme.

45. Es ist schwer, sich einen Menschen, den man gut gekannt hat, tot vorzustellen, bloß weil er gestorben ist.

Bei den Kapiteln 10 und 37 handelt es sich um Gedichte („Unmut“, „Nachtgebet“).

„Statt etwas oder Der letzte Rank“ beginnt folgendermaßen:

Mir geht es ein bisschen zu gut. Seit dieser Satz mich heimsuchte, interessiere ich mich nicht mehr für Theorien. Alles Besitzergreifende mied ich mühelos.

Später lässt uns Martin Walser wissen, dass er den ersten Satz einem seiner Feinde verdankt.

Der Verlag verkauft das Buch „Statt etwas oder Der letzte Rank“ von Martin Walser als Roman. Es ist jedoch eher „Gedankenlyrik in Prosa“ (Jens Jessen, „Die Zeit“, 12. Januar 2017), nicht nur wegen des fehlenden Plots, sondern vor allem wegen der geschliffenen Sprache und den von der Musik inspirierten Leitmotiven, Wiederholungen und Variationen.

Mir geht es ein bisschen zu gut.
Zu träumen genügt.
Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.
Ich hoffe mehr, als ich will.

Das Leben ist ein Fünf-Sterne-Hotel. Zum Glück.
Mir geht es ein bisschen zu gut.
Zu träumen genügt.
Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.
Ich hoffe mehr, als ich will.
Ich huste, also bin ich.

Mir geht es ein bisschen zu gut.
Zu träumen genügt.
Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.
Ich hoffe mehr, als ich will.
Ich huste, also bin ich.
Ich bin eine blühende Wiese.
Der liebe Gott ist ein Masseur mit Händen aus Musik.
Ich bin ein Apfelbaum, der Birnen trägt.
Alle Vögel singen, als wüssten sie Bescheid.

Oder auch:

Ich leide, also bin ich.

Ich bin unmöglich, also bin ich.

Ich bin, also bin ich.

In mehreren Kapiteln kommt der Autor auf Frauen zu sprechen, die in seinem Leben eine Rolle spielten, zum Beispiel „Magdalena aus Warschau“ und „Alexandra aus Freiburg“.

A liebte dich, B liebte dich auch. Du liebtest A, und du liebtest B. Du hättest es für eine ins Beleidigende reichende Unhöflichkeit gehalten, eine ernst zu nehmende Liebe nicht zu erwidern.

Das ganze Treue-Brimborium ist nichts anderes als die kulturelle Verbrämung einer barbarischen Strafroutine.

Während der Protagonist mit Liese Herbst aus Niederlinddorf die Minibar im Hotelzimmer leertrinkt, spricht sie Obszönitäten aus, wie er sie noch nie von einer Frau gehört hat und stachelt ihn dadurch zu einem Wettkampf auf.

Was wir taten, war, verglichen mit ihrer Rederei, lächerlich.

Der One-Night-Stand endet mit dem Zusammenbruch der Frau, einem „nicht mehr aufhörenden Erbrechen“ – und ihrem Tod. Er muss sich vor Gericht verantworten. Seine Ehefrau kommentiert das mit den Worten:

„Du siehst, wo du hinkommst mit deinem ewigen Mitleid.“

Nach dem Vortrag einer Frau namens Ellen über „Das Leben als Wiederholung des Einmaligen“ bleibt der Autor sitzen. Auch als keine anderen Zuhörer mehr da sind, beachtet Ellen ihn nicht., bis er sie beim Namen ruft und ihren Vortrag lobt. Zehn Jahre zuvor hatten sie einen One-Night-Stand und wechselten danach noch ein paar SMS, aber sie erkennt ihn nicht, hält ihn dann für einen Ferdinand, und er korrigiert sie nicht.

An anderer Stelle erzählt Martin Walser von einer „Monika“.

Ich gab ihr einen Namen, der nicht zu ihr passte: Monika. Nach allem, was ich inzwischen von ihr und über sie weiß, ist sie kein bisschen eine Monika. Ich machte sie zur Apothekerin.

In ihren unter Pseudonym veröffentlichten Büchern beschreibt Monika detailliert Kopulationen. Dass das als Pornografie abgestempelt wird, hält sie für „die Rache von Eunuchen“. Nachdem sie ihm ihren Autorennamen anvertraut und er ein paar von ihren Büchern gelesen hat, lädt sie ihn ein und führt ihn durch ihren Garten. Zuletzt besucht er sie in einer Klinik – und kopuliert mit ihr im Krankenbett. Im Weggehen denkt er, dass er „jetzt mit dieser Carla per du sei“.

Mit Namen spielt der Erzähler auch in einer anderen Anekdote: Als er alkoholisiert gegen eine Einbahnstraße fährt und dabei einen Porsche beschädigt, nimmt seine Frau – sie nennt ihn Bert –

die Schuld auf sich, bezahlt 10 000 Euro Strafe und erhält sechs Monate Fahrverbot. In dieser Zeit macht sie den Hubschrauber-Pilotenschein. Einige Zeit später kommt er beim Skifahren in Graubünden auf 2700 Metern Höhe von der Piste ab, stürzt und kann nicht mehr aufstehen. Er ruft seine Frau mit dem Handy an, und sie kommt mit einem Hubschrauber, um ihn zu retten.

Ach, Memle, sagte sie. Und ich sagte: Ach, Müsch. Mit Memle und Müsch hatten wir angefangen. Dann beuteten wir unsere Vornamen aus, waren Otto und Elvira, dann Caro und Elfe. Inzwischen Bert und Chriss. Dabei blieben wir.

Martin Walser hat stets den Eindruck gehabt, er werde beobachtet und beurteilt, von anderen ebenso wie von sich selbst.

Dass alles, was ich tat und dachte, einer Beobachtung, sprich Beurteilung ausgesetzt ist, spürte ich bei allem, was ich tat und dachte. Ich kriegte dadurch mit, dass ich so gut wie alles, was ich tat und dachte, nicht hätte tun und denken dürfen. Die eingebaute Instanz sagte nicht, was ich tun und denken dürfte, sie ließ mich nur erleben, dass ich nicht hätte tun und denken dürfen, was ich gerade wieder getan und gedacht habe.

Er hat immer schon getan und gedacht, was er nicht hätte tun und denken dürfen.

Obwohl sich der Schriftsteller immer wieder zu Unrecht kritisiert wähnt, versteckt er sich nicht wie „Monika“ bzw. Carla hinter einem Autorennamen.

Ich wäre mir unter allen Umständen zu eitel für ein Pseudonym. Meine Gedanken, das bin ich! Meine von ihr Hirngespinste genannten Versuche, das ist mein Exhibitionismus. Ich will erkannt sein! Und sei’s auf meine Kosten!

Ohne den Namen Marcel Reich-Ranicki zu nennen, kommt Martin Walser auf den Literaturkritiker zu sprechen:

Er tadelte, kritisierte oder beschimpfte immer im Namen und Interesse des Großenganzen bzw. der Gerechtigkeit oder der Humanität oder der Demokratie. […]
Natürlich hat er seine von mir als Feindseligkeit erlebten Aktionen nie als solche empfinden lassen. Er hat immer gehandelt im Namen des Richtigen.

Und er wusste, dass er sich, wenn er sich mit meinem neuesten Bemerkbar-werden-Wollen beschäftigte, nur ärgern musste. Aber er beschäftigte sich damit […]

Als der Protagonist in Frankfurt am Main die Ausstellung „Einsamkeit, eine europäische Erfindung“ vorbereitet, kündigt der „Feuilletongewaltige“ XYZ an, er werde sie besuchen und darüber schreiben. Der Kurator fürchtet einen Verriss. Aber am Ende kann XYZ wegen einer Erkältung nicht zur Vernissage kommen, und ein anderer Kritiker schreibt darüber „gepflegt langweilig“.

Da merkt man erst, was ein Text von Jenem – und wäre er so ungerecht gewesen wie das Leben selbst – hätte sein können.

Er glaubt, dass es den Kritikern gar nicht um seine Person oder sein Werk gegangen sei. Sie hätten ihn nur angegriffen, um ihre Macht auszuüben oder ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Hilft es, daran zu denken, dass es mehrere Menschen waren, denen du nicht genügtest? Und: dass du dies als Machtausübung erlebtest? Sie hatten die Macht, dich erleben zu lassen, dass du ihrem Anspruch nicht genügtest.

In einem Traum steigt Martin Walser in einen Großraumwagen der Bahn. Sein reservierter Platz ist besetzt, und zwar von einem seiner früheren Feinde, der längst tot ist. Statt den anderen Fahrgast zum Aufstehen aufzufordern, sieht sich der Autor nach einem freien Platz um, stellt jedoch fest, dass es keinen gibt und überall Männer sitzen, die ihm das Leben schwer machten und inzwischen tot sind. Sie erheben ihre Stimmen in einem polyphonen Chor der Kritik und Anklage gegen ihn. In den Gepäcknetzen liegen die Frauen, mit denen er sich einließ, und krümmen sich im Leid. Die Schaffnerin flüstert ihm ins Ohr, er befinde sich im „Salon der Wahrheit“.

Martin Walser meint aber auch:

Die Feinde und ich – wir waren ein Team. Zur Unterhaltung der Welt.

„Statt etwas oder Der letzte Rank“: Mit dem Plural von Rank – Ränke – sind Intrigen und Machenschaften gemeint. Martin Walser differenziert zwischen Gegnern und Feinden. Anders als seine Gegner, die nur etwas gegen ihn unternehmen, wenn sie dazu aufgefordert werden, nutzen seine Feinde jede Gelegenheit, ihm zu schaden.

Er erlebt die Welt als Summe aller Kräfte der Verhinderung.

Einmal saß er mit seinem einzigen Freund XY und vier oder fünf Bekannten in einer vollen Gaststätte am Tisch und schimpfte über den Staatssekretär Hallstädter. Der Politiker, dem es zugetragen wurde, zeigte ihn wegen Beleidigung an. Die Bekannten, die mit am Tisch gesessen hatten, sagten aus, sie könnten sich nicht mehr genau an die Äußerungen erinnern. XY trat jedoch vor Gericht als Belastungszeuge gegen seinen bisherigen Freund auf und sorgte dafür, dass er verurteilt wurde.

Der Autor befürchtet, er habe keine Freunde gehabt:

Auch die wirklichen Freunde blieben hinter dem zurück, was ich von Freunden erwartete. Also musste ich auch, was die wirklichen Freunde nicht brachten, durch Einbildung ersetzen. Das wiederum führte zu dem Gefühl, dass ich keine wirklichen Freunde hatte.
Freunde sind Phantasie.

Martin Walser misstraut allen:

Ich wusste, ich kann nur denen glauben, die mich belügen. Das heißt, die mir zuliebe die Unwahrheit sagen. Durch Lüge kommt so viel Wahrheit in die Welt wie durch Wahrheit.

Über die Lüge bzw. Unwahrheit meint er auch:

Die Unwahrheit ist die Kunst der Fuge als Sprache.

Die Kunst der Fuge bzw. die Fähigkeit, mit der Unwahrheit ein Glückkunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt. Keine ist edler und menschenfreundlicher als sie.

Im 46. Kapitel erzählt der Autor, wie er in Utrecht am Bahnsteig zwischen den Gleisen 3 und 7 auf den Zug nach Amsterdam wartet und dabei Jean-Paul Sartre beobachtet, der unentwegt in einem Fahrplan liest, ohne umzublättern. Die Miniatur endet mit den Sätzen:

Hat Utrecht eine Katholische Universität, dann war es ein Wunder. Sonst nur ein Märchen.

Martin Walser hat seinem Buch „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ein Zitat aus dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm vorangestellt. Wir erfahren, was mit dem aus der Schweiz stammenden Wort „Rank“ gemeint ist: „die wendung, die der verfolgte nimmt, um dem verfolger zu entgehen“. Mit „Statt etwas oder Der letzte Rank“ schlägt der 90-Jährige seinen letzten literarischen Haken und zieht sich aus der Welt zurück. Dafür steht auch der leere Bilderrahmen auf dem Titel.

Ich habe mich in jahrzehntelanger Anstrengung aus der Erreichbarkeit entfernt. […] Ich bin allem und allen entkommen. Mir nicht! NOCH nicht. Das kommt noch. O Utopie!

Er sehnt sich nach einem Zustand der Selbstaufhebung bzw. des Nirwanas.

Ich starrte auf eine leere, musterlose Wand und vermisste nichts.

Ich erlebte mich als eine blühende Wiese. Ich blühte vor der leeren, musterlosen Wand.

Im Dunkel zu liegen, ohne darauf zu warten, dass es wieder hell wird, das musste ich noch üben.

Martin Walser bedauert, dass sich ein Buch nicht ohne Sprache schaffen lässt:

Dass ich noch Sätze brauchte, war kein gutes Zeichen. Erstrebenswert wäre gewesen: Satzlosigkeit. Ein Schweigen, von dem nicht mehr die Rede sein müsste.

Der Autor möchte nicht mehr denken und schreiben. Andererseits heißt es in „Statt etwas oder Der letzte Rank“:

Ich wollte mir nicht verlorengehen. Jeder hängt an sich. Also ich auch.

In diesem Zusammenhang kokettiert Martin Walser mit einer Passage wie dieser:

Von einer Mutter habest du nur lieben gelernt. Hassen können. Dich selbst hassen zu können, das wäre jetzt dran. Und eben dazu seist du nicht imstande. Dich selber hassen zu können, das wäre, nach allem, was du bewirkt hast, die Erlösung. Dir bleibt aber nur die Liebe. Die zu dir selbst. Und fürchterlicher könnte nichts sein, als einen Menschen wie dich lieben zu müssen.

„Statt etwas oder Der letzte Rank“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Martin Walser (ISBN 978-3-8398-1561-8 4).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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