Martin Walser : Ein sterbender Mann

Ein sterbender Mann

Martin Walser

Ein sterbender Mann

Ein sterbender Mann Originalausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 2016 ISBN: 978-3-498-07388-6, 287 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Verrat seines Freundes Carlos Kroll treibt den 72-jährigen Unternehmer Theo Schadt in den Bankrott. Er sitzt nun an der Kasse des seiner Frau Iris gehörenden Ladens für Tango-Accessoires. In einem Suizid-Internetforum tauscht er sich mit "Aster" aus, deren Entschluss zur Selbst­tötung irreversibel ist. Theo hingegen erhält neuen Auftrieb, als er in die Augen einer 53-jährigen Kundin seiner Frau blickt: Er verlässt Iris und beginnt eine Korrespondenz mit Sina Baldauf ...
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Kritik

Der Protagonist äußert sich in Briefen, Mails, Postings, Selbst­ge­sprächen ... Eingestreut sind auch Texte anderer Figuren. Daraus ergibt sich eine heterogene Mixtur selbst­ironischer, tragikomischer, sarkas­tischer, grotesker, satirischer Passa­gen: "Ein sterbender Mann" von Martin Walser.
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Theo Schadt ist 72 Jahre alt. Der in Isny geborene Sohn des Erfinders Barthel Schadt zog im Alter von 32 Jahren nach München und heiratete dort vor 38 Jahren Iris, die Tochter eines Viehhändlers, die zum Zeitpunkt der Hochzeit als Sekretärin in der Diözesanverwaltung tätig war. Als ihr Chef nach Rom versetzt wurde, ging sie zum Fernsehen und begeisterte sich dann für den Tango. Nach 17 Jahren Tanzen hörte sie damit auf, arbeitete fünf Jahre lang in einem Geschäft in München, das Accessoires für Tango-Tänzerinnen anbot, und machte dann selbst in der Schellingstraße einen ähnlichen Laden auf: „Terpsichore, Flitter & Co“. Das einzige Kind, die Tochter Mafalda, studierte Meeresbiologie und gehört inzwischen dem Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland an. Verheiratet ist sie mit Axel Port, dem Autor des Buches „kunstvoll fallengelassenes“, der an einem Projekt mit dem Titel „WeltLicht“ arbeitet.

Vor 19 Jahren lernte Theo Schadt durch seine Schweizer Verlegerin Melanie Sugg auf der Burg Wildenstein den 20 Jahre jüngeren Cello spielenden Lyriker Carlos Kroll kennen. Die beiden Männer wurden enge Freunde. Theo Schadt finanzierte die Veröffentlichung von Krolls Gedichten in Prachtausgaben. Sie trugen Titel wie „Lichtdicht“, „Leichtlos“, „Kopftau“, „SeinsRiss“, Mehr als ein paar hundert Exemplare ließen sich davon nicht verkaufen. Schadts eigene Bücher erwiesen sich dagegen als Bestseller. Es handelte sich um Ratgeber wie „Rumpelstilzchen. Anleitung zur Selbstfindung“ und „Wolkenbruch. Anleitung zur Selbstbefriedigung“. Noch mehr Geld verdiente Theo Schadt mit seinem Unternehmen „Patente & mehr“. Carlos Kroll zuliebe gründete er auch noch die Firma „Der Verschönerer“.

Vor einiger Zeit zeichnete der Verein für Gute Dichtung Carlos Kroll und Natalie Kurzohr gemeinsam mit dem Karoline-von-Günderode-Preis aus. Anders als Carlos Kroll kam Nathalie Kurzohr nicht selbst zur Preisverleihung im Lyrik-Kabinett in der Amalienstraße in München, sondern bat ihren Verlag, sie dort zu vertreten. Carlos Krolls‘ Verlegerin Melanie Sugg wiederum lag nach einer Nierensteinkolik in einer Klinik in Zürich und konnte nicht nach München kommen. Theo und Iris Schadt befanden sich unter den Gästen und sahen, wie Dr. Muth, der Präsident des Vereins für Gute Dichtung, stolperte und stürzte, als er auf die Bühne steigen wollte, um die Eröffnungsrede zu halten. Für die Laudatio trat dann der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Wolfram Hallhuber von der LMU ans Rednerpult. Er begann mit der Behauptung, jedes Gedicht von Carlos Kroll sei eine ästhetische Festung, die erobert sein wolle. Er sei deshalb mit dem Dichter in Kontakt getreten, aber Carlos Kroll habe geantwortet: „Sehr geehrter Herr Professor, verstehen Sie mich, bitte, nicht.“ Trotz dieser Aufforderung zitierte Prof. Hallhuber nun Verse von Carlos Kroll und interpretierte sie.

Silbersilben schickt der Bach ins Tal,
von des Bodens brauner Neugier begleitet.

Gestorbene Vögel sitzen auf gedachten Zweigen.

Sprachgewänder weben
gegen die Kälte der Welt.

Löse die Maschen des Märchens auf,
lerne, nackt zu sein, ohne zu frieren.

Zum Schluss erklärte er, er lese die Carlos-Kroll-Gedichte inzwischen als eine einzige, nicht aufhören könnende Existenz-Erzählung. Der gefeierte Dichter sagte in seinem kurzen Dankeswort:

Ich weiß, warum ich nicht verstanden sein will. […] Sie haben mich bis zur Verständlichkeit heruntergeredet.

Beim anschließenden Abendessen im Hotel Königshof wurden ebenso billige wie altbackene Herrenwitze erzählt, und dabei tat sich besonders der Literaturprofessor hervor.

Unlängst ging der Unternehmer Theo Schadt durch den Verrat des feinsinnigen Freundes bankrott und musste alle 41 Mitarbeiter entlassen. Ein Amerikaner hatte ihm ein aus Schlangengift gewonnenes Mittel gegen Herzinfarkt angeboten, und Theo Schadt hatte 98 Millionen Dollar in eine Fabrik in North Carolina investiert, die das Präparat „Sancordin“ herstellen sollte. Carlos Kroll, der in das Projekt eingeweiht war, gab die entscheidenden Informationen kurz vor dem geplanten Start-up an Theo Schadts Hauptkonkurrenten Oliver Schumm weiter. Der produziert das Medikament nun unter dem Namen „Corsantin“ in Oberbayern.

Oliver Schumm ist dafür bekannt, dass er über eine Art Harem verfügt, aus dem er jeweils die Frau abruft, mit der er schlafen will. Carlos Kroll wiederum hat noch nie eine eigene Wohnung besessen, sondern sich stets von älteren Frauen aufnehmen lassen, so auch von der Verlegerin Melanie Sugg. Seit einiger Zeit lebt er in der Jugendstil-Villa der elf Jahre älteren Psychotherapeutin Dr. Anke Müller. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, eine Kellnerin in Lörrach zu schwängern.

Seit dem geschäftlichen Zusammenbruch sitzt Theo Schadt im Tango-Laden seiner Ehefrau an der Kasse.

Als wäre das nicht alles schon schlimm genug, ist Theo Schadt seit dem Bankrott impotent und erhält nun auch noch eine Krebsdiagnose: Ein Dickdarmtumor, der jedoch so groß ist, dass bei einer Operation eine Streuung von Krebszellen unvermeidlich wäre. Die Ärzte wollen die bösartige Geschwulst deshalb zuerst mit anderen Mitteln zum Schrumpfen bringen. Hinsichtlich der Lebenserwartung machen sie Theo Schadt keine großen Hoffnungen.

Aber er spielt ohnehin seit dem Verrat seines einzigen Freundes mit Selbstmordgedanken und hat sich in einem Suizidforum angemeldet. Dabei nennt er sich „Franz von M“, nach dem bösen der beiden Moor-Brüder in Friedrich Schillers Schauspiel „Die Räuber“. Am intensivsten tauscht er sich mit einer Frau aus, die den Alias „Aster“ gewählt hat und erklärt, ihr Entschluss zur Selbsttötung sei irreversibel. Aster und Franz von M chatten nicht nur über ihre Absichten und den „Suizid als Selbstverwirklichung“, sondern schicken sich auch Privatnachrichten.

Ich kann mich nicht zurückhalten, die unmögliche Frage zu stellen: Was hast du, als du das geschrieben hast, angehabt! Ich ziehe die Frage als hoch unseriös zurück.

Es grüßt
dein Suizident

Eines Tages kauft eine Kundin in Iris Schadts Laden „Terpsichore, Flitter & Co“ Stilettos mit 9,5 Zentimeter hohen Absätzen. Als sie bezahlt und Theo Schadt zu ihr hochblickt, wird er von ihren Augen regelrecht geblendet. Die Kundin heißt Sina Baldauf, und ihre Adresse findet er in der Kartei. Nachdem er einen ersten Brief an sie nicht abzuschicken wagte, schreibt er ihr am 2. August 2014 unter anderem, ein Satz, den sie im Gespräch mit seiner Frau habe fallen lassen, gehe ihm nicht mehr aus dem Sinn:

„Wenn die Achse stabil ist, ist es nahezu so, als hätten beide Tanzpartner nur eine einzige Achse, um die sie sich drehen.“

Am 7. August antwortet ihm Sina Baldauf. Sie teilt ihm mit, es sei berührend gewesen, wie er zu ihr aufgeschaut habe. Außerdem heißt es in ihrem Brief:

Tango ist die Parallelwelt, in der ich lieber lebe als in der wirklichen. […] Tango ist der schönste Ersatz für etwas, was es nicht gibt.

Die 53-jährige Tango-Tänzerin arbeitet als Büroleiterin in einem Unternehmen, das von seinen Angestellten im Rahmen einer Umstrukturierung einen beträchtlichen Gehaltsverzicht verlangt. Als Einzige ist Sina Baldauf nicht bereit, eine entsprechende Einverständniserklärung zu unterschreiben. Stattdessen kündigt sie.

Am 9. September berichtet Sina ihrem Brieffreund Theo – inzwischen duzen sie sich –, von ihrer Mutter Agathe aus Jena. Während diese als junge Sekretärin am Goethe-Institut in Paris arbeitete, ging sie einmal mit den drei algerischen Studenten Karim, Sabri und Moncef tanzen.

Danach war sie schwanger. Von Sabri. […] Karim, der auch gern ihr Liebhaber geworden wäre, gestand ihr, die drei hätten eine Wette gemacht. Jeder wettete darauf, dass Agathe ihn vorziehen würde. Karim und Moncef mussten bezahlen. Sabri kassierte.

Eine Abtreibung kam für Agathe nicht in Betracht, aber sie wollte vom Vater des ungewollten Kindes nichts mehr wissen und zog frustriert nach München.

Die Brieffreundschaft mit Sina gibt Theo neuen Auftrieb. Zugleich glaubt er, Iris nicht mehr zumutbar zu sein und zieht deshalb in eine Wohnung, die er für Gäste seines Unternehmens gemietet hatte. Weil er auch nicht mehr in Iris‘ Laden an der Kasse sitzt, bleibt ihm noch mehr Zeit fürs Schreiben. Anfang Oktober schickt er seiner verlassenen Frau einen Brief, in dem es heißt:

Für mich bist du das Nackte schlechthin. Es gibt außer dir nichts nennenswert Nacktes. Alles sonstige Nackte ist Ware.

Theo, der sich inzwischen seine eigene Wirklichkeit zimmert („Ich bilde mir ein, was ist“), schildert in einer E-Mail an Sina eine Fahrt mit der U3. Eine in Obersendling zugestiegene Frau fragt zunächst ihn, worauf sich sein Name reime, und er antwortet: „Glück“. Dann sorgt sie mit dem Kommando „Klamotten runter!“ dafür, dass allen Fahrgästen noch vor der Haltestelle Poccistraße die Kleider vom Leib fallen.

Die U-Bahn blüht. Jetzt singt es auch noch.

Ende September notiert Theo, was er in sechs aufeinanderfolgenden Nächten träumt.

Es ist schmerzlich für Theo, zu erfahren, dass Sina nicht nur seit mehr als zehn Jahren mit Oliver Schumm befreundet ist, sondern außerdem mit Carlos Kroll in einer offenen Beziehung lebt.

Anfang Dezember schreibt sie ihm aus Rom, wo sie an einem Tango-Turnier teilnimmt.

Dann fliegt sie nach Algerien, um ihren Vater Sabri zu suchen. In Biskra bei Menaa findet sie dessen sieben Jahre ältere Schwester und erfährt, dass Sabri in Frankreich als Chirurg praktizierte und zahlreiche Affären hatte. Vor 15 Jahren ermordete ihn jemand. Das Gewaltverbrechen blieb unaufgeklärt. Vielleicht handelte es sich um Selbstjustiz nach einem vermeintlichen oder tatsächlichen Behandlungsfehler.

Kurz vor Weihnachten wird Theo Schadt von zwei kräftigen Männern aus seiner Wohnung entführt. Mit verbundenen Augen schieben sie ihn in ein Auto und bringen ihn zu einem Fernsehstudio, wo er ungefragt als einer von vier Teilnehmern der Sendung „Nimm’s mit Humor“ vor der Kamera sitzt und vom Moderator über sein Scheitern als Unternehmer befragt wird. Einer der anderen sitzt im Rollstuhl und berichtet über vier gescheiterte Suizid-Versuche.

Beim finalen Aufräumen stößt Theo Schadt auf seine aus mehreren Jahrzehnten stammenden Berichte an die Regierung. In seiner vierten Eingabe kritisierte er, dass die meisten Fahrgäste öffentlicher Verkehrsmittel lesen (früher auf Papier, inzwischen auf Smartphones). Er forderte die Regierung deshalb auf, etwas dagegen zu unternehmen und dafür zu sorgen, dass die Menschen einander wahrnehmen.

In einer Mail vom 9. Januar 2015 teilt Sina ihm mit, dass sie herausgefunden habe, dass er mit Franz von M im Suizidforum identisch ist und gibt sich als „Aster“ zu erkennen.

Kurz darauf ruft sie erstmals an. Sie benachrichtigt ihn über Carlos Krolls Tod. Der Dichter starb in ihrer Wohnung, nachdem er – wie immer bei seinen Besuchen – Matcha getrunken hatte. Weil sich bei der Obduktion herausstellt, dass Carlos Kroll vergiftet wurde, ermittelt die Polizei in dem Fall. Theo behauptet bei seiner Vernehmung durch Kriminalhauptkommissar Steinfeld, vor dem wöchentlichen Besuch des Verräters bei Sina Baldauf den Matcha vergiftet zu haben. Krolls Lebensgefährtin Dr. Anke Müller erträgt jedoch die Vorstellung nicht, das Genie sei von einem geltungssüchtigen Spinner ermordet worden: Sie gesteht den Mord, und Theo wird nach drei Tagen Untersuchungshaft freigelassen.

Bei einer erneuten medizinischen Untersuchung des Krebspatienten stellen die Ärzte fest, dass sich der Tumor zurückgebildet hat und nun entfernt werden kann. Die Operation wird für den 11. Februar angesetzt.

Zwei Tage vorher widerruft Sina eine Einladung Theos zu einem Tango-Konzert im Prinzregententheater, und er sagt daraufhin die Operation ab.

Von seinem Schwiegersohn Axel erhält Theo die Nachricht vom Suizid seiner Ehefrau Iris. Mafalda macht ihren Vater dafür verantwortlich und will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sie beabsichtigt, eine kleine Insel in der Ägäis zu kaufen, dort ein Haus nach dem Vorbild des zuletzt von Iris in der Echterstraße in München bewohnten Gebäudes errichten zu lassen und alle von ihrer Mutter hinterlassenen Sachen, auch die aus dem Laden in der Schellingstraße, hinzubringen. Ob Axel sie auf der Insel besuchen darf, hat sie noch nicht entschieden.

Theo schreibt seiner Tochter am 26. Februar 2015 einen Abschiedsbrief:

Härter, als deine Mutter mich durch ihre Tat bestraft hat, kannst du mich durch deine Trennungstat nicht bestrafen.

Im Suizidforum kursiert die Nachricht, dass Aster sich das Leben genommen hat.

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Der Roman „Ein sterbender Mann“ handelt von Verrat, Liebe, Abhängigkeit und vom Altern. Martin Walser überlässt dabei dem Protagonisten Theo Schadt das Wort und die Perspektive. Allerdings wechselt diese Romanfigur bald vom Ich zur dritten Person Singular.

„Ein sterbender Mann“ beginnt mit einem nicht abgeschickten Brief Theo Schadts:

Sehr geehrter Herr Schriftsteller!
Mehr als schön ist nichts. Diesen Satz sollen Sie gesagt oder geschrieben oder gesagt und geschrieben haben. Es ist der unmenschlichste Satz, den ich je zu lesen bekam.

Wer dieser Schriftsteller ist, erfahren wir nicht, aber das Zitat stammt von Martin Walser. Dazu der Autor in einem Interview mit Julia Encke:

Er [der Satz] ist auf das Unschuldigste entstanden. Ich bin vor zwei Jahren von der Zeitschrift „Cicero“ nach Berlin eingeladen worden, und Frank A. Meyer, der Journalist, der mich da eingeladen hat, hat gesagt, ich dürfe mit Peter Sloterdijk diskutieren, worüber ich wolle. Da habe ich ihm diesen Satz geschrieben: „Mehr als schön ist nichts“.
(Martin Walser, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Januar 2016)

Zwischendurch heißt es in „Ein sterbender Mann“:

Lieber Herr Schriftsteller, der Sie längst meine Selbstgesprächskulisse sind […].

Und gegen Ende zu wendet sich der Protagonist erneut an den Schriftsteller:

Sehr geehrter Herr Schriftsteller,
das muss Ihnen noch mitgeteilt werden: Ihr Satz Mehr als schön ist nichts darf verbessert werden: Eine, die selber aufgehört hat, war mehr als schön. Sie war alles. Und noch eine, die auch selber aufgehört hat, war auch mehr als schön. Sie war alles.
Nur, dass Sie das wissen.

Der Schriftsteller antwortet darauf:

Lieber Herr Schadt,
leben wir in derselben Parallelwelt?

Theo Schadt äußert sich in Briefen, E-Mails, elektronischen Postings, Notizen und Selbstgesprächen. Eingestreut sind auch Texte anderer Figuren, vor allem einer Teilnehmerin in einem Suizidforum („Aster“) und einer Tango-Tänzerin namens Sina Baldauf. Die Seiten 189 bis 202 bestehen fast ausschließlich aus Sentenzen wie:

Die Todesanzeigen sind im Bündner Tagblatt kostenlos.

Die Sonne tut, als scheine sie. Er glaubt ihr nicht.

Eineinhalb Seiten stehen durchgängig im Konditional. Die unterschiedlichen Stile bilden eine heterogene Mixtur selbstironischer, tragikomischer, sarkastischer, grotesker, satirischer und zunehmend absurder Passagen.

Das alles ist unsortiert durch- und nebeneinander: eine grob zusammengezimmerte Posse, kapriziösestes Ego-Theater, eine krachlederne Literaturbetriebskomödie, eine herrliche Persiflage der Gelassenheits- und Memento-Mori-Ratgeber, ein großartiges shakespearehaftes Lebensschauspiel und ein energisches und in dieser Energie beeindruckendes Nichtsterbenwollen-Buch eines Achtundachtzigjährigen […]. (Irisch Radisch, Die Zeit, 7. Januar 2016).

Die meisten Figuren bleiben Schemen; Martin Walser unternimmt gar nicht den Versuch, sie psychologisch auszuleuchten.

Dass der geschädigte Protagonst Schadt heißt, sollen wir vermutlich mit dem Begriff Schaden assoziieren. Sein Gegenspieler heißt Kroll, ähnlich wie der Hochstapler Felix Krull bei Thomas Mann. Bei dem Namen Steinfeld könnte Martin Walser an Thomas Steinfeld („Der Sprachverführer“) gedacht haben, der ihn in einem am 4. Juni 2002 von der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Die Meute der Deuter“ gegen die Antisemitismus-Vorwürfe des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher verteidigte.

Martin Walser bedankt sich bei Thekla Chabbi „für die Mitarbeit an diesem Roman“. Die Sinologin, die in den Neunzigerjahren mit dem Schlagersänger Guildo Horn verheiratet war (der bei der Eheschließung 1993 ihren Familiennamen angenommen hatte), begegnete Martin Walser am 14. Januar 2014 in Heidelberg. Es heißt, sie habe ihn nicht nur auf die Idee mit dem Suizidforum gebracht, sondern auch Sina Baldaufs 22 Seiten lange Mail vom 5. Januar 2015 über die Suche nach dem Vater in Algerien verfasst.

Den Roman „Ein sterbender Mann“ von Martin Walser gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor (ISBN 978-3-8398-1477-2).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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