|
Max Frisch: Montauk (Erzählung) |
Max Frisch: Montauk |
Inhaltsangabe und Buchbesprechung
Alles in allem fühlte ich mich beschenkt. Schwieriger war es, wenn ich W. beschenken wollte zum Geburtstag oder zu Weihnachten; meine Geschenke machten ihn verlegen, denn sein Geschmack war besser entwickelt, und selten ging es ohne Umtausch. 1959 trafen sie sich letztmals. Zum 50. Geburtstag schickte Max Frisch dem Freund noch ein Telegramm, aber als er ihn zu Beginn der Siebzigerjahre zufällig in einer Straße in Zürich sah, versuchte er nicht, ihn auf sich aufmerksam zu machen: W. interessierte ihn nicht mehr. Was ohne W. aus mir geworden wäre, das ist schwer zu sagen. Vielleicht hätte ich mir mehr zugetraut, vermutlich zuviel.
Während des Architekturstudiums (1936 – 1941) war Max Frisch jahrelang mit der Kommilitonin Käte befreundet. Er erklärte sich bereit, sie zu heiraten, aber sie durchschaute, dass der Heiratsantrag weniger durch Liebe als durch Mitleid motiviert war: Bei ihr handelte es sich nämlich um eine Jüdin aus Deutschland, und als Ehefrau eines Schweizers hätte sie in dessen Land bleiben können. Ich verstehe: Frau Haller, die schon ein Jahr lang meine Stimme kennt, wünscht den Hausgenossen einmal zu sehen. Ich lüge sofort, ich sage, dass wir grad Besuch haben. Es wären fünf oder sechs Schritte gewesen. Gern ein andermal! sage ich und bedanke mich für die Sicherungen. Noch ein Jahr später erfuhr Max Frisch, dass die Gelähmte in der Grundschulzeit eine seiner Mitschülerinnen gewesen war: Therese ("Thesy") Haller-Mock. Eines Abends, als ich von der Baustelle nach Hause komme, steht unsere Wohnungstüre weit offen, die Wohnung leer, es regnet in Strömen; meine Frau kann nicht im Garten sein, ich rufe vergeblich.Vielleicht ist sie oben? In der Küche steht eine leere Pfanne auf dem Herd, eine glühende Pfanne. Als ich hinaufgehe, öffnet Fräulein Eichelberger und beruhigt mich, meine Frau sei schon wieder bei Bewusstsein. Ich verstehe nicht, was geschehen ist, und als ich in die Wohnung trete, die zu betreten ich seit Jahren gemieden habe, bin ich auf alles gefasst, nur in diesem Augenblick nicht auf Frau Haller. Meine Frau sei von einem Blitz am Herd getroffen worden. Meine Frau liegt in einem Sessel ziemlich verstört, bleich, aber wach. Sie erwartet zu dieser Zeit unser zweites Kind. Fräulein Eichelberger bittet mich, Platz zu nehmen. Ich setze mich nicht. Ich stehe zwischen meiner Frau und der Gelähmten, die in ihrem Bett liegt. Unsere Kleine ist auch da; wir als Familie. Draußen blitzt es noch immer. Nochmals zum Sitzen aufgefordert, nachdem ich den ausführlichen Bericht gehört habe, finde ich es an der Zeit, Frau Haller zu begrüßen; ich sage: Thesy! als sei ich eben erst ins Zimmer getreten.
Max Frisch wohnte noch bis 1955 in diesem Haus, aber Frau Hallers Wohnung betrat er nie wieder. Zuletzt gesprochen haben wir uns 1963 in einem römischen Café vormittags; ich höre, dass sie in jener Wohnung, Haus zum Langenbaum, mein Tagebuch gefunden hat in einer verschlossenen Schublade; sie hat es gelesen und verbrannt. Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht. 1962 begegnete er der Philosophiestudentin Marianne Oellers, die achtundzwanzig Jahre jünger war als er und 1968 seine Ehefrau wurde. Monte Alban: hier auf einem Gemäuer sitzt Marianne, Jahrgang 1939, stud. phil., erschreckt von meiner Bitte; ich traue mir den Mut zu, Einsicht zu haben, wenn ich zu alt geworden bin für sie. Zwei Jahre? Drei Jahre? Sie zögert weislich. Sie kommt nach Rom und zögert einen Sommer lang. Später ein ländliches Haus, gemeinsam eine kleine Wohnung in Zürich, dann eine andere, eine große, Reisen zusammen, es werden neun Jahre, länger als sie je gedacht haben. In Rom besuchte ihn 1963 auch seine zu diesem Zeitpunkt achtundachtzig Jahre alte Mutter. Drei Jahre später – er wohnte inzwischen mit Marianne im Tessin – wollte sie sterben. Max Frisch, seine Schwester und sein älterer Bruder lösten sich am Krankenbett im städtischen Altersheim von Zürich ab. An einem Abend ging Max Frisch zur Lesung eines anderen Schriftstellers und sprach dort die Einführung. Die Nacht endete in einen "kollegialen Besäufnis". ... am anderen Morgen, als ich das Telegramm lese, erlaubt es mein Zustand nicht, mich einer Toten zu zeigen.
"Montauk" gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Felix von Manteuffel (Der Hörverlag, 2008, 4 CDs). |
|
Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2009
Max Frisch: Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie |