Claudia Durastanti : Die Fremde

Die Fremde
La straniera Verlag La nave di Teseo, Mailand 2019 Die Fremde Übersetzung: Annette Kopetzki Paul Zsolnay Verlag, Wien 2021 ISBN 978-3-552-07200-8, 300 Seiten ISBN 978-3-552-07237-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Ich-Erzählerin verbringt die ersten fünf Lebensjahre in Brooklyn, dann zieht die gehörlose Mutter mit ihr nach Süditalien, wo sie in Armut am Rand der Gesellschaft leben. Für die heranwachsende, verunsicherte Tochter ist es schwierig Orientierung zu finden. Ihr zentrales Gefühl ist es, fremd zu sein.
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Kritik

"Die Fremde" ist keine chronologische, linear entwickelte Autofiktion. Claudia Durastanti inszeniert nicht, sondern erzählt und reflektiert. Dabei springt sie zeitlich vor und zurück, assoziativ hin und her. "Die Fremde" ist ein Kaleidoskop von Erinnerungen, Beobachtungen und Überlegungen.
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Die Eltern

Claudias Urgroßmutter verlässt ihr Heimatdorf San Martino d’Agri in der Basilikata und wandert nach Argentinien aus. Einige Zeit hält sie sich in Mexiko auf, bevor sie durch die USA zieht und schließlich in Ohio den Sohn einer italienischen Bauarbeiter-Familie heiratet. Als das Paar es zu Wohlstand gebracht hat, kehrt es nach Süditalien zurück.

Claudias Großeltern mütterlicherseits – Maria und Vincenzo – emigrierten in den Sechzigerjahren in die USA und ließen ihre Ende 1956 in der Basilikata geborene Tochter in einem italienischen Klosterinternat zurück. Seit einer Gehirnhautentzündung im Alter von vier Jahren war das Mädchen gehörlos, aber von den Nonnen lernte sie eine Gebärdensprache.

Als 20-Jährige lebte Claudias Mutter in Rom auf der Straße, befreundet mit Ausreißern, einer Prostituierten und einem Transsexuellen.

Wie sie Claudias Vater kennenlernte? Sie behauptet, ihn davon abgehalten zu haben, sich vom Ponte Sisto in Trastevere in den Tiber zu stürzen. Seiner Darstellung nach rettete er sie bei einem Überfall vor dem Bahnhof Trastevere.

Seine Mutter Rufina, die mit einem Hufschmied verheiratete Tochter eines Schäfers, arbeitete als Schneiderin. Sie bekam drei Kinder, zuletzt ihn. Er wurde gehörlos geboren.

Claudias Eltern heirateten während eines Besuchs bei Maria und Vincenzo in den USA. Als bald darauf der Sohn geboren wurde, statteten sie ihre Wohnung mit Sensoren und Lichtsignalen aus, weil sie nicht hören konnten, wenn er schrie. Einige Zeit nach ihm, 1984 kam Claudia auf die Welt, in Brooklyn, wo die Familie damals lebte.

Der Vater, der in den Achtzigerjahren in einer amerikanischen Baufirma arbeitete, fuhr 1989 mit einem Jeep gegen eine Mauer, überlebte jedoch den Suizidversuch. 1990 ließ sich das Ehepaar scheiden, und Claudias inzwischen 34-jährige Mutter kehrte mit den beiden Kindern nach Süditalien zurück. Der Vater, der nun wieder bei seiner Mutter Rufina in Rom wohnte, wollte den Kontakt nicht abreißen lassen. Einmal entführte er Claudia, um ein Wiedersehen mit seiner geschiedenen Frau zu erpressen.

Mein Vater kam uns ohne Ankündigung in der Basilicata besuchen, manchmal trat er die Tür ein, häufiger benutzte er mich als diplomatische Vermittlerin.

Schulzeit

In der Schule unterscheidet sich Claudia von den anderen, weil sie nicht den regionalen Dialekt spricht und aufgrund ihrer Zweisprachigkeit Wörter verwechselt. Auch ihre exzentrische Mutter, die oft tagelang verschwindet und ihre Kinder sich selbst überlässt, trägt dazu bei, dass Claudia als Außenseiterin heranwächst. Die Mutter akzeptiert keine Konventionen, aber die Tochter sieht sich mit Zwang, Regeln und Einschränkungen konfrontiert. Sie sind arm, auf Essen-Spenden angewiesen und können sich kein Telefon leisten, aber Claudia verfügt über 70 Barbie-Puppen, ihr Bruder trägt Nike und die Sommerferien verbringen sie bei den Großeltern in Brooklyn. Reisen, Kleidung und Spielsachen sind Geschenke der Verwandtschaft in den USA.

Armut ist nicht nur eine soziale Lage, sie ist eine körperliche Krankheit. Sie wird genetisch und in unvorhersehbaren Formen von Generation zu Generation weitergegeben und prägt den Körper […].
Armut ist ein Schmutzfleck in den Zellen, ein Schnitzer in der DNA. Nach einer in Not verbrachten Jugend rückt sich nichts wieder gerade.

Vor allem Paul, der jüngste Bruder der Mutter, hat es als Investment-Banker an der Wall Street zu Reichtum gebracht. Die Familie wohnt in einer Villa in New Jersey. Wenn Claudia in den USA ist, verbringt sie viel Zeit mit Pauls gleichaltriger Tochter Malinda, die Frisörin wird und bereits mit 16 ein eigenes Auto besitzt.

Als die Ärzte Malinda Oxycontin gegen Rückenschmerzen verordnen, wird sie drogensüchtig. Kurz vor ihrem 26. Geburtstag gehen ihr die Drogendealer aus. Daraufhin lässt sie sich in einer Entzugsklinik behandeln.

Claudia überlegt:

Wenn ich zum Beispiel einen Antrag auf die Adoption eines Kindes stellen würde, wie viele Sozialhelfer würden dann meine Arme mustern oder die Pulsadern an meinen Handgelenken kontrollieren? […] Die mit derartigen Einschätzungen beauftragten Fachleute sehen Menschen, die sich selbst geschadet haben, ich sehe Menschen, die übrig geblieben sind.
Ihr trefft unbesonnene, gedankenlose Entscheidungen über euren Körper, wenn ihr jung oder noch unversehrt seid. Falsche Büstenhalter, die den Busen schlaff machen, verfrühte Diäten, die ein Spinnennetz aus Dehnungsstreifen wie das Krakelee eines Ölgemäldes auf eurer Haut zurücklassen werden, Piercinglöcher, Tätowierungen, Dilatationen, ihr fasst Entschlüsse, die ihr später für Fehler halten werdet, und ihr bekommt einen Körper, der keine Eroberung ist, sondern die Summe all seiner Gravuren, eine Brailleschrift aus Irrtümern. Und bedenkt, dass er immer so bleiben wird.

So wie die in Brooklyn geborene Claudia in der Basilikata als Fremde gilt, wird sie auch von ihren Cousinen in den USA als „anders“ wahrgenommen.

Als Schülerin führt Claudia ein Tagebuch, aber was sie schreibt, ist erfunden.

Claudia und ihr Bruder haben nicht wie andere CODA (children of deaf adults) eine Gebärdensprache erlernt. Das wollten die Eltern nicht. Sie rebellierten gegen die Vorstellung, Opfer einer Einschränkung zu sein.

Claudia hält auch nichts von Untertiteln für Gehörlose im Fernsehen.

Untertitel und Sound Caption sind Interpretationen. Und sie sind durch und durch behindertenfeindlich. Wir Hörenden entscheiden anhand dessen, was unser Gehör wahrnimmt, welches Geräusch oder welcher Reim oder welcher Applaus bedeutsam ist. Wir entscheiden, was es in dieser Wiedergabe geben darf und was nicht, wir stellen für den der beides anders erfährt, eine Diskontinuität zwischen der Stille und der Nicht-Stille her.
Wie können wir diese Stille, unsere Stille, anders darstellen, als das Wort zu schreiben (Stille)?

Seltsamerweise glaubt die gehörlose Mutter, Stimmen zu hören. Überhaupt neigt sie zur Esoterik und nimmt die Realität auf eigenwillige Weise wahr.

Ich habe immer gedacht, meine Eltern wären anders als die anderen, dann kam das Internet.
Dass wir meiner Mutter beigebracht haben, wie man es benutzt, hat zu mehr Unordnung geführt. Der IS, Tortenrezepte, Diäten und Tierquälerei haben Einzug in ihren Tagesablauf gehalten. Ihre Facebook-Seite ist der Triumph der Gegenaufklärung […].

Reisen

Nach dem Schulabschluss im Jahr 2005 reist Claudia mit ihrer gleichaltrigen Freundin Francesca nach Indien. Dann zieht sie zu ihrer Großmutter Rufina nach Rom, um an der Universität La Sapienza Anthropologie zu studieren.

2009 bis 2011 organisiert sie für ihren ersten Arbeitgeber Seminare in Istanbul.

Der um die 60 Jahre alte, mit einer Fürstentochter verheiratete Leiter einer Zeitschrift für Philosophie und Kultur, bei dem Claudia angestellt ist, sagt einmal in einem Restaurant zu ihr:

„Du isst wie eine arme Frau.“

Zur Feier ihrer Promotion laden der Arbeitgeber und dessen Ehefrau Claudia in ein Restaurant ein. Kurz darauf wird Claudia bei einer Präsentation in Sizilien überschwänglich von einer Baronin empfangen.

„Er hat uns alles gesagt, er hat uns deine Geschichte erzählt“, sagte sie, drückte meine Hände und legte sie an ihre Brust.
Wieder war es, als steckte ich in einem Buch von Dickens. „Wer hat dich sprechen gelehrt?“, fragte die Baronin, als wäre ich in einem Wald aufgewachsen bis mich jemand adoptiert hatte, und da begriff ich, was ich geworden war: nicht das verhängnisvolle Wesen, das ich sein wollte, eine ehrgeizige, gleichwertige junge Frau, sondern ein Haustier.

Aufgrund dieser Erfahrung kündigt Claudia die Anstellung. Der Arbeitgeber fragt sie, wie sie ihre Mutter weiter versorgen wolle.

Er fügte hinzu, eine junge Frau wie ich könne sich die Freiheit nicht erlauben. Und da erkannte ich, dass ich das Richtige getan hatte, auch wenn ich eine gut bezahlte Arbeit verlor, in den Schuldenzustand zurückkehrte und ein ebenso unfreies Leben führen würde.

Am 4. September 2011 zieht Claudia nach London.

Der Vater kollabiert nach einem Griechenland-Urlaub aufgrund eines Aneurysmas und verliert vorübergehend die Sprache. Zehn Jahre zuvor wäre die Mutter beinahe an einem Herzinfarkt gestorben. Bei Claudia diagnostizieren die Ärzte acht von zehn Symptomen des Borderline-Syndroms.

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Claudia Durastanti wurde am 8. Juni 1984 in Brooklyn als Tochter italienischer Eltern geboren. Sie studierte Kulturanthropologie an der Universität La Sapienza in Rom und erhielt an der Universität De Montfort in Leicester einen Mastertitel in Verlagswesen und Journalismus. 2010 debütierte Claudia Durastanti als Schriftstellerin mit dem Roman „Un giorno verrò a lanciare sassi alla tua finestra“. Es folgten „A Chloe, per le ragioni sbagliate“ (2013), „Cleopatra va in prigione“ (2016) und „La straniera“ (2019).

Ihr autofiktionaler Roman „La straniera“ / „Die Fremde“ dreht sich um eine junge Frau, die glaubt, nirgendwo dazuzugehören. Die ersten fünf Lebensjahre verbringt die Ich-Erzählerin in Brooklyn, dann zieht die Mutter mit ihr und ihrem Bruder nach Süditalien, wo sie in Armut am Rand der Gesellschaft leben. Die gehörlose Mutter rebelliert gegen den Eindruck, sie sei Opfer von Einschränkungen, versucht exzessiv, ihre Freiheit zu demonstrieren und lebt in ihrer eigenen Welt. Umso schwieriger ist es für die heranwachsende, verunsicherte Tochter, Orientierung zu finden. Ihr zentrales Gefühl ist es, fremd zu sein.

„Die Fremde“ ist keine chronologische, linear entwickelte Autobiografie. Claudia Durastanti inszeniert nicht, sondern erzählt und reflektiert. Dabei springt sie zeitlich vor und zurück, assoziativ hin und her. „Familie“, „Reisen“, „Gesundheit“, „Arbeit & Geld“, „Liebe“ lauten die Hauptüberschriften. Zwischen den Kapiteln gibt es keine Übergänge, und ein roter Faden ist nicht zu erkennen. „Die Fremde“ ist ein Kaleidoskop von Erinnerungen, Beobachtungen und Überlegungen.

Die Geschichte einer Familie ähnelt eher einer topografischen Karte als einem Roman, und eine Biografie ist die Summe aller geologischen Zeitalter, durch die du gegangen bist.

Charaktere auszuleuchten und sie lebendig werden zu lassen, ist nicht Claudia Durastantis Anliegen. Ihr kommt es mehr auf Reflexionen an, und manche Abschweifungen wirken wie ein eingeschobener spröder Essay.

Mit „La straniera“ stand Claudia Durastanti auf der Shortlist für den Premio Strega.

Die Ich-Erzählerin bringt sich selbst die Sprache durch Literatur bei und geht gern ins Kino. Dementsprechend erwähnt sie zahlreiche Roman- und Filmtitel, zum Beispiel:

Bernardo Bertolucci: Der letzte Tango in Paris
Luc Besson: Léon. Der Profi
Albert Camus: Der Fremde
● Francis Ford Coppola: Bram Stocker’s Dracula
Michael Ende: Die unendliche Geschichte
● Stanley Kubrick: Uhrwerk Orange
● David Lean: Doktor Schiwago
Richard Linklater: Before Sunrise
David Lynch: Twin Peaks
Adrian Lyne: Eine verhängnisvolle Affäre
Martin Scorsese: Taxi Driver
Hubert Selby: Letzte Ausfahrt Brooklyn

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Paul Zsolnay Verlag

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