Ingrid Noll: Kuckuckskind
(Roman)
      Kritik:
"Kuckuckskind" ist mehr ein Familiendrama als ein Thriller. Der Trivialroman von Ingrid Noll bietet eine leichte und unterhaltsame Lektüre. Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik, Kritik
 

Ingrid Noll:
Kuckuckskind

 
  Inhalt:
Als die Lehrerin Anja Reinold ihren Ehemann Gernot mit einer Fremden in flagranti erwischt, lässt sie sich scheiden. Da sie Ende 30 ist, wird sich ihr Traum von einer Familie mit Kindern kaum noch erfüllen. Birgit und Steffen Tucher, die früher mit Anja und Gernot in Urlaub fuhren, bekommen dagegen einen Sohn. Der sieht Steffen allerdings überhaupt nicht ähnlich. Anja, die vermutet, dass Gernot und Birgit eine Affäre haben, rät Steffen deshalb zu einem Vaterschaftstest ... Inhalt, Inhaltsangabe, Zusammenfassung, Handlung




Kuckuckskind
Originalausgabe:
Diogenes Verlag, Zürich 2008

ISBN: 978-3-257-06632-6, 339 Seiten, 21.90 € (D)

   


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Ingrid Noll: Kuckuckskind

Inhaltsangabe:

Anja Reinold arbeitet als Deutsch- und Französischlehrerin am Heinrich-Hübsch-Gymnasium in Weinheim an der Bergstraße. Mit ihrem Ehemann Gernot, einem Steuerberater, wohnt sie in einem idyllischen alten Bauernhaus mit Garten. Sie träumt seit langer Zeit von einem Kind, aber inzwischen ist sie Ende dreißig und noch immer nicht schwanger.

Jeden Montag singt sie im Chor. Als die wöchentliche Probe im Frühjahr 2006 einmal ausfällt und sie vorzeitig nach Hause kommt, ertappt sie Gernot mit einer fremden Frau in flagranti. Unbemerkt geht sie in die Küche und kocht Tee. Doch statt ihn zu trinken, verbrüht sie damit die beiden Nackten. Sie lässt sich scheiden, verlässt das Gernot gehörende Haus und zieht in ein "Rattenloch".

Als ihr fünfzehnjähriger Schüler Manuel Bernat Nachhilfestunden in Französisch benötigt, verweist sie ihn an ihre achtunddreißigjährige Kollegin Birgit Tucher. Die beiden Frauen und deren Männer – Gernot und der Bankangestellte Steffen Tucher – waren befreundet und fuhren früher gemeinsam in die Ferien, aber seit der Scheidung hat Anja das Ehepaar Tucher nicht mehr privat getroffen.

Als Anja und Steffen sich zufällig begegnen, versucht er sie über seine Frau auszuhorchen. Offenbar verdächtigt er sie, eine Affäre zu haben. Anja weiß zwar, dass Birgit nichts anbrennen lässt, aber von einer aktuellen Beziehung ist ihr nichts bekannt.

Anjas in Bad Dürkheim wohnende Mutter vereinbart mit Gernot, dass sie mit ihrer Tochter deren Sachen abholt, während er verreist ist. In einem Album fällt Anja auf, dass die Fotos vom Urlaub 1999 in Draguignan falsch eingeordnet sind. Birgit wollte die Sommerferien dieses Jahr in Draguignan verbringen, angeblich mit einer Freundin. Ein Zufall? Sind Birgit und Gernot zusammen in die Provence gefahren? Haben sie ein Verhältnis? Anja teilt ihren Verdacht Steffen mit. Er glaubt zwar nicht, dass ihn seine Frau mit dem Freund betrügt, wirkt jedoch verunsichert.

Während der Ferien zieht Anja in eine leer stehende Wohnung des Hauses, das dem Vater ihres Schülers Manuel gehört. Dr. Patrick Bernat, ein einundfünfzigjähriger Chemiker, ist arbeitslos. Seine Frau, die Sopranistin Isa ("Isadora") Bernat, lebt getrennt von ihm und ihrem Sohn in Kopenhagen mit einem anderen Lebensgefährten zusammen. Geschieden sind sie allerdings nicht. Die Ehe zerbrach, als Manuels Schwester Leonore ("Leno") im Kleinkindalter an einem Herzfehler starb und Isa ihrem Mann die Schuld gab, weil er das Kind zu einer Operation nach London gebracht hatte.

Einige Zeit nach dem Beginn des neuen Schuljahres erfährt Anja, dass Birgit schwanger ist. Hat Gernot das Kind gezeugt? Anja ist verzweifelt: Während sie kaum noch eine Möglichkeit sieht, das ersehnte Kind zu bekommen, ist ihre Rivalin nun vermutlich von ihrem Ex-Mann schwanger, obwohl sie immer behauptete, kein Kind zu wollen.

An Weihnachten kommen Anja und Patrick sich näher und werden schließlich ein Liebespaar – was Manuel nicht entgeht.

Als Anja Birgits Sohn Victor Augustus zum ersten Mal sieht, fällt ihr sofort auf, dass er Steffen überhaupt nicht ähnlich sieht. Sie weist Steffen darauf hin und rät ihm zu einem Vaterschaftstest.

Am 4. Juni 2007 steht Steffen plötzlich mit dem brüllenden Säugling vor der Tür. Eigentlich habe er zu Gernot gewollt, erklärt er, ihn jedoch nicht zu Hause angetroffen. Er hatte tatsächlich einen Vaterschaftstest durchführen lassen und bekam vor einigen Stunden das Ergebnis, demzufolge er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlickeit nicht Victors Vater ist. Darüber sei es zum Streit mit Birgit gekommen, sagt er, jetzt müsse er sie suchen, weil sie fortgelaufen sei. Bevor Anja reagieren kann, hat er ihr das schreiende "Kuckuckskind" in die Arme gedrückt und ist weggefahren.

Während Anja keine Erfahrung mit Säuglingen hat, hilft Patrick ihr in rührender Weise und mit viel Sachverstand, Victor zu beruhigen, ihn zu füttern und ihm die Windeln zu wechseln. Manuel kümmert sich ebenfalls liebevoll um das Kleinkind.

Anja, die durch den Vaterschaftstest ihren Verdacht bestätigt sieht, dass Gernot das Kind gezeugt hat, redet mit ihrem Ex-Mann. Zum ersten Mal erzählt er ihr, was an dem Tag geschah, an dem sie ihn mit einer Praktikantin aus dem Büro ertappte. Damals hatte er erfahren, dass er nicht zeugungsfähig ist. Das war das Ergebnis eines Spermiogramms. Er habe deshalb mit Anja über eine künstliche Befruchtung reden wollen, behauptet er. Dazu sei es dann wegen seines Seitensprungs nicht mehr gekommen. Mit Birgit habe er eine Affäre gehabt, die von ihr jedoch nach kurzer Zeit abrupt beendet worden sei.

Mit einem benutzten Tempo-Taschentuch Gernots und einer Speichelprobe Victors gibt Anja einen Vaterschaftstest in Auftrag. Gernot hat nicht gelogen: Das Kind ist nicht von ihm.

Von Françoise Hurtienne, einer Lehrerin in Draguignan, die Birgit in den letzten Sommerferien besuchte, erfährt Anja am Telefon, dass Birgit über eine Abtreibung nachdachte, die Françoise ihr dann ausreden konnte. Auf keinen Fall wollte Birgit, dass der Erzeuger des Kindes etwas von seiner Vaterschaft erfuhr.

Steffen wird nach einem schweren Autounfall in ein Krankenhaus in Ludwigshafen gebracht. Er liegt einige Zeit im Koma, und als er wieder bei Bewusstsein ist, leidet er aufgrund eines Schädel-Hirn-Traumas an einer retrograden Amnesie. Beispielsweise kann er sich nicht daran erinnern, Victor zu Anja gebracht zu haben. Ein Kriminalbeamter fragt sie deshalb, ob sie beweisen könne, dass Steffen Tucher ihr das Kind anvertraute. Unterstellt man ihr, den Säugling unrechtmäßig an sich genommen zu haben?

Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes vergewissert sich, dass Victor bei Anja und Patrick gut untergebracht ist und lässt ihn vorerst dort. Birgits Schwester Kirsten in Brüssel weigert sich, ihren Neffen aufzunehmen, und Steffens Geschwister interessieren sich auch nicht für den Kleinen, nachdem sie erfahren haben, dass sie nicht verwandt mit ihm sind.

Die Fahndung nach Birgit verläuft erfolglos. Nur ihr Auto wird am 23. Juli aus einem See im Allgäu geborgen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Sobald Steffen wieder in der Lage ist, aus dem Bett aufzustehen, erhängt er sich im Krankenhaus. Vermutlich handelte es sich bereits bei dem vermeintlichen Autounfall um einen Selbstmordversuch. In einem Abschiedsbrief an Anja Bücher von Dieter Wunderlich berichtet er, was am 4. Juni geschah: Nachdem er das Ergebnis des Vaterschaftstest bekommen hatte, wollte er aus Birgit ein Geständnis herausprügeln und verletzte sie mit einem Küchenmesser. Sie rannte aus dem Haus. Er fuhr mit dem "Kuckuckskind" zu Gernot, den er aufgrund von Anjas Hinweisen für den Vater hielt, und weil dieser nicht zu Hause war, brachte er den Säugling zu Anja. Dann suchte er vergeblich nach Birgit. Als er wieder heimkam, stand ihr Auto in der Einfahrt und sie saß tot hinter dem Lenkrad. Da geriet er in Panik, brachte die Leiche in den Bayerischen Wald und verscharrte sie dort. Den Wagen versenkte er in einem See im Allgäu.

Anja wird schwanger. Ihr Wunschtraum von einer Familie mit Kindern scheint doch noch in Erfüllung zu gehen. Sie wird auch alles versuchen, damit sie und Patrick den kleinen Victor behalten dürfen. Und Manuel, der den Säugling liebt, versteht sich auch sehr gut mit Anja.

Eines Tages fällt ihr die Ähnlichkeit zwischen Patrick und Victor auf. Schlief er mit der Nachhilfelehrerin seines Sohnes? Wenn, dann war es vor dem Beginn seiner Beziehung mit Anja, aber warum verschweigt er es? Schließlich stellt sie ihn zur Rede. Ihm ist die Ähnlichkeit auch schon aufgefallen, weil er jedoch weiß, dass er nicht der Vater sein kann, befürchtet er, dass Manuel mit seiner Lehrerin nicht nur französische Grammatik geübt haben könnte. Zum Zeitpunkt der Zeugung war der Junge erst fünfzehn. Birgit hätte also mit ihrer Entlassung und einer Strafanzeige rechnen müssen.

Manuel unternimmt gerade mit seiner Mutter zusammen eine Kreuzfahrt entlang der norwegischen Küste. Während seiner Abwesenheit vergewissern sich Patrick und Anja mit einem Vaterschaftstest. Es gibt keinen Zweifel. Als Manuel zurückkommt, konfrontieren sein Vater und dessen Lebensgefährtin ihn mit dem Ergebnis des Tests. Der Sechzehnjährige kann es nicht fassen, denn er hatte nur ein einziges Mal Sex mit Birgit. Danach beendete sie sofort den Nachhilfeunterricht und hielt sich von ihm fern.

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Buchbesprechung:

Ingrid Noll ist als Krimi-Autorin bekannt, aber bei ihrem Buch "Kuckuckskind" handelt es sich weniger um einen Thriller, sondern mehr um ein Familiendrama. Strafbares Verhalten und polizeiliche Ermittlungen spielen nur am Rande eine Rolle, auch wenn die Protagonistin mit einem Vaterschaftstest den Tod von zwei Menschen verursacht. Dass die Lehrerin Anja Reinold dennoch nicht von ihrer Schuld niedergedrückt wird, sondern sich am Ende ihren größten Wunschtraum erfüllen kann, ist allerdings nicht nachvollziehbar.

Besonders spannend ist "Kuckuckskind" nicht, aber der Trivialroman liest sich leicht, und die Lektüre ist nicht zuletzt aufgrund zynischer Wendungen unterhaltsam.

Den Roman "Kuckuckskind" von Ingrid Noll gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Franziska Pigulla (Diogenes Verlag, Zürich 2008, 29.90 €).

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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