Nikola Hahn: Baumgesicht.
Geschichten und Gedichte
      Kritik:
In den Geschichten und Gedichten, die Nikola Hahn unter dem Titel "Baumgesicht" zusammengestellt hat, geht es weder um ambitionierte noch um spektakuläre Themen, sondern um teils nachdenkliche, teils schalkhafte, immer einfühlsame Erlebnisse von Durchschnittsmenschen im Alltag. Rezension
 

Nikola Hahn:
Baumgesicht

 
 
Inhalt:
Geschichten: Der kleine Junge - Wochenende - Sandkörner im Kofferraum - Der blaue Anzug - Nur ein Prosit - Panne um Mitternacht - Ottos Schreibmaschine - Das Denkmal - Jahr der Behinderten - ...
Gedichte: Somalia - Blume - Silberlöffel - Gute Bürger - Keine Zeit - Rattenberge - Südseetraum - Pusteblume - Regen - Jahreszeiten - Entdeckung - Wer glaubt schon an Geister - ... Inhaltsangabe




Baumgesicht
Erstausgabe:
Verlag Dr. Hänsel-Hohenhausen, Egelsbach 1995

Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe:
Nikola Hahn, BoD, 2003
132 S., ISBN 3-8330-0687-0, 12.80 €
   


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Nikola Hahn: Baumgesicht.
Geschichten und Gedichte



Inhaltsangabe und Buchbesprechung

Gibt es Schöneres, als Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, Begegnungen, Erfahrungen mit Fantasie zu mischen und daraus Geschichten zu formen? Eine Idee fließt in Sätze, Szenen entstehen. Und eine neue Welt.

So heißt es in "Warum ich Geschichten schreibe". Diese kleine Prosa bildet den Auftakt für 26 Geschichten und 26 Gedichte, die Nikola Hahn in ihrem 2003 neu aufgelegten Erstlingswerk aus dem Jahr 1995 zusammengestellt hat.

Warum ich Gedichte schreibe
Gedichte sind
Gedanken
Wörter-Welten
Träumen Wachen
Trauern Lachen
Leben
Auf den Punkt gebracht.

Es geht weder um ambitionierte noch um spektakuläre Themen, sondern um teils nachdenkliche, teils schalkhafte, immer einfühlsame Geschichten und Gedichte über Erlebnisse von Durchschnittsmenschen. Nikola Hahn spricht selbst von "Alltagsliteratur" und meint damit – erläutert Michael Neuner im Vorwort –, dass es sich um die "Verarbeitung des Alltags in der Literatur" handelt.

Die Begegnung mit einem von zu Hause fortgelaufenen kleinen Jungen hält eine erwachsene Frau davon ab, ihren Mann nach fünf Jahren Ehe zu verlassen (Der kleine Junge). Bücher von Dieter Wunderlich Ein Mann sieht ein, dass seine frühere Beziehung endgültig kaputt ist (Der blaue Anzug). Eine junge Frau trennt sich von ihrem verheirateten Liebhaber, der zu schwach ist, um sich zwischen ihr und seiner Ehefrau zu entscheiden (Offener Brief an dich). Eine andere junge Frau denkt während der hohlen Rede des Pfarrers bei der Bestattung ihres Stiefvaters über diesen, ihre Mutter und ihren vor zwanzig Jahren verstorbenen leiblichen Vater nach (Dem Kind ein Vater). Nach einer Autopanne gerät jemand auf der Suche nach einem Telefon an eine alte Frau, die sich nicht vom Leichnam ihres seit Wochen toten Mannes trennen will (Panne um Mitternacht).

In einer reizenden Gutenachtgeschichte von Nikola Hahns Mutter (Das Märchen vom Schneeglöckchen) erfahren wir, wie das Schneeglöckchen zu seiner weißen Farbe gekommen ist und warum es im Frühling die erste Blume ist, die blüht.

Die Titelgeschichte "Baumgesicht" handelt von zwei Mädchen, die in einem Dorf am Rande des Westerwalds zusammen aufwachsen: die stille Astrid und die quirlige Sandra. Ihre Freundschaft endet, als Sandra sich mit dem "Ökofreak" Bernhard befreundet, ein Jahr vor dem Abitur die Schule verlässt und mit Bernhard fortgeht.

Wenn Astrid später jemand fragte, warum sie mit ihrem guten Abitur nicht studiert habe, gab sie finanzielle Gründe an. Tatsächlich war es so, dass sie sich nicht vorstellen konnte, Jahre damit zu verbringen, in Hörsälen herumzusitzen. Was sie aber bewog, sich einen Beruf auszusuchen, der weder ihrem Wesen noch ihren Interessen entsprach, blieb ihr selbst unklar. Vielleicht war es ein Stückchen jener Sehnsucht nach dem wahren Leben, die Sandra weggezogen hatte, vielleicht die Suche einer jungen Frau nach Anerkennung? Astrid beschloss, Polizistin zu werden.

Bei einem Einsatz an der Frankfurter Startbahn West sehen sich Astrid und Sandra erstmals wieder, die eine als Polizistin, die andere als Demonstrantin. "Hau ab, du Verräterin!", herrscht Sandra ihre frühere Busenfreundin an. Schließlich beginnt Astrid, Sandra zu suchen, fragt Bernhard, ehemalige Nachbarn – vergeblich.

Als Astrid den Namen las, wusste sie, dass ihre Suche zu Ende war. Trotzdem dauerte es einen Moment, bis sie die Bedeutung des Wortes begriff, das in nüchternem Amtsdeutsch auf der Akte stand und keinen Platz mehr für Gefühle ließ: Leichensache. Sie blätterte, bis sie zu der Seite mit den Fotos kam, starrte auf den ausgemergelten Körper, das zerstörte Gesicht, die langen blonden Haare, auf die sie früher so neidisch gewesen war ...

"Der goldene Schuss", kommentiert ein Kollege.

Nikola Hahn wurde 1963 in Wehrda bei Marburg geboren. Nach dem Abitur im Jahr 1983 absolvierte sie 1984 bis 1986 die Ausbildung für den mittleren Polizeidienst und fing bei der Bereitschaftspolizei an. 1990 wechselte sie zur Kriminalpolizei. Heute befasst sie sich als Kriminalhauptkommissarin mit Raub-, Erpressungs- und Tötungsdelikten. Parallel dazu bereitete sie sich 1985 bis 1988 mit einem Fernstudium auf eine Autorentätigkeit vor, schrieb danach jahrelang für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und veröffentlichte 1995 ihr erstes Buch: "Baumgesicht".

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Nikola Hahn

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