Henning Mankell : Der Feind im Schatten

Der Feind im Schatten

Henning Mankell

Der Feind im Schatten

Originalausgabe: Den orolige mannen Leopard förlag, Stockholm 2009 Der Feind im Schatten Übersetzung: Wolfgang Butt Paul Zsolnay Verlag, Wien 2010 ISBN: 978-3-552-05496-7, 591 Seiten, 25.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Am 30. August 2007 bekommen Kurt Wallanders Tochter Linda und ihr Lebensgefährte Hans von Enke eine Tochter. Hans' Vater Håkan verschwindet am 11. April 2008 spurlos. Kommissar Ytterberg in Stockholm leitet die Ermittlungen, und Wallander, der in Urlaub ist, beteiligt sich an der Suche nach dem anderen Großvater seiner Enkelin Klara. Kurz nachdem er dabei auf ein Familiengeheimnis gestoßen ist, verschwindet auch Hans' Mutter Louise ...
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Kritik

"Der Feind im Schatten" ist ein Abgesang auf Kurt Wallander und die Romanreihe. Henning Mankell erzählt zwar routiniert, baut jedoch zu viele Nebenhandlungen ein, und einige Zusammenhänge sind unplausibel.

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Kommissar Kurt Wallander wohnt inzwischen auf dem Land. Im September 2003 gab der damals Fünfundfünfzigjährige seine Wohnung in Ystad auf und zog in ein Haus bei Löderup, das „Schwarzhöhe“ heißt. Kurz darauf besorgte er sich einen schwarzen Labradorwelpen, den er „Jussi“ ruft.

Seine Tochter Linda, die als Polizistin in Ystad beschäftigt ist und in einer Neubausiedlung bei Malmö wohnt, vertraut ihm Anfang 2007 an, dass sie schwanger ist. Im März zieht sie mit dem Vater des Kindes zusammen in ein Haus bei Rydsgård. Hans von Enke ist fünfunddreißig Jahre alt, zwei Jahre jünger als Linda, und arbeitet als Finanzmakler in Kopenhagen.

Am 30. August 2007 bringt Linda im Krankenhaus von Ystad eine Tochter zur Welt: Klara.

Eines Abends, als Kurt Wallander in einem Restaurant in Ystad isst, trinkt er zu viel Wein. Am anderen Morgen kommt er verkatert zum Dienst und muss sich sofort beim Polizeipräsidenten Lennart Mattson melden. Noch in der Nacht brachte nämlich der Kellner Ture Saage die Dienstwaffe, die Wallander im Restaurant hatte liegen lassen, aufs Revier. Mattson argwöhnt, dass Wallander ein Alkoholproblem hat, leitet ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein und rät ihm, erst einmal Urlaub zu nehmen.

2008 feiert Hans von Enkes Vater in Stockholm seinen 75. Geburtstag. Auch Kurt Wallander nimmt daran teil. Der Korvettenkapitän a. D. Håkan von Enke erzählt ihm, dass mehrere Male fremde U-Boote in schwedischen Gewässern entdeckt wurden. Am 18. September 1980 beispielsweise wurde ein U-Boot südlich von Huvudskär gesichtet. Håkan von Enke, der damals auf einem Marinestützpunkt in der Ostsee stationiert war, befahl den Abwurf einer Unterwasserbombe. Den Vorschriften entsprechend diente sie zur Warnung. Erst mit einer zweiten Bombe hätte man das U-Boot zum Auftauchen zwingen dürfen. Die Besatzung reagierte jedoch sofort und verließ die schwedischen Gewässer. In der Nacht auf den 28. Oktober 1981 lief ein sowjetisches U-Boot in der Gäsebucht außerhalb von Karlskrona auf Grund, und Kapitän Anatoli Michailowitsch Guschtschin behauptete, wegen eines defekten Kreiselkompasses die Orientierung verloren zu haben. Das glaubte niemand. Am 6. November wurde das U-Boot in internationale Gewässer geschleppt. Elf Monate später, am 1. Oktober 1982, konnte ein fremdes U-Boot im militärischen Sperrgebiet der Bucht Hårsfjärden eingekreist werden. Es gab kein Entkommen. Håkan von Enke gehörte inzwischen zur obersten Führung der schwedischen Seeverteidigung. Vom Hauptquartier in Berga aus ordnete er an, alles für die Aufbringung des U-Boots vorzubereiten. Im letzten Augenblick, so erzählt von Enke seinem Gast Wallander, habe er von ganz oben den Befehl erhalten, die Aktion abzublasen und den Ring um das fremde U-Boot zu öffnen.

Am 11. April 2008 kehrt Håkan von Enke von seinem täglichen Spaziergang nicht zurück, und seine Ehefrau Louise meldet ihn als vermisst. Kommissar Ytterberg in Stockholm leitet die Ermittlungen.

Kurt Wallander, der noch Urlaub hat, beteiligt sich an der Suche nach dem anderen Großvater seiner Enkelin Klara. Er macht zwei langjährige Freunde des Vermissten ausfindig, besucht den Maschineningenieur Sten Nordlander, der mit Håkan von Enke bei der Marine war, und telefoniert mit dem pensionierten US-amerikanischen U-Boot-Kapitän Steven Atkins in Point Loma bei San Diego. Håkan von Enke hatte Steven Atkins 1961 in Berlin kennengelernt und ihn häufig in den USA besucht.

Die Disziplinarkammer belegt Kurt Wallander wegen des Vorfalls mit der Dienstwaffe mit fünf Tagen Lohnabzug.

Kurz darauf wird auch Louise von Enke vermisst.

Von Steven Atkins erfährt Kurt Wallander, dass Louise und Håkan von Enke nicht nur einen Sohn, sondern auch eine Tochter haben. Der Kommissar spürt Signe von Enke im Pflegeheim Niklasgården in der Nähe des Schlosses Gripsholm auf. Sie wurde am 8. Juni 1967 geboren, ist also einundvierzig Jahre alt. Ihr fehlen beide Arme; ein Hirnschaden und eine Missbildung des Rückgrads lähmen sie nahezu vollständig, und aufgrund eines Kehlkopfdefekts könnte sie selbst dann nicht sprechen, wenn ihr Gehirn intakt wäre. Håkan von Enke besuchte sie einmal in Monat, zuletzt am Tag vor seinem Verschwinden. Louise von Enke kam kein einziges Mal.

Hans von Enke kann es zunächst kaum glauben, dass er eine ältere Schwester hat. Er wuchs als Einzelkind auf und hört zum ersten Mal etwas von Signe. Offenbar hatten die Eltern sie vor seiner Geburt in ein Pflegeheim gebracht und ihre Existenz verschwiegen.

Durch ein Foto in einer von zwei Mappen, die Kurt Wallander in Signe von Enkes Zimmer fand und heimlich mitnahm, stößt er auf den Namen des Fischers Eskil Lundberg auf Bokö in den Schären südlich von Gryt. Der gibt ihm einen geheimnisvollen Gegenstand mit, der seinem Vater am 19. September 1982 östlich von Gotland ins Netz geraten war und erzählt, dass damals Schiffe der schwedischen Marine wochenlang die Stelle absuchten, an der sein Vater gefischt hatte. Wallander zeigt Sten Nordlander den Stahlzylinder. Es handelt sich um eine Abhörvorrichtung für ein Seekabel.

Aus Niklasgården erhält Kurt Wallander die Information, dass Signe von ihrem Onkel Gustaf von Enke besucht wurde. Hans von Enke versichert dem Vater seiner Lebensgefährtin, dass er keinen Onkel Gustaf habe. Wer schlich sich unter falscher Identität im Pflegeheim ein? Und wozu? Suchte er nach den beiden Mappen, die Wallander mitnahm?

Kurt Wallander wacht im Krankenhaus auf. Linda fand ihn bewusstlos in seinem Haus. Er hatte einen Insulinschock. Dass er Diabetiker ist, weiß er schon seit längerer Zeit, aber von jetzt an muss er sorgfältiger auf seinen Blutzucker achten und regelmäßig seine Medikamente nehmen.

Louise von Enkes Leiche wird in einem Kahlschlag in den Wäldern auf Värmdö gefunden. Weil sie ein leeres Schlaftabletten-Röhrchen bei sich hat, sieht es nach einem Selbstmord aus. In einem Geheimfach ihrer Handtasche entdeckt die Polizei einen Mikrofilm und Aufzeichnungen in russischer Sprache. War Louise von Enke eine Spionin?

Bei der Obduktion fallen der aus Armenien stammenden Gerichtsmedizinerin Anahit Indoyan Spuren von Chemikalien auf, wie sie in der Sportmedizin der DDR verwendet wurden. Kurt Wallander wendet sich deshalb an den Chemiker Herman Eber in Höör, der Mitte der Achtzigerjahre aus der DDR nach Schweden geflohen war. Eber erzählt ihm, er habe in der DDR den Auftrag ausgeführt, ein tödliches Gift zu entwickeln, mit dem sich ein Suizid mit Schlaftabletten vortäuschen ließ. Damit sei im Dezember 1972 der britisch-sowjetische Doppelagent Igor Kirov alias Boris in England ermordet worden.

Es gibt auch eine Verbindung von Louise von Enke zur DDR: Eigentlich arbeitete sie als Deutschlehrerin in Schweden, aber in ihrer Freizeit trainierte sie Wasserspringerinnen, und mit ihnen reiste sie des Öfteren in Ostblock-Länder, darunter auch die DDR, bis ihr Mann sie dazu brachte, damit aufzuhören, weil ihre Ostkontakte für seine Karriere bei der schwedischen Marine nicht förderlich waren. Louises Mutter Angela Stefanowitsch stammte übrigens aus Kiew. Sie heiratete 1905 den schwedischen Kohlenexporteur Hjalmar Sundblad, und Louise war das jüngste ihrer vier Kinder.

Überraschend erhält Kurt Wallander Besuch von Baiba Liepa aus Riga, einer früheren Geliebten, deren Ehemann vor siebzehn Jahren ermordet wurde. Sie ist unheilbar an Leberkrebs erkrankt und kommt, um sich von ihm für immer zu verabschieden. Bald nach ihrer Abreise ruft ihre Freundin Lilja Blooms an und teilt Wallander mit, dass Baiba tot ist. Zwanzig Kilometer vor Riga krachte sie mit ihrem Auto ungebremst in eine Steinmauer. Sie war stark alkoholisiert. Wallander fliegt zur Trauerfeier am 14. Juli 2008 nach Riga.

Während eines morgendlichen Spaziergangs mit dem Hund sieht Kurt Wallander, wie die Feuerwehr zu seinem Haus fährt. Er vergaß, dass er eine Bratpfanne mit Spiegeleiern, Wurst und Bratkartoffeln auf die Herdplatte gestellt hatte.

Als Linda mit zwei Freundinnen zu einem Konzert der Popsängerin Madonna nach Kopenhagen fährt, sieht sie in der Stadt Håkan von Enke, aber bevor sie sich von ihrer Verblüffung erholt hat, ist er in der Menge verschwunden.

Der Gesuchte lebt also. Kurt Wallander ahnt, wo er sich versteckt. In Valdemarsvik mietet er ein Boot und fährt damit zu einer namenlosen Schäre in der Ostsee. Dort schleicht er sich zu einer Jagdhütte. Bevor er sie erreicht, fasst Håkan von Enke ihm von hinten auf die Schulter. Eine Alarmanlage warnte ihn vor dem Besucher.

Statt die Fragen des Kommissars zu beantworten, erzählt Håkan von Enke von sich aus, was geschah. Als Marineoffizier nahm er häufig auch geheime Unterlagen mit nach Hause und schloss sie im Gewehrschrank ein, wenn er nicht damit arbeitete. Dann glaubte er mehrmals, dass die Aktentasche mit den Dokumenten anders im Gewehrschrank stand, als er sie hineingestellt hatte. Um seinem Verdacht nachzugehen, fingierte er im August 1979 eine Geheimakte. Darin beschrieb er ein kompliziertes Tankmanöver bei den bevorstehenden Übungen. Zur angegebenen Zeit und an dem Ort, an dem das Manöver stattfinden sollte, entdeckte er zwei Fischerboote, deren Funkausrüstungen auf sowjetische Agenten schließen ließen. Louise hatte die Information aus dem fingierten Papier also weitergegeben. Obwohl es für ihn eine große Belastung war, mit einer Landesverräterin verheiratet zu sein, stellte er sie aus Liebe nie zur Rede. Möglicherweise ahnte sie jedoch zuletzt, dass er sie durchschaut hatte, denn in den letzten Wochen wurde er beschattet und anonym bedroht. Aus Furcht vor einem Anschlag tauchte er unter. Auf die Frage, warum er in Kopenhagen gewesen sei, antwortet Håkan von Enke, er habe Schwarzgeld abgehoben.

Kurt Wallander fährt nach Hause und hält sich an sein Versprechen, Håkan von Enkes Versteck nicht zu verraten. Linda und Hans sagt er, Håkan habe ihn angerufen und gebeten, ihnen auszurichten, dass es ihm gut geht.

Einige Tage nach seinem Besuch auf der Schäre erhält Kurt Wallander einen Brief von Håkan von Enke. Der Absender verweist ihn an den in Berlin lebenden zweiundsiebzigjährigen Amerikaner George Talboth, der ihm bei seinen Nachforschungen über Louises Agententätigkeit helfen könne. Er kenne Talboth, der früher in der US-Botschaft in Stockholm beschäftigt war, seit Ende der Sechzigerjahre, schreibt von Enke.

Wallander hat eigentlich vor, nur am Telefon mit Talboth zu sprechen, aber er lässt sich dann doch von ihm überreden, nach Berlin zu fahren. Am 23. Juli macht er sich auf den Weg. In dem Hotel in Oranienburg, in dem er vor dem vereinbarten Treffen übernachtet, nimmt er eine ziemlich verlebt aussehende Frau aus der Bar mit aufs Zimmer. Aber am nächsten Morgen findet er sein Verhalten widerlich und schleicht sich davon, bevor Isabel aufwacht.

George Talboth, bei dem es sich offenbar um einen früheren CIA-Agenten handelt, erzählt ihm, in den Achtzigerjahren seien die westlichen Geheimdienste darüber beunruhigt gewesen, dass der Warschauer Pakt offenbar von einem schwedischen Verräter wichtige Informationen über die NATO bekam. Niemand fand heraus, wer es war. Am 8. März 1987 beantragte Oleg Linde, ein hochrangiger KGB-Agent, am Flughafen Schiphol Asyl. Er enttarnte eine Reihe von Agenten, aber von der schwedischen Informationsquelle wusste er nur, dass es sich um eine Frau handelte.

Widerstrebend besucht Kurt Wallander mit Linda seine geschiedene, alkoholkranke Frau Mona in einer Entzugsklinik.

Mehrere Male fällt ihm an verrückten Gegenständen auf, dass jemand in seinem Haus war. Aber es fehlt nichts, und man hat ihm auch nichts untergeschoben.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Plötzlich begreift Wallander, dass er sich die ganze Zeit von dem Vorurteil leiten ließ, dass sich der Feind im Osten befindet und es sich bei den Amerikanern um Freunde handelt. Er muss alles spiegelverkehrt betrachten, dann fügen sich die Puzzleteile zu einem stimmigen Bild zusammen.

Um seine These zu überprüfen, fährt er zu Sten Nordlander nach Stockholm, und ohne ihm etwas von seinen Überlegungen zu verraten oder auch nur zu sagen, was er vorhat, nimmt er ihn mit zu der Schäre mit dem Jagdhaus. Dort fordert er Nordlander auf, sich unters offene Fenster zu stellen. Wie erwartet, wird Håkan von Enke durch die Alarmanlage gewarnt, aber er entdeckt nur Kurt Wallander.

Der Kommissar beschuldigt ihn, für die USA spioniert zu haben. Håkan von Enke gibt zu, dass er sich in den Sechzigerjahren von der CIA anwerben ließ. Als Louise Verdacht schöpfte, musste sie sterben, damit er nicht enttarnt wurde. Der Mord wurde als Suizid getarnt, und um die Polizei von ihm abzulenken, ließ man es so aussehen, als sei Louise eine Landesverräterin gewesen. Bei dem am 1. Oktober 1982 in der Bucht Hårsfjärden eingekreisten U-Boot handelte es sich nicht um ein russisches, sondern um ein amerikanisches. Deshalb sorgte Håkan von Enke dafür, dass es entkam. Nach dem Geständnis hat er plötzlich eine Pistole in der Hand. Aber er schießt nicht auf Wallander, sondern hält sich die Waffe ans Kinn und drückt ab.

Nordlander stürzt herein. Der Schuss hat das Gehirn verfehlt, aber Håkan von Enke droht zu verbluten. Wallander fordert Nordlander auf, ein Handtuch auf die Wunde zu pressen. Weil auf der Schäre kein Handy-Empfang ist, rennt Wallander zum Boot, um Hilfe zu holen. Bevor er ablegt, hört er einen Schuss, gleich darauf noch einen. Daraufhin springt er wieder an Land und eilt zur Jagdhütte zurück. Nordlander erschoss den Mann, der ihn und seine Familie jahrzehntelang getäuscht hatte, und nahm sich danach auch selbst das Leben.

Kurt Wallander setzt zum Festland über, parkt Sten Nordlanders Auto in der Nähe des Bahnhofs, wirft die Schlüssel in einen Gully und fährt nach Hause.

Der Fischer Eskil Lundberg entdeckt die beiden Leichen. Die Kriminalpolizei Norrköping ermittelt und kommt zu dem Schluss, dass Sten Nordlander seinen Freund Håkan von Enke mit zwei Schüssen tötete und sich dann selbst das Leben nahm. Bei der Frage nach dem Motiv für den erweiterten Suizid tappen sowohl die Polizei als auch Nordlanders Witwe im Dunkeln. Niemand ahnt, dass Håkan von Enke ein Landesverräter war. Aus Rücksicht auf Hans, Linda und Klara wollte Kurt Wallander es so.

Aber er schreibt acht Monate lang an einem Bericht über seine Ermittlungsergebnisse und schickt die 212 Seiten im Mai 2009 anonym an Kommissar Ytterberg in Stockholm.

Seine Gedächtnisausfälle verschlimmern sich: Kurt Wallander ist an Alzheimer erkrankt.

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Es sah so aus, als habe Henning Mankell seine Romanreihe über Kurt Wallander 1998 mit „Die Brandmauer“ abgeschlossen. Im Jahr darauf lieferte er mit den unter dem Titel „Wallanders erster Fall“ zusammengefassten Erzählungen die Vorgeschichte nach, und 2002 knüpfte er mit dem Kriminalroman „Vor dem Frost“ an die erfolgreiche Reihe an, wies Kurt Wallander jedoch nur eine Nebenrolle zu und führte dessen Tochter Linda als Hauptfigur ein. Überraschend veröffentlichte Henning Mankell 2009 einen weiteren Band.

„Der Feind im Schatten“ ist allerdings ein Abgesang auf Kurt Wallander und die Romanreihe. Fast gleichwertig mit der Thriller-Handlung behandelt Henning Mankell in „Der Feind im Schatten“ das Thema Altern. Die Figur des eigenbrötlerischen Kommissars, der zu viel arbeitet, ungesund isst, sich mitunter betrinkt und seine Gefühle nicht zeigen kann, steht im Mittelpunkt. Der Sechzigjährige erinnert sich an frühere Kriminalfälle, sieht seine geschiedene Frau Mona wieder und versucht, mit seiner erwachsenen Tochter nicht unnötig zu streiten. Baiba Liepa, eine Frau, die er über alles liebte, besucht ihn kurz vor ihrem Tod, um sich für immer von ihm zu verabschieden. Seine Diabetes macht ihm zu schaffen, und Blackouts irritieren ihn.

Als Kriminalroman kann „Der Feind im Schatten“ nicht überzeugen. Henning Mankell erzählt zwar routiniert, schweift aber zu häufig ab und baut zu viele Nebenhandlungen ein. Sobald man ans Ende kommt, merkt man, dass viele Szenen keine andere Funktion hatten, als die Leser auf falsche Fährten zu lenken. Eine ganze Reihe von Fragen lässt Henning Mankell offen, und einige Zusammenhänge bleiben unlogisch bzw. unplausibel. Beispielsweise ist der erweiterte Suizid von Sten Nordlander nicht nachvollziehbar. Um seine Tochter zu schonen, verschweigt Kurt Wallander ihr, was er über den Vater ihres Lebensgefährten Hans von Enke herausfand. Dabei würde er ihr durch die Aufklärung über Håkan von Enke die Sorge nehmen, dass es sich bei Hans‘ Mutter um eine Landesverräterin handelte. Außerdem passt es nicht zu der Verheimlichung, dass er einem Kollegen anonym einen 212 Seiten langen Bericht über seine Ermittlungsergebnisse schickt.

2009 wurde in der Nähe der Insel Öland das gesunkene Wrack eines U-Boots der Whiskey-Klasse entdeckt. Polen und die UdSSR hatten U-Boote dieses Typs benutzt. Auch bei dem sowjetischen U-Boot, das am 28. Oktober 1981 unweit des Marinestützpunktes Karlskrona auf felsigen Grund gelaufen war, hatte es sich um diesen Typ gehandelt („whiskey on the rocks“). Bisher versuchte die schwedische Marine noch nicht, das Wrack näher zu untersuchen.

Den Roman „Der Feind im Schatten“ gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Axel Milberg (Regie: Caroline Neven Du Mont, München 2010, 7 CDs, ISBN 978-3-86717-543-2).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Paul Zsolnay Verlag

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