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Julia Franck: Die Mittagsfrau (Roman) |
Julia Franck: Die Mittagsfrau |
Inhaltsangabe:
Der Druckereibesitzer Ernst Ludwig Würsich ist in Bautzen hoch angesehen. Das gilt jedoch nicht für seine Ehefrau Selma, geborene Steinitz, denn bei ihr handelt es sich um eine Jüdin. Nach der Geburt ihrer Tochter Martha wird Selma Würsich viermal mit einem Jungen schwanger, aber keines der Kinder wird älter als ein paar Stunden. Das möchte Selma nicht noch einmal erleben. Deshalb lässt sie ihren Mann nicht mehr an sich heran. Doch beim letzten Koitus wurde eine Tochter gezeugt. Selma bringt das Mädchen zwar zur Welt, will aber nichts von ihm wissen. Den Namen Helene wählt statt der Eltern die langjährige Haushälterin Marja ("Mariechen") für das Neugeborene. Und weil die Mutter es nicht stillt, muss eine Amme einspringen. Selma zieht sich in ihr Zimmer im Obergeschoss des Hauses in Bautzen zurück und verlässt es kaum noch. Freunde raten Ernst Ludwig Würsich, die offenbar Geistesgestörte in eine Anstalt zu bringen, aber das tut er nicht. Sie würgte, aber er sagte wieder schön und schön und das musst du nicht, mein Mädchen. (Seite 341) Als sie sich über ihren auf dem Rücken liegenden Mann kniet, reagiert er empört:
Er packte ihre Schultern, warf sie unter sich und drückte mit zitternder Hand, jetzt so laut keuchend, als habe er die Beherrschung verloren, sein Geschlecht zwischen ihre Beine. Er wundert sich, dass sie nicht blutet, und als er begreift, dass er nicht der Erste für sie ist, fühlt er sich betrogen. Kaum, dass er noch mit ihr redet, und wenn er sich sexuell abreagieren möchte, schiebt er ihr nur kurz den Rock hoch und zerrt ihr den Schlüpfer ein Stück weit nach unten. Helene erträgt die Demütigungen schweigend; sie macht sich nützlich, putzt und kocht für ihn. Sie las das Buch eines Jungen, der in Berlin eine Dienerschule besucht ["Jakob von Gunten"]. Benjamenta heißt das Institut. Gut denken, gut meinen. Die vollkommene Tilgung eines eigenen Willens, was für eine köstliche Idee. (Seite 369)
Als sie ihrer Mutter, die von der Gesundheitsbehörde ins Schloss Sonnenstein in Pirna eingewiesen wurde, Geld schicken möchte, weigert er sich, ihr dafür etwas zu geben und meint, das sei nicht mehr ihre Verwandtschaft. [In der seit 1811 bestehenden Krankenanstalt wurden 1940/41 schätzungsweise 15 000 Menschen im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms ermordet.]
Du hast das Kind gezeugt, Wilhelm. Wilhelm hat mit einem Straßenbau-Projekt in Frankfurt am Main zu tun, als Helene niederkommt.
Sie müssen atmen, atmen, so atmen Sie doch. Die Stimme der Hebamme klang seltsam verzerrt. Sie atmete ja.
Als eine Säuglingsschwester Helene fragt, ob sie ihren Sohn stillen will, ist sie verblüfft. An die Möglichkeit, dass es ein Sohn werden könne, hat sie nie gedacht; sie ging immer von einem Mädchen aus.
Name? Wilhelm, der einige Zeit später aus Frankfurt kommt, empfindet das Kind als störend.
Als der kleine Junge nachts schrie und Helene aufstand, um ihren Peter zu sich ins Bett zu holen, sagte Wilhelm mit dem Rücken zu ihr: Ich glaube, dir geht’s zu gut. Setz dich in die Küche, wenn es sein muss. Ein arbeitender Mann braucht seinen Schlaf.
Bevor Wilhelm wieder nach Frankfurt zurückfährt, verschafft er Helene eine Stelle im Städtischen Krankenhaus. Die Nachbarin Kozinska passt auf Peter auf, während Helene sechzig Stunden und mehr pro Woche arbeitet, und als das Kind
Helene kroch auf allen vieren unter die Äste, bahnte sich mit den Händen den Weg, hielt Zweige zur Seite und robbte und legte sich auf den Waldboden. Wie es duftete. Mutter! Helene griff nach einem Pilz, brach ihn und steckte ihn ganz in den Mund, das mürbe, feste Fleisch zerfiel fast auf der Zunge, was für ein Genuss. Wo bist du? Peters Stimme knickte, er fürchtete sich, er konnte sie nicht sehen und glaubte sich allein. Wo bist du! Seine Stimme überschlug sich. Helene hatte ihren Korb auf der Lichtung stehen lassen [...] Mutter! Peter kämpfte mit den Tränen, sie sah seine dünnen Jungenbeine durch die Zweige, wie er über die Lichtung stapfte und an ihrem Korb stehen blieb, sich bückte und wieder aufrichtete. Beide Hände formte er vor dem Mund zum Trichter: Mutter! Als die Rote Armee Stettin erobert [26. April 1945] und die Deutschen aufgefordert werden, die Stadt zu verlassen, packt Helene den Koffer ihres siebenjährigen Sohnes. Zuunterst legt sie einen Wollstrumpf mit dem Geld, das Wilhelm seit dem Tod ihrer Mutter geschickt hat, Peters Geburtsurkunde und einen Zettel, auf den sie "Onkel Sehmisch, Gelbensande" schreibt. Bei Wilhelms Bruder auf dem Bauernhof wird Peter zu essen haben.
Die Schule in Stettin, die Peter besuchte, wurde bei einem Bombenangriff der Royal Air Force im August 1944 zerstört. Der Lehrer Fuchs unterrichtet seine Schüler seither im Milchladen seiner Schwester. Peter musste an die ersten Angriffe im Winter denken und wieder spürte er die Hand seines Freundes Robert, mit dem er einst über den niedrigen, weißlackierten Zaun entlang des Weges gehüpft war und die Straße vom Berliner Tor hatte überqueren wollen, um in den Graben vor dem Zeitungskiosk zu springen. Ihre Schuhe waren auf dem Eis gerutscht, sie waren geschliddert. Etwas musste seinen Freund getroffen und die Hand von seinem Körper getrennt haben. Doch Peter war die restlichen Meter weitergestürzt, allein, als habe ihn das Wegreißen seines Freundes beschleunigt. Er hatte die Hand gespürt, fest und warm, und sie lange nicht losgelassen. Als ihm später aufgefallen war, dass er die Hand noch immer hielt, hatte er sie im Graben nicht einfach fallen lassen können, er hatte sie mit nach Hause genommen. (Seite 14) Nachdem die Rote Armee Stettin erobert hatte, quartierten sich einige Soldaten bei der Nachbarin Kozinska ein. Bald darauf wurde seine Mutter Alice vergewaltigt. Die Wohnungstür war nur angelehnt. Peter öffnete sie. Er sah drei Männer um den Küchentisch, darauf seine Mutter, sie saß halb, halb lag sie. Der nackte Po eines Mannes bewegte sich auf Peters Augenhöhe vor und zurück, dabei wackelte das Fleisch so heftig, dass Peter lachen wollte. Doch die Soldaten hielten seine Mutter fest. Ihr Rock war zerrissen, ihre Augen weit geöffnet, Peter wusste nicht, ob sie ihn sah oder durch ihn hindurch blickte. (Seite 18)
Kurz darauf geht die Siebenunddreißigjährige mit ihm zum Hauptbahnhof. Dort erfahren sie, dass die Züge nicht bis in die Stadt kommen, sondern nur bis in den westlichen Vorort Scheune. Sie laufen hin, und es gelingt ihnen, sich in einen Zug zu drängeln. Der bleibt allerdings kurz vor Pasewalk stehen. Alle steigen aus und schieben sich gegenseitig zum Bahnsteig.
Widerwillig hat das kinderlose Ehepaar Sehmisch den Neffen in Gelbensande nordöstlich von Rostock aufgenommen und ihm einen Schlafplatz auf der Küchenbank zugewiesen. Nur weil er in der Schule so schlau tue, erklärt ihm der Onkel, solle er sich nicht für etwas Besseres halten, aber Peter hilft ihm freiwillig beim Stallausmisten. |
Buchbesprechung:Der Titel "Die Mittagsfrau" bezieht sich auf eine sorbische Sage. "Die Mittagsfrau" ist eine Lausitzer Legende. Sie erzählt, dass zur Mittagsstunde eine weiß gekleidete Frau mit einer Sichel über den Köpfen derjenigen erscheint, die mittags arbeiten. Die Mittagsfrau verhängt einen Fluch über sie. Die Menschen können diesen Fluch nur aufheben, indem sie ihr eine ganze Stunde von der Verarbeitung des Flachses erzählen. (Julia Franck in einem Interview mit Susanne Geu; "Die Zeit", 10. Oktober 2007) Sprechen und Erzählen kann dieser Legende zufolge Leben retten. Aber Selma Würsich und später auch ihre Tochter Helene ziehen sich in ihr Schweigen zurück. Die Protagonistin Helene verliert ihre Sprache im Laufe des Buches und zieht sich immer mehr in Schweigen zurück. Das Schweigen erscheint ihr geradezu lebensnotwendig, dadurch wird sie aber für ihr Kind unnahbar. (Julia Franck, a.a.O.)
In dem Roman "Die Mittagsfrau" entwickelt Julia Franck das komplexe Psychogramm einer zerbrochenen Frau und Mutter. Niemand außer Carl Wertheimer schätzt Helenes Bildung und Intellekt. In der Gesellschaft der Zwanziger- und Dreißigerjahre gelten andere Eigenschaften für Mädchen und Frauen als erstrebenswert. Helene wird durch die Frustationen und Demütigungen, die sie erleiden muss, zwar nicht böse wie ihre Mutter, aber die Liebe, die ihr Kind erwartet, überfordert sie aufgrund ihrer eigenen Traumatisierung. Vor dem Hintergrund zweier Weltkriege erzählt Julia Franck die verstörende Geschichte einer Frau, die ihren Sohn verlässt, ohne sich selbst zu finden. Das Buch überzeugt durch sprachliche Eindringlichkeit, erzählerische Kraft und psychologische Intensität. Ein Roman für lange Gespräche. In einem Interview erwähnte Julia Franck eine Parallelität in ihrer eigenen Familiengeschichte: Mein Vater wurde 1937 in Stettin geboren. Er ist 1945 im Zuge der Vertreibung mit seiner Mutter gen Westen aufgebrochen. Auf dem ersten Bahnsteig westlich der Oder-Neiße-Grenze hat sie ihn aufgefordert zu warten und gesagt, dass sie gleich wieder kommen würde. Das tat sie nie. Meinen Vater hat das sehr geprägt. Er war ein sehr feinsinniger und intelligenter Mensch. Mit 49 Jahren ist er an einem Hirntumor gestorben. In der Zeit hatte ich ihn gerade erst etwas kennengelernt. Ich besuchte ihn oft im Krankenhaus, wir besprachen vieles, redeten aber nie über seine Mutter. Als ich jetzt vor fast sieben Jahren mein erstes Kind bekam, wurde es zu einer brennenden Frage, was eine Frau dazu gebracht haben kann, ihr Kind auszusetzen und überzeugt zu sein, dass es ihm überall anders besser gehen würde als bei ihr selbst [...] Ende der Neunzigerjahre habe ich mich auf die Suche nach dieser Großmutter gemacht und herausgefunden, dass sie 1996 in der Nähe von Berlin gestorben ist. Entfernte Bekannte meiner Großmutter berichteten mir, dass sie über Jahrzehnte mit ihrer Schwester in einer Einzimmerwohnung zusammengelebt habe und beide niemanden in ihr Leben gelassen hätten. Sie erwähnte nie ein Kind. Den Entschluss eine Mutterschaft und eine Bindung zu einem Kind absolut zu leugnen, finde ich seltsam und beunruhigend zugleich. Ich wollte dem nachgehen und eine Geschichte für diese Frau finden. (Julia Franck, a.a.O.) |
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Julia Franck: Der neue Koch |