Robert Harris : Vergeltung

Vergeltung
V2 Hutchinson, London 2020 Vergeltung Übersetzung: Wolfgang Müller Wilhelm Heyne Verlag, München 2020 ISBN 978-3-453-27209-5, 367 Seiten ISBN 978-3-641-24010-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im September 1944 bringen die Deutschen die von Joseph Goebbels gepriesene "Wunderwaffe" zum Einsatz, eine auch als "Vergeltungswaffe 2" bzw. "V2" bezeichnete Rakete. Der mit Wernher von Braun befreundete Ingenieur Rudi Graf glaubt zwar längst nicht mehr an einen deutschen Sieg, unterstützt aber die Militärs in Scheveningen beim Abschuss der V2 auf London ...
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Kritik

"Vergeltung" ist ein klug durchdachter, überzeugend gestalteter und  anregender Antikriegsroman. Robert Harris entwickelt vor einer gründlich recherchierten Szenerie der Zeitgeschichte eine packende fiktive Handlung mit widersprüchlichen Charakteren und veranschaulicht damit eindringlich den Irrsinn des Krieges.
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Raketenpioniere

Rudi Graf lernt 1928 in Berlin Wernher Freiherr von Braun kennen. Beide sind 16 Jahre alt. Bei Grafs Eltern handelt es sich um ein Lehrer-Ehepaar. Sein neuer Freund wurde 1912 in der Provinz Posen als Sohn eines ostpreußischen Gutsherrn und der Tochter eines anderen Gutsbesitzers geboren. Rudi Graf und Wernher von Braun beginnen 1930 theoretische Physik an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg zu studieren, und sie promovieren schließlich an der Friedrich-Wilhelm-Universität. Sie teilen miteinander die Begeisterung für Raketen und schließen sich dem Verein für Raumschifffahrt in Berlin an.

Mit seiner außergewöhnlichen Überzeugungskraft erreicht Wernher von Braun, dass er und seine Kollegen die Anlagen der Heeresversuchsanstalt Kummersdorf in Brandenburg für die Entwicklung von Flüssigkeitsraketen als Zivilangestellte nutzen können. 1933 stößt der 29-jährige Forscher Dr. Kurt Wahmke zu ihnen. Er experimentiert mit einem Raketentriebwerk, das mit einem neunzigprozentigen Wasserstoffperoxid-Alkohol-Gemisch angetrieben werden soll. Bei einer Explosion am 16. Juli 1934 kommen er und zwei Techniker vor Rudi Grafs Augen ums Leben.

Im Dezember 1934 gelingt es Wernher von Braun, zwei als „Max“ und „Moritz“ bezeichnete Raketen mehr als zwei Kilometer hoch zu schießen.

Weil die Heeresversuchsanstalt Kummersdorf für die Weiterentwicklung der Raketen zu klein ist, zieht Wernher von Braun mit seinen Leuten nach Peenemünde auf Usedom und wird dort 1937 technischer Direktor der neuen Heeresversuchsanstalt.

Nach zwei missglückten Testflügen der Rakete „Aggregat 4“ – für die der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1944 die Bezeichnung „Vergeltungswaffe 2“, kurz „V2“, einführen wird – gelingt am 3. Oktober 1942 der dritte Versuch.

Als Rudi Graf seinen Freund 1934 zum ersten Mal auf SS-Abzeichen ansprach, erklärte Wernher von Braun, er sei lediglich für ein paar Monate Mitglied der SS-Reitschule in Berlin-Halensee gewesen. 1938 wurde er Parteimitglied, und als Graf sich darüber wunderte, wies er auf die mehr als fünf Millionen hin, die schon vor ihm zur NSDAP gehört haben. 1940 ließ von Braun sich in die SS aufnehmen, und am 28. Juni 1943 befördert man ihn zum SS-Sturmbannführer. Hitler persönlich ernennt Wernher von Braun während eines Besuchs im Führerhauptquartier Wolfsschanze am 8. Juli 1943 zum Professor.

In der Nacht vom 17./18. August 1943 führen die Briten die Operation „Hydra“ durch: einen gewaltigen Luftangriff auf die Anlagen in Peenemünde und die Unterkünfte der Wissenschaftler. Dabei kommt Grafs große Liebe Karin ums Leben, die Assistentin seines unmittelbaren Vorgesetzten Dr. Walter Thiel, der ebenso wie seine Ehefrau Martha und die sieben bzw. knapp zwei Jahre alten Kinder Sigrid und Siegfried unter den Toten ist.

Weil Peenemünde augenscheinlich nicht vor Luftangriffen sicher ist, ernennt Heinrich Himmler Dr. Hans Kammler am 1. September 1943 zum „Sonderbeauftragten des Reichsführers SS für das A4-Programm“, und dieser baut bis Anfang 1944 die bestehende Stollenanlage im Kohnstein, einem Berg im Harz, zu einer riesigen Fabrik 300 Meter unter der Erde für die Serienfertigung der V2 aus. Dabei werden Zwangsarbeiter aus dem nahen KZ Mittelbau-Dora eingesetzt.

Am 20. Juni 1944 erobert die Menschheit mit der weltweit ersten funktionsfähigen Großrakete den Weltraum: Eine senkrecht nach oben geschossene V2 durchstößt die Kármán-Linie und erreicht eine Höhe von 174,6 Kilometern.

Die V2 ist 14 Meter lang und leer 4 Tonnen schwer. Aufgetankt wiegt sie 12,5 Tonnen. Angetrieben wird sie mit einem Gemisch aus 75-prozentigem Ethanol und Flüssigsauerstoff. Abgeschossen wird sie von einer nur zwei Quadratmeter großen mobilen Rampe, die beispielsweise in einem Wald kaum von Luftaufklärern auszumachen ist. Im Zenit der Flugbahn schaltet sich der Antrieb ab; die Rakete fliegt auf einer ballistischen Bahn weiter und erreicht dabei eine Geschwindigkeit von 5500 Stundenkilometern. Nach dem Einschlag explodiert der aus einer dreiviertel Tonne Amatol bestehende Sprengkopf.

Rudi Graf

Als Rudi Graf im Herbst 1944 von Peenemünde nach Scheveningen versetzt wird, gibt Wernher von Braun ihm einen mit Mikrofilmen gefüllten Koffer mit, den er aufbewahren soll.

Der Zivilist ist in einem von Oberst Walter Huber kommandierten Regiment der Wehrmacht für die technische Durchführung der V2-Abschüsse auf London verantwortlich. Der Propaganda zufolge soll die „Wunderwaffe“ eine Kriegswende herbeiführen, aber Rudi Graf glaubt längst nicht mehr an einen Sieg des Deutschen Reichs. Fatalistisch übt er seine Tätigkeit aus und sieht dabei Soldaten, die sich heimlich mit durch Kohlefilter von Gasmasken gereinigtem Methylalkohol aus Treibstofftanks betrinken.

Die Älteren, die zynischen Veteranen der Ostfront, hatten so viel Tod gesehen, dass sie eine Schicht im besetzten Holland als wohlverdienten Urlaub betrachteten – deren Priorität war jetzt nur noch, den Krieg zu überleben. Die Halbwüchsigen, die direkt aus der Ausbildungskaserne kamen, standen dem Kampf zwar ideologisch engagierter gegenüber, hatten in der Regel aber auch mehr Angst.

Ende November 1944 trifft Sturmscharführer Biwack vom Nationalsozialistischen Führungsstab bei dem Regiment in Scheveningen ein. Argwöhnisch beobachtet er Rudi Graf, den er von Anfang an für einen Defätisten hält. Als eine V2 beim Abschuss explodiert und mehrere Männer getötet werden, verdächtigt der Führungsoffizier den Ingenieur sogar als Saboteur.

Am Tag nach der Explosion stößt Rudi Graf in der Nähe des verwüsteten Startplatzes auf eine schätzungsweise 18-jährige Frau, die sich offenbar dort umsah. Sie rennt weg. Er holt sie ein, lässt sie dann aber laufen, statt den Offizier zu rufen, mit dem er unterwegs ist, denn er möchte nicht, dass die Frau als Spionin erschossen wird.

Bald darauf findet er die Gerettete im Offiziersbordell in Wassenaar. Sie heißt Femke und gehört dem Widerstand an.

Kay Caron-Walsh

Angelica („Kay“) Caron-Walsh ist 24 Jahre alt und arbeitet als Section Officer A. V. der Women’s Auxiliary Air Force (WAAF) auf dem RAF-Stützpunkt Medmenham in der Luftbildauswertung.

Die Bilder werden von Spitfire Jagdflugzeugen aufgenommen.

Eingepackt in zwei Pullover, eine lederne Pilotenjacke, je zwei Paar Socken und Handschuhe, stiegen sie allein in einer ungeheizten Spitfire über der Nordsee auf; durch die Tropopause in die dunkelblaue Stratosphäre, wo die Temperatur bei minus 70 Grad lag; die Frostkristalle auf dem Kabinendach aus Plexiglas und die Eiszapfen in dem winzigen Cockpit glitzerten im grellen Sonnenlicht; die schreckliche Angst, dass der Sauerstoff ausfallen und man ohnmächtig werden könne; das Kreisen mit eingeschalteter Kamera über Berlin, in der dünnen Luft in dreizehn Kilometer Höhe […].

Als ab 8. September 1944 die ersten V2 in London einschlugen, behauptete man, bei den enormen Detonationen habe es sich um explodierende Hauptgasleitungen gehandelt, aber das glaubte niemand. Als Kay eine Nacht mit dem zehn Jahre älteren verheirateten Air Commodore Mike Templeton in London verbringt, überleben die beiden am 25. November 1944 die Zerstörung des Gebäudes durch eine V2. Um die Mittagszeit explodiert eine weitere V2 im Kaufhaus Woolworth im Stadtteil New Cross und reißt 168 Menschen in den Tod.

Kurz darauf nimmt der Sektionsleiter Wing Commander Leslie Starr die Luftbildauswerterin mit zu einer Besprechung im Air Ministry in London, die ausgerechnet von Mike Templeton geleitet wird, der wegen seiner Verletzungen auf Krücken angewiesen ist. Es geht um die V2-Angriffe. Die Treffergenauigkeit ist zwar gering, aber der Einsatz der Flugbombe wirkt demoralisierend, denn wegen der enormen Geschwindigkeit bleibt keine Zeit für Fliegeralarm, und erst nach der Detonation ist der Überschallknall zu hören.

Wing Commander Clarence Knowsley schlägt vor, die Flugbahnen der von Radarstationen erfassten V2 zu berechnen und dann mit den Daten und den Koordinaten des Einschlagorts den Startpunkt zu berechnen. Die vom RAF-Stützpunkt Coltishall nördlich von Norwich aufsteigenden Spitfire-Piloten bräuchten 25 Minuten, bis sie ihre 125-kg-Bomben auf das Zielgebiet abwerfen könnten. Zu diesem Zeitpunkt, meint Knowsley, seien die Deutschen wohl noch dabei, den Startplatz zu räumen.

Es wird beschlossen, eine Einheit der Women’s Auxiliary Air Force nach Mechelen in die Nähe der dortigen Radarstation zu verlegen. Ihre Aufgabe wird es sein, blitzschnell die erforderlichen Kalkulationen durchzuführen.

Nach dem Meeting gelingt es Kay, den Air Commodore Mike Templeton kurz unter vier Augen zu sprechen und ihn zu überreden, sie für den Einsatz in Belgien einzuteilen.

In Mechelen werden die Frauen bei Privatleuten auch gegen deren Willen einquartiert. Kay kommt zu Armadine und Dr. Maarten Vermeulen. Der Sohn Arnaud ist in Kays Alter. Sein jüngerer Bruder Guillaume sei im Krieg gefallen, heißt es.

Unter dem Kommando von Flight Officer Cicely Sitwell üben die Frauen zunächst die Berechnungen mit fiktiven Daten. Sie arbeiten in Paaren. Kays Partnerin heißt Barbara Colville. Den beiden gelingt es als erstem Team, den Startpunkt einer abgeschossenen V2 in der vorgesehenen Zeit zu ermitteln.

Daraufhin starten in Coltishal vier Spitfire.

Eine Spitfire-Formation ging beim Bombenangriff mit der Taktik vor, das Ziel in etwa achttausend Fuß Höhe anzufliegen und zu identifizieren, sich dann auf den Rücken zu drehen und im Sturzflug – in einem Winkel von 75 Grad – in einer Linie bis auf eine Höhe von etwa dreitausend Fuß zu gehen, die Bomben in fast vertikaler Lage auszuklinken – ein Flugzeug nach dem anderen – und mit voller Kraft wieder aufzusteigen.

Nachdem die Meldung von der Zerstörung des Startorts eingetroffen ist, werden Kay und Barbara gefeiert.

Am Abend gehen sie mit Arnaud Vermeulen und dessen Freund Jens Thys aus. Während dann Barbara Jens nach Hause begleitet, kehrt Kay mit Arnaud in die Villa seiner Eltern zurück und schläft dort mit ihm.

Rudi Graf

Die Deutschen beobachten die Spitfire und wundern sich darüber, dass die mit Bomben ausgerüsteten Jagdflugzeuge gezielt Orte angreifen, von denen kurz zuvor V2 abgeschossen wurden. Schäden richten die Bomben auf den bereits geräumten Plätzen keine an.

Der Führungsoffizier Biwack kann sich nur vorstellen, dass jemand den Briten die Koordinaten der Abschusspunkte verriet. Weil der Verdacht auf die fürs Militär rekrutierten Prostituierten fällt, werden sie aus den beiden Bordellen geholt. Rudi Graf versucht, Femke zu retten, trifft aber zu spät in Wassenaar ein und hört die Salven der Maschinengewehre, mit denen die Frauen erschossen werden.

General Hans Kammler kommt nach Scheveningen. Inzwischen ist er für fünf Regimenter verantwortlich, die V2 aus Stellungen in den Niederlanden, Belgien und Deutschland abschießen. Vier gehören zur Wehrmacht, und ein „Zur Vergeltung“ genanntes Regiment zur SS. Während Kammlers Besuchs stellt sich heraus, dass die Startpunkte der Raketen nicht von einer Prostituierten verraten, sondern von Angehörigen der Women’s Auxiliary Air Force berechnet wurden. Man lokalisiert sie ebenso wie die für die Operation benutzten Radarstationen in Mechelen. Kammler befiehlt deshalb, zwei für London bestimmte V2 auf die belgische Stadt abzuschießen.

Rudi Graf bereitet die Änderungen an der ersten der beiden Raketen vor.

Kay Caron-Walsh

Die Briten beobachten den Abschuss der V2, können aber keine Flugbahn berechnen, weil die Rakete direkt auf die Radaranlage zukommt.

Wegen des Einschlags der V2 in der Stadt unterbrechen Cicely Sitwell und ihre Untergebenen die Rechenarbeit für ein paar Stunden. Kay Caron-Walsh eilt besorgt zur Villa der Familie Vermeulen. Es scheint niemand zu Hause zu sein. Ihr fällt auf, dass ihre Unterlagen leicht verschoben in der Schublade liegen. Argwöhnisch schaut sie sich um und findet Hinweise, dass Guillaume Vermeulen nicht gefallen ist, sondern sich im Alter von 17 Jahren zur SS-Panzer-Division „Wiking“ meldete und nach dem Einsatz an der Ostfront desertiert ist. Kay verlässt das Haus, und sobald sie eine britische Patrouille sieht, weist sie die Soldaten auf ihre Beobachtungen hin. Die Männer nehmen den Jungen fest, der sich bei seiner Familie versteckt hat.

Aber der Deserteur kann den Deutschen nichts über die britischen Stellungen verraten haben. Durch einen abgefangenen Funkspruch stoßen die Briten auf den Lehrer Jens Thys, der den Deutschen durchgab, was Barbara Colville leichtsinnigerweise ausgeplaudert hatte.

Rudi Graf

Die zweite V2, die auf Mechelen abgeschossen werden soll, manipuliert Rudi Graf so, dass sie senkrecht in den Himmel steigt.

Als er von der Abschussrampe zurückkommt, durchsucht die Gestapo bereits sein Zimmer. Der Koffer mit den Mikrofilmen ist offen. Sturmscharführer Biwack hält Graf für einen Saboteur und beschuldigt ihn, auch die Explosion der startenden V2 vor ein paar Tagen verursacht zu haben. Nachdem ein Lesegerät beschafft wurde, beginnt Biwack, die streng geheimen Mikrofilme zu sichten.

Plötzlich reißt Wernher von Braun die Tür auf und befiehlt dem Sturmscharführer, das Lesegerät sofort auszuschalten. Er nimmt seinen Freund und die Mikrofilme mit und fährt los.

Die Begegnung

Am 2. Mai 1945 stellt sich Wernher von Braun zusammen mit Rudi Graf und einigen anderen Wissenschaftlern seines Teams in Reutte in Tirol den US-Streitkräften. Die Mikrofilme will er für Verhandlungen mit den Amerikanern verwenden.

Peenemünde wird von den Russen eingenommen, Nordhausen mit dem Rüstungszentrum Mittelwerk Dora und dem Konzentrationslager Dora-Mittelbau von den Amerikanern.

Insgesamt wurden 5975 Raketen gebaut und etwa 3200 V2 abgefeuert.

Mit der Montage in der unterirdischen Fabrik im Kohnstein waren durchschnittlich 5000 KZ-Häftlinge und 3000 Zivilangestellte beschäftigt. Von September 1943 bis Kriegsende kamen beim Bau und Betrieb schätzungsweise 20.000 Menschen ums Leben, mehr als doppelt so viele, wie durch den Einsatz der Waffe starben (8000).

Anfang September 1945 fliegt Wernher von Braun mit einigen Begleitern nach London. Er ist bereits entschlossen, das Angebot der Amerikaner für eine Mitarbeit bei der Raketen-Entwicklung anzunehmen, möchte sich aber vorher noch anhören, was die Briten zu bieten hätten. Während er im Air Ministry mit Air Commodore Mike Templeton spricht, erhält Rudi Graf den Auftrag, Kay Caton-Walsh bei der nachträglichen Auswertung von Luftaufnahmen zu helfen und ihr die Anlage in Peenemünde zu erklären.

Erst jetzt erfährt er, dass Hans Kammler in Scheveningen log, als er bei der Trauerfeier für die bei der Explosion einer V2 an der Startrampe getöteten Soldaten eine Rede hielt. Der SS-General behauptete, Brücken, Regierungsgebäude und Plätze wie der Picadilly Circus seien durch V2-Treffer verwüstet worden. Nichts davon stimmt. Getroffen hatte man fast ausschließlich Wohngebäude. 20.000 Wohnungen in London sind durch die V2 zerstört und weitere 580.000 beschädigt.

Kay Caton-Walsh werden durch die Begegnung ebenfalls die Augen geöffnet. Man sagte den Frauen in Mechelen, ihr Einsatz sei erfolgreich gewesen. Rudi Graf klärt Kay Caton-Walsh nun darüber auf, dass durch die Operation zur Ermittlung der Startpositionen der abgeschossenen V2 weder ein Soldat getötet noch Ausrüstung zerstört wurde.

Es war alles sinnlos.

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Wie auch in seinen bisherigen historischen Romanen entwickelt Robert Harris in „Vergeltung“ eine fiktive Handlung mit fiktiven Figuren in einer historischen – in diesem Fall zeitgeschichtlichen – Szenerie. Die gründlich recherchierten Tatsachen stellt er ausführlich, aber ohne Bildungshuberei dar. Robert Harris versteht es, Geschichte anschaulich und lebendig zu machen.

„Vergeltung“ dreht sich um die von Joseph Goebbels gepriesene „Wunderwaffe“, eine Flüssigkeitsrakete mit der offiziellen Bezeichnung „Aggregat 4“ (A4), für die der Reichspropagandaminister 1944 den Namen „Vergeltungswaffe 2“ – kurz „V2“ – einführte. Wernher von Braun war es gelungen, Hitler, Heinrich Himmler und andere führende Nationalsozialisten für sein Raketenprojekt zu begeistern. Beim Bau einer unterirdischen Fabrik im Harz und der Serienfertigung der V2 dort kamen schätzungsweise 20.000 Zwangsarbeiter ums Leben, und das Projekt kostete dem Militärhistoriker Daniel Todman zufolge mehr als die Amerikaner für das Manhattan-Projekt zur Entwicklung der Atombombe ausgaben. Durch den Einsatz der V2 starben 2700 Menschen in London und 1700 in Antwerpen, insgesamt 8000 Zivilisten. Den Kriegsverlauf veränderte der V2-Einsatz nicht. Er war sinnlos.

Auf der anderen Seite glaubten Angehörige der Women’s Auxiliary Air Force (WAAF), entscheidend bei der Zerstörung von Startplätzen der V2 in Scheveningen mitgewirkt zu haben. Eine dieser Frauen war Eileen Younghusband (1921 – 2016). Sie gehörte 1944/45 zu dem WAAF-Team, das in Mechelen aus Daten einer Radaranlage und den Koordinaten von V2-Einschlägen die Abschussorte berechnete. Robert Harris las einen Nachruf in der „Times“ vom 5. September 2016 und besorgte sich daraufhin Eileen Younghusbands Memoiren „Not an Ordinary Life“ (2009) und „One Woman’s War“ (2011). Das brachte ihn auf die Idee für seinen Roman „V2“ / „Vergeltung“. Dass auch die Bombardierung der korrekt berechneten Zielpunkte erfolglos war, weil die Positionen von den Deutschen bereits geräumt waren, wenn die britischen Flugzeuge eintrafen, spiegelt die Sinnlosigkeit des V2-Einsatzes. Beides zusammen veranschaulicht den Irrsinn des Krieges.

Robert Harris stellt keine heldenhaften Briten teuflischen Deutschen gegenüber. Seine Charaktere sind nicht nur gut oder nur böse, sondern differenziert und widersprüchlich (Shadowing).

Das gilt vor allem für den Protagonisten Rudi Graf, der sich bereits im Alter von 16 Jahren für Raketen begeistert und mit seinem Freund Wernher von Braun davon träumt, eine Rakete zum Mond zu schießen. Ende 1944 glaubt er längst nicht mehr daran, dass Deutschland den Krieg noch gewinnen könnte, erfüllt aber fatalistisch seine technischen Aufgaben, bei denen es nicht darum geht, den Weltraum zu erobern, sondern Raketen auf London abzuschießen.

Von Wernher Freiherr von Braun (1912 – 1977) entwirft Robert Harris in „Vergeltung“ ein kritisches Bild. Bei dem ebenso ehrgeizigen und genialen wie charismatischen Ingenieur könnte man an Elon Musk denken. Ihm fehlt jedes Mitgefühl, beispielsweise mit den Zwangsarbeitern, die für ihn schuften, und um seine Ziele realisieren zu können, schließt sich der gewissenlose Opportunist zuerst den Nationalsozialisten an und stellt sich dann nach dem Krieg den Amerikanern mit einem Koffer voller geheimer Aufzeichnungen über das Raketenprojekt zur Verfügung.

Robert Harris entwickelt die packende Geschichte im ständigen Wechsel zwischen den beiden sich spiegelnden Handlungssträngen, also zwischen den Erlebnissen des Deutschen Rudi Graf und der Britin Kay Caron-Walsh. Die Abschnitte über die Entwicklung der V2 fügt Robert Harris als Rückblenden bzw. Erinnerungen Rudi Grafs ein.

Fazit: „Vergeltung“ ist ein klug durchdachter, überzeugend gestalteter und  anregender Antikriegsroman.

Eine Kleinigkeit: Mindestens dreimal wird in der deutschen Übersetzung das Wort gleich gebraucht (z. B. der gleiche Schreibtisch), obwohl dasselbe oder derselbe gemeint ist.

Den Roman „Vergeltung“ von Robert Harris gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Frank Arnold.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Wilhelm Heyne Verlag

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