Michelle Marly : Madame Piaf und das Lied der Liebe

Madame Piaf und das Lied der Liebe
Madame Piaf und das Lied der Liebe Originalausgabe Aufbau Verlag, Berlin 2019 ISBN 978-3-7466-3481-4, 431 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Michelle Marly vermittelt uns ein farbiges, lebendiges Bild der einzigartigen Chansonnière; es ist das Porträt einer mutigen, starken und freiheitsliebenden Frau. Dabei fokussiert die Autorin auf die Jahre 1944 bis 1946, als Édith Piaf mit Yves Montand die Grundlagen für dessen Karriere legte und seine Geliebte war.
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Kritik

Michelle Marly hat die Romanbiografie "Madame Piaf und das Lied der Liebe" nicht mit Fakten überfrachtet, sondern mehr Wert auf mitreißende Szenen gelegt. Die Darstellung bewegt sich allerdings entlang der Trennlinie zur Schnulze – und manchmal überschreitet sie diese auch.
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1944

Kurz nach der Befreiung von Paris Ende August 1944 kündigt das Moulin Rouge die Wiederöffnung an. Lou Barrier, der neue Impresario des Cabarets, engagiert dafür Édith Piaf und plant Yves Montand als Vorsänger ein, einen Cowboy-Sänger, der seinem Vorbild Fred Astaire nacheifert und in der Provinz bereits einige Erfolge gefeiert hat.

Édith Piaf findet ihn lächerlich. Das gilt für Kleidung, Gestik und Gesang gleichermaßen. Dennoch lässt sie sich dazu überreden, dem sechs Jahre Jüngeren eine Chance zu geben. Sie bestellt ihn zu sich ins Hotel und erklärt sich bereit, ihn nicht nur auf die Aufgabe des Vorsängers bei der Wiedereröffnung des Moulin Rouge vorzubereiten, sondern darüber hinaus einen Chansonsänger aus ihm zu machen. Yves Montand beruft sich auf seine Erfolge, aber Édith Piaf tut sie verächtlich als unbedeutend ab. Beleidigt knallt Yves Montand hinter sich die Tür zu.

Weil der 23-jährige Sohn eines bankrotten Besenbinders jedoch die Gage benötigt, gibt er nach und lässt sich auf das Angebot ein. Édith Piaf lädt ihn daraufhin ins Bistro La Bonne Franquette ein, wo sie ein Abendessen mit ein paar Freunden geplant hat. Sie beobachtet, dass Yves Montand nicht weiß, welches Besteck er für die Vorspeise in die Hand nehmen soll. Dass ihre Freundin Simone Berteaut („Momone“) sie fragt, wie sie die Rechnung bezahlen wolle, nervt Édith Piaf:

„Keine Ahnung. Wir lassen anschreiben und holen uns einen Vorschuss auf meine Gage im Moulin Rouge. Oder Henri bezahlt die Rechnung Was weiß ich? Lass mich in Ruhe mit deinen ewigen Fragen nach Geld.“ (115)

Édith Piaf geht davon aus, dass Yves Montand eine ähnliche Kindheit wie sie hatte und nimmt sich vor, sein Pygmalion zu werden, so wie der Dichter Raymond Asso ihrer war:

„Mein Konservatorium war die Straße, meine Intelligenz der Instinkt“, erklärte Édith. „Raymond Asso brauchte drei Jahre, um aus mir etwas anderes zu machen als ein Phänomen, dessen Stimme man sich anhört, wie man einen seltenen, auf dem Jahrmarkt zur Schau gestellten Vogel bestaunt.“ (117)

Als sie erfährt, dass Ivo Livi – so der bürgerliche Name des italienisch-stämmigen Sängers – zwar ebenfalls arm, aber im Gegensatz zu ihr in einer intakten Familie aufwuchs, beneidet sie ihn.

Bald nach dem Beginn der gemeinsamen Arbeit werden die beiden ein Liebespaar. Obwohl Édith Piaf das zu verheimlichen versucht, beendet sie damit faktisch die Affäre mit Henri Contet, der für sie Texte schreibt und trotz seiner Schwüre nie von seiner Ehefrau Doris losgekommen ist.

Bislang war Édith die unsichtbare Dritte in der Ehe von Henri und Doris gewesen. Wenn Henri sich nun in seiner Liaison mit Édith von Yves gestört fühlte, war das eine bemerkenswerte Entwicklung. Das war amüsant. (167)

Édith Piaf probt unermüdlich mit Yves Montand. Dass sie ihn auffordert, in schwarzem Hemd und schwarzer Hose aufzutreten, entsetzt ihn zunächst, denn er bekennt sich als Kommunist wie sein Vater und möchte nicht wie die italienischen Schwarzhemden aussehen. Am Ende fügt er sich auch in dieser Frage der erfahrenen Chansonnière.

Vor der Wiedereröffnung des Moulin Rouge am 7. Oktober 1944 überrascht Louis Barrier Édith Piaf mit der Nachricht, dass er für sie eine sechswöchige Tournee durch das befreite Frankreich vom 29. Oktober bis 9. Dezember organisiert habe. Statt ihm begeistert um den Hals zu fallen, erklärt ihm Édith Piaf, sie werde nicht ohne Yves Montand reisen, er müsse mit den Vertragspartnern dessen Auftritte als Vorsänger vereinbaren.

Drohendes Auftrittsverbot

Édith Piaf kann es kaum erwarten, aus Paris wegzukommen, denn ihr droht ein Auftrittsverbot, wenn nicht sogar eine Haftstrafe. Ihr Name steht auf einer Liste der Säuberungskommission. Man beschuldigt sie, mit den Deutschen kollaboriert zu haben. Vergeblich weist sie bei der ersten Vernehmung darauf hin, dass sie zwar in Deutschland aufgetreten sei, jedoch nur vor Franzosen in Kriegsgefangenen-Lagern.

Das Comité d’épuration des professions d’artistes lädt Édith Piaf für den 25. Oktober vor. Ihre Sekretärin Andrée Bigard, die der Résistance angehörte, möchte für sie aussagen. Das wegen der Vielzahl der Fälle unter Zeitruck stehende Komitee weist sie zunächst zurück, stellt jedoch in Aussicht, sie zu einem späteren Zeitpunkt als Zeugin anzuhören und verschiebt deshalb ein Urteil über Édith Piaf.

Obwohl die Tournee enttäuschend verläuft, weil die Südfranzosen den Sänger mit Cowboy-Hut in Erinnerung haben und deshalb mit einer falschen Erwartungshaltung in die Konzerte kommen, gibt Yves Montand nicht auf. In Marseille stellt er Édith Piaf seiner Familie vor.

Andrée Bigard ruft an und teilt mit, dass sie den Eindruck habe, ihre Zeugenaussage vor dem Comité d’épuration des professions d’artistes sei gut verlaufen. Es gebe allerdings noch keine Entscheidung.

Als im Februar 1945 der Hotelportier anruft und zwei Polizisten ankündigt, befürchtet Édith Piaf, sie werde nun doch noch festgenommen. Aber die beiden überbringen ihr stattdessen die Nachricht vom Tod ihrer Mutter Annetta Giovanna Maillard-Gassion. Man hat die Leiche der 49-Jährigen in einem Stundenhotel in Paris gefunden. Vermutlich starb sie an einer Überdosis Morphium.

Édith Piaf bittet Henri Contet, sich – wie beim Tod ihres Vaters am 3. März 1944 – um die Beisetzung zu kümmern.

1945

Anders als in der Provinz lösen Édith Piaf und Yves Montand in Paris Begeisterung aus. Die „Celebrity“, wie man heute sagen würde, hat ihren Vorsänger inzwischen zum Bühnenpartner erhoben. Wegen des Erfolgs sorgt Louis Barrier dafür, dass die Show nach dem Ablauf der vereinbarten Zeit im Théâtre de l’Étoile im Casino Montparnasse und anschließend auf einer bis 3. Juni dauernden Tournee fortgesetzt wird.

Endlich wird Édith Piaf vom Vorwurf der Kollaboration freigesprochen. Mehr noch: Der Staatspräsident General Charles de Gaulle bittet sie, bei den Feierlichkeiten am 14. Juli 1945, dem ersten Nationalfeiertag nach der Besatzung, auf der Place de La Concorde die Marseillaise zu singen.

1945/46

Ein Musikkritiker schreibt, Édith Piafs Chansons seien inzwischen zu literarisch geworden und deshalb zu abgehoben. Als sie das liest, blickt sie empört auf. Aber Yves Montand meint, die Kritik sei nicht unberechtigt. Da bricht für Édith Piaf etwas zusammen – aber sie arbeitet weiter mit Yves Montand, um seinen eigenen Liederabend im Théâtre de l’Étoile vorzubereiten.

Mit dieser Konzertreihe schafft er den Durchbruch, den er nicht zuletzt Édith Piaf zu verdanken hat. Inzwischen tritt er eigenständig auf, und die beiden absolvieren auch ihre Tourneen getrennt voneinander.

Bevor Édith Piaf 1946 von ihrer Tournee nach Paris zurückkehrt, beauftragt sie Louis Barrier, für sie und ihre Freundin Simone Berteaut eine Wohnung zu mieten. Die bezieht sie, während Yves Montand im Hotel auf sie wartet.

Um Mitternacht hämmert er an die Tür, aber Édith Piaf hält Simone Berteaut davon ab, ihm zu öffnen.

Epilog, 1947

1947 tritt Édith Piaf in den USA auf, aber das Publikum spendet nur höflich Applaus. Ihr Agent Clifford Fisher meint, es liege an dem schlichten schwarzen Kleid. Die Leute seien auf der Bühne Glamour gewohnt. Aber die Chansonnière ist nicht bereit, sich zu verbiegen.

Gegen Ende der Tournee schreibt der Komponist Virgil Thomson in einer Zeitung, seine Landsleute würden sich als Banausen erweisen, falls sie Édith Piaf nun abreisen ließen. Daraufhin verschafft ihr Clifford Fisher ein Engagement im Le Versailles, einem berühmten Nachtklub in New York – und das Publikum ist begeistert. Greta Garbo, Charles Boyer, Lena Horne, Marlene Dietrich und andere Prominente lassen sich das Konzert nicht entgehen. Aus den geplanten vier Wochen im Le Versailles wird ein halbes Jahr.

Epilog, 1949

Auf einer Cocktailparty in New York lernt Édith Piaf den Boxer Marcel Cerdan kennen. Obwohl er in Casablanca eine Frau und drei Kinder hat, wird er ihr neuer Liebhaber.

Um sich mit Édith Piaf – die auch 1949 wieder im Le Versailles auftritt – in New York zu treffen, will Marcel Cerdan am 28. Oktober den Atlantik überqueren – aber das Flugzeug stürzt über den Azoren ab.

Von diesem Schicksalsschlag erholt sich Édith Piaf nicht mehr. Sie trinkt noch mehr als zuvor, konsumiert Drogen und wird infolge der Schmerzbehandlung nach zwei schweren Autounfällen in den Fünfzigerjahren tablettenabhängig.

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In ihrer Romanbiografie „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ zeichnet Michelle Marly ein farbiges, lebendiges Bild der einzigartigen Chansonnière; es ist das Porträt einer mutigen, starken und freiheitsliebenden Frau. Dabei fokussiert die Autorin auf die Jahre 1944 bis 1946, als Édith Piaf mit Yves Montand die Grundlagen für dessen Karriere legte und seine Geliebte war. Hin und wieder schiebt Michelle Marly kursiv gedruckte Rückblenden ein, die einen Abriss der Vergangenheit der beiden Hauptfiguren ergeben.

Die Romanfigur Yves Montand bleibt etwas blasser als das der Protagonistin Édith Piaf. Anfangs spreizt er sich gegen die als strenge und kritische Lehrerin auftretende Chansonnière. Seine Widerspenstigkeit macht ihn erst reizvoll für sie. Aber dann unterwirft sich dieser Macho plötzlich wie ein folgsames Hündchen ihren Vorstellungen, verliebt sich in sie und sieht sich bereits als ihr Ehemann. Das ist nicht ganz überzeugend.

Im Nachwort schreibt Michelle Marly, in der einen oder anderen Biografie werde die erste Begegnung von Édith Piaf und Yves Montand noch vor der Befreiung von Paris im August 1944 angenommen. Sie hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass der Kommunist Yves Montand vor den Augen nationalsozialistischer Kulturzensoren in Paris als Cowboy-Sänger hätte auftreten können. Das wäre allenfalls in Untergrundkneipen möglich gewesen. In ihrer Romanbiografie „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ geht sie deshalb davon aus, dass die erste Begegnung von Édith Piaf und Yves Montand unmittelbar nach der Befreiung stattfand.

Michelle Marly betont, dass sie „unzählige Biographien über Édith Piaf, Yves Montand und Simone Signoret, Maurice Chevalier, Charles Trenet, Marcel Cerdan, Arletty, Charles Aznavour und Norbert Glanzberg gelesen“ habe. Aber sie hat „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ nicht gerade mit Daten und Fakten überfrachtet, sondern mehr Wert auf mitreißende Szenen gelegt.

Michelle Marly ist eines der Pseudonyme der Schriftstellerin Micaela Jary, der Tochter des Filmkomponisten Michael Jary. Sie hat „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ denn auch professionell-routiniert verfasst. Obwohl es einige Längen gibt, liest sich die Romanbiografie leicht und flüssig. Die Darstellung bewegt sich allerdings entlang der Trennlinie zur Schnulze – und manchmal überschreitet sie diese auch.

Die Romanbiografie „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Tessa Mittelstaedt (ISBN 978-3-945733-47-9)

„Madame Piaf und das Lied der Liebe“ ist der neunte Band einer Reihe des Aufbau-Verlags über „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“. Vorausgegangen sind folgende Titel:

  • Anne Girard: Madame Picasso (Übersetzung: Yasemin Dinçer; 2015) – über Eva Gouel
  • Gloria Goldreich: Die Tochter des Malers (Übersetzung: Kathrin Bielfeldt; 2015) – über Ida Chagall
  • Annabel Abbs: Die Tänzerin von Paris (Übersetzung: Ulrike Seeberger; 2017) – über Lucia Joyce
  • Mary Basson Die Malerin (Übersetzung: Gabriele Weber-Jarić 2017) – über Gabriele Münter
  • Michelle Marly: Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe (2018) – über Coco Chanel
  • Caroline Bernard: Die Muse von Wien (2018) – über Alma Schindler bzw. Alma Mahler-Werfel
  • Valérie Trierweiler: Die Dame in Gold (Übersetzung: Barbara Reitz, Eliane Hagedorn; 2018) – über Adele Bloch-Bauer
  • C. W. Gortner: Marlene und die Suche nach Liebe (Übersetzung: Christine Strüh; 2019) – über Marlene Dietrich
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Aufbau Verlag

Edith Piaf (tabellarische Kurzbiografie)
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"Du sollst dir kein Bildnis machen." Dieses Gebot beschäftigt Max Frisch immer wieder. In dem Drama "Andorra" zeigt er, wie bornierte, selbstgerechte Menschen einen der ihren aufgrund ihrer Vorurteile ausgrenzen.
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