Alena Schröder : Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid Originalausgabe dtv Verlagsgesellschaft, München 2021 ISBN 978-3-423-28273-4, 367 Seiten Ullstein Buchverlage, Berlin 2021 ISBN 978-3-8437-2251-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Senta muss 1926 ihre Tochter Evelyn der Schwägerin überlassen, damit ihr Ehemann in die Scheidung einwilligt. Evelyn wird Ärztin, aber ihre Tochter Silvia glaubt an alternative Medizin. Silvias Tochter Hannah hat als Doktorandin kein klares Ziel vor Augen und versucht erst noch, ihren Weg zu finden, nicht zuletzt indem sie sich bemüht, mehr über ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter zu erfahren.
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Kritik

Am Beispiel von vier Generationen einer Familie veranschaulicht Alena Schröder in ihrem Debütroman "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid", wie unterschiedlich Frauen im Verlauf der Jahrzehnte mit ihrem Selbstverständnis umgehen. Nebenbei streift sie Themen wie Holocaust, Kunstraub und Erinnerungskultur. Außerdem wirft sie einen kritischen Blick auf den Wissenschaftsbetrieb.
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Ein Brief aus Israel

Während eines ihrer wöchentlichen Besuche bei der 94-jährigen Großmutter Dr. med. Evelyn Borowski in einem Berliner Seniorenheim sieht die Germanistik-Doktorandin Hannah Borowski einen Brief aus Israel auf dem Tisch liegen. Absender ist Aaron Cohen von einer Anwaltskanzlei in Tel Aviv. Dort vermutet man, dass Evelyn Borowski die einzige Erbin des Berliner Kunsthändlers Itzig Goldmann sei und sie möglicherweise Ansprüche auf Gemälde geltend machen könne, die ihrem Stiefvater in der NS-Zeit unrechtmäßig weggenommen wurden. Hannah ahnte bis zu diesem Zeitpunkt nichts von jüdischen Familienmitgliedern, aber ihre Großmutter will auch jetzt nicht darüber reden.

Bei Nachforschungen in Restitutionsfragen arbeitet die israelische Kanzlei mit Marietta Lankvitz in Berlin zusammen. Und Hannahs Doktorvater Prof. Andreas Sonthausen – ein verheirateter Mann Ende 40, mit dem sie eine Affäre hat – bittet den auf Wiedergutmachungs-Initiativen spezialisierten Historiker Jörg Sudmann, ihr bei den Recherchen zu helfen. Der Doktorand, der den Verein „Shalom Berlin“ zur Vertiefung der deutsch-jüdischen Freundschaft und des Shoah-Gedenkens gegründet hat, macht sich eifrig ans Werk, denn er hofft, den einflussreichen Professor als Förderer einer akademischen Karriere zu gewinnen.

Nach und nach setzt sich für Hannah ein Bild der Familiengeschichte zusammen, obwohl ihre Großmutter weiter schweigt.

Die Zwanzigerjahre

Hannahs Urgroßmutter Senta Köhler kam 1904 in Rostock zur Welt. Ihr Vater starb früh an Grippe. Im Alter von 18 Jahren wurde sie schwanger und musste den Plan aufgeben, mit ihrer besten Freundin Lotte nach Berlin zu ziehen. Ulrich, der Vater des ungeborenen Kindes, Spross eines preußischen Junkergeschlechts und Fliegerass des Ersten Weltkriegs, stand zu seiner Verantwortung und heiratete Senta.

Aber 1926 ließ sich das Ehepaar scheiden. Senta, die nun doch nach Berlin zog, musste die inzwischen drei Jahre alte Tochter Evelyn zurücklassen. Sie wuchs von da an bei Ulrichs Schwester Trude auf, einer Krankenschwester, die noch im selben Jahr mit dem Kind zu ihrem Onkel Arthur ins Forsthaus bei Güstrow zog, damit sie sich um dessen altersschwache Eltern kümmern konnte. 1927 kam ihr Bruder Ulrich bei einem Autounfall ums Leben.

Lotte wohnte bei der Witwe Anneliese Kronbach in Berlin und sorgte nicht nur dafür, dass Senta ebenfalls ein Zimmer bekam, sondern vermittelte ihr außerdem eine Tätigkeit als Schreibkraft in der Redaktion einer Zeitung des Mosse-Verlags. Sie arbeitete für den jüdischen Reporter Julius Goldmann, den Sohn des Berliner Kunsthändlers Itzig Goldmann und dessen Ehefrau Helene.

Senta und Julius Goldmann wurden ein Paar und heirateten. Senta verschwieg ihrem Mann nicht die gescheiterte Ehe mit Ulrich und die bei der Schwägerin Trude zurückgelassene Tochter Evelyn.

NS-Regime

1932 kündigten Julius und Senta Goldmann bei der Zeitung und gründeten eine kleine Nachrichtenagentur für Kulturberichte. Senta schrieb nicht nur Artikel, sondern auch Fortsetzungsromane.

Während Trude 1932 in die NSDAP eintrat und sich als Ortsgruppenleiterin der NS-Frauenschaft in Güstrow engagierte, wuchsen die Sorgen der Goldmanns vor der Zukunft. 1936 hämmerte die Gestapo an die Tür. Senta drückte ihrer Besucherin Lotte das Tagebuch ihres Mannes in die Hand und bat sie, es zu verbrennen. Obwohl auch am Nebenausgang des Hauses eine Wache stand, schaffte Lotte es, unbehelligt zur U-Bahn-Station zu kommen und Julius dort abzufangen. Er könne nicht mehr nach Hause, erklärte sie ihm. Er floh nach Kopenhagen.

1937, während Evelyn bei ihrer leiblichen Mutter in Berlin zu Besuch war, rief Itzig Goldmann seine Schwiegertochter an. Seine Galerie werde geschlossen, erklärte er, und das Regime verlange von ihm vor der Konfiszierung der Kunstwerke eine Inventurliste. Senta half ihm, diese zusammenzustellen. Er ahnte, dass längst Spitzel der Gestapo bei ihm in der Galerie gewesen waren. Nur ein einziges Gemälde hatte er niemals hergezeigt:

[…] eine Frau in einem langen blauen Gewand, die vor einem geöffneten Fenster stand, durch das rotgoldenes Licht in den Raum und auf ihr Gesicht fiel […]

Der erfahrene Kunsthändler war überzeugt, dass es sich dabei um ein unbekanntes Werk des holländischen Barockmalers Johannes Vermeer handele. Senta tippte:

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, von Johannes Vermeer

Itzig Goldmann wollte das kleine, vermutlich wertvolle Bild nicht den Nationalsozialisten überlassen. Er nahm es aus dem Rahmen und schenkte es Senta. Sie nähte es im Futter des Koffers ihrer Tochter ein, ohne der 14-Jährigen etwas davon zu sagen, damit sie sich bei einer Kontrolle auf der Heimfahrt im Zug nicht verraten konnte. Aber bevor Senta ihrem Mann nach Dänemark folgte, wies sie ihre Schwägerin Trude auf das Geschenk für Evelyn hin.

Als Trude 1939 als Krankenschwester ins Lazarett von Bad Doberan beordert wurde, blieb Evelyn in Güstrow, um die Schulausbildung mit dem Abitur abzuschließen. 1941 begann sie, in Rostock Medizin zu studieren.

Senta und Julius Goldmann schafften es rechtzeitig vor der deutschen Besetzung Dänemarks im April 1940 nach Schweden. Itzig und Helen Goldmann wurden dagegen im Juli 1942 deportiert und im KZ Theresienstadt umgebracht.

Kriegsende

Ein paar Monate nach dem Physikum kam Evelyn 1945 als Helferin ins Lazarett von Bad Doberan und sah dort ihre Pflegemutter wieder, kurz bevor diese an Typhus erkrankte und starb.

Elsbeth, eine Kollegin, gab Evelyn den in Esslingen ausgestellten Rotkreuz-Ausweis ihrer Schwester, die sich kurz vor Kriegsende ertränkt hatte. Als „Rita Borowski“ begleitete Evelyn die Tochter eines Wirtschaftsprofessors an der Universität Stuttgart in die amerikanische Zone.

Dort lernte sie Elsbeths jüngeren Bruder Karl Borowski kennen. Zur Hochzeit der beiden in Esslingen reisten auch Senta und Julius Goldmann 1950 aus Schweden an. Als Senta ihre Tochter arglos nach dem Gemälde fragte, kam es jedoch zum Streit, denn Evelyn wusste nichts davon und ihre Mutter, die nun begriff, dass Trude das wertvolle Geschenk verheimlicht hatte, schimpfte auf ihre Schwägerin ‒ worauf die Braut sie hinauswarf.

Alternative Lebensarten

Silvia, die 1956 geborene Tochter von Evelyn und Karl Borowski, probierte alternative Lebensarten aus, schloss sich einer Kommune an, rauchte Joints und engagierte sich bei Demonstrationen. Versehentlich ließ sie sich von einem verheirateten Mann schwängern und bekam die Tochter Hannah, die sie allein erzog. Als sie einen Knoten in der Brust entdeckte, glaubte sie zunächst weiter an die Homöopathie, und als sie endlich zur Schulmedizin fand, war es zu spät. Sie starb 2008 im Alter von 52 Jahren.

Gegenwart

Im Alter von 84 Jahren zog Evelyn Borowski sich 2007 in ein Berliner Seniorenheim zurück. Ihr Ehemann Karl war bereits im November 1972 gestorben.

Endlich bringt Hannah sie zum Reden. Als Evelyn von dem Gemälde erfährt, das sie als Kind unwissentlich von einem Besuch bei Senta in Berlin nach Hause brachte, versteht sie im Nachhinein, was Trude 1945 auf dem Sterbebett flüsterte:

„Hol die Kommode! Die Kommode, Evchen. Für dich.“

Jetzt ist es zu spät. Das Forsthaus bei Güstrow ist abgebrannt.

Jörg Sudmann sieht zufällig, wie sich Hannah Borowski und Andreas Sonthausen in einem Hotel treffen. Die Doktorandin hat also eine Affäre mit dem Professor. Entrüstet setzt er die Software ein, die er vor einiger Zeit kaufte, um Plagiate aufzudecken – und findet prompt eine ganze Reihe von Textpassagen, die Sonthausen in seinen wissenschaftlichen Publikationen von anderen Autorinnen und Autoren abgeschrieben hat. Als er den Professor damit konfrontiert, lässt dieser sich nicht einschüchtern, und der Dekan rät Jörg Sudmann, die Sache zu vergessen.

In einem Referat bei einer Fachtagung kündigt Andreas Sonthausen eine Publikation an, in der er nachweisen werde, dass der Leipziger Philosophie-Professor Carl Cornelissen den Utopiebegriff, mit dem er berühmt wurde, nicht selbst entwickelt, sondern von Georg Distelkamp gestohlen habe.

Hannah ist fassungslos: Auf diesen Ideen-Diebstahl war sie bei der Arbeit an ihrer Dissertation über „Transzendenz und Utopie im Frühwerk Georg Distelkamps“ gestoßen, und sie hatte ihren Doktorvater darauf hingewiesen. Aus Protest beendet sie nicht nur die Affäre mit Andreas Sonthausen, sondern bricht auch die Promotion ab.

Nach dem Tod und der Beerdigung ihrer Großmutter Evelyn fliegt Hannah für drei Wochen nach Brasilien, wohin ihre Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewandert waren. Senta und Julius Borowski starben dort 1963 bei einem Autounfall.

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Der Titel des Debütromans von Alena Schröder (*1979) spielt auf ein (fiktives) Gemälde von Johannes Vermeer an, das in der Handlung eine wichtige Rolle spielt: „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“.

Im Mittelpunkt stehen fünf Frauen aus vier Generationen einer Familie: Senta und Trude, Evelyn, Silvia und Hannah. Trude, eine missgünstige Nationalsozialistin, ist am wenigsten interessant. Ihre Schwägerin Senta, die ihr die Tochter überlassen muss, damit ihr Ehemann in die Scheidung einwilligt und sie von Rostock in die Reichshauptstadt Berlin ziehen kann, heiratet dort kurz vor der Machtübernahme Hitlers einen jüdischen Journalisten und beginnt selbst zu schreiben. Für die Selbstbefreiung zahlt sie einen hohen Preis. Ihre bei Trude aufgewachsene selbstbewusste Tochter Evelyn studiert Medizin und wird Ärztin. Evelyns Tochter Silvia glaubt dagegen an alternative Medizin und strebt nach Selbstverwirklichung, raucht Joints, schließt sich Kommunen an, engagiert sich bei Demonstrationen, bleibt unverheiratet und kommt ihrer Verantwortung als alleinerziehende Mutter Hannahs nur unzureichend nach. Hannah wiederum hat als 27-jährige Doktorandin noch kein klares Ziel vor Augen und versucht erst noch, ihren Weg zu finden, nicht zuletzt indem sie sich bemüht, mehr über ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter zu erfahren.

Mit Senta, Evelyn, Silvia und Hannah beschäftigt sich Alena Schröder eingehend. Dagegen wirken Figuren wie das Fliegerass Ulrich, die Nationalsozialistin Trude und der jüdische Kunsthändler Itzig Goldmann klischeehaft.

Ein Teil der Handlung spielt vor dem Hintergrund des NS-Regimes, der Judenverfolgung und des Holocaust. Alena Schröder streift in „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ auch die Themen Kunstraub, Restitution und Erinnerungskultur. Nicht zuletzt wirft sie einen kritischen Blick auf den Wissenschaftsbetrieb.

Alena Schröder entwickelt die Geschichte im ständigen Wechsel zwischen der aus Hannahs Perspektive dargestellten Gegenwart und Rückblenden in die Vergangenheit, die chronologisch von „Warnemünde 1922“ bis „Berlin 2007“ (so die Kapitelüberschriften) voranschreiten.

Den Roman „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ von Alena Schröder gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Julia Nachtmann.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Alena Schröder / dtv Verlagsgesellschaft

Kathy Page - All unsere Jahre
Die zumeist schleichenden, das Ehepaar Harry und Evelyn im Verlauf von sieben Jahrzehnten immer stärker trennenden Entwicklungen veranschaulicht Kathy Page in "All unsere Jahre" mit großem Einfühlungsvermögen. Sie erzählt chronologisch, aber mit unterschiedlich langen, wie elliptische Auslassungen wirkenden Zeitsprüngen zwischen den Kapiteln.
All unsere Jahre