Siegfried Lenz : Landesbühne

Landesbühne

Siegfried Lenz

Landesbühne

Landesbühne Originalausgabe: Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009 ISBN: 978-3-455-04282-5, 120 Seiten, 17 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Professor, der Studentinnen, die mit ihm ins Bett gingen, Examen bestehen ließ, und ein Gauner, der als angeblicher Polizist Bußgelder kassierte teilen sich eine Gefängniszelle. Sie gehören schließlich zu den Ausbrechern, die mit dem Bus der Landesbühne in eine Kleinstadt gelangen und dort auf Wunsch des Bürgermeisters, der Besucher anlocken möchte, eine Kulturwoche veranstalten ...
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Kritik

In "Landesbühne" geht es um das Verhältnis von Leben und Theater, die Kraft der Kultur und den Wert der Gemeinschaft. Die skurrile Novelle von Siegfried Lenz beginnt als Schelmenstück und endet mit einer existenzialistischen Episode.
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Im Gefängnis in Isenbüttel teilen sich Clemens und Hannes eine Zelle. Bei Clemens handelt es sich um einen auf Sturm und Drang spezialisierten Germanistikprofessor, der zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, weil er Examenskandidatinnen, die mit ihm ins Bett gegangen waren, zu erfolgreichen Prüfungen verholfen hatte. Hannes winkte auf Ausfallstraßen von Hamburg mit einer gestohlenen Polizeikelle Autofahrer an den Straßenrand, von denen er annahm, dass sie zu schnell fuhren und kassierte an Ort und Stelle „Bußgelder“ in bar – bis er versehentlich eine Zivilstreife anhielt und aufflog.

Der Gefängnisdirektor Karl Tauber lädt die Landesbühne zu einem Gastspiel ein. Der Intendant Alexander Prugel und die Schauspieler fahren mit dem Bus der Landesbühne auf den Gefängnishof. Aufgeführt wird „Das Labyrinth“ von Henry Watermann. Das Stück handelt von Elfi und Trudi, zwei pensionierten Lehrerinnen, deren Vater, ein Hamburger Kaufmann, von seinem persischen Geschäftspartner Omar Ibn Chayem ein Labyrinth geschenkt bekommen hatte. Sie schicken einen Polizisten in das Labyrinth, und nachdem sie sich vergewissert haben, dass er nicht mehr herausfindet, beschließen sie, das Labyrinth in den Dienst von Leuten zu stellen, die sich in einer Notlage befinden und sich lautlos von einem Mitmenschen trennen wollen. Nach einem Punktesystem wollen sie entscheiden, wer ins Labyrinth geschickt wird und wer nicht.

In der Pause darf auf dem Hof geraucht werden. Diese Gelegenheit nutzen ein Dutzend Häftlinge, um den Bus der Landesbühne zu kapern und damit auszubrechen. Hannes, einer der Eingeweihten, zieht Clemens mit. Ans Steuer setzt sich Mumpert, der zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, weil er sich als Schiedsrichter bei Fußballspielen hatte kaufen lassen.

Sie fahren nach Grünau, wo gerade ein Nelkenfest gefeiert wird. Als Jens Uhlenkopp, der Bürgermeister von Grünau, den Bus der Landesbühne entdeckt, sieht er eine Möglichkeit, die Kleinstadt durch Kultur aufzuwerten und mehr Besucher anzulocken. Mit Hilfe der vermeintlichen Mitglieder der Landesbühne will er nicht nur einen Chor, sondern auch eine Volkshochschule und ein Heimatmuseum gründen.

Hedwig, die Besitzerin der einzigen Konditorei in Grünau, drängt den Professor, bei ihr statt im Bus zu übernachten. Ihr Ehemann Rudolf ist wieder einmal für längere Zeit auf hoher See unterwegs.

Auf Plakaten wird ein Vortrag über Fantasie, Jugendliteratur und die Epoche des Sturm und Drang angekündigt, mit dem Professor Clemens Hydikotti von der Universität Budapest die Grünauer Kulturwoche eröffnen wird. Hannes richtet das Heimatmuseum ein. Auch ein Fußballspiel wird veranstaltet. Busse bringen Gäste aus Eckernförde, Kappeln und Gelting.

Im Grünauer Tageblatt erscheint ein großer Artikel. Eines der Fotos wurde geknipst, als die Männer aus dem Bus der Landesbühne nach der Ankunft „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“ sangen.

Ihr Chor sang vermutlich gerade Wem Gott will rechte Gunst erweisen, und da sie bei dem Wort „Gott“ das Blitzlicht traf, bildeten ihre Münder ein ebenmäßiges, dunkles Loch. (Seite 67)

Ausgerechnet Isolde Bromfeld, die schläfrigste unter Clemens‘ Studentinnen, arbeitet nun als Volontärin beim Grünauer Tageblatt. Als auch in überregionalen Zeitungen Berichte über die Grünauer Kulturwoche erscheinen, beschließen die Ausbrecher, die Aufschrift „Landesbühne“ in „Sonderfahrt“ zu ändern und sich nach Dänemark abzusetzen. Aber sie werden von Pannwitz, dem Stellvertreter des Bürgermeisters, aufgehalten und eingeladen, ins Stadthaus zu kommen, wo einige von ihnen mit „Grünauer Nelken“ geehrt werden sollen.

Der Bürgermeister steckt Professor Clemens Hydikotti, dem Bauchredner Peter-Paul Zunz sowie dem ehemaligen Schiedsrichter Mumpert „Grünauer Nelken“ in Gold, Silber und Bronze an. Während die vermeintlichen Mitglieder der Landesbühne den Saal verlassen, spielt die Kapelle „Auf Wiedersehn, bleib nicht zu lange fort“. Vom Ausgang bis zum Bus stehen Polizisten Spalier. Den Ausbrechern bleibt nichts anderes übrig, als einzusteigen. Sie werden nach Isenbüttel zurückgebracht.

Hannes verfällt in eine Depression, die noch schlimmer wird, als sich sein Freund, der Heiratsschwindler Ferdi Bolzahn, in der Nachbarzelle erhängt [Suizid].

Einige Zeit später kündigt der Gefängnisdirektor Karl Tauber an, dass die Landesbühne auf dem Weg nach Oberhausen einen Zwischenstopp in Isenbüttel einlegen und im Gefängnis „Warten auf Godot“ spielen werde.

„Ihnen steht ein großer Theaterabend bevor […] Was Sie erleben werden, ist ein Stück der Menschenliebe […] Wer des Trostes bedarf – hier kann er getröstet werden.“ (Seite 93)

Vor allem Hannes wird von dem Bühnenstück ergriffen.

„Du wirst es nicht glauben, Professor, ich dachte, ich spiel da mit, ich fühlte mich mittendrin. Der Mensch, der das geschrieben hat, wusste alles über mich, und wusste, was warten heißt, warten ohne Hoffnung.“ (Seite 95f)

Der Professor wird von vier seiner ehemaligen Studentinnen besucht: Anja, Kirsten, Brigitte und Isolde Bromfeld. Sie bringen ihm Mohnkuchen mit und Kaffee, den sie mit Aquavit versetzt haben. Die jungen Frauen erzählen ihm, dass sie den Fanclub „Sturm und Drang“ für ihn gründen werden.

Tauber lässt ihn kommen und vertraut ihm „privat“ an, dass er auf Anregung eines Verlagslektors seine Autobiografie schreiben werde.

„Die Frage ist nur, wie weit darf man gehen. Wie unbedingt muss man sich daran halten, was einem das Dokumentarische nahelegt, ich denke an Namen, an Orte, es gibt da doch gewisse Rechte, Eigentumsrechte.“ (Seite 112f)

Der Professor zerstreut die Bedenken des Gefängnisdirektors:

„Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden.“ (Seite 113)

Hannes weiht seinen Zellengenossen in einen neuen Ausbruchsplan ein, doch als es so weit ist, lässt er die anderen ziehen und bleibt bei Clemens zurück. Er will mit ihm zusammen bleiben.

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Ausbrecher aus einem Gefängnis werden für Mitglieder der Landesbühne gehalten und verhelfen einer Kleinstadt zu einer Kulturwoche. Handelt es sich dabei um eine Inszenierung, von der die Männer selbst nichts wissen?

In „Landesbühne“ geht es zunächst um das Verhältnis von Leben und Theater, die Kraft der Kultur und die Energie, die durch Fantasie freigesetzt wird. Die Novelle von Siegfried Lenz beginnt als skurriles Schelmenstück, das ein wenig an Gottfried Keller („Kleider machen Leute“) erinnert, aber auch kafkaeske Züge aufweist. Im letzten Fünftel des Buches verflüchtigt sich das Märchenhafte, die Atmosphäre verdüstert sich, eine Aufführung von „Warten auf Godot“ veranschaulicht die Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins, und ein depressiv gewordener Häftling verzichtet auf die Beteiligung an einem neuen Ausbruch, weil er den Wert der Gemeinschaft erkannt hat. Der Stil- und Themenbruch zwischen der biedermeierlichen Posse und dem existenzialistischen Ende zerstört die Form dieses Werkes, das gewiss nicht zu den Höhepunkten in Siegfried Lenz‘ Schaffen zählt.

Die Novelle „Landesbühne“ von Siegfried Lenz gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Burghart Klaußner (Hamburg 2009, 2 CDs, ISBN: 978-3-455-30665-1).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Hoffmann und Campe Verlag

Siegfried Lenz (Kurzbiografie)

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Jon Fosse - Das ist Alise
"Das ist Alise" besteht aus einem flow of consciousness, in den innere Monologe anderer Figuren eingebettet sind. Nicht nur die Zeitebenen, sondern auch die Erzählperspektiven wechseln. Jon Fosses Sprache ist betont einfach, monoton und zugleich höchst artifiziell; virtuos lässt er sie wie Musik in ruhigen Wellen an- und abschwellen.
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