Martin Walser : Dorle und Wolf

Dorle und Wolf

Martin Walser

Dorle und Wolf

Dorle und Wolf Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1987 ISBN 3-518-02668-2, 177 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Wolf Zieger kam vor 15 Jahren aus der DDR. Seit 9 Jahren ist er mit Dorle verheiratet, einer Sekretärin im Verteidigungsministerium. Erst nach der Hochzeit klärte er sie über seine Agententätigkeit auf. Dass er mit ihrer Kollegin Sylvia ein Verhältnis hat, stellt er als freudlose Pflichtübung dar, um an geheime Protokolle heranzukommen ...
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Kritik

In der unterhaltsamen Novelle "Dorle und Wolf" parodiert Martin Walser auf ironisch-zynische Weise typische Verhaltensweisen, zum Beispiel von DDR-Funktionären und Juristen vor Gericht.
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Man muss, wenn man etwas zu verbergen hat, mehr tun, als man selber für nötig hält. Obwohl Wolf wusste, dass ihn niemand beobachtete, benahm er sich, als müsse er jemanden, der ihn ununterbrochen beobachtete, von seiner Harmlosigkeit überzeugen. (Seite 7)

Mit diesen Sätzen beginnt Martin Walser seinen Roman „Dorle und Wolf“.

Wolf Zieger kam vor fünfzehn Jahren aus der DDR in die Bundesrepublik. Nach einem Jahr Studium an der Musikhochschule in Leipzig war er exmatrikuliert worden, weil er einen Professor geohrfeigt hatte. Seit neun Jahren ist Wolf Zieger mit Doris („Dorle“) verheiratet, einer Sekretärin im Bundesverteidigungsministerium auf der Hardthöhe mit Zugang zur Geheimhaltungsstufe „Cosmic“.

Erst nach der Hochzeit klärte Wolf Dorle darüber auf, dass er parallel zu seiner Bürotätigkeit in Bonn unter dem Decknamen York für die DDR spioniere. Das sei jedoch nicht der Grund für seinen Heiratsantrag gewesen, versicherte er ihr. Er wolle dabei mithelfen, die Unterlegenheit der DDR gegenüber dem Westen auf High-Tech-Gebieten abzubauen, erklärte er.

„Am ersten Tag, an dem die drüben aufgeholt haben, hör ich auf, das weißt du. Aber solang die aus der elektronischen Steinzeit nicht rauskommen …“ (Seite 12)

Unter dem Vorwand, eine weitere Zuträgerin im Verteidigungsministerium zu benötigen, begann Wolf vor einiger Zeit eine Affäre mit Dorles Kollegin Sylvia Wellershof. Deren Ehemann Dominick sucht wegen seiner Angstneurosen seit drei Jahren jede Woche zweimal einen Psychoanalytiker auf. Sylvia nimmt zwar das Geld, das Wolf ihr für die kopierten Protokolle gibt, betont aber, dass sie aus Liebe zu ihm handele.

Sylvia hatte offenbar eine Begabung, Wünsche eines Mannes zu ertasten und dann zu erfüllen […] Dorle würde ihm leid tun, wenn sie alles täte, was er gern hätte, dass sie’s tue. Wen man liebt, will man schonen vor sich. (Seite 115)

Wolf verheimlicht Dorle zwar das Verhältnis mit Sylvia nicht, stellt es jedoch als freudlose Pflichtübung eines Agenten dar.

Wolf hatte eine Art Tatsachenzubereitung entwickelt, die für Dorle gerade noch erträglich war. Eine Art Zwischentürundangel-Verhältnis. Zwischen Dienstschluss und Abendessen, wenn Dominick beim Analytiker war, dann huschte Wolf dort schnell vorbei; und nach dem, was er Dorle berichtete, leistete er dort ebenso komische wie quälende Geschlechtsdienste, deren Hauptcharakteristikum ihre Kurzgefasstheit war. Auf jeden Fall: für die Beteiligten sehr unbefriedigend. Das ließ Dorle gelten. (Seite 42)

Dorle, die gerade fünfunddreißig Jahre alt geworden ist, wird von ihrem Chef umworben: Ministerialdirigent Dr. Jürgen Meißner. Wie Wolf stammt er aus der DDR, aber er kam bereits vor zweiundzwanzig Jahren in die Bundesrepublik. Vor sechs Wochen war er noch einmal „drüben“ zur Bestattung seiner alkoholkranken Mutter in Jena. Seine Ehefrau Nina ist gerade wieder schwanger.

Dr. Meißner hat sie [Dorle] heute, als alle gegangen waren, in sein Büro gebeten, hat ihr Rotwein eingeschenkt und dazu hat er gesagt, wenn Dorle wolle, gehe er auch in ein Café mit ihr. Von ihm aus könne das ganze Ministerium sehen, wie er mit Dorle Zieger ein Glas Wein trinke. Für Dorle riskiere er alles. Aus Liebe. Liebe mache rücksichtslos. Ob sie das wisse? Je größer die Liebe, desto größer die Rücksichtslosigkeit. Gegen sich selbst nämlich. Das Schlimmste sei, mit einer Frau verheiratet zu sein, die Wein nicht nur nicht mag, sondern verabscheut. Nichts deprimierender als dieses einsame Trinken. Direkt entwürdigend. Und man trinke doch, dass man sich nicht so einsam fühlen müsse. Und dann wird man durch nichts so einsam wie durch das Trinken […] mit seiner Frau könne er nicht einmal über seine Mutter reden. Seine Mutter sei eine Trinkerin gewesen. Das Gebiss seiner Mutter, als die Nachbarn sie fanden, im Keller, am Fuß der Kellertreppe, es war zerbrochen, das Gebiss seiner Mutter. Vom Sturz. Um sich das Trinken schwerer zu machen, hat sie nie mehr als eine Flasche auf einmal aus dem Keller geholt. Sie musste also oft hinunter. Das ist ihr zum Verhängnis geworden. (Seite 55f)

Tamás Ujfalussy, ein im selben Haus wie Dorle und Wolf wohnender ungarischer Mathematiker, wundert sich darüber, dass Wolf immer nur mit einer Hand Klavier spielt. Eines Tages meint er spaßeshalber, er habe berechnet, dass es sich bei ihm um einen Spion handeln müsse.

Dieter Beuerle, Dorles Bruder, besitzt eine Wurstfabrik, und weil er statt fremder Leute seine Schwester und seinen Schwager in der Geschäftsleitung haben möchte, verspricht er ihnen das zehnfache Gehalt, wenn sie bei ihm anfangen. Ohne sie zu fragen, kauft er ein Haus in Strümpfelbach für sie. Als er einige Zeit vergeblich auf ihre Zusage gewartet hat, droht er damit, das neu erworbene Haus anzuzünden.

Im Sommer mieten Wolfs Auftraggeber für ihn und Dorle ein Häuschen in der Feriensiedlung La Côte bei Istres an der Rhône-Mündung. In der Villa MAJOIE in Saint-Maxime treffen sich die beiden mit Wolfs Führungsoffizier, Genosse Bergmann, dessen Sekretärin Marga Haubold und dem zuständigen General, der seine junge, seit sechs Wochen mit ihm verheiratete Frau Sonja mitgebracht hat. Wolf versucht, Bergmann auseinanderzusetzen, dass er aufhören wolle, weil Dorle sich ein Kind wünsche und er von einem normalen Familienleben träume. Doch so einfach lässt Bergmann ihn nicht ziehen:

„Wir sind im Krieg. Der Imperialismus setzt uns das Messer an die Kehle. Die wollen uns weg haben von der Erdoberfläche. Denen würde die Erde einfach besser gefallen, wenn da keine sozialistischen Staaten drauf wären. Die wollen uns zutoderüsten. Die geben nicht nach, bis wir vor lauter Kanonen keine Kartoffeln mehr produzieren können. Koexistenz – eine Illusion […]
Sie kommen uns mit Ihrer Frau, Genosse Zieger! Das heißt, Ihr Feindbild ist am Verschwimmen. Sie merken das selbst nicht, klar. Ich hör’s aus jedem Wort, das Sie sagen. Ich höre nichts anderes als das. Der Kapitalismus ist erfolgreicher als wir. Das erleben Sie. Aber Sie erleben nicht, dass er erfolgreicher ist, weil er an die niedrigeren Instinkte des Menschen appelliert. Das zahlt sich aus. Nur auf dem Gebiet der Feindrekognoszierung sind wir überlegen. Bis jetzt. Weil wir motivierter sind. Und genau das gefährden Sie, wenn Sie das kleinbürgerliche Familienidyll über das stellen, was der Arbeiter- und Bauernstaat im prekären Augenblick von Ihnen fordert.“ (Seite 75)

Wolf wird zum Major befördert, darf die entsprechende Uniform anprobieren, und der General verleiht ihm einen Orden.

Um Dr. Meißner notfalls unter Druck setzen zu können, erhalten Dorle und Wolf ein Tonband, einen Mitschnitt, der aufgenommen wurde, als Meißner nach der Bestattung seiner Mutter in Jena noch eine Nacht mit einer Prostituierten in einem Hotel in Leipzig verbrachte.

Auf der Rückfahrt beschließt Wolf, sich in Bonn zu stellen.

Das Land, in dem man lieber vor Gericht geht, muss man vorziehen. Vielleicht.“ (Seite 110)

Um sich bei dem geplanten Schritt beraten zu lassen, wendet er sich an die Anwaltskanzlei Dr. Bestenhorn und Buhl. Bis zum Prozess muss er in Untersuchungshaft.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Es stellt sich heraus, dass Wolf, Dorle und Sylvia längst observiert wurden. Bei den Geräten, die Wolf von Dr. Rick Bruno, dem Inhaber einer Elektronik-Handelsfirma, bekam und an seine Auftraggeber weiterleitete, handelte es sich um Spielmaterial.

Bei einem ihrer ersten Besuche berichtet ihm Dorle, dass sie endlich schwanger sei und sich auf das Kind freue.

Der Fall Sylvia Wellershof wird abgetrennt, bevor die Hauptverhandlung gegen Dorle und Wolf Zieger vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf stattfindet.

Während Wolf bis dahin nur mit Buhl zu tun hatte, dem etwas älteren, unterwürfigen Sozius der Kanzlei, präpariert ihn nun Dr. Bestenhorn persönlich für die Rolle, die er vor Gericht spielen soll: „ein groteskes Produkt der immer grotesker werdenden deutsch-deutschen Polarisierung“ (Seite 129). Und er warnt ihn vor dem Vorsitzenden.

Wolf hört jedoch nicht auf den eitlen Rechtsanwalt. Die eifrige Oberstaatsanwältin Mindermann ist ihm zwar zuwider, aber von dem umgänglichen Richter erwartet er Verständnis und geht deshalb offenherzig auf dessen Fragen ein. Wolf rechnet mit einer kurzen Freiheitsstrafe und zuckt entsetzt zusammen, als die Staatsanwältin siebeneinhalb Jahre fordert. Dr. Bestenhorn tut das als Theaterdonner ab. Dann wird das Urteil verkündet: Fünf Jahre Haft für Wolf Zieger! Er fällt aus allen Wolken. Aber Dr. Bestenhorn bleibt zuversichtlich; er kündigt einen Revisionsantrag an und verspricht Wolf, es dem Vorsitzenden heimzuzahlen: „Fünf Jahre, der spinnt wohl.“ (Seite 169)

Dorle und Sylvia werden zu je neun Monaten Haft mit Bewährung verurteilt.

Durchs Fenster des grünen Transportfahrzeugs der Polizei beobachtet Wolf, wie Dorle aus dem Gerichtsgebäude kommt und von Dr. Meißner und ihrem Bruder Dieter bestürmt wird. Nach kurzer Zeit zieht sich der Ministerialdirigent enttäuscht zurück. Sylvia läuft währenddessen zu ihrem Auto. Dominick folgt ihr, aber sie fährt ohne ihn los. Der Vorsitzende, die Oberstaatsanwältin und Dr. Bestenhorn verlassen das Gebäude gemeinsam, plaudern und lachen miteinander, offenbar in bestem Einvernehmen. Bevor die Staatsanwältin in ihren Porsche steigt und sich die Herren in ihren BMW-Limousinen hinters Steuer setzen, schütteln sie sich herzlich die Hand.

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Der preußische General Ludwig York von Wartenburg (1759 – 1830) musste 1812 an Napoleons Russland-Feldzug teilnehmen. Als sich die Grande Armée zurückzog, schloss er auf eigene Faust mit den Russen die Konvention von Tauroggen und stellte damit den preußischen König Friedrich Wilhelm III. vor vollendete Tatsachen. – Es ist wohl kein Zufall, dass Wolf Zieger als DDR-Agent den Decknamen „York“ wählt, denn es geht ihm darum, einen Beitrag dafür zu leisten, dass die DDR den Vorsprung des Westens auf High-Tech-Gebieten aufholt. Er möchte also in die Geschichte eingreifen, wie Ludwig York von Wartenburg es getan hatte.

Besonders viel ereignet sich nicht in „Dorle und Wolf“, einem Buch, das Martin Walser als Novelle bezeichnet. Der Reiz liegt weniger in der Handlung, als in der ironisch-zynischen Darstellung ungewöhnlicher und alltäglicher Szenen, die einem von Dorle ausgesprochenen Motto zu folgen scheint: „Man sollte alles nur parodieren.“ (Seite 68) Das gilt zum Beispiel für typische Verhaltensweisen von DDR-Funktionären und Juristen vor Gericht. Immer wieder freut man sich beim Lesen über subtile Beobachtungen, die Martin Walser – nicht selten auf maliziöse Weise – in die Szenen eingebaut hat.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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