Harry außer sich

Harry außer sich

Harry außer sich

Harry außer sich - Originaltitel: Deconstructing Harry - Regie: Woody Allen - Drehbuch: Woody Allen - Kamera: Carlo Di Palma - Schnitt: Susan E. Morse - Darsteller: Woody Allen, Kirstie Alley, Billy Crystal, Judy Davis, Amy Irving, Demi Moore, Tobey Maguire, Elisabeth Shue, Robin Williams, Mariel Hemingway, Tobey Maguire u.a. - 1997; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Der New Yorker Erfolgsautor Harry Block, ein kleiner, bebrillter Egomane, wundert sich: "Ich bin jetzt sechs Psychiater älter, habe drei Ehefrauen abgelegt und kriege mein Sexleben immer noch nicht in Ordnung. Ich bin nicht erwachsen geworden: Bei jeder Frau denke ich ans Ficken."


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Kritik

Maliziöse Ironie, hintersinniger Humor und purer Klamauk mischen sich zu einem intellektuellen Vergnügen. Ein chaotisches Durcheinander von Fiktion und Realität, fortwährende Orts- und Zeitsprünge, eine Vielzahl kleiner Episoden mit Dutzenden von Figuren – wer hätte das so raffiniert verweben können wie Woody Allen?
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Der New Yorker Erfolgsautor Harry Block (Woody Allen), ein kleiner, bebrillter Egomane, wundert sich: „Ich bin jetzt sechs Psychiater älter, habe drei Ehefrauen abgelegt und kriege mein Sexleben immer noch nicht in Ordnung. Ich bin nicht erwachsen geworden: Bei jeder Frau denke ich ans Ficken.“

Eines Tages springt seine frühere Geliebte Lucy (Judy Davis) vor seinem Haus aus einem Taxi. „Ich würde dir gern deine scheiß Kehle durchschneiden!“, schreit sie in der Tür. Harry vergewissert sich: „Du bist erregt, nicht wahr?“ Wütend klappt Lucy seinen neuen Roman auf und liest eine Szene daraus vor:

Während einer Gartenparty geht Leslie (Julia Louis-Dreyfus) ins Haus, um Drinks zu mischen. Dort trifft sie auf Ken (Richard Benjamin), der es vorgezogen hat, eine Sportübertragung im Fernsehen zu verfolgen. Sie küssen sich, Ken öffnet die Hose und Leslie kniet sich vor ihn. „Versuche doch, das drauf Kauen zu lassen“, mahnt Ken. Sie erschrickt und beißt ihn. Daraufhin wechseln sie die Stellung, und er nimmt sie von hinten. Kurz vor dem Orgasmus tritt die blinde Großmutter ins Zimmer und bittet darum, in den Garten geführt zu werden.

Dass mit der Romanfigur Leslie sie gemeint sei, durchschaue jeder sofort, schreit Lucy. Und natürlich sei klar, dass Ken Harrys Alter ego ist. Jetzt wisse Jane (Amy Irving) – Lucys Schwester und eine der von Harry geschiedenen Ehefrauen – was sie immer schon vermutete: dass Lucy und Harry sie betrogen. „Ich puste mir das Gehirn raus!“, droht Lucy und setzt sich eine Pistole an die Schläfe. „Hier auf deinem Teppich.“ Harry versucht sie davon abzuhalten und zu beruhigen. Plötzlich fasst sie sich: „Du hast Recht.“ Sie kommt zu dem Schluss, es sei besser, Harry umzubringen, zieht ihre Pistole wieder aus der Handtasche, schießt auf ihn, verfehlt ihn aber. Er flüchtet aufs Dach und redet auf sie ein. Lucy keift: „Du bist so beschissen wortgewaltig. Wer hätte mich sonst überzeugen können, ihm bei der Beerdigung meines Vaters einen zu blasen?!“ Und dann hört sie doch zu, als er eine seiner Kurzgeschichten erzählt:

Harvey Stirn (Tobey Maguire) heiratete viel zu früh, nur um aus der elterlichen Wohnung herauszukommen. Seine Frau Rosalee (Annette Arnold) beklagt sich bald darüber, dass er sie nicht mehr anschaut. Seinem Psychiater sagt Harvey: „Ich weiß nicht, woran es liegt. Ich fühle mich nur nicht zu ihr hingezogen. Ich bin supersexuell erregt – nur nicht von ihr.“ „Und wer erregt Sie?“, fragt der Analytiker. „Jede andere. Ich treffe keine Frau, bei der ich mich nicht frage, wie sie im Bett wäre.“ – Im Schuhgeschäft, wo Harvey arbeitet, schwärmt ein Kollege von einer chinesischen Prostituierten. Harveys Einwand, damit betrüge er doch seine Ehefrau, lässt der andere nicht gelten: Es sei doch eine Nutte. Das überzeugt Harvey, aber er hat noch ein Problem: „Wo sollte ich es tun? Ich kann sie doch nicht mit nach Hause nehmen!“ Nachdem sein Freund Mendel Birnbaum ins Krankenhaus eingeliefert wurde, bestellt Harvey unter dessen Namen Lily Chang (Sunny Chae) in dessen Apartment. Er ist begeistert. Als er vom Bett aufsteht, um in seiner Hose Geld für ein zweites Mal zu suchen, pocht der Tod an die Tür: Mendel Birnbaum steht auf seiner Liste. Er kommt, um ihn abzuholen. Vergeblich beteuert Harvey, gar nicht Mendel Birnbaum zu sein …

Lucy habe diese Kurzgeschichte lustig gefunden und sich daraufhin beruhigt, berichtet Harry seinem Analytiker. Aber nun leidet Harry Block (!) unter einer Schreibblockade. Der Psychologe erinnert sich an eine andere Kurzgeschichte seines Patienten:

Bei Dreharbeiten wechselt der Kameramann mehrmals das Objektiv, weil der Hauptdarsteller Mel (Robin Williams) unscharf („soft“) ist, bis sich herausstellt, dass es nicht an der Technik liegt, sondern Mel selbst unscharf ist. Der Regisseur bricht die Dreharbeiten ab und schickt Mel nach Hause. Dessen Frau wird seekrank, wenn sie ihn ansieht. Ob er etwas Unrechtes gegessen habe, fragt sie. „Meeresfrüchte oder so?“ Mel hofft, nach einem gesunden Schlaf wieder in Ordnung zu sein, aber als er am nächsten Morgen in den Spiegel blickt, ist er noch unschärfer!

Nach der Sitzung bei seinem Analytiker passt Harry seine Exfrau Joan (Kirstie Alley) ab. Sie droht, die Polizei zu rufen, aber Harry fleht sie an, ihm kurz zuzuhören. Am nächsten Tag soll er von der Universität, von der er vor dreißig Jahren verwiesen wurde – unter anderem, weil er sich nicht für die Realität interessierte –, geehrt werden. Er möchte gern, dass sein Sohn Hilly (Eric Lloyd) das miterlebt. Joan weigert sich, den Besuchstag ihres geschiedenen Mannes zu tauschen. Sie würde den Kontakt Hillys zu seinem Vater am liebsten ganz unterbinden, denn woher hat der Neunjährige Ausdrücke wie „Möse“, „pimpern“ und „Scheiß auf Gott“, wenn nicht von Harry. Mit Abscheu erinnert sie sich daran, was ihr die Kindergärtnerin Beth Kramer (Mariel Hemingway) berichtete, nachdem diese zufällig Zeugin eines Gesprächs zwischen Harry und seinem Sohn geworden war. Er hatte dem Kleinen ganz ungeniert erklärt, dass es laut Freud für einen Mann auf zwei Dinge ankomme: Beruf und Sex.

Auch den Anfang seiner Beziehung mit Joan verarbeitete Harry in einem Roman: Helen (Demi Moore) ist Epsteins dritte Analytikerin. Eines Tages, als er wieder bei ihr auf der Couch liegt, sagt sie: „Ich halte es für am besten, wenn wir die Therapie jetzt beenden und uns eine Weile nicht mehr sehen. Wenn wir dann einer Meinung sind, treffen wir uns erneut – privat.“ Beim Wiedersehen lacht sie: „Niemand kann sagen, dass ich nicht gewusst hätte, worauf ich mich einlasse.“ Sie kennt schließlich die Perversionen ihres Zukünftigen! Nach der Geburt des Sohnes Heliot kehrt sie zum jüdischen Glauben zurück, kleidet sich entsprechend und murmelt die Gebete am Sabbat mit verhülltem Gesicht. Nach zwei Jahren sagt sie zu einem ihrer Patienten: „Ich halte es für am besten, wenn wir die Therapie jetzt beenden und uns eine Weile nicht mehr sehen. Wenn wir dann einer Meinung sind, treffen wir uns erneut – privat.“

Zufällig trifft Harry seinen Freund Richard (Bob Ralaban) auf der Straße. Richard ist über Schmerzen in der Brust beunruhigt, denn seine ganze Familie – Mutter, Vater, zwei Brüder – sind an Herzleiden gestorben. Harry begleitet ihn zum Arzt, aber der diagnostiziert nur eine leichte Schleimbeutelentzündung im Arm. „Was machst du morgen?“, fragt Harry seinen Freund, aber der hat schon etwas vor. Schade: Harry möchte so gern, dass ihn jemand zu der Ehrung begleitet.

Gleich darauf trifft Harry sich mit Fay Saxton (Elisabeth Shue), einer seiner früheren Geliebten, die sich mit ihm verabredete. Sie möchte nur, dass er die Neuigkeit von ihr und nicht von anderen erfährt: Sie wird heiraten. Statt ihr zu gratulieren, reagiert Harry entsetzt: Wie kann sie so etwas tun? Aber es kommt noch schlimmer: Der Bräutigam ist sein Freund Larry (Billy Crystal). „Wenn Larry in der Nähe ist“, behauptet Harry, „rieche ich Pech und Schwefel!“ Er bittet Fay, morgen mit zu der Ehrung zu kommen, damit er ihr den Plan ausreden könne. Aber an diesem Tag wird die Hochzeit stattfinden.

Auf Harrys Bestellung steht das schwarze Callgirl Cookie Williams (Hazalle Goodman) an seiner Tür. Nachdem sie 200 Dollar eingesteckt hat, ist sie für seine Wünsche bereit. Fesseln, schlagen, blasen – in dieser Reihenfolge, sonst macht es keinen Spaß, meint Harry. Beim Anziehen referiert er über die Einsamkeit der Menschen im All und fragt sie: „Weißt du, was ein schwarzes Loch ist?“ „Ja, damit verdiene ich meine Kohle.“

Später ruft Harry bei Fay an und hinterlässt auf ihrem Antwortbeantworter die Bitte, die Hochzeit abzusagen. Dabei erinnert er sich, wie er Fay kennen lernte:

Ken ist mit Janet (Stephanie Roth) verheiratet. Eines Abends ruft deren Schwester Leslie an, mit der er ein Verhältnis hat: Sie warte in einem Hotelzimmer auf ihn.

Figurenwechsel: Harry sagt zu seiner Frau Jane, er wolle frische Luft schnappen. Auf der Straße winkt er ein Taxi heran und fährt zu dem Hotel, in dem Lucy auf ihn wartet. Im Aufzug spricht Fay Saxton ihn an und fragt, ob er der Schriftsteller Harry Block sei. Sie verehrt ihn. Von da an betrügt Harry nicht nur seine Frau mit Lucy, sondern obendrein Lucy mit Fay.

Harry zahlt Cookie weitere 500 Dollar dafür, dass sie die Nacht über bei ihm bleibt und ihn am nächsten Tag zu der Ehrung begleitet. Als sie zum Auto gehen, erscheint wider Erwarten auch Richard. Zu dritt fahren sie los. Unterwegs sieht Harry die Kindergärtnerin Beth Kramer mit ihren Schützlingen. Kurzentschlossen hält er, holt Hilly ins Auto und wehrt die aufgeregte Kindergärtnerin ab.

Harry, Hilly, Cookie und Richard kommen an einem Jahrmarkt vorbei und halten an. Beim Anblick des benachbarten Motels erinnert Harry sich an einen Streit, den er dort mit seiner dritten Ehefrau Jane hatte.

Jane verdächtigt ihn, ein Auge auf ihre Schwester Lucy geworfen zu haben. Sein heftiges Leugnen findet sie besonders verdächtig.

An einer Kirmesbude trifft Harry auf Ken. Zunächst erkennt er ihn nicht, bis Ken ihn darauf aufmerksam macht, dass er eine seiner Romanfiguren sei. Unwirsch meint Harry: „Ich werde hier nicht rumstehen und mir Vorträge einer meiner Figuren anhören!“ Aber dann hört er doch zu. „Du warst nicht dabei, als die Bombe platzte“, sagt Ken und zeigt auf einen Monitor, auf dem Jane und Lucy zu sehen sind.

Verzweifelt vertraut Jane ihrer Schwester Lucy an, dass sie von ihrem Mann betrogen wird. Lucy glaubt natürlich, es gehe um ihr Verhältnis mit Harry und sucht nach Worten, um ihrer Schwester zu gestehen, dass sie die Geliebte ihres Mannes ist. Sie windet sich in Einleitungssätzen. Da sagt Jane, bei der Geliebten handele es sich um die „25-jährige Möchtegern-Autorin Fay Saxton“. Lucy ringt nach Luft. Jane wundert sich: „Es sieht aus, als hätte er dich abserviert!“

Während der Weiterfahrt zur Universität will Harry bei seiner Schwester Doris (Caroline Aaron) und ihrem Mann Burt (Eric Bogosian) vorbeischauen, die er seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat. Es handelt sich um zwei strenggläubige Juden. Doris ist entsetzt darüber, dass Harry eine Prostituierte ins Haus bringt. Vergeblich beteuert er: „Cookie ist das Kindermädchen. Sie hat sogar einen Doktortitel.“ Als Doris ihrem Bruder vorwirft, in seinen Büchern das Judentum zu verunglimpfen, verteidigt er sich: „Kirchen halten das Konzept von den anderen wach. Damit die Gläubigen wissen, wenn sie hassen müssen.“ Aber Burt pflichtet seiner Frau bei und führt zum Beweis eine von Harrys Geschichten an:

Nach 30 Jahren Ehe erfährt Dolly Pinkels von ihrer Freundin Elzy, ihr Mann Max (Hy Anzell) habe eine dunkle Vergangenheit. Sie forscht nach und erfährt von Wolf Fischbein, dass Max schon einmal verheiratet war, unter einem anderen Namen, in Florida, wo er einen Delikatessenladen betrieb. Die Frau hatte zwei Kinder mit in die Ehe gebracht. Eines Tages erschlug Max seine Frau, die beiden Kinder und seine Geliebte in der Nachbarwohnung mit der Axt. Und dann aß er die vier Leichen auf! – Beim Abendessen wundert Max sich darüber, dass Dolly nichts isst. Er versichert: „Der Fisch ist großartig.“ „Fleisch wäre dir wohl lieber gewesen“, erwidert Dolly spitz und stellt ihn wegen des Verbrechens zur Rede. Er gibt es ohne weiteres zu und findet auch nichts dabei, wie er die Leichen beseitigte: „Es wird vergraben, verbrannt – ich hab gegessen.“

Harry, Hilly, Cookie und Richard fahren weiter.

Joan stellt Harry aufgebracht zur Rede, weil sie herausgefunden hat, dass er sie ausgerechnet mit ihrer Patientin Amy Pollack betrügt. Er verteidigt sich mit dem Gegenvorwurf, sie habe sich nach der Geburt des Sohnes von ihm abgewandt: „Wir leben wie Bruder und Schwester.“ Dann fragt er sie: „Denkst du vielleicht, von einer großbusigen 26-Jährigen einen geblasen zu bekommen, sei ein Vergnügen für mich?! … Ich verstehe nicht, wieso du als die kultivierteste aller Frauen nicht den Unterschied erkennst zwischen einer unwichtigen, heißen, leidenschaftlichen Sexaffäre und einer netten, soliden, ruhigen Routineehe!“ Ob er tatsächlich seit vier Monaten jede Woche mit Amy Pollack in einem Hotelzimmer gewesen sei, will Joan wissen. „Das ist doch Unsinn! – Ich habe eine Wohnung gemietet.“ Joans nächster Patient trifft ein. Sie führt ihn ins Sprechzimmer. Er legt sich auf die Couch und klagt: „Ich kann nachts nicht mehr schlafen; ich kriege kein einziges Auge zu.“ Joan springt auf, unterbricht ihn und entschuldigt sich höflich für einen Augenblick. Dann rennt sie hinüber zu Harry und schreit: „Du verficktes Arschloch! Man fickt nicht die Patientinnen von anderen!“ Als Harry zu bedenken gibt, dass er nicht aus der Wohnung gekommen sei, keift Joan: „Jetzt willst du mir auch noch die Schuld geben, weil ich nicht mit dir wohin gehe, wo du Fremde zum Ficken kennen lernst!“ Vergeblich versucht Harry sie zu beruhigen: „Ich wollte dir doch nur erklären, warum meine Wahl aus der Not heraus auf deine Praxis beschränkt ist.“

Beim Einkaufen mit Fay trifft Harry seinen alten Freund Larry. Er kam vor zwei Tagen vom Amazonas zurück, wo er Schmetterlinge sah, die so groß wie Tauben waren. Harry macht Fay und Larry miteinander bekannt, und sie verabreden sich zum Essen.

Kurz vor der Ankunft in der Universität stellt Cookie plötzlich fest, dass Richard nicht schläft, sondern gestorben ist. Mit dem Toten im Fond fahren Harry, Hilly und Cookie auf dem Campus vor. Die Überführung der Leiche nach New York City wird in die Wege geleitet. Durch den Stress wird Harry unscharf wie der Schauspieler Mel: „Sie wollen mich ehren, und ich kreuze mit einer Nutte und einem Toten auf.“ Er verfällt ihn Selbstmitleid und hält sich für den übelsten Menschen auf der Welt. Cookie sucht es durch den Hinweis auf Hitler zu widerlegen. „Hitler, Göring und Goebbels waren vielleicht mieser als ich“, gibt Harry zu, „aber ich bin der vierte.“

Durch den Zuspruch Cookies wird er wieder scharf, bevor man ihn abholt, um ihn zur Ehrung zu führen. Einer der Professoren fragt, ob Harry an einem neuen Roman arbeite, und der erzählt, es handele sich um jemand, der seine Geliebte aus der Hölle zurückholen wolle.

Harry steht im Aufzug und fährt abwärts. Eine Frauenstimme: „5. Stock: U-Bahnräuber, aggressive Schnorrer und Literaturkritiker. 6. Stock: Rechtsextremisten, Serienmörder und Anwälte, die im Fernsehen auftreten. 7. Stock: Die Medien. Es tut uns Leid; dieser Stock ist völlig belegt. 8. Stock: Flüchtige Kriegsverbrecher, Fernsehprediger. Untergeschoss: Alle aussteigen.“ Harry begegnet seinem Vater, der ihm nie verzieh, dass die Mutter bei seiner Geburt gestorben war. „Es ist furchtbar“, klagt der Vater. „Ich habe Hitze noch nie vertragen.“ Überrascht fragt Harry, warum der alte Mann in der Hölle sei. „Er verhielt sich gewissenlos gegenüber seinem Sohn.“ Harry setzt sich dafür ein, dass er in den Himmel kommt, aber sein Vater weist ihn darauf hin, dass er Jude sei und nicht an den Himmel glaube. „Wo willst du denn dann hin?“, fragt Harry. „In ein chinesisches Restaurant.“ – Schließlich trifft Harry auf Larry, der offenbar hier der Chef ist, und erklärt: „Ich bin hier, um Fay zu holen.“ Doch Larry entgegnet ruhig: „Sie wird nicht mitkommen.“

Plötzlich taucht Joan mit der Polizei auf dem Campus auf, reißt ihren Sohn an sich und beschuldigt Harry, ein Kind entführt zu haben. Die Polizisten packen ihn. „Kann ich nicht erst geehrt und dann verhaftet werden?“, fragt er. Seine Gefängniszelle darf er bald wieder verlassen, weil Fay und Larry eigens ihre Hochzeitsfeier verlassen haben, um eine Kaution für ihn zu hinterlegen. Widerstrebend schließt Harry die beiden in die Arme.

Da stehen wieder die Leute von der Universität in der Tür und wollen ihn zur Ehrung abholen. Harry kann es kaum glauben, dass die Ehrung trotz des Zwischenfalls mit der Polizei nachgeholt werden soll, aber die Universitätsangestellten sagen: „Das ist doch Ihr Traum. Alle warten schon darauf, Sie zu ehren, denn schließlich haben Sie sie erschaffen.“ Auf dem Weg stehen Harrys Romanfiguren Spalier, und sie alle klatschen Beifall.

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Woody Allen erzählt in „Harry außer sich“ wieder einmal seine alte Geschichte. Aber so temporeich, so witzig und so raffiniert hat er sie noch nie inszeniert. Es ist die Geschichte eines egomanischen, intellektuellen Neurotikers, der zwar nicht im Leben, aber in der Kunst zurechtkommt und sich mehr für die Fiktion als für die reale Welt interessiert. Am Ende merkt dieser natürlich von Woody Allen selbst gespielte Harry Block, dass seine Fantasien für ihn realer als die Wirklichkeit sind.

Unbekümmert um „political correctness“ und Wohlanständigkeit witzelt Woody Allen über Sex und Ehefrauen, Schauspieler und Intellektuelle, Hitler und das Judentum. Nichts ist ihm heilig, und er suhlt sich geradezu in vulgären Ausdrücken. Originelle, zugespitzte Dialoge kennen wir aus allen seinen Filmen, aber in „Harry außer sich“ reiht sich eine Pointe an die andere.

Maliziöse Ironie, hintersinniger Humor und purer Klamauk mischen sich zu einem intellektuellen Vergnügen.

Ein Durcheinander von Fiktion und Realität, fortwährende Orts- und Zeitsprünge, eine Vielzahl kleiner Episoden mit Dutzenden von Figuren – wer hätte das so raffiniert verweben können wie Woody Allen? Jazz ist die dazu passende Musik.

Ein von „Industrial Light & Magic“ realisierter technischer Gag ist der unscharfe Schauspieler Mel (Robin Williams) bzw. am Ende der unscharfe Harry Block (Woody Allen): die Umstehenden vor und hinter ihm sind ebenso fokussiert wie das Glas, das er in der Hand hält; nur er selbst wirkt wie durch einen Weichzeichner aufgenommen: soft.

„Harry außer sich“ gehört zu den besten Filmen von Woody Allen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003

Woody Allen (Kurzbiografie / Filmografie)

Herbert Ross: Mach’s noch einmal, Sam
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Bei "Happy Aua", einem Bilderbuch von Bastian Sick "aus dem Irrgarten der deutschen Sprache", handelt es sich um eine recht vergnügliche Lektüre.
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